P. Burschel: Sterben und Unsterblichkeit

Titel
Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der frühen Neuzeit


Autor(en)
Burschel, Peter
Erschienen
München 2004: Oldenbourg Verlag
Umfang
371 S., 85 s/w Abb.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult
Arne Karsten, Kunstgeschichtliches Seminar, Humboldt-Universität zu Berlin

Dass dem Tod eine kaum zu überschätzende Bedeutung für die Lebenswirklichkeit der Nachwelt zukommt, ist in jüngster Zeit mit überzeugender Nachdrücklichkeit aufgezeigt worden.[1] Peter Burschel setzt nun in seiner eindrucksvollen Studie den Akzent weniger auf den Tod und seine Instrumentalisierung im Dienst der Lebenden, als vielmehr auf den vorausgehenden Akt des Sterbens. Sein Untersuchungszeitraum, die Epoche der Konfessionalisierung, bietet auf diesem Gebiet eine reichhaltige Überlieferung, sowohl an Schrift- wie an Bildquellen, die zwar in einer Vielzahl von Einzelaspekten, jedoch noch nicht in systematischer Zusammenschau untersucht worden ist. Burschel geht es um die Art und Weise, in der die Erinnerung an und die Inszenierung von Märtyrertum zur Konstruktion einer gruppenspezifischen konfessionellen Identität eingesetzt wurde.

Unübersehbar tritt die konstitutive Bedeutung der Erinnerung an Glaubensgenossen, die ihr Leben als Bekenner der "evangelischen" Lehre ließen, bereits in den frühreformatorischen Märtyrerflugschriften zu Tage. Bezeichnend ist deren beachtlicher publizistischer Erfolg, nicht weniger jedoch die ihnen zugrunde liegende geschichtstheologische Konstruktion. Der Verweis auf die Opfer des religiösen "Feindes", also der altgläubig-papsttreuen Kirche, gestattet den Entwurf eines dichotomischen Weltbildes, in dem die eigene Gruppe der Verfolgung durch den "Antichrist" ausgeliefert ist. Gerade dessen scheinbarer Triumph jedoch wird als Beweis für die Richtigkeit der eigenen Position interpretiert: "Wer die Zeichen der Zeit zu deuten weiß, kann sicher sein, dass [..] die eigenen Leidenserfahrungen [..] eine Heilsgeschichte verifizieren, an deren Ende jene, die heute Unrecht erleiden, Richter sein werden." (S. 25)

Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts sind es dann die Martyrologien, welche die Erinnerungskultur der Protestanten nachhaltig prägen sollten. Ihr "Erfinder", der Luther-Schüler Ludwig Rabus, verfasste zwischen 1552 und 1558 nicht weniger als acht Bände mit Märtyrergeschichten, die von Abel bis zum Tod des exkommunizierten Kölner Erzbischofs Hermann von Wied 1552 reichten. Auf diese Weise konstruierte Rabus eine überaus wirksame, selektive Traditionslinie der kontinuierlichen Verfolgung, die sich einerseits gegen den verfolgenden Teil, das heißt den konfessionellen Konkurrenten wenden ließ, andererseits durch die legitimierende Kraft der Tradition bestens geeignet war, eine gemeinsame Identität der Verfolgten zu reklamieren. In welchem Maße Rabus dabei die Stilisierung eines "idealen Sterbens" über die Rekonstruktion von individuellen Einzelschicksalen stellte, verdeutlicht mit aller wünschenswerten Klarheit die Verwendung der bildlichen Darstellung von Martyriumsszenen: So diente allein im ersten Band seines Martyrologiums zur Illustration von neun verschiedenen Leidensgeschichten ein und derselbe Holzschnitt.

