A. Iriye: Global Community

Titel
Global Community. The Role of International Organizations in the Making of the Contemporary World


Autor(en)
Iriye, Akira
Erschienen
Umfang
246 S.
Rezensiert für H-Soz-Kult
Matthias Middell, Zentrum für Höhere Studien, Universität Leipzig

Der Autor, Professor für die Geschichte internationaler Beziehungen an der Harvard University und Präsident der nordamerikanischen Historikervereinigung, begründet diesen außerordentlich gelungenen und dichten Essay mit dem Vorliegen einer umfangreichen politologischen Literatur, die diverse Systematiken der internationalen Organisationen vorschlägt., während Historiker um das Thema bisher eher einen Bogen gemacht hätten. Entgegen der systematisierenden Absicht seiner Vorgänger will Iriye keinen Katalog der im Laufe des 20.Jahrhunderts entstandenen Organisationen erstellen, sondern entlang einer historischen Erklärung verstehen, wie sie jene Rolle gewannen, die sie in der gegenwärtigen Welt spielen. Dafür unterscheidet er zunächst zwischenstaatliche von Nichtregierungsorganisationen, bei denen der Zugang freiwillig und grundsätzlich offen für alle ist, die mitwirken wollen. Aus forschungspragmatischen Gründen grenzt er letztere ein, indem er all jene Organisationen aus seiner Untersuchung ausschließt, die profitorientiert sind, sich religiösen Zwecken widmen oder vorrangig militärische Zwecke verfolgen. Zwar sind die Grenzen fließend und die Beziehungen zwischen diesen verschiedenen Gruppierungen wären näher zu betrachten, aber Iriye ist reflektiert und erfahren genug, um seine Studie nicht mit dem Totalitätsanspruch zum Scheitern zu bringen oder in die Falle einer positivistischen Aufzählung, die eher die Funktionen eines Lexikons erfüllen würde, zu führen.

In der Einleitung diskutiert er zunächst verschiedene Konzepte wie civil society, Transnationalisierung, Diplomatiegeschichte und global public sphere, um dann im 1. Kapitel auf die Ursprünge der internationalen Organisationen im 19. Jahrhundert zu kommen. Er unterstreicht den Zusammenhang zwischen der ersten Hochphase der Globalisierung in den letzten Dekaden dieses Jahrhunderts, die einen neuen Regulierungsbedarf und die Notwendigkeit neuer Wertvorstellungen hervortrieb, und der Heraufkunft internationaler Übereinkünfte und Organisationen. Die internationalen NGOs antworteten auf diesen Bedarf u.a. mit ihrem Eintreten für Frieden und die Vermeidung der gravierendsten Kriegsfolgen für verletzte Militärs und Zivilpersonen. Sie profitierten von der Zunahme des Warenverkehrs und der Verbesserung der Kommunikationsmittel, die wiederum einen Regulierungsbedarf erzeugten.

Vor diesem Hintergrund definiert Iriye die NGOs als Fortsetzung des klassischen Liberalismus, der sich angesichts einer wachsenden Zentralisierung der Machtmittel bei den Staaten zur Bewahrung der Autonomie der Wirtschaftstätigkeit und der Bürgerrechte internationalisierte. (S. 13) Dabei blieben allerdings die Grenzen zwischen NGOs und intergouvernementalem Handeln, wie das Beispiel des Roten Kreuzes zeigt, durchaus fliessend., während die Olympische Bewegung oder die internationale Frauen- genauso wie die Esperantobewegung weitgehend unabhängig von staatlichem Handeln entstanden.

1910 war die Bewegung der NGOs so stark geworden, dass sie eine gemeinsame Organisation, das Office Centrale des Associations Internationales gründete – zweifellos ein starkes Zeichen des wachsenden Bewußtseins von globalen Zusammenhängen und der Bereitschaft zur Internationalisierung. Aber der Vf. macht darauf aufmerksam, dass dies gleichzeitig die Hochzeit des Imperialismus war, den viele Historiker für den mächtigsten Agenten der Globalisierung dieser Epoche halten. Allerdings seien es eben die NGOs, und nicht die imperialistischen Mächte gewesen, die der Globalisierung einen institutionellen Rahmen und ein Bewußtsein der weltumspannenden neuen Tendenzen gegeben hätten, merkt Iriye mit durchaus aktuellem Bezug an. (S. 18.)

