Fieberg, Klaus: Karikaturen im Kontext. Braunschweig : Westermann Schulbuchverlag 2003 ISBN 3-14-366020-1, 1 CD-ROM € 36,00.

Yorck Project (Hrsg.): Karikaturen. Zeitkritik mit Witz. Berlin : Directmedia Publishing 2004 ISBN 3-936122-18-0, 1 DVD-ROM € 29,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult
Thomas Fischer, Gewerbeschule Steinhauerdamm, Hamburg

Die Karikatur: Obwohl gerne zur illustrativen Auflockerung von Fachtexten eingesetzt, wird sie selten als Quelle ernst genommen. Dabei ist ihr Verhältnis zur feinsinnigen Malerei ähnlich wie das der Komödie zur Tragödie: Sie hat zwar einen geringeren künstlerischen Anspruch, dafür größere inhaltliche Freiheiten, mit Spott und Übertreibung bildet sie viel eher das reale gesellschaftliche Leben ab, der Scherz hat eine ernste Komponente. Karikaturen sind mehr als nur anspruchslose Gebrauchskunst, sondern Zerrspiegel ihrer Zeit, und nicht selten waren auch bekannte Künstler als Karikaturisten tätig, von Holbein und Bruegel über Chodowiecki bis Grosz. Im Zuge eines neuen Interesses der Geschichtswissenschaften für Bildquellen gelangt in den letzten Jahren auch die Karikatur zu größerer Wertschätzung.[1]

Während der Quellenwert der politischen Karikatur auf der Hand liegt (Haltungen und Sorgen der Gegner politischer Entscheidungen, Entwicklungen, Parteien oder Machthabern), ist indes zu bedenken, dass die große Mehrheit der Karikaturen bis ins 19. Jahrhundert gesellschaftlich-moralische Themen verfolgte und eher im intellektuellen Milieu zu Hause war. Erst mit dem Durchbruch der auflagestarken Zeitungen und der breiten Alphabetisierung im späten 19. Jahrhundert rückte das Tagespolitische in den Vordergrund der Produktion.

Der Quellenwert der gesellschaftskritisch-moralischen Karikaturen ist schwerer zu fassen, zumal das Bild oftmals nur individuelle Abneigungen zum Ausdruck brachte und das Kritisierte nicht unbedingt gesellschaftlich signifikant war. Zu nennen sind beispielsweise ein Gutteil der Adelskritik des 18. Jahrhunderts oder der Frauenkritik des 19. Jahrhunderts. Nichtsdestotrotz erschließt sich die historische Relevanz zwischen den Zeilen bzw. den Strichen: Vertreter bestimmter, meist bildungsbürgerlicher Gruppierungen versuchten, ihre Auffassungen von gutem, richtigem Verhalten mehrheitsfähig auszudrücken, ohne selbst allzu sehr angreifbar zu sein. Man bezog kraftvoll Position und versteckte sich doch gleichzeitig hinter einer grinsenden Maske.

Allein für das englische 19. Jahrhundert hat das „Centre for the Study of Cartoons and Caricature“ an der Universität von Kent in Canterbury bereits rund 85.000 Karikaturen digital aufbereitet, die registrierten Benutzern auch online zur Verfügung gestellt werden.[2] Angesichts dieser Materialflut kann jede Edition nur eine enge Auswahl bieten. Die beiden vorliegenden Sammlungen verfolgen dabei unterschiedliche Wege: Die Yorck-DVD versucht sich an einem Überblick mit eingeschränkten Suchmöglichkeiten, die Westermann-CD konzentriert sich auf die deutsche Politik und verfolgt immerhin ein inhaltliches Konzept. Erstere zeigt über 2.500, letztere rund 150 Karikaturen. Beide stellen geringe Anforderungen an die Hardware und laufen auf Windows- und Macintosh-Rechnern.

