K. Gantert: Elektronische Informationsressourcen

Titel
Elektronische Informationsressourcen für Historiker.


Autor(en)
Gantert, Klaus
Erschienen
Berlin 2011: de Gruyter
Umfang
IX, 428 S.
Preis
€ 59,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Wozniak, Institut für Mittelalterliche Geschichte, Philipps-Universität Marburg

Die von Klaus Gantert, einem studierten Germanisten und Historiker, vorgelegte Einführung tritt mit einem hohen Anspruch an, denn „ein Werk, das einen Überblick über die wichtigsten Gattungen und Typen elektrischer Informationsressourcen für Historiker gibt, [läge] bisher nicht vor“ (S. 5). Kann das, was schon identisch in dem unmittelbaren Vorgängerband für die Germanisten stand[1], auch für die Geschichtswissenschaft gelten?

Gedruckte Aufstellungen, die Internetressourcen auflisten und kurz charakterisieren, sind in der Geschichtswissenschaft nicht neu – die wiederholt aufgelegten Bücher von Christian von Ditfurth[2] oder Stuart Jenks und Paul Tiedemann sind in dieser Hinsicht fast Klassiker.[3] Ihr großer Nachteil ist – wie bei allen Werken, die sich mit dem Internet beschäftigen –, dass sich das Webangebot sehr schnell und sehr radikal ändern kann und sie infolgedessen immer nur eine Momentaufnahme abbilden. Umso wichtiger wäre die Behandlung der „Waybackmachine“ auf archive.org gewesen, in der seit 1996 auch bereits lange wieder abgeschaltete Inhalte von 150 Milliarden Webseiten zu finden sind.

Der von Gantert erarbeitete Band behandelt im Detail über 570 Webressourcen, die nach den Kategorien Fachportale (S. 21–34), Bibliothekskataloge (S. 35–56), Bibliographien (S. 57–100), Zeitschriften (S. 101–130), E-Books (S. 131–160), Digitale Bibliotheken (S. 161–182), Suchmaschinen (S. 183–202), Fachportale und virtuelle Fachbibliotheken (S. 203–224), Nachschlagewerke (S. 225–260), Historische Hilfswissenschaften (S. 289–340), Geschichte in den Massenmedien (S. 341–372) und Rezensions- und Kommunikationsplattformen (S. 373–390) untergliedert sind. Nur wenige Eingruppierungen überschneiden sich (Fachportale, E-Books etc.). Stärken des Buches sind seine systematische Herangehensweise und die gleichmäßig detaillierte Darstellung, genau letztere ist aber zugleich eine Schwäche. Viele der dargebotenen Informationen sind kaum fachspezifisch für die Geschichtswissenschaft, sondern allgemeine Hinweise für die wissenschaftliche Recherche; dementsprechend sind sie bereits im genannten Band für die Germanisten zu finden.

So beginnen beide ambitionierte Bände gleichermaßen mit einer grundlegenden Einführung in Datenbanken und Suchfunktionen wie Boolesche Operatoren, Indexfunktionen oder Trunkierungsregeln. Das Detail, dass letztere bei der indexbasierten Suchmaschine Google trotz beachtlicher Verbesserungen in den vergangenen Jahren noch nicht möglich sind, erfährt der Leser aber weder im Kapitel zu Datenbankrecherchen (S. 9–20) noch im Kapitel zu Google (S. 185–187) oder zu Google Scholar (S. 190–193). Stattdessen wird bei Google Scholar die Darstellung der Suchfunktionen mit Booleschen Operatoren wiederholt. Auch der Hinweis, dass die Suchergebnisse von Google je nach Ländereinstellung deutlich unterschiedlich sein können, könnte dem Historiker in so schwierigen Forschungsfeldern wie dem „Nationalsozialismus“ einiges an Erkenntnisgewinn bringen.

Bei so einer umfassenden Sammlung besteht immer die Gefahr, einzelne Webseiten (Hadis.Hessen.de, bismas.de, HISKLID etc.) nicht aufzulisten, denn das Angebot vermehrt sich in den letzten Jahren explosionsartig. Einiges findet sich auch etwas versteckt: Über den Meilenstein Erlanger Historikerseite und dessen virtuelles Weiterleben auf amerikanischen Servern erfährt der Leser etwas beim Zeitschriften-Freihandmagazin (S. 113f.). Wie steht es um andere digitale Meilensteine der Geschichtswissenschaft?

Das 1996 bis 1999 von der Volkswagenstiftung geförderte und vom ehemaligen Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen durchgeführte Projekt „Digitales Archiv von Duderstadt“ wird nicht genannt. Vielleicht, weil es seit über zwei Jahren online nicht mehr erreichbar ist?[4] Als echter Meilenstein der deutschen Digitalisierung hätte die Seite in der Zusammenstellung eine Erwähnung mehr als verdient.

Der Band listet insbesondere solche Angebote, die einer allgemeinen und systematischen Recherchestruktur folgen, und ist sehr stark an die Angebote der deutschsprachigen (insbesondere der Berliner und bayerischen) Bibliotheks- und Archivlandschaft angelehnt. Dass sich das besprochene Angebot überwiegend auf deutschsprachige Ressourcen bezieht, ist angesichts des anvisierten Lesepublikums nachvollziehbar, bei einem so grenzüberschreitenden Medium wie dem Internet aber wenig angebracht.

