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Titel
Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948-1990


Autor(en)
Rott, Wilfried
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Umfang
478 S., 36 Abb.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Krijn Thijs, Duitsland Instituut Amsterdam, Universiteit van Amsterdam

Dass es eine eigenständige Gesamtdarstellung der Geschichte West-Berlins bislang noch nicht gab, ist eigentlich erstaunlich. West-Berlin ist eine Legende. Jeder kennt die herausragende Position der Inselstadt im Kalten Krieg und im geteilten Deutschland, und überdies hält die 42-jährige Geschichte der künstlichen Kommune manches Eigenartige und Unerwartete bereit.

Unerforscht ist die Geschichte West-Berlins natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Die Aufmerksamkeit ist bis heute aber sehr ungleich verteilt. Über die turbulente erste Hälfte des Zeitraums 1948–1990 ist viel geschrieben worden, die Jahre der Normalisierung und Stagnation fanden dagegen weit weniger historiografisches Interesse. Zudem werden die Zeitspannen vor und nach etwa 1967 nur selten zusammengenommen. Einen solchen ersten Syntheseversuch zu wagen ist das Verdienst des Autors Wilfried Rott, eines aus Wien stammenden Journalisten, der jahrelang beim Sender Freies Berlin gearbeitet hat. Ihm ist eine lesenswerte und gut informierte Gesamtdarstellung gelungen, die zahlreichen Mythen und Legenden auf den Grund geht.

Abgesehen vielleicht vom Ausgangspunkt, dass West-Berlin ein anderes, „drittes Deutschland“ gewesen sei und die „Insulaner“ einen „ganz spezifischen Menschenschlag“ dargestellt hätten (S. 8), kommt Rott ohne expliziten analytischen Zugriff aus. Erzählen möchte er, und das kann er auch. Im Hintergrund wird seine Darstellung noch am ehesten von jenem „Problemquartett“ strukturiert, das West-Berlin von Anfang bis Ende begleitet habe: das Verhältnis zu den alliierten Besatzungs- oder Schutzmächten, die sorgenvolle Lage der Wirtschaft, das ungeklärte Verhältnis zur Bundesrepublik und die immer quälender werdende Frage, „was eigentlich die Zweckbestimmung von West-Berlin sein solle“ (S. 51). Diese letzte Frage ist der heimliche rote Faden des Buches.

Rott modelliert die Karriere West-Berlins zu einer liebevoll erzählten Verfallsgeschichte, mit einem völlig unerwarteten Happy End. Nach Spaltung, Blockade und Luftbrücke fängt sofort die „unheroische Zeit“ West-Berlins an, denn die Bilanz war schon 1949 ernüchternd: Die „Insel“ gehörte nicht zur Bundesrepublik (zumindest nicht unmittelbar), das dynamische Vorkriegsberlin war endgültig verschwunden, und es gab kaum Entwicklungsperspektiven. Auch nach dem 17. Juni 1953 und dem Mauerbau 1961 schien sich West-Berlins Hauptzweck auf einen vagen Symbolwert zu beschränken. Ein letztes Mal flackerten die Hoffnungen 1963 auf, in einem Jahr, das mit dem hohen Wahlsieg Willy Brandts, dem Kennedy-Besuch und dem ersten Passierscheinabkommen „eine Zeit der Höhepunkte“ wurde. „Die Einweihung der neuen Philharmonie und die Grundsteinlegung für das Europa-Center rundeten das Bild einer keineswegs verdorrenden, sondern sich behauptenden, ja aufwärtsstrebenden Stadt ab.“ (S. 225) Doch diese Dynamik verpuffte bald, und ein wirklicher „Epochenwechsel“ deutete sich drei Jahre später an, als West-Berlins Lichtgestalt Brandt nach Bonn ging und sich die „Insel“ ab 1967 zur „Hauptstadt der Revolte“ wandelte. Mit den Verträgen und dem Transitabkommen, die Anfang der 1970er-Jahre den Status quo auf unbestimmte Zeit festschrieben, änderte sich West-Berlins Zeithorizont radikal. Die neue Normalität brachte letztlich enttäuschende Stagnation und politische Provinzialisierung, da eine Überwindung der erreichten Situation nicht absehbar war.

Bei alledem kann sich Rott nicht völlig von tradierten Erzählweisen lösen. So sieht er als Kern West-Berlins nach wie vor die mythisch besetzten „Insulaner“ selbst, die der bedrohten Halbstadt eben nicht – wie oft befürchtet – massenhaft den Rücken kehrten. Trotz kosmetischer Differenzierungen („Heroismus ohne aggressiven Elan“; „Die Umstände, nicht das Wesen“ machten die West-Berliner „zu Helden wider Willen“ [S. 37]) bleibt das Motto dasselbe: Ob Mauerbau oder Studentenrevolte – „der Insulaner verlor auch jetzt die Ruhe nicht“ (S. 270). Dies klingt vor allem deshalb so floskelhaft, weil die Bevölkerung selbst in Rotts Darstellung kaum Konturen gewinnt.

Ganz anders die lebhaft dargestellte Welt des Schöneberger Rathauses: Rotts ausführliche Skizzen führender West-Berliner Persönlichkeiten und Charaktere gehören zu den lesenswertesten Abschnitten. Die Regierenden Bürgermeister werden bis hin zu ihrer „Physiognomie“ kritisch-einfühlsam porträtiert. Der Bericht von Bier und Bouletten beim Gartenfest eines SPD-Spitzenmannes unterstreicht die Provinzialisierungstendenz, und Rott erinnert an die „Aura eines goldenen Zeitalters“, die mit Richard von Weizsäcker 1981 über die Stadt kam (S. 354). So drängt sich der Eindruck auf, dass eher das „Format“ der Regierenden Bürgermeister über Höhen und Tiefen der Inselstadt entschieden habe als die „Insulaner“ selbst.

