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Titel
The International Organization for Standardization. Global Governance Through Voluntary Consensus


Autor(en)
Murphy, Craig N.; Yates, JoAnne
Erschienen
London 2008: Routledge
Umfang
160 S.
Preis
€ 23,52
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Klaas Dykmann, Institut for Samfund og Globalisering, Roskilde University

Wenngleich es in unserem Alltag zumindest indirekt fortdauernd Berührungspunkte mit von der ISO standardisierten Produkten oder Verfahren gibt, ist die Internationale Standardisierungsorganisation (ISO) außerhalb fachspezifischer Kreise nur wenig bekannt, so dass sich ein genauerer Blick auf diese Einrichtung lohnt.

Craig N. Murphy, Autor eines vielbeachteten Buches zur Entwicklung internationaler Organisationen als Form der Global Governance[1], und seine Gattin JoAnne Yates, Professorin der Verwaltungswissenschaft am Massachusetts Institute of Technology (MIT), sind als ausgesprochen kenntnisreiche Experten vermutlich die qualifiziertesten Autoren für eine Studie zur ISO. Der Einstiegsband aus der Reihe Global Institutions gliedert sich in fünf Hauptkapitel, welche die Geschichte der ISO (Kapitel 1), das Funktionieren der Einrichtung (2), die Rolle der Institution in der globalen Wirtschaft (3) sowie neue Aufgabenfelder der ISO im Angesicht der Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung (4) und schließlich die Zukunft der Organisation (5) behandeln. Zu Beginn jedes Teilkapitels liefern die Verfasser jeweils eine sehr gelungene Zusammenfassung. Ziel der Autoren ist es, die Rolle der ISO als Förderer (facilitator) wesentlicher technischer Infrastruktur für die globale Wirtschaft zu erforschen sowie die Zukunft der ISO in einer sich wandelnden und zunehmend globalisierten Welt aufzuzeigen (S. 2).

Die ISO kann als ein Schlüsselakteur zur Stützung des Voranschreitens der Industrialisierung sowie bei der Formung von Produktions- und Konsummustern betrachtet werden, obschon die Organisation eine vergleichsweise verborgene Existenz führte (S. xii). Die Einrichtung ist, wenn auch unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen gegründet, eine nichtstaatliche Organisation, die eine Brücke zwischen öffentlichem und privatem Sektor schlägt und sich selbst als internationalen Standardsetter für Gewerbe, Regierung und die Gesellschaft sieht. Hierbei gilt es, die Verfolgung von freiwilligen Standards hervorzuheben. In 60 Jahren hat die ISO nach Eigenauskunft mehr als 17000 internationale Standards generiert – und 1100 neue werden jedes Jahr anvisiert (S. xiii). Die Standardisierungsorganisation erweist sich - den Autoren zufolge - als ungewöhnliche Einrichtung, als Zentrum eines riesigen Netzwerks von Freiwilligen, deren Standards offiziell bloße Empfehlungen darstellen, die sowohl akzeptiert als auch zurückgewiesen werden können. Nichtsdestotrotz sehen viele Organisationen die ISO-Standards als obligatorisch an (S. 45).

Zum Verständnis der aktuellen Rolle sowie der Zukunft der ISO ist es unabdingbar, die Geschichte der Institution näher zu betrachten. Zunächst untersuchen die Autoren die allgemeine Bedeutung der Standardisierung. Diese Standards sollten sowohl bestimmen, mit wem Menschen Handel treiben (das heißt die Begrenzungen der Handelsbereiche) als auch die Form technologischen Fortschritts, der innerhalb eines Handelsgebiets stattfindet (S. 5). 1946 gründete eine kleine Gruppe, die sich überwiegend aus Ingenieuren britischer oder nordamerikanischer Herkunft zusammensetzte, die Internationale Standardisierungsorganisation (S. 3). Eine Besonderheit der ISO stellte das Konzept der Standardisierung auf Basis freiwilligen Einvernehmens dar. Schließlich werden drei Phasen in der sechzigjährigen ISO-Geschichte unterschieden: die ersten beiden Jahrzehnte dienten dem Aufbau der eigenen Leistungsfähigkeit und der Entwicklung von Verfahren. In den anschließenden Dekaden bis in die späten 1980er-Jahre konzentrierte sich die Arbeit der ISO auf die Unterstützung des Aufbaus des derzeitigen globalen Handelsbereichs. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wandte sich die Organisation dem breiten Feld der Verwaltungsstandards sowie Formen gesellschaftlicher Regulierung im neuen globalen Markt zu, welche von den Nationalstaaten nicht geschaffen wurden.