Formal entspricht das Buch vorbildlich allen Standards. Durch die katalogartige Strukturierung werden die Einheiten übersichtlich erschlossen, ein Personen-, Orts- und Sachregister ist in jeder Hinsicht hilfreich, das „Verzeichnis der behandelten Informationsressourcen“ (S. 414–428) macht den gezielt zugreifenden Übergang vom Bildschirm zum Buch überhaupt erst möglich. Die beigefügten Screenshots geben einen guten Eindruck, was einen im Internet erwartet. Der textgestalterische Kompromiss zwischen fast lexikonartiger Informationsverdichtung und Sammlung unter Oberbegriffen ist gut gelungen. Stilistisch ist der Text durch die wiederholte Darstellung der speziellen Recherchemöglichkeiten – das ist aus Gründen der Vollständigkeit kaum zu vermeiden – oft eher deskriptiv, aber immer informativ. Die vielen Abkürzungen, die im Text immer wieder genannt werden, sind vorbildlich im Register verzeichnet. Die Literaturliste ist unerwartet kurz und verzeichnet überwiegend allgemeine Werke, während spezielle Literatur zur Geschichtswissenschaft und Internet zu wenig genannt wird.

Die erste Hälfte des Bandes gibt dem Leser allgemeine Informationen, um sich in der „Informationsexplosion“ (S. 1) zurechtzufinden. Ob es notwendig ist, etwas über Recherchemöglichkeiten im Web of Science, die (in den Naturwissenschaften übliche) Berechnung des Impactfaktors oder der Halbwertzeit geschichtswissenschaftlicher Literatur (wie hoch wäre diese bei den originalen MGH-Editionsbänden) zu erfahren, bleibt fraglich; um über den eigenen Tellerrand hinauszublicken sind sie allemal lesenswert. Tatsächlich vor allem für Geisteswissenschaftler sind dann die Darstellungen in den sechs Kapiteln der zweiten Hälfte, und davon hätte man sich mehr gewünscht. Insbesondere die Informationsressourcen aus anderen europäischen Sprachräumen, wie The National Archives in Kew, das französische Nationalarchiv oder die italienischen Archive fehlen. Dabei muss man nicht einmal so weit gehen, über das Projekt der Gesamtdigitalisierung der dänischen Archivbestände zu berichten, schon das „Digitale Historische Archiv Köln“, das nach der Katastrophe 2009 eingerichtet wurde, wäre erwähnenswert gewesen. Dass viele auch wichtige Projekte nicht besprochen wurden, muss leider gesagt werden. Als Beispiel seien für das Kapitel „Handschriftliche Quellenmaterialien“ das Fehlen des CEEC, des CESG, der schweizerischen Handschriftenbibliothek e-codices, des Internet Medieval Sourcebook (Fordham) oder des Inkunabelkatalogs INKA angemerkt.

Auf dieselbe Art wie (Fach-)Bibliographien helfen, in einer ständig wachsenden Publikationsflut den Überblick zu bewahren, soll Ganterts Buch ein hilfreiches Arbeitsmittel sein, um sich schnell und verlässlich über die verzeichneten Ressourcen zu informieren und Wege in einem ständig wachsenden Webangebot zu finden. Gerade weil das Angebot sich so rapide ändert, können solche Werke wichtig sein, um für das sehr schnelllebige Medium Internet einen verlässlichen Katalog zu haben. Ob das Buch den relativ hohen Preis wert ist, hängt nicht zuletzt von den Vorkenntnissen des Lesers ab. Einerseits dokumentiert es den Wachstumsprozess und bietet für die besprochenen Ressourcen verlässliche Informationen. Andererseits sind die regionalen Schwerpunkte zu bemängeln, die der Größe des Internets nicht gerecht werden, und das schlichte Fehlen wichtiger Webprojekte. Trotzdem können auch internet-affine Leser immer noch interessantes Neues entdecken.

Anmerkungen:
[1] Klaus Gantert, Elektronische Informationsressourcen für Germanisten (Bibliothekspraxis 40), Berlin 2010, S. 14.
[2] Christian von Ditfurth, Internet für Historiker, Frankfurt am Main, 2. Auflage, 1999. Siehe zur ersten Auflage des Buches: Kai Borschinsky: Rezension zu: von Ditfurth, Christian: Internet für Historiker. Frankfurt am Main 1997, in: H-Soz-u-Kult, 02.03.1998, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=301> (21.05.2012).
[3] Stuart Jenks / Paul Tiedemann, Internet für Historiker. Eine praxisorientierte Einführung. 2. überarb. und erw. Auflage, Darmstadt 2000. Siehe zur ersten Auflage des Buches: Bärbel Biste: Rezension zu: Ohrmund, Andreas; Tiedemann, Paul: Internet für Historiker. Eine praxisorientierte Einführung. Darmstadt 1999, in: H-Soz-u-Kult, 15.02.2000, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=164> (21.05.2012).
[4] <http://www.archive.geschichte.mpg.de/duderstadt/dud-d.htm> (letztmalig zu erreichen im Oktober 2009).

Zitation
Thomas Wozniak: Rezension zu: Gantert, Klaus: Elektronische Informationsressourcen für Historiker. Berlin 2011 , in: H-Soz-Kult, 04.06.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17912>.
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04.06.2012
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