C. H. Werth: Sozialismus und Nation

Titel
Sozialismus und Nation. Die deutsche Ideologiediskussion zwischen 1918 und 1945


Autor(en)
Werth, Christoph H.
Umfang
388 S.
Preis
€ 30,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Arno Mietschke, Friedrich-Meinicke-Institut, Freie Universitõt Berlin

Die im Umfeld von Karl Dietrich Bracher in Bonn angefertigte Dissertation zielt auf den Nachvollzug des Entwicklungsganges der Ideologie des Rechtssozialismus. Gerade vor dem Hintergrund des Aufstiegs des Nationalsozialismus verdient die vorgelegte tiefgruendige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit konservativ- nationalen Sozialismuskonzepten breite Beachtung. Erscheint auch die selbstreferenzielle Behauptung, eine derartige Auseinandersetzung habe "bislang keineswegs stattgefunden" (S. 18), angesichts frueherer Analysen (z. B. von Fritz K. Ringer [1]) auch etwas ueberzogen, so liegt dennoch mit der ideologiekritischen Studie von Christoph H. Werth ein Beitrag zur politischen Ideengeschichte vor, der sich ausschliesslich auf eine Reihe unterschiedlicher Autoren konzentriert, "bei denen der Gedanke des Sozialismus und seine Verbindung mit dem Nationalen eine massgebliche Rolle spielte." (S. 19) Angesichts verstaerkter Einbeziehung von Deutungen, Erfahrungsverarbeitungen etc. in die Rekonstruktion historischer Realitaeten wird diese ideologiegeschichtliche Arbeit vielfaeltige Anschlussmoeglichkeiten innerhalb der sozial- und kulturgeschichtlichen Diskussion eroeffnen. Nach Werth kreiste um die Antinomie bzw. Zusammenfuehrung von Sozialismus und Nationalismus die Ideologiediskussion im Untersuchungszeitraum. Somit ermoeglicht die Studie ein konzentriertes Studium und Nachschlagen grundlegender Ideologie-Produktionen, die bislang breit gestreut diskutiert wurden.

Die 7 Kapitel der ueber 200 Seiten umfassenden analytisch-synthetisierenden Verarbeitung der Primaerquellen ueber die Ideen und Entwuerfe des nationalen Sozialismus - das Literaturverzeichnis fuehrt allein einige Hundert Titel der entsprechenden Autoren auf! - werden mit der Herausarbeitung der zentralen Probleme der deutschen politischen Entwicklung zwischen 1870 und 1933 eingeleitet. Die soziale Frage als Folge der Industrialisierung, die Vollendung der inneren Reichseinheit, der Antikapitalismus konservativer Kulturkritik als Reaktion auf die Konsequenzen der Moderne, die Niederlage im Ersten Weltkrieg und schliesslich die Weltwirtschaftskrise werden zu Recht als entscheidende gemeinsame Ausgangspunkte und Hintergruende fuer die Theorieentwicklung des nationalen Sozialismus benannt.

Die Lektuere ermoeglicht es in vorbildlicher Weise, sich mit den Kerngedanken bzw. -ideen der im Detail durchgaengig heterogenen Positionierungen national- sozialistischen Denkens vertraut zu machen. Auf durchschnittlich 20 Seiten werden die geistigen Produktionen des Rechtssozialismus referiert. Neben den Wegbereitern des nationalen Sozialismus, Friedrich Naumann und Oswald Spengler, werden die Gesellschaftsmodelle von Ferdinand Toennies, Walther Rathenau und Wichard von Moellendorff sowie die Entwuerfe von Arthur Moeller van den Bruck, Ernst Nieklisch, Ernst Juenger, Werner Sombart, dem TAT-Kreis und des real existierenden Nationalsozialismus vorgestellt. Die ideologiekritische Auseinandersetzung mit diesen unterschiedlichen Denkmodellen wird - mit der Ausnahme Ernst Juenger - eher implizit deutlich. Die Unterschiede zwischen den geistigen Entwuerfen der analysierten Autoren sollen hier - wie im besprochenen Buch - nicht explizit herausgearbeitet werden. Vielmehr ist danach zu fragen, worin die Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen national-sozialistischen Entwuerfe bestanden, die eine Zusammenfuehrung der genannten Denker rechtfertigen?

Nationale Sozialismus-Vorstellungen boten sich im Untersuchungszeitraum angesichts weitverbreiteten Krisenbewusstseins als attraktive Sinnstiftungsmodelle an, wenngleich ueberwiegend als Negativ-Bestimmungen. Ein positiver Sozialismusbegriff wird, wie Werth ueberzeugend verdeutlicht, kaum definiert bzw. bleibt vage und mystisch. Kaum ueberraschen wird, dass bei allen behandelten Denkern das marxistische Sozialismus-Modell abgelehnt wird. Insbesondere die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln, der Internationalismus und der Klassenkampfgedanke werden von den Autoren durchgaengig zurueckgewiesen. Aber auch der allgemein "westlich"-bestimmte Liberalismus findet mit der Ausnahme Naumanns haeufig unter Zuhilfenahme antisemitischer Argumente deutliche Zurueckweisung im national-sozialistischen Denken. Konkurrenz und Gewinnstreben werden als liberal-kapitalistische Begleiterscheinungen kritisiert und die Gesellschaft als interessendominiert beklagt.

