A. Demandt u.a. (Hrsg.): Theodor Mommsen

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Titel
Theodor Mommsen. Wissenschaft und Politik im 19. Jahrhundert


Hrsg. v.
Demandt, Alexander; Goltz, Andreas; Schlange-Schöningen, Heinrich
Erschienen
Berlin 2005: de Gruyter
Umfang
361 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Matthias Willing, Marburg

Theodor Mommsen (1817-1903) zählt zweifellos zu den herausragenden Gelehrten des 19. Jahrhunderts, dessen Wirkung für die altertumswissenschaftliche Forschung kaum überschätzt werden kann. Nach seiner akademischen Ausbildung war Mommsen unter anderem als Lehrer und Journalist tätig, engagierte sich für die Revolution von 1848/49 und vertrat später als animal politicum die Sache des nationalliberalen Bürgertums im preußischen Abgeordnetenhaus sowie im Deutschen Reichstag. Berühmt wurde er vor allem durch seine großartige "Römische Geschichte", deren erste drei Bände 1854-1856 erschienen. Fast 1.600 publizierte Arbeiten, von denen das "Römische Staatsrecht" (3 Bde.) und das "Römische Strafrecht" (2 Bde.) hervorzuheben sind, legen ein beredtes Testimonium seiner enormen Schaffenskraft ab. Darüber hinaus inaugurierte Mommsen entscheidend die altertumswissenschaftliche Großforschung an der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, begründete das "Corpus Inscriptionum Latinarum", beteiligte sich am "Vocabularium Iurisprudentiae Romanae", am "Thesaurus Linguae Latinae", am "Corpus Nummorum" und an den Editionen der Kirchenväter-Kommission. Weitere bedeutende wissenschaftliche Aktivitäten wie die Herausgabe des "Corpus Iuris Civilis" und des "Codex Theodosianus", die Mitbegründung des anerkannten Fachorgans "Hermes" oder die Leitung der Reichs-Limes-Kommission komplettieren das beeindruckende Œuvre. Den Höhepunkt von Mommsens Lebenswerk bildete schließlich die Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1902, eine Ehrung, die ihm als erster Deutscher überhaupt zuteil wurde und seine hohe internationale Reputation unterstreicht.

Aufgrund seiner umfangreichen Meriten als Historiker, Jurist, Politiker und Wissenschaftsorganisator hat Mommsen wie kaum ein anderer das Augenmerk der Historiografiegeschichte des Altertums auf sich gezogen. Klangvolle Namen wie Ludo Moritz Hartmann, Lothar Wickert, Albrecht Wucherer, Alfred Heuß und Karl Christ spiegeln dieses intensive Fachinteresse wider. Dass der 100. Todestag des Altmeisters 2003 zu einem neuerlichen Höhepunkt der Mommsen-Rezeption im In- und Ausland führen würde, war deshalb vorauszusehen.[1] In diesen Kontext ordnet sich der hier zu besprechende Sammelband ein, dessen 15 Beiträge auf eine Ringvorlesung der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2003/2004 zurückgehen. Als Referenten und damit Autoren des Werkes konnten fast ausnahmslos ausgewiesene Experten gewonnen werden. Hervorzuheben sind diesbezüglich Alexander Demandt, dem die Wissenschaft die Entdeckung von Mommsens Vorlesung zur römischen Kaiserzeit aus der Feder von Sebastian und Paul Hensel verdankt,[2] sowie Stefan Rebenich, der 2002 die jüngste maßgebliche Mommsen-Biografie vorlegte.[3]