Der Erste Weltkrieg führte zum Zusammenbruch vieler Verbindungen und zu einem Rückfall in zahlreiche Formen des Parochialismus – wiederum mit Ausnahme der Frauenliga für Frieden, die sich 1916 in Den Haag versammelte – aber der Autor widerspricht energisch dem weitverbreiteten Urteil vom Ende der Globalisierung infolge des Krieges. Mit Blick auf die NGOs bestätigt sich, was aus Handelsstatistiken, die eine Zunahme der weltweiten Austauschvorgänge belegen, ebenfalls sichtbar wird: Zwar hatte zunächst die Entwicklung neuer Instrumente der Distanzüberwindung destruktiven Zwecken gedient, aber die technologischen Neuerungen verschwanden nicht mit dem Friedensschluß. Und die NGOs erlebten einen Aufschwung, denn sie galten als Garantie für die Überwindung nationalstaatlichen Egoismus und der Barbarei. Von 135 im Jahr 1910 stieg ihre Zahl auf 375 zwanzig Jahre später. Es galt immer mehr zu regeln, den Flugverkehr ebenso wie die Radio- und Funkfrequenzvergabe oder die Verbindung der Telefonsysteme. Für die Opfer von Naturkatastrophen sollte nun gesorgt werden und für den Naturschutz (beginnend mit dem Vogelschutz 1921), der Schutz der Kinder wurden unter internationaler Sorgfalt geordnet, und auch der Schiffsverkehr erwies sich als nur noch auf internationaler Ebene regulierbar. Iriye zeigt, wie sich der Bogen nun breiter spannte, so dass nicht mehr nur westeuropäische und nordamerikanische Initiativen anzutreffen waren wie vor 1914, sondern auch der pazifische Raum immer stärker einbezogen wurde – was den USA in Iriyes Darstellung eine Mittlerrolle zwischen atlantischen und pazifischen Kommunikationssträngen gab und einen gerade in der europäischen Historiographie lange übersehenen Aspekt ihrer Bedeutung in der Zwischenkriegszeit ausmachte. Zugleich erwähnt der Vf. die Kommunistische Internationale und die von der Sowjetunion unterstützte antikoloniale Bewegung, beläßt es aber bei einer knappen Schilderung wegen der fehlenden Integration in die internationalen Organisationen – hier bleibt zweifellos noch ein erhebliches Stück Arbeit zu leisten, bevor das Bild abgerundet und auch die Frage, ob sich hier eine alternative Internationalisierung mit eigenen Regeln andeutet, zufriedenstellend beantwortet ist.

Iriye konzentriert sich stattdessen auf die Kritik eines Deutungsschemas, das er „road to war“ nennt und das die internationalen Organisationen wegen ihrer letztendlichen Erfolglosigkeit bei der Verhinderung des Zweiten Weltkrieges vernachlässigt. Der Autor betont vielmehr die Kontinuitäten, die aus der Zwischenkriegszeit (die hinsichtlich des Funktionierens der NGOs bis 1938 anzusetzen wäre) in die Gründungsphase der UNO hinüberreichen.

Für die Nachkriegsjahrzehnte betont Iriye einerseits den teilenden und die Globalisierung verzögernden Charakter des Kalten Krieges, aber er betont auch Dekolonisierung, Konsumrevolution, europäische Einigung und die Ausweitung demokratischer Partizipation als Trends, die sich auf das Wirken der internationalen Organisationen positiv auswirkten, ihre Zahl und Aktionsfelder enorm vermehrten und damit letztlich den globalen Zusammenhang intensivierten. Die damit verbundene One-world-Ideologie entstand als konsistenter Begründungszusammenhang 1941 und war in gleicher Weise von den Erfahrungen der Antihitlerkoalition wie vom amerikanischen Führungsanspruch geprägt. Mit der Gründung der UNO traten die USA bewußt das Erbe der bis 1945 vor allem europäisch dominierten oder jedenfalls zum großen Teil in Europa basierten NGOs an – die Europäer wiederum wollten ein erneutes Ausscheren der USA, wie seinerzeit beim Völkerbund, unbedingt vermeiden.

Kapitel 3 verfolgt die internationalen NGOs während der Hochzeit des Kalten Krieges und unterstreicht die Bedeutung von Organisationen, die sich Aspekten der Frauenrechte und Frauengleichstellung widmeten. Sie trugen vor allem die Ausweitung einer transnationalen Zivilgesellschaft in dieser Etappe.