Zur Yorck-DVD: Abgedeckt wird der Zeitraum von der beginnenden Neuzeit bis zum frühen 20. Jahrhundert, wobei zwei Drittel aller Werke aus dem 19. Jahrhundert und nur 87 aus der Zeit vor 1700 stammen. 1.100 Karikaturen sind französischer Herkunft, rund 800 kommen aus dem deutschsprachigen Raum, rund 400 aus England, die Übrigen aus anderen europäischen Ländern sowie 3 aus den USA. Erschlossen wird der Bestand über zwei Tabellen für die Werke und die Künstler. Für jede Grafik werden Bild- und Serientitel, Bildtexte, Künstler, Angaben zur Entstehung und Veröffentlichung, die verwendete künstlerische Technik sowie ab und zu ein paar Stichworte zum Entstehungszusammenhang aufgeführt. Außerdem wird jedes Bild einer von 13 so genannten „Rubriken“ zugeordnet. Jeder Künstler ist mit Namensvarianten bzw. Notnamen, Lebensdaten und Wirkungsorten erfasst. Beide Tabellen lassen sich beliebig sortieren und durchsuchen. Jedes Bild liegt in drei Auflösungen vor (als Miniaturabbildung, in einem bildschirm- und in einem druckgeeigneten Format) und lässt sich über die Zwischenablage des Betriebssystems in andere Anwendungen exportieren.

Die Hervorhebung des 19. Jahrhunderts geschieht zu Recht, gilt es doch meist als Hochphase der kritischen Zeichnung. Zahlreiche namhafte Grafiker griffen mit ihren Lithografien Missstände in Gesellschaft, Politik und Kultur an, unter anderem Wilhelm Busch und Carl Spitzweg in Deutschland, Honoré Daumier, Gustave Doré, Jean-Ignace-Isidore Grandville und Rodolphe Töpffer in Frankreich, George Cruikshank und Thomas Rowlandson, John Tenniel in England, Thomas Nast in den USA. Neben den satirischen Zeitschriften wie „Kladderadatsch“, „Charivari“ und „Punch“ erschienen zahlreiche eigenständige Bände wie etwa der „Microcosm of London“ (1808-10) oder Grandvilles „Szenen aus dem Staats- und Familienleben der Tiere“ (1842). Leider ist gerade die Politik arg unterrepräsentiert. Zur Französischen Revolution finden sich lediglich 7 englische, zu 1848 einige österreichische und zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 nur französische Karikaturen. Korrespondenzen zwischen den Karikaturen werden in dieser Auswahl nicht sichtbar.

Zum Einsatz kommt die bewährte Software der „Digitalen Bibliothek“, die ihre Stärken jedoch in diesem Fall nur ansatzweise ausspielen kann. Beispielsweise wird das Stichwort „Bismarck“ nur dort gefunden, wo es im Bild- oder Ergänzungstext vorkommt. Nicht entdeckt werden etwa Wilhelm Scholz’ „Varziner Kunstgärtnerei“ oder Tenniels berühmter „Lotse geht von Bord“. Die Suche nach „Napoleon“ ergibt gänzlich andere Ergebnisse, je nachdem ob es mit oder ohne Akzent auf dem „e“ geschrieben wird. Dutzende von Karikaturen haben den außerehelichen Seitensprung zum Thema, aber sie zu finden ist äußerst mühsam, da nicht eine diesen Begriff im Titel führt. Die 13 „Rubriken“ stellen in dieser Hinsicht keinerlei Hilfe dar und tragen sogar zur Verunsicherung bei: Wer „Politik“ sucht, muss auch „Porträt“ und „Kritische Grafik“ durchsuchen, ein Unterschied zwischen „Genre“, „Sittenbild“ und „Soziales Milieu“ ist kaum erkennbar, auch „Tiere“ gehört im Grunde in diese Kategorie, und „Vorläufer und Sonderfälle“ hätte besser „Uneindeutiges“ heißen sollen. Jede bessere Bilddatenbank arbeitet heutzutage mit einer ausführlichen Verschlagwortung und mit einer fehlertoleranten Suchmaschine, um auch Schreibvarianten oder Spezialanfragen bedienen zu können. Auch die vorliegende Software wäre hierzu in der Läge gewesen, wenn sich die Mitarbeiter des „Yorck Project“ mehr Mühe mit der Versprachlichung der Bilder gegeben und nicht Zuflucht zu einer so gut wie unbrauchbaren Rubrizierung genommen hätten.