Die Ausführungen der beiden genannten Antikeforscher leiten den Band ein. Zunächst gibt Demandt einen humorvoll gehaltenen Überblick über die wichtigsten Stationen in Mommsens Leben, der Aspekte seines Privatlebens mit einschließt. Der Leser erfährt hier unter anderem, dass der Nestor der Altertumswissenschaft zum Alkohol "ein ungetrübtes Verhältnis" hatte (S. 7) und dass über seine 16 Kinder oft gespottet wurde. Anschließend unternimmt Rebenich den gelungenen Versuch, an Mommsens Beispiel den Typus eines liberalen Hochschullehrers im 19. Jahrhunderts zu konturieren, wobei die gescheiterte Revolution von 1848 im Zentrum der Überlegungen steht. Mommsens liberale Einstellung arbeitet auch Heinrich Schlange-Schöningen heraus, der das ambivalente Verhältnis des Gelehrten zu den Hohenzollern von Friedrich Wilhelm IV. über Friedrich III. und Wilhelm I. bis zu Wilhelm II. näher beleuchtet.[4] Den berühmten "Berliner Antisemitismusstreit", der schon wiederholt in den Fokus der Forschung gerückt war, analysiert Christhard Hoffmann. Er stellt heraus, dass es Mommsen in seiner Polemik gegen den Historikerkollegen Treitschke vorrangig um die Bewahrung liberaler Prinzipien und nicht um die Verteidigung des Judentums ging. Mommsen vertrat in dieser Frage die damals weit verbreitete Meinung, die Juden sollten ihre religiöse Eigenart um der Einheitlichkeit des deutschen Nationalstaats aufgeben und sich vollständig assimilieren.

Neuerlich Alexander Demandt widmet sich dem Verhältnis von Mommsen zu Bismarck, dass von gegenseitiger Unversöhnlichkeit und Animosität geprägt war. Besonders Mommsens überaus heftige Ablehnung des Reichskanzlers trug beinahe pathologische Züge, so dass Max Weber sogar von einem "geradezu kindischen Bismarckhaß" sprach (S. 96). In dem instruktiven Beitrag führt Demandt dem Leser eindrucksvoll die Widersprüche des "despotischen" Mommsen vor Augen und gelangt zu der Einschätzung, dass die Antipathie zwischen Nobelpreisträger und Reichskanzler "weniger in der Verschiedenheit ihrer politischen Haltung als in der Ähnlichkeit ihres dämonischen Wesens" begründet lag (S. 100). Nicht ganz so überzeugend fallen die nachfolgenden Beiträge von Christian Andree über Rudolf Virchow und Mommsen sowie von Rüdiger vom Bruch über die großbetriebliche Wissenschaftsorganisation bei Mommsen und Adolf Harnack aus. Bei Andree wirken unter anderem die zur Kongruenz gebrachten Lebensläufe von Mommsen und Virchow gekünstelt, die Zitate ausufernd, vom Bruch hingegen bewegt sich vorwiegend auf der allgemeinen Ebene von Big Science und hebt stark auf das so genannte "Manhattan Projekt" ab, während die Rolle der Protagonisten Mommsen und Harnack vergleichsweise residual bleibt.

Arnaldo Marcone behandelt anhand ausgewählter Beispiele Aspekte der deutsch-italienischen Beziehungen im Spiegel der Biografie Mommsens, wobei er die Bedeutung des Gelehrten für die postnapoleonische Altertumswissenschaft der Apenninenhalbinsel betont. Mommsens problematisches Verhältnis zu Frankreich findet im Sammelband hingegen keine adäquate Berücksichtigung.[5] Der literarischen Gestaltungskraft Mommsens und seiner Fähigkeit zur Dramatisierung nimmt sich der Beitrag von Gert Mattenklott an. Anschließend stellt Egon Flaig ausgehend von Mommsens Verständnis von Fortschritt und Nation subtile Überlegungen zu dessen Geschichtskonzeption in der "Römischen Geschichte" an. Da die Nationenbildung scheiterte, sei für den Althistoriker aus Garding die Geschichte Roms im Grunde 82 v. Chr. mit der Diktatur Sullas abgeschlossen gewesen, so dass die entscheidende Frage über die weitere Entwicklung Monarchie oder Untergang gelautet habe und von Caesar, der als "Heiland" seine historische Mission erfüllte, beantwortet worden sei (S. 191f.). Dem spannungsgeladenen Verhältnis Mommsens zum Imperialismus geht Ernst Baltrusch in differenzierter Weise nach. Demnach habe der Nobelpreisträger als Kind seiner Zeit Krieg als Mittel der Politik nicht generell verworfen, machte aber vielfach aus seiner Verachtung "für das Militär, für Säbelrasseln und Soldateska, für Überrüstung und Flottenwahn kein Hehl" (S. 203). Dem Germanenbild des großen Altertumswissenschaftlers spürt Andreas Goltz in einem soliden Beitrag nach. Einerseits habe Mommsen die Germanen positiv gewürdigt und sie als treu, tapfer, stolz und redlich beschrieben, andererseits ihnen auch negative Topoi (roh, brutal, unzivilisiert) zugewiesen. Ein Kulturvolk seien die Germanen in den Augen des Nobelpreisträgers nicht gewesen, da sie nichts Bleibendes geschaffen hätten.