Es dauerte einige Zeit, ehe die propagandistische Gegenoffensive der katholischen Kirche richtig in Schwung kam. In ihr spielten Bilder eine herausragende Rolle, nachdem ihre Verwendung auf der Schlusssitzung des Konzils von Trient am 3. Dezember 1563 noch einer zumindest theoretisch verbindlichen Definition unterzogen worden war. Knapp zwanzig Jahre später schufen Pomarancio und Matteo da Siena in Santo Stefano Rotondo zu Rom einen umfangreichen 31 Gemälde umfassenden Freskenzyklus, auf dem das Martyrium ganzer Heerscharen von frühchristlichen Heiligen vor Augen geführt wurde. Erfolg- und folgenreich waren die Darstellungen, obgleich, oder wohl eher: gerade weil selbst der Auftraggeber Michele Lauretano, seines Zeichens Rektor des Collegium Germanicum, in seinem Tagebuch konstatierte, sie seien lediglich "mediocramente belle", mittelmäßig schön. Nicht ästhetische Qualitäten waren gefragt, sondern didaktische, und über solche verfügten die Fresken Pomarancios ohne Zweifel. Bildlegenden sorgten dafür, dass auch der unkundige Betrachter keinen Augenblick über Inhalt und Aussage der Bilder im Zweifel blieb. Durch die visuell wirksame Inszenierung des Martyriums wurde der Reetablierung des Heiligenkultes Vorschub geleistet, der in den folgenden Jahrzehnten geradezu eine "Militarisierung" erlebte. Dabei wurde, eine von vielen interessanten Beobachtungen Burschels, der Verweis auf Märtyrer nicht nur in der Auseinandersetzung mit dem konfessionellen Gegner instrumentalisiert, sondern auch innerhalb der katholischen Kirche gezielt eingesetzt; etwa wenn die Darstellung von Märtyrern der Ostasienmission je nachdem, ob sie von Jesuiten oder Franziskanern in Auftrag gegeben wurde, die Angehörigen des eigenen Ordens in den Vordergrund rückte oder gar die "Ordenskonkurrenz" gänzlich ausblendete.

In seinem abschließenden Kapitel widmet sich der Autor dem Jesuitentheater. Auch hier fällt die Analyse der didaktischen Funktion des Märtyrerkultes aufschlussreich aus. Deutlich tritt der prägende Charakter hervor, den die verhältnismäßig große institutionelle Geschlossenheit der katholischen Glaubensgemeinschaften auf die Art und Weise ihrer Selbstdefinition und Selbstdarstellung im Bereich der Martyriumsinszenierungen zeitigte: "Im Unterschied zu den [..] ‚protestantischen' Glaubenshelden scheint sich ihre Heiterkeit [diejenige jesuitischer Märtyrerdarstellungen] nicht in erster Linie der Aussicht zu verdanken, ‚gott-verlobt' in den Tod gehen zu dürfen, sondern der schlichten Tatsache, dass es ihnen gelungen ist, Umstehende, Freunde, Verwandte, frühere Feinde davon überzeugt zu haben, das Christentum anzunehmen." (S. 281)

Bei allen Unterschieden in der Verwendung von Martyriumsinszenierungen bei Protestanten und Katholiken, den Nachweis ihrer grundsätzlichen Bedeutung für die Konstitution konfessioneller Identität führt Burschel mit akribischer Sorgfalt und beeindruckender Gelehrsamkeit. Vielleicht wäre hin und wieder weniger mehr gewesen, käme die Konzentration auf die großen Deutungslinien der Lesbarkeit eines Werkes zugute. Mitunter fällt der Erkenntnisgewinn nach eher ermüdender Lektüre von seitenlangen Zitaten aus "Marterliedern" oder "Trauerspielen" recht bescheiden aus. Das ist umso bedauerlicher, weil Burschel insgesamt anschaulich und ausgesprochen leserfreundlich schreibt und vor allem mit einer Fülle von anregenden Überlegungen und Erkenntnissen aufwartet. "Martyrium - das ist der Ort, der es erlaubt, der es vielleicht besser als jeder andere Ort erlaubt, jene Grenzziehungen, Grenzüberschreitungen und nicht zuletzt auch Grenzöffnungen zu beobachten, die den Prozess der Entstehung und Entwicklung konfessioneller Kulturen ausmachten" (S. 288) - der Beleg dieser Behauptung ist Peter Burschel mit seinem magistralen Werk schlagend gelungen.

Anmerkung:
[1] Zuletzt Rader, Olaf B., Grab und Herrschaft. Politischer Totenkult von Alexander dem Großen bis Lenin, München 2003, sowie Bredekamp; Horst, Reinhardt, Volker (Hgg.), Totenkult und Wille zur Macht. Die unruhigen Ruhestätten der Päpste in St. Peter, Darmstadt 2004.

Zitation
Arne Karsten: Rezension zu: Burschel, Peter: Sterben und Unsterblichkeit. Zur Kultur des Martyriums in der frühen Neuzeit. München 2004, in: H-Soz-Kult, 14.01.2005, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5858>.