Als Beispiel für die nahezu revolutionären Auswirkungen, die ein ISO-Standard zu zeitigen imstande war, geben die Verfasser den einheitlichen Schiffscontainer an, der zu einem exponentiellen Anstieg des Handelsvolumens auf dem Seewege führte. Die ISO kann sich rühmen, den heutzutage allseits bekannten einheitlichen Schiffscontainer auf den Weg gebracht zu haben, der zweifelsohne einen bedeutenden Meilenstein für die Globalisierung am Ende des 20. Jahrhunderts repräsentiert (S. 46). Vor dieser „Containerrevolution“ kostete das Einladen auf ein durchschnittliches Schiff 5,86 US-Dollar, heute sind es 16 Cent.[2] Diese Standardisierung veränderte zugleich die Landschaft in vielen Weltteilen ebenso wie den Arbeitsalltag von Millionen Menschen (S. 52). Die „Containerrevolution“ brachte Wohlstand zumindest in einige der ärmeren Weltregionen. Deshalb wird in diesem Fall auch von dem ISO-Beitrag zu einer nachhaltigen menschlichen Entwicklung gesprochen. Allerdings führte die Containerrevolution auch zu Entbehrungen, vor allem in Nordamerika und Westeuropa (S. 53). „The container story is a major leitmotiv in the personal stories of many leaders in the standards movement after the Second World War“ (S. 54). Die Grundlage für die heutige Rolle der ISO in der global governance wurde den Verfassern zufolge in den 1960er-Jahren gelegt, als die Organisation mit den Schiffcontainerstandards half, globale Märkte zu schaffen, welche wiederum neue Aufgaben für die ISO generierten.

Die Autoren weisen der ISO drei Bereiche als sukzessive Hauptbetätigungsfelder in ihrer Entwicklung zu: zunächst galt es, Leistungsfähigkeit zu gewinnen, dann im Anschluss daran einen Weltmarkt zu erschaffen und schließlich den eigenen Anwendungsbereich zu erweitern. Im Laufe dieses Prozesses entwickelte die Organisation die Fähigkeit eines „globalen Standardsetters“ (S. 17f.). Während die ISO am Ende der ersten Phase größtenteils eine europäische Einrichtung darstellte (S. 18), die eher von nichtstaatlichen Agenturen zur Standardisierung gestützt wurde, änderte sich dieses Bild mit der Aufnahme vieler „Entwicklungsländer“, da diese Standardisierungsabteilungen als Regierungsbehörden schufen. Somit begann die ISO immer weniger wie eine NGO auszusehen und glich zunehmend einer traditionellen zwischenstaatlichen Organisation. Aufgrund der wachsenden Mitgliederzahl (besonders Staaten aus ärmeren Regionen) waren in den 1980er-Jahren die meisten ISO-Mitglieder Regierungsagenturen und keine NGOs mehr (S. 21). Zwischen 1987 und 2008 erweiterte die ISO ihren Zuständigkeitsbereich und entwarf Qualitätsstandards für das Management, den Umweltbereich und soziale Verantwortungsstandards für Unternehmen (corporate social responsibility) (S. 22f.).