Die schleichende Erosion während der 1970er-Jahre bildet das faszinierende Herzstück dieser Geschichte West-Berlins. Ohne erklärlichen Grund verliert die Ära Klaus Schütz (1967–1977) ihren Glanz; Affären und Korruption breiten sich aus. Sie werden dem Leser detail- und anekdotenreich vorgeführt – mit beißendem Sarkasmus berichtet Rott von den Bau- und Spendenskandalen, hübschen Architektinnen und leerstehenden Hochhäusern, in die am Ende meist die Stadtverwaltung selbst einzog. „Was war das Besondere am West-Berliner Sumpf? Vereinfacht gesprochen: Das Übel war chronisch, flächendeckend und parteiunabhängig.“ (S. 382) Verantwortlich macht Rott die notgedrungene Subventionierung West-Berlins. Sie habe am Ende gar „sozialistische, staatswirtschaftliche Züge“ gewonnen – wobei der Hinweis auf „latente Ähnlichkeiten“ mit dem feindlichen Umland natürlich nicht ausbleibt (S. 318). Auffällig ist, wie sehr die beiderseits der Berliner Mauer so herbeigesehnte „Normalität“ hüben wie drüben letztlich zu systembedrohenden Erosionserscheinungen führte.

Im Laufe dieser 1970er-Jahre wurde West-Berlin endgültig zu einer eigenartigen Parallelwelt der Bundesrepublik. Trotz des nun geregelten Transitverkehrs schien der mentale Abstand zu West-Deutschland eher noch zu wachsen, während die DDR für West-Berliner schwer zugänglich und unattraktiv blieb. Denn es waren vor allem die skurrilen Erfahrungen des Grenz- und Transitverkehrs, die jetzt zum Gemeinschaftserlebnis der West-Berliner wurden. Rotts Darstellung der Transitwelt ist ein Meisterstück der Erzählkunst und der unbestrittene Höhepunkt des Buches. In diesem „festen Ritual“, das tief in „das kollektive Bewusstsein“ West-Berlins einwirkte, kommen endlich auch die anonymen Insulaner in den Blick, die, ob elegant im schnellen BMW oder langhaarig im VW-Bus, beim nervösen Schlangestehen an der Grenzübergangsstelle „alle gleich“ waren (S. 278). Mit den demütigenden Kontrollen „förderte die DDR auf ungewollte Weise in dem von ihr ungeliebten West-Berlin ein Identitätsgefühl, das ohne lautes Hurra-Bekenntnis zum Westen von einer tiefen Abneigung gegen den Osten grundiert war.“ (S. 283)

Gesamtdarstellungen besitzen immer Stärken und Schwächen. Rotts Skizzen der Kultur- und Medienlandschaft gehören zu den ersteren, obwohl allzu sehr auf die Suche nach „Rang und Größe“ ausgerichtet. Zu den Lücken zählen die Debatte um West-Berlins Erinnerungslandschaft (Gestapo-Gelände, Geschichtswerkstätten) sowie die spätere Stadtplanung, die nur in Bauskandalen präsent ist. Über „Kritische Rekonstruktion“ oder Wiederentdeckung des „Zentralen Bereichs“ findet sich kein Wort.

Überhaupt bleiben die 1980er-Jahre etwas blass. Die vielversprechende Beobachtung, dass es immer stärker West-Berlins Aufgabe geworden sei, im bundesdeutschen Rahmen „die neuen alternativen Kulturen zu integrieren“ (S. 331), denkt Rott in ihren historiografischen Konsequenzen nicht weiter. Stattdessen läuft alles irgendwie auf den großen Showdown vom 9. November 1989 zu – nur wussten das die Zeitgenossen nicht. Die „Insel“, längst teurer und „störender Annex“ Bonns (S. 432), verfiel Ende der 1980er-Jahre in zunehmende Verunsicherung. Ihre einstige deutschlandpolitische Existenzlegitimation war überholt, was nicht nur in Kreisen des ab 1989 regierenden rot-grünen Senats betont wurde. Für alle Beteiligten völlig unerwartet fand die „Sinnfrage“ West-Berlins dann eine Antwort: Ohne West-Berlin wäre die Nacht des 9. November 1989 nicht zum Geschichtszeichen geworden. So schließt auch Wilfried Rott.

Dieses Narrativ liegt auf der Hand, ist aber ausgerechnet für eine Geschichte des West-Berliner „Biotops“ zugleich wenig befriedigend. Es weitet den Erzählrahmen im entscheidenden Moment wieder aus und reduziert die Funktion und Identität West-Berlins auf jene deutschlandpolitischen Parameter, die für das Leben in der Inselstadt weiter den großen Kontext gebildet, aber doch erheblich an sinnweltlicher Bedeutung verloren hatten. Gewiss, das ist die Ironie der Geschichte. Doch hört die Aufgabe des Historikers damit auf? Gibt es gegenüber dieser hereinbrechenden Überraschung keine West-Berliner Innengeschichte, die eventuell auch über 1989/90 hinaus erzählbar bleibt? In seinem Epilog gibt Rott für die mit den Händen zu greifenden Kontinuitäten in die 1990er-Jahre genügend Beispiele. So belegt die anekdotisch dargestellte Auflösung der „Insel“ noch einmal, wie unbekannt uns gerade West-Berlins späte Jahre sind. Hoffen wir, dass Rotts lesenswerter Überblick weitere Forschungen anregen wird.

Zitation
Krijn Thijs: Rezension zu: Rott, Wilfried: Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948-1990. München 2009 , in: H-Soz-Kult, 30.03.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13293>.
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30.03.2010
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