G. Schwarz: Eine Frau an seiner Seite

Titel
Eine Frau an seiner Seite. Ehefrauen in der 'SS-Sippengemeinschaft'


Autor(en)
Schwarz, Gudrun
Erschienen
Umfang
304 S.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Ulrike Jureit, Hamburger Institut für Sozialforschung

"Zwischen 1931 und 1945 haben rund 240.000 Frauen einen SS-Mann geheiratet" (S. 11). Diese nuechterne Bilanz dient der Soziologin Gudrun Schwarz als Ausgangspunkt ihrer Untersuchung, in der sie zentral nach dem Handeln der SS-Ehefrauen und ihrer Rolle innerhalb der 'SS-Sippengemeinschaft' fragt. Die Autorin korrigiert damit das in der Oeffentlichkeit und in weiten Teilen der historischen Forschung immer noch vorherrschende Bild, die SS sei ein reiner Maennerbund gewesen. Himmler hatte bereits 1929 deutlich gemacht, er wolle eine 'Sippengemeinschaft' aus Maennern und Frauen formen, die als "rassische Oberschicht des germanischen Volkes" die Elite des zukuenftigen Machtapparats in Europa bilden sollte. Es ging ihm dabei nicht nur um die Festigung der nationalsozialistischen Weltanschauung in den Familien, Ziel der 'SS-Sippengemeinschaft' war zudem, einen nach rassistischen Kriterien gezuechteten Nachwuchs zu gewaehrleisten.

Schwarz arbeitet ueberzeugend heraus, welche Rolle den Ehefrauen innerhalb der 'SS-Sippengemeinschaft' seitens der maennlichen Funktionaere zugedacht wurde. Dass die Frauen diese ihnen zugestandene Funktion bereitwillig uebernahmen, gehoert zu den zentralen Ergebnissen ihrer Untersuchung. Freiwillig unterzogen sich die Antragstellerinnen vor ihrer Heirat mit einem SS-Mann der politischen, sozialen und rassistischen Ueberpruefung und empfanden im Falle einer positiven Bestaetigung diese als persoenliche Aufwertung, die ihnen zugleich eine herausragende Rolle innerhalb der nationalsozialistischen Gesellschaft garantierte. Das rassistisch konnotierte Elitedenken scheint eine magische Anziehungskraft gehabt zu haben: Als im Sommer 1944 Geruechte ueber die Einrichtung von 'SS-Begattungsheimen' die Runde machten, wussten die oertlichen SS-Stellen auf die Nachfragen junger Frauen keine Antwort. Den zustaendigen Herren war die Existenz solcher Einrichtungen bislang nicht bekannt.

An der Identifikation der von Schwarz untersuchten SS-Ehefrauen mit der nationalsozialistischen Ideologie besteht nach der Lektuere des Buches kein Zweifel mehr. Sie haben die 'Arbeit' ihrer Maenner in den Ghettos und Konzentrationslagern sowie an den Erschiessungsgruben im Ruecken der Front nicht nur getragen, sie haben von den Verbrechen profitiert, sie haben sie ideologisch und praktisch unterstuetzt und sogar selbst Hand angelegt. In vielen Faellen sind sie im juristischen Sinne zu 'Taeterinnen' geworden, ohne dafuer - von wenigen Ausnahmen abgesehen - von alliierter oder deutscher Justiz zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Ihr Handeln zeugt von keinerlei schlechtem Gewissen oder Skrupel, vielmehr beteiligten sie sich bereitwillig an der Auspluenderung der juedischen Bevoelkerung und schreckten ebenso wie ihr Maenner nicht vor Folter und Mord zurueck.

Leider bleiben die biographischen Portraets, die Schwarz zu den ueberwiegend prominenten SS-Ehefrauen vorlegt, an vielen Stellen konturlos. Das mag mit den zur Verfuegung stehenden Quellen zusammenhaengen: Schwarz wertete die Akten des 'Persoenlichen Stabes Reichsfuehrer-SS' sowie die Heiratsakten des Reichssicherheitshauptamtes und umfangreiche Prozessunterlagen der 'Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen' in Ludwigsburg aus. Selbstzeugnisse der beteiligten Ehefrauen existieren allerdings nicht. Eine vorsichtige Bewertung dieses quellenkritisch problematischen Materials scheint gerechtfertigt, allerdings laesst das Buch eine methodische Auseinandersetzung mit dem zugrunde liegenden Quellenkorpus vermissen. Vielmehr verwundert es dann, dass Schwarz an anderer Stelle doch weitreichende Schlussfolgerungen zieht, wenn sie als Motive der SS-Maenner und ihrer Ehefrauen ein Prestigedenken und "moerderischen Ehrgeiz" konstatiert (S. 103). Dabei geraten nicht nur antisemitische und umfassend rassistische Denkmuster aus dem Blick, sondern es bleibt gleichzeitig zu fragen, inwiefern das Quellenmaterial ueberhaupt Rueckschluesse auf die Motive der Akteure erlaubt.

Neben dieser lebensgeschichtlichen Perspektive wirft Schwarz auch an einigen Stellen ihrer Untersuchung einen eher sozialpsychologischen Blick auf die nationalsozialistische Elite. Die bislang uebliche Frage, wie die Maenner gleichzeitig Massenmoerder und Familienvaeter sein konnten, erweitert Schwarz dahingehend, "wie es ganz normalen Frauen moeglich war, mit Massenmoerdern ein durchschnittliches Familienleben zu fuehren" (S. 100). Neuere Forschung zur zweiten und dritten Generation der Taetergesellschaft haetten einen solchen Interpretationsrahmen ergaenzen koennen: War das als 'durchschnittlich' klassifizierte Familienleben nicht vielmehr von einer 'schwarzen Paedagogik' gepraegt, durch die rassistische und antisemitische Denkmuster nicht nur tradiert wurden, sondern diese auch zum alltaeglichen Repertoire im Umgang mit den eigenen Kindern gehoerten?

