J. A. M. Fuess: Crisis of Lower Middle Class Vienna

Titel
The Crisis of Lower Middle Class Vienna, 1848-1892. A Study of the Works of Friedrich Schloegl


Autor(en)
Fuess, Jo Ann Mitchell
Erschienen
Umfang
102 pp.
Preis
$36.95 (cloth)
Rezensiert für H-Soz-Kult
Lutz Musner, Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK)

Jo Ann Mitchell Fuess, Assistant Professor of Modern Languages an der Nebraska Wesleyan Universiy, hat mit dieser Studie ueber Friedrich Schloegl, einem beruehmten, jedoch weithin vergessenen Wiener Feuilletonisten des neunzehnten Jahrhunderts, eine Druckfassung ihrer Dissertation aus dem Jahre 1992 vorgelegt.

Der wissenschaftliche Wert ihrer Arbeit besteht vor allem darin, F. Schloegl wieder in Erinnerung gebracht zu haben und sein in der oesterreichischen Aufklaerung verwurzeltes, soziales und politisches Engagement im Kontext des Wiener politischen Stadtdiskurses des vorigen Jahrhunderts angemessen zu wuerdigen. Zeitgleich mit ihrer Studie erschien uebrigens im Salzburger Residenz Verlag eine von Karlheinz Rossbacher und Ulrike Tanzer herausgegebene Sammlung von Schloegl Feuilletons unter dem Titel 'Wiener Blut und Wiener Luft'.[1] In diesem Zusammentreffen mag man vielleicht ein vages Indiz fuer eine kleine Renaissance dieses Autors sehen. Diese waere aus mehreren Gruenden gerechtfertigt.

Schloegl kann man nicht nur als begabten Feuilletonisten, sondern auch als einen scharfsichtigen und weitblickenden Chronisten ansehen, der die wesentlichen Zeitmarken der Wiener und oesterreichischen Geschichte seiner Zeit - die Revolution von 1848, die Niederlage von Koenigsgraetz 1866, den Ausgleich 1867 und den Boersenkrach bzw. die Wirtschaftskrise von 1873 in einem differenzierten Verstaendnis von sozialem und kulturellen Wandel einzuordnen wusste. Wie kaum ein anderer verstand er, die grossen Entwicklungen seiner Zeit in den kleinen Dingen und Begebenheiten des Wiener Alltags wiederzufinden, und wie kaum einer seiner Zeitgenossen entwickelte er mit seinem Stil eine durchaus eigenstaendige Fruehform der journalistischen Stadtreportage.

Obgleich seine Nachfolger im Genre der Zeitkritik so wie z. B. Karl Kraus in ihm bloss einen "buergerlich radicierten Oberraunzer der Stadt Wien" erblickten [2] und er nicht zuletzt deshalb aus dem kulturellen Gedaechtnis kippte, war Schloegl keiner, der den Zerfall der spaeten Habsburger Monarchie als morbides Spektakel des Untergangs inszenierte und deren Schaurigkeiten insgeheim genoss, sondern einer, der den Zerfall buergerlicher Werte als gesellschaftliches Vakuum begriff und als zivilisatorische Malaise zu dechiffrieren suchte.

Seine Studien des Wiener Mittelstands und Kleinbuergertums sind Mikroschnitte durch eine unheimliche, zunehmend von Entfremdung wie Illusionierung durchzogenen Alltagswelt, in der sich massenhafter Antisemitismus und Fremdenhass, antidemokratische Ressentiments und kakanische Untertanenmentalitaet zu einem wirkungsmaechtigen Amalgam vereinigten, das nach Schloegls Tod in der Gestalt von Karl Lueger politisch hegemonial wurde. Schloegls Vivisektionen des Wiener Kleinbuergers lesen sich wie literarische Quellen zu den Studien von John W. Boyer ueber den anschwellenden politischen Radikalismus der unteren Mittelschichten im Wien vor der Jahrhundertwende. [3]

Leider widmet sich Jo Ann Mitchell Fuess in ihrer Studie diesen aeusseren, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen nur am Rande. Letzten Endes ist ihr Zugang konventionell literaturwissenschaftlich, d.h. sie schreibt eine internalistisch ausgelegte Geschichte eines Genres am Beispiel eines Autors. Sie unternimmt dabei aber keinerlei Versuch, Literatur als "Text der Kultur" zu analysieren und die Geschichte des Wiener Feuilletons als Kultur- und Sozialgeschichte zu schreiben, was sich bei einem Autor wie Schloegl geradezu angeboten haette.