Positive Entwicklungen werden nur durch ein an ueberindividuellen geistigen Werten der solidarischen Gemeinschaft orientiertes Handeln erwartet. Das Buch von Toennies "Gemeinschaft und Gesellschaft" von 1887 erlebt keineswegs zufaellig durch seine Gemeinschaftsidealisierung erst im Untersuchungszeitraum viele Neuauflagen. Die Vorstellungen von Rathenau und von Moellendorff zur Gemeinwirtschaft zielen gleichsam durch die staatsfixierte Zentralplanung der Wirtschaft auf die Ueberwindung privatkapitalistischer Einzelinteressen. Auch Sombart bindet die Forderung nach volkswirtschaftlicher Produktivitaetssteigerung an die Ueberwindung des gemeinschaftszerstoerenden Kapitalismus zugunsten einer "antikapitalistischen" Planwirtschaft. Technokratische Vorstellungen von der Gesellschaft als Megamaschine sind nicht nur bei Technikern und Industriellen verbreitet, sondern werden auch von Nieklisch und Juenger geteilt. Mit der durchgaengigen Zurueckweisung von individuellen Anspruechen und Interessen seitens der Ideologie des nationalen Sozialismus korrespondiert die ueberindividuelle Orientierung an den "Idealen der Gemeinschaft". Preussen-Idealisierungen (Ehre, Pflicht, Gehorsam, Dienst etc.) werden bei Moeller van den Bruck, Nieklisch, Rathenau, Spengler, Sombart zum Vorbild eines starken Staates. Fuer Sombart und Juenger dient in diesem Zusammenhang der staatlich-nationale Sozialismus in Russland als wegweisendes Modell fuer die deutsche Zukunft.

Die detaillierte Rekonstruktion der vorgestellten rechtssozialistischen Gesellschaftsentwuerfe, darin ist dem Autor nach der Lektuere vollstaendig zuzustimmen, vermittelt vielfach den Eindruck, dass die meisten Rechtssozialisten "eher ratlose Propheten, aber gleichzeitig Experten der politischen Imagination" waren. "Eine ihrer wichtigsten Arbeitsmethoden bestand darin, sich mit einer prophetischen Aura zu umgeben und die Weihen hoeherer Erkenntnis vorzutaeuschen." (S. 281) Umso mehr bedarf es der Entlarvung und kritischen Auseinandersetzung derartigen inhomogenen Gedankengutes.

Welche Wirkungsmaechtigkeit kann den im Detail differierenden, geistigen Modellen historiographisch zugeschrieben werden? Das Kapitel "Nationalsozialismus: Soziale Modernisierung oder Verheissung der Volksgemeinschaft" unterstreicht eher eine begrenzte, partielle Beeinflussung von national-sozialistischem Gedankengut und NSDAP-Programmatik vor allem nach 1933. Dennoch laesst die Lektuere der vorangehenden Kapitel keinerlei Zweifel an der Affinitaet zwischen den rechtssozialistischen Ideen und dem nationalsozialistischen Ideeneklektizismus. Letzterer gruendet sich geradezu auf die Ideologie-Inhalte des nationalen Sozialismus. Uebereinstimmende Positionen sind erwartungsgemaess eher fuer die sogenannte Parteilinke innerhalb der NSDAP feststellbar, die bekanntlich ausgeschaltet wurde. Der militante Antisemitismus und Sozialdarwinismus Hitlers standen der Uebernahme nationaler Sozialismus-Konzepte im Weg. Insgesamt wird man Werths Einschaetzung zustimmen koennen, dass die geistigen Entwuerfe der vorgestellten nationalen Sozialisten durch den fehlenden Zugang zum Volk auf die nationale Gesamtentwicklung eher begrenzte Wirksamkeit ausuebten. Diese Einschaetzung sollte jedoch nicht zum vorschnellen Abbruch der Auseinandersetzung mit rechtssozialistischen Ideen fuehren, denn zu Recht hat die Studie nachgewiesen, worin der zumindest ideengeschichtliche Beitrag der deutschen Rechtssozialisten vor 1945 lag: "Die ideologisch-intellektuelle Wirkung der Autoren des nationalen Sozialismus bestand hingegen darin, im Verlauf eines zwar nicht auf ein konkretes Ziel fixierten, aber gleichwohl kontinuierlichen Prozesses die - vor dem zeitgenoessischen Erfahrungshintergrund zunaechst eigentlich unmoegliche - Synthese von Sozialismus und Nationalsozialismus beschrieben und programmatisch etabliert zu haben." (S. 287)

Mag die Anziehungskraft der "Idee des Sozialismus" nach 1989 nachgelassen haben und damit die Auseinandersetzung mit dem Rechtssozialismus auch kaum auf Resonanz hoffen koennen, so ist die ideologiehistorische Darstellung Werths vor dem Hintergrund nationalistischer Denkweisen keineswegs ohne aktuellen Bezug.

Anmerkung:
[1] Ringer, Fritz K.: The Decline of the German Mandarins. The German Academic Community, 1890-1933. - Cambridge: Harvard, 1969. Dt. Ausgabe erschien 1983 bei Klett-Cotta.

Zitation
Arno Mietschke: Rezension zu: Werth, Christoph H.: Sozialismus und Nation. Die deutsche Ideologiediskussion zwischen 1918 und 1945. Opladen 1996, in: H-Soz-Kult, 02.09.1997, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-370>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.09.1997
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Land (Publikation)
Sprache (Publikation)