Schwarz betont zu Recht, dass Frauen und Maenner die geforderte innere und aeussere Haerte als Qualitaetsnorm der SS verinnerlichten. "Wer hart war gegen sich selbst, erkaufte sich das Recht, auch hart gegen andere sein zu duerfen und raechte sich so fuer den Schmerz, den er verdraengen musste" (S. 105). Zweifelhaft ist dann aber, ob die gleichzeitig beschriebene Aufspaltung in einen "moerderischen Arbeitsalltag" und in ein "durchschnittliches" Familienleben in dieser Form noch aufrechterhalten werden kann.

Das Buch 'Eine Frau an seiner Seite. Ehefrauen in der SS-Sippengemeinschaft' steht im Kontext einer seit den siebziger Jahren gefuehrten Debatte um die Rolle von Frauen waehrend der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland. Insbesondere durch die Diskussion um das Buch von Claudia Koonz 'Mothers in the Fatherland' (1986) polarisierten sich innerhalb der feministischen Forschung die verschiedenen Positionen. Dass Frauen waehrend des Nationalsozialismus nicht voellig machtlos waren und daher von einer Gnade der 'weiblichen Geburt' nicht gesprochen werden kann, ist inzwischen wohl weitgehend konsensfaehig. Jedoch zeigte sich immer wieder auch die gegenlaeufige Tendenz, eine spezifisch weibliche Boesartigkeit zu konstruieren. Dieser Eindruck entstand besonders dann, wenn ausschliesslich frauenspezifisch und weniger geschlechtergeschichtlich geforscht wurde.

Gudrun Schwarz zieht ein solches Fazit nicht explizit, doch muss man stets gegen den Eindruck anlesen, die Tatbeteiligung der SS-Ehefrauen sei eine spezifisch weibliche gewesen. Hinzu kommt, dass Schwarz den auch andernorts ueblichen undifferenzierten Umgang mit zentralen Begriffen nicht aufzuloesen vermag. Durch das Buch geistert ein Taeterinnenbegriff, der an keiner Stelle explizit definiert wird. Dort, wo sich die Untersuchung der im juristischen Sinne strafbaren Handlungen zuwendet, mag dies gerechtfertigt erscheinen, doch die Autorin geht in ihrer Analyse (erfreulicherweise) weit darueber hinaus und zeigt ueberzeugend, wie Frauen jenseits von Mord und Raub die nationalsozialistischen Verbrechen unterstuetzt und ermoeglicht haben. "Eine der Aufgaben von SS-Ehefrauen war es daher, durch ein scheinbar normales Familienleben am Einsatzort der Verbrechen, die ihre eigenen Maenner hier begingen, den Anschein einer normalen beruflichen Taetigkeit zu verleihen." (S. 102) Indem sie ein funktionierendes Familienleben schufen und ihre Maenner emotional entlasteten, beteiligten sich die Ehefrauen in einer moralisch verwerflichen, aber im juristischen Sinne nicht strafbaren Weise an den Verbrechen ihrer Maenner, was auch begrifflich deutlicher zu differenzieren gewesen waere.

Die von Gudrun Schwarz vorgelegte Untersuchung zu den SS-Ehefrauen reiht sich in eine Vielzahl von Veroeffentlichungen ein, die von der Autorin zum Thema 'Frauen und SS' in den vergangenen Jahren erarbeitet worden sind. Ihr Verdienst ist es, den Anteil von Frauen an den Verbrechen waehrend der NS-Zeit zu dokumentieren und damit der hartnaeckigen Ausblendung und Bagatellisierung ihrer Tatbeteiligung entgegenzuwirken. Das Buch ueber die SS-Ehefrauen erweitert unser Wissen zu diesem Themenkomplex trotz quellenkritischer und begrifflicher Ungenauigkeiten. Schwarz demontiert das Bild, die SS-Ehefrau (und nicht allgemein 'die Frau' wie der Verlagstext ankuendigt) sei Opfer der (patriarchalen und sonstigen) Verhaeltnisse gewesen und korrigiert damit ein Nachkriegskonstrukt, das sich in Politik, Justiz und Forschung etablieren konnte. Die SS-Ehefrauen verhalfen ihren Maennern nach 1945 nicht nur zur Flucht, sondern sie stilisierten sich und ihre Familien voller Selbstmitleid auch zu Opfern alliierter Macht und praegten damit kollektiv wirksame Entlastungsstrategien der bundesdeutschen Gesellschaft. Das Thema 'Frauen und Nationalsozialismus' ist noch lange nicht erschoepft, und so darf man auf die naechsten Arbeiten der Autorin zur Gruppe der Wehrmachts- und SS-Nachrichtenhelferinnen gespannt sein.

Zitation
Ulrike Jureit: Rezension zu: Schwarz, Gudrun: Eine Frau an seiner Seite. Ehefrauen in der 'SS-Sippengemeinschaft'. Hamburg 1997, in: H-Soz-Kult, 16.08.1998, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-347>.
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Veröffentlicht am
16.08.1998
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