Der nachfolgende Abschnitt ist den sechziger und siebziger Jahren unter der Überschrift „Mehr Staaten, mehr nichtstaatliche Akteure“ gewidmet, womit die Parallelität von Internationalisierung und Transnationalisierung im Zeitalter der Dekolonisierung und der damit auch verbundenen Ausweitung der UNO gut umrissen ist. Papst Johannes XXIII. mit seiner sozialen Agenda, Greenpeace, die Atomenergiebehörde und die Aufmerksamkeit für Hunger und Armut in Afrika sowie die Herausbildung der „Dritten Welt“ als Zone der Unterentwicklung, die zur Zone wachsendere Aktivität der NGOs wird, prägen diese Phase.

Für die siebziger Jahre sieht Iriye bei aller Widersprüchlichkeit in den internationalen Beziehungen und der krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklung einen Durchbruch zu mehr globaler Vernetzung und zur Herausbildung einer weltweiten Zivilgesellschaft. Ein erstes Indiz dafür liefert der energische Anstieg der Zahl von NGOs und zwischenstaatlichen Organisationen etwa um den Faktor 6 (S. 129). Johann Galtung sprach 1975 von der Heraufkunft eines sechsten Erdteils, des „invisible continent of non territorial actors“.

Friedensbewegung, Umweltschützer, Gleichstellung und Menschenrechtsaktivisten bestimmten die Agenda, ebenso wie verschiedene Dimensionen der Entwicklungspolitik. Kulturpolitische Bemühungen und wissenschaftlicher wie künstlerischer Austausch erhielten ihr besonderes Gepräge durch die Systemkonkurrenz.

Im 6. Kapitel, das sich den achtziger und neunziger Jahren zuwendet, unterstreicht der Vf. noch einmal sein Anliegen, die einseitige Orientierung auf Geopolitik und Mächtekonkurrenz bei der Periodisierung des 20. Jahrhunderts zu konterkarieren durch eine Geschichte der Inter- und Transnationalisierungstendenzen, den Weg zu einer „global community“, der die Konfliktmöglichkeiten der Staaten massiv einschränkte.

Die Aufmerksamkeit, die diese „global community“ am Ende des 20. Jahrhunderts erfuhr, war nicht ihrem plötzlichen Auftauchen geschuldet (was Iriyes Perspektive der langen Dauer überzeugend widerlegen kann), sondern der Tatsache, dass nun die zwischenstaatlichen und Systemkonflikte für einen Moment in den Hintergrund traten und gewissermaßen den Blick freigaben auf ein historisch gewachsenes Geflecht von NGOs. Allerdings haben sich inzwischen auch manche Illusionen über eine funktionierende Weltregierung auf der Basis dieser Vernetzungen wieder verflüchtigt. Diese Ernüchterung mag manchen Aktivisten enttäuschen, aber mit einem Verschwinden der NGOs aus der Aufmerksamkeit der Gegenwartsanalytiker ist nicht mehr zu rechnen.

Das Verdienst von Iriye besteht darin, die Historiker in dieses Interesse eingebunden zu haben und ihren Beitrag zu einer möglichen Interpretation des Phänomens verdeutlicht zu haben. Mit sicherer Hand schlägt er Schneisen in das Dickicht der Einzelbefunde, um seine zentralen Thesen zu belegen: NGOs haben eine lange Geschichte und bilden eine der Grundtendenzen des 20. Jahrhunderts. Und: Ihr Aufstieg ist eine alternativlose Antwort auf die globale Vernetzung, die zu steuern und auszutarieren die Staaten schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr allein vermochten.

Zugleich läßt Iriye aber auch keinen Zweifel, dass er ein riesiges Feld vorerst mit dem geschärften Sinn für die besonders eindrucksvollen Beispiele abgesteckt, aber keineswegs bereits erschöpfend behandelt hat. Es bleibt also noch genug zu tun auf dem Feld der Geschichte der internationalen NGOs, aber niemand, der sich auf diesem Feld engagiert, wird am Buch Iriyes vorbeikommen.

Zitation
Matthias Middell: Rezension zu: Iriye, Akira: Global Community. The Role of International Organizations in the Making of the Contemporary World. Berkeley 2002, in: H-Soz-Kult, 16.09.2005, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6965>.
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Veröffentlicht am
16.09.2005
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. http://geschichte-transnational.clio-online.net/
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