Ein Problem stellt die urheberrechtliche Lizensierung dar, die einen Gebrauch der Bilder nur zu privaten und wissenschaftlichen Zwecken erlaubt; immerhin bietet Yorck die Bestellung einer erweiterten Lizenz für die öffentliche und gewerbliche Nutzung an.[3]

Zur Westermann-CD: Diese Sammlung konzentriert sich auf die deutsche und zum Teil auch die französische Politik seit 1789. Die Abbildungen sind in 15 Kapiteln aufbereitet, die zunächst chronologisch vorgehen (von der Zeit der Französischen Revolution bis zum Nachkriegsdeutschland), dann einige übergreifende Themen präsentieren (Napoleon, Bismarck, Pressefreiheit, deutsch-französische Beziehungen) und schließlich vier beliebte Motive der politischen Karikatur mit einer guten Handvoll Beispiele vorstellen: die verfremdete Landkarte, auf der die Länder durch maßstabgerechte Tiere oder Typen dargestellt sind, der Lotse, der deutsche Michel sowie Veränderungsprozesse in Form von Auf- und Abstiegs- bzw. Vorher-Nachher-Darstellungen. Das Kapitel zum Lotsenmotiv etwa zeigt zwölf Zeichnungen von Tenniels Klassiker 1890 über zahlreiche Varianten mit Wilhelm II., Hindenburg, Adenauer, Heinemann, Helmut Schmidt und Erich Honecker bis zum Jahr 1990. Jede Karikatur wird hinsichtlich ihres Entstehungszusammenhangs und ihres visuellen Inhalts kommentiert und durch Diagramme, Karten und Quellenauszüge historisch eingeordnet. So werden Zusammenhänge zwischen Bild, Entstehungszeit und thematisch verwandten Vorläufern erkennbar. Es ist möglich, Abbildungen und Texte auszudrucken oder nebst eigenen Ergänzungen zu Arbeitsblättern zusammenzufassen. Damit ist diese CD gerade für Geschichtslehrer sehr gut geeignet. Eine Suchfunktion gibt es allerdings nicht.

Fazit: Die Yorck-DVD ist zwar erheblich umfangreicher, die Westermann-CD hingegen macht einen insgesamt runderen Eindruck. Jede Karikatur wird erläutert und in ihren Entstehungszusammenhang gestellt, während die Yorck-Sammlung eher isolierend vorgeht und die Erschließungsmöglichkeiten der Software leider nicht gut genug ausnutzt. Wer jedoch Zeit mitbringt, die Sammlung gewissermaßen per Maus durchzublättern, findet bei Yorck die reichhaltigere Auswahl.

Anmerkungen:
[1] Vgl. das Forum von H-Soz-u-Kult zur Historischen Bildforschung: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=texte&id=355=355>
[2] Vgl. die Tagung „Political Cartoons as Historical Sources“ im Mai 2004 in London: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=434>. Die genannte Bibliothek findet sich unter: <http://library.kent.ac.uk/cartoons/>.
[3] Hierzu die Beiträge von Astrid Auer-Reinsdorff und Klaus Graf im Rahmen des o.g. Forums.

Zitation
Thomas E. Fischer: Rezension zu: Fieberg, Klaus: Karikaturen im Kontext. Braunschweig 2003 / Yorck Project (Hrsg.): Karikaturen. Zeitkritik mit Witz. Berlin 2004, in: H-Soz-Kult, 21.09.2004, <http://www.hsozkult.de/digitalreview/id/rezcdrom-5061>.
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21.09.2004
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