Schloegls Studien des Wiener Vorstadtlebens, besonders in "Wiener Luft" [4], bieten ein reiches Reservoir fuer "cultural studies" einer urbanen Popularkultur im Uebergang von vorindustriell-gewerblichen zu industriell-marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. [5] Das In- und Nebeneinander alter und neuer Lebenswelten, der Widerstreit von gesellschaftlicher Innovation und kulturellem Traditionalismus, der Migrationsdruck, neue rigide Arbeitsdisziplin, wirtschaftliche Liberalisierung und Rationalisierung und der kleinbuergerliche Widerstand dagegen spiegeln sich in seinen Schilderungen ebenso wider wie die Alltagsparaphrasierungen eines dynastischen, buerokratischen Obrigkeitsstaates, [6]in dem sich grosse  politische Abhaengigkeiten mit kleinen privatimen Freiheiten und saekularer Alltagshedonismus mit katholischer Hegemonie und oeffentlicher Disziplinierung paarten.

Die Chance kontextueller Sichtweisen und Interpretationen hat die Autorin auch in jenen Kapiteln verspielt, die eine popular-kulturelle Analyse am ehesten nahegelegt haetten, naemlich die Kapitel ueber die Volkstheater und die Volkssaenger. In beiden bleibt sie an der Textoberflaeche die uns Schloegl hinterlassen hat, ohne den Bezug zu anderen Zeitquellen und Sichtweisen zu suchen. Sie sieht in Schloegl nur den Chronisten einer Kultur im Verfall ein populaeres Theater, das seinen Bildungsauftrag verfehlt und eine Volksmusik, die den Werteverfall gefoerdert hat.

Auf diese Weise entgeht der Autorin aber die Ambivalenz ihres Gegenstands. Denn Schloegl beschreibt im scheinbar Unpolitischen des Alltags dessen politische Dimension, und decodiert den Verfall der Kultur als gesellschaftliche Fragmentierung und Anomie. Schloegls Sichtweise offenbart die anhebende Krise der buergerlichen Spaetaufklaerung ebenso wie sie die Ankunft einer neuen Kultur der "Massen" diagnostiziert, die alte Wertorientierungen suspendiert und das "entertainment" als kompensatorische Kategorie einer Lebenswelt inthronisiert, deren ueberkommene Legitimationsgrundlagen im Schock einer zweispaeltigen Moderne zerfallen.

Endnoten:
[1]. Wiener Blut und Wiener Luft. Skizzen aus dem alten Wien, Herausgegebenen von Karlheinz Rossbacher und Ulrike Tanzer, Nachwort von Karlheinz Rossbacher (Salzburg: Residenz Verlag, 1997).
[2]. Karl Kraus, Ferdinand Kuernberger und die Wiener Presse, 'Die Fackel' IV, Nr. 124 (Dezember 1902), 1-2.
[3]. John W. Boyer, Political Radicalism in Late Imperial Vienna' (Chicago: University of Chicago Press, 1981; Taschenbuchausgabe 1995) und Culture and Political Crisis in Vienna: Christian Socialism in Power, 1897-1918 (Chicago: University of Chicago Press, 1995).
Letzteres wurde in HABSBURG rezensiert: http://h-net2.msu.edu/reviews/showrev.cgi?path=29794851653186.
[4]. Friedrich Schloegl, Friedrich Schloegl's Gesammelte Schriften, Bd. 2: Wiener Luft (Wien, Leipzig: A. Hartleben,1893).
[5].Vgl. dazu Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner, Vorstadt - die entern Gruend der Moderne, in: Ferdinand Opll und Karl Fischer (Hrsg.), 'Studien zurWiener Geschichte', Jahrbuch des Vereins fuer Geschichte der Stadt Wien 1997 (Wien: Verein fuer Geschichte der Stadt Wien, 1997), S. 195 ff.
[6].Vgl. dazu Ernst Hanisch, 1890-1990: der lange Schatten des Staates: Oesterreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (Wien: Ueberreuter, 1994), S. 209ff.

Zitation
Lutz Musner: Rezension zu: Fuess, Jo Ann Mitchell: The Crisis of Lower Middle Class Vienna, 1848-1892. A Study of the Works of Friedrich Schloegl. New York 1997, in: H-Soz-Kult, 04.03.1998, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-374>.
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Veröffentlicht am
04.03.1998
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