S. Mratschek: Paulinus von Nola

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Titel
Der Briefwechsel des Paulinus von Nola. Kommunikation und soziale Kontakte zwischen christlichen Intellektuellen


Autor(en)
Mratschek, Sigrid
Erschienen
Göttingen 2002: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
IX, 732 S.
Preis
€ 99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau

Et res magna putatur mercari propriam de re pereunte salutem? Perpetuis mutare caduca et vendere terram, caelum emere?[1] Hinter diesen Fragen des aquitanischen Granden Meropius Pontius Paulinus (um 353/54-431) steht nicht allein der abstrakte Appell, sich angesichts zuspitzender weltlicher Krisen vom Irdischen ab- und Gott zuzuwenden, sondern ganz konkretes Handeln: der Verkauf irdischer Besitztümer und der Einsatz des Erlöses im Sinne christlicher caritas und persönlicher humilitas in der Erwartung, sich damit den Schlüssel zum Paradies zu erwerben. Paulinus hatte es in einer vielversprechenden weltlichen Karriere schon in recht jungen Jahren bis zur Statthalterschaft von Campanien gebracht und ließ sich nach einer Zeit orientierender Suche schließlich am Grab des hl. Felix bei Nola nieder, um sich an der Spitze einer monastischen Gemeinschaft und später auch des Bistums Nola zu einem Vorbild der Askese zu entwickeln, das im christlichen Gedankenaustausch mit kirchlichen Würdenträgern und weltlichen Notabeln seiner gallischen Heimat ebenso wie Afrikas, Italiens, Roms und weiterer Zentren ein fast die gesamte Mittelmeerwelt umspannendes Verbindungsnetz unterhielt.

Mit Hilfe gründlicher Einsicht in wesentliche Gesichtspunkte der mit der Lebenszeit des Paulinus einhergehenden Veränderung der spätantiken Kultur bietet Sigrid Mratschek anhand der Erschließung seines Briefwechsels unter dem Aspekt der Kommunikation zwischen christlichen Intellektuellen einen Schlüssel zu zentralen sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Fragen dieser Epoche. In der Fallstudie werden die sich aus Paulinus' Briefen ergebenden einschlägigen Themen aufgefächert und detailliert behandelt, wobei die prosopographischen Analysen und die sozialgeschichtlichen Schlussfolgerungen ihren Platz in einem Rahmen einnehmen, wie er für den Zugang zu Machtfragen der Spätantike in den letzten Jahren etwa von Peter Brown [2] abgesteckt worden ist. Mratschek reklamiert den Briefwechsel als wichtige Quelle gerade "für die ‚innere Geschichte' der spätrömischen Gesellschaft [...] und den erstaunlichen Aufstieg des Christentums in die politisch führenden Schichten des Kaiserreiches" (S. 6). Diese Geschichte ist, wie es die neuere Forschung der letzten drei bis vier Jahrzehnte überwiegend sieht, eine Geschichte von Veränderungen, die sich allmählich entwickelten und das Römische Reich transformierten, nicht von unvereinbar einander gegenüberstehenden Ansichten, vielmehr von der Einbettung christlicher Vorstellungen in die antike Lebenswelt, die letztlich eine neue Zeit heraufführten. Indem Mratschek den Anteil des bisher von der althistorischen Forschung vernachlässigten Paulinus an der Christianisierung antiker Kultur namhaft macht, hilft sie klären, worin die historische Leistung dessen besteht, der sich zur Askese bekennt.

In den vier Teilen ihrer umfangreichen Untersuchung schöpft Mratschek prosopographisch und sozialgeschichtlich den Briefwechsel des Paulinus aus: Der erste Teil über "Rhetorik und Askese" (S. 17-182) behandelt die Rahmenbedingungen eines Lebens, das sich zwischen gründlicher Bildung eines römischen Aristokraten und einer auf diesen Voraussetzungen aufbauenden Verwaltungslaufbahn einerseits und einer Hinwendung zum asketisch determinierten Christentum andererseits spannte. Dies hatte zur Folge, dass durch den Verzicht auf die "weltliche" Karriere und Nutznießung des Vermögens die erworbene standesgemäße Bildung und das Elitebewusstsein in den Dienst der neuen Sache gestellt wurden und aus der von einzelnen so vorgelebten Symbiose von Antike und Christentum auf Dauer ein gesamtgesellschaftlicher Veränderungsprozess in Gang kam, der das Koordinatensystem der Antike neu ausrichtete.

Mratschek beleuchtet den durch die gallische bzw. aquitanische Herkunft des Paulinus gegebenen kulturellen und politischen Hintergrund und weist auf die nicht zuletzt dem Paulinus-Lehrer Ausonius zu verdankende Blütezeit des politischen Einflusses gallischer Rhetoren in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts hin,[3] dem bereits in den ersten Jahren des 5. Jahrhunderts eine Verdüsterung des positiven Bildes folgte, bedingt durch die Züge germanischer Verbände durch Gallien, die eine allmähliche Lockerung der einst engen Beziehungen zwischen gallischer und italischer Aristokratie einleitete. Als Gründe hierfür sieht sie die Einsicht gallischer Notabeln in die Notwendigkeit an, sich selber intensiver um ihr gefährdetes Eigentum zu kümmern, wenn der Staat das eigentlich Selbstverständliche nicht mehr zu leisten vermochte, oder aber die Entdeckung der Alternative des "Rückzugs von der Welt auf der Suche nach einer besseren Lebenswirklichkeit" (S. 43), deren Attraktivität namentlich gebildete