Mit dem Dogmatismus von Mommsens "Römischen Staatsrecht" setzt sich Wilfried Nippel kritisch auseinander, das in seiner Langzeitwirkung immer noch die moderne Forschung lähme. Die unterschiedlichen Geschichtskonzeptionen von Max Weber und Theodor Mommsen arbeitet Jürgen Deininger heraus. Während der Verfasser der "Römischen Geschichte" dem Staat überragende Bedeutung beimaß und eingehende theoretische Reflexionen mied, verfügte der Wirtschaftshistoriker der Antike über ein sensibles Theorie- und Methodenbewusstsein und legte großen Wert auf eine präzise Begrifflichkeit ("Idealtypen"). Für den Abschluss und gleichzeitig einen der intellektuellen Höhepunkte des Sammelbandes zeichnet Hans Kloft verantwortlich, der die Nachrufe auf Mommsen analysiert und die geistigen Hintergründe dieses Genres problematisiert. Das Gemeinschaftswerk klingt aus mit einer Bibliografie sowie Personen-, Orts- und Sachregister. Insgesamt ist das vorgestellte Buch empfehlenswert, da es durchweg über gehaltvolle Beiträge verfügt, die zahlreiche Facetten der faszinierenden Persönlichkeit Mommsens hervortreten lassen und einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Mommsen-Forschung bieten.[6]

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a.: Alföldy, Géza, Theodor Mommsen und die römische Epigraphik aus der Sicht hundert Jahre nach seinem Tod, Epigraphica 66 (2004), S. 217-245; Calder, William M. III; Kirstein, Robert (Hgg.), "Aus dem Freund ein Sohn". Theodor Mommsen und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Briefwechsel 1872-1903, Hildesheim 2003; Kaenel, Hans-Markus von u.a. (Hgg.), Geldgeschichte vs Numismatik. Theodor Mommsen und die antike Münze. Kolloquium aus Anlaß des 100. Todestages von Theodor Mommsen (1817-1903) an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 1.-4. Mai 2003, Berlin 2004; Nippel, Wilfried (Hg.), Theodor Mommsens langer Schatten: das römische Staatsrecht als bleibende Herausforderung für die Forschung, Heidesheim 2005; Theodor Mommsen und die Monumenta Germaniae historica. Katalog zur Ausstellung der Monumenta Germaniae historica anlässlich des 100. Todestages von Theodor Mommsen am 1.11.2003, München 2003; Walter, Uwe, Mit Theodor Mommsen noch lange nicht fertig. Eine Berliner Tagung zum 100. Todestag, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 55 (2004), S. 186-189; Wiesehöfer, Josef (Hg.), Theodor Mommsen: Gelehrter, Politiker und Literat, Stuttgart 2005.
[2] Demandt, Barbara u. Alexander (Hgg.), Theodor Mommsen, Römische Kaisergeschichte. Nach den Vorlesungs-Mitschriften von Sebastian und Paul Hensel 1882/86, München 1992.
[3] Rebenich, Stefan, Theodor Mommsen. Eine Biographie, München 2002.
[4] Vgl. auch: Schlange-Schöningen, Heinrich, "Jenen Kaiser freilich schützt heutzutage kein Staatsanwalt": Theodor Mommsen über Ludwig Quiddes "Caligula", in: Historisches Jahrbuch 123 (2004), S. 1-28.
[5] Vgl. Ungern-Sternberg, Jürgen von, Theodor Mommsen und Frankreich, in: Francia 31.3 (2004), S. 1-28.
[6] Angemerkt sei, dass einige thematische und personelle Überschneidungen mit dem ähnlich angelegten Sammelband "Theodor Mommsen: Gelehrter, Politiker und Literat" (wie Anm. 1) bestehen.

Zitation
Matthias Willing: Rezension zu: Demandt, Alexander; Goltz, Andreas; Schlange-Schöningen, Heinrich (Hrsg.): Theodor Mommsen. Wissenschaft und Politik im 19. Jahrhundert. Berlin 2005, in: H-Soz-Kult, 09.10.2006, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8219>.
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09.10.2006
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