Mit Blick auf die Geschichte internationaler Organisationen kann man zu dem Schluss gelangen, dass diese sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts, ausgehend von Europa und europäische Interessen verfolgend, zunächst vorwiegend auf technische Erfordernisse der beginnenden Globalisierung konzentrieren wie den internationalen Waren- und Personenverkehr sowie einheitliche Mess- und Produktstandards. Vor allem seit der Gründung des Völkerbunds (1919/20) befassten sich diese internationalen Einrichtungen zunehmend mit gesellschaftspolitischen Fragen wie der Verwaltung ehemaliger Kolonialgebiete der Verlierer des Ersten Weltkriegs, internationalen Arbeitsstandards oder Frauenrechten. Die Internationale Standardisierungsorganisation scheint zunächst zu den eher „technisch“ ausgerichteten Institutionen des 19. Jahrhunderts zu gehören, denen gesellschaftliche Themen wie Menschenrechte, Umweltschutz oder Bildung zunächst nicht zugeordnet würden. Tatsächlich konzentrierte sich die ISO anfangs auf die Standardisierung von Produkten und trug entscheidend dazu bei, im Zeitalter der „Globalisierung“ globale Märkte durch einen mittels normierter Verfahren und Erzeugnisse verbesserten Handelsaustausch zu schaffen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts jedoch, so die Autoren, passte sich die ISO der globalisierten Welt an und entwickelte Richtlinien für Qualitätsmanagementsysteme, Umweltstandards oder solche für die Verantwortlichkeit von Unternehmen: Die ISO nahm sich einiger Aufgaben an, die sich als zu problematisch für den Völkerbund oder die Vereinten Nationen erwiesen. Darunter fallen auch Umweltrichtlinien: Der betreffende ISO-Standard 14000 mag größeren Einfluss auf den Umweltschutz gezeitigt haben als jegliche von der UN erzielten Abkommen in den 1990er-Jahren. Ebenfalls sind in diesem Zusammenhang Unternehmensverantwortung für Menschen- und Arbeitsrechte zu nennen: Hier könnte der ISO-Standard 26000 mehr Erfolg versprechen als der von der UN angeregte „Global Compact“ (S. 2). Der Wandel von technischer Standardisierung zur Vereinheitlichung von Verhaltensnormen in gesellschaftlich relevanten Bereichen ist vor allem mit der ISO 9000er-Reihe verbunden, die sich besonders mit dem Qualitätsmanagementsystem (ISO 9000) assoziieren lässt. Aufbauend auf ISO 9000 entwickelte die Organisation fortan auch andere den Arbeitsprozess betreffende Standards wie solche zur Umwelt (ISO 14000) und führte fortlaufend Verhandlungen über einen allgemeinen Standard für Unternehmensverantwortung in sozialen Fragen, welcher Arbeits- und Menschenrechte einschließen wird, ebenso wie Fragen nach einer Verwalterfunktion im Umweltbereich, Transparenz und rechtsstaatlichen Maßstäben (S. 106). Indem sich die ISO auf diese Felder vorwagte, begann sie, ein wenig die lange erwartete Rolle eines globalen Standardsetters in sozialen Fragen anzunehmen. Durch die zunehmende Bedeutung in der Standardsetzung im Bereich des Qualitäts- und Umweltmanagements sowie der „corporate social responsibility” wuchs auch die Sichtbarkeit der ISO als Teil einer global governance an. Allerdings erfolgen heutige technologische Innovationen sehr schnell – zu schnell für ISO, wie die Autoren zu bedenken geben (S. 107). Die Autoren zeigen sich zuversichtlich, dass ein Verbleib der ISO im Zentrum der globalen politischen Ökonomie während des 21. Jahrhunderts wahrscheinlich sei, wenngleich ihre Hauptfunktion sich im Laufe der Zeit verändert haben mag (S. 4).

Dieser schmale Band zur ISO bietet einen eindrucksvollen Einblick in die Geschichte, das Wirken und die Fortentwicklung einer zunächst auf technische Standards abzielenden Organisation, der später im von ihr selbst vorangetriebenen Prozess der Globalisierung weitere Aufgaben der Vereinheitlichung, auch in gesellschaftspolitischen Fragen wie der Unternehmensführung oder im Umweltschutz, zufielen. Ein Buch, das sich sowohl durch die Sachkenntnis der Autoren gewinnbringend präsentiert, als auch durch Interdisziplinarität zu überzeugen vermag. Für das fächerübergreifende Studium von Globalisierungsprozessen ist diese Studie überaus empfehlenswert. Künftig sollte jedoch auch einer Erforschung der angenommenen Vernachlässigung nichtwestlichen Wissens in solchen globalen Institutionen mehr Raum gewährt werden.

Anmerkungen:
[1] Craig N. Murphy, International Organization and Industrial Change. Global Governance Since 1850 (Europe and International Order), New York 1994.
[2] „The proximate cause of this 93 percent reduction in cost was the publication, in 1965, of the ISO draft standards that define the most important parts of the containers that we see today – a metal box, eight feet wide and about eight feet high, usually 20 or 40 feet long, with doors at one end and reinforced corners that allow it to be clamped to other containers and to be stacked” (S. 50).

Zitation
Klaas Dykmann: Rezension zu: Murphy, Craig N.; Yates, JoAnne: The International Organization for Standardization. Global Governance Through Voluntary Consensus. London 2008 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 15.10.2010, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-13254>.
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Veröffentlicht am
15.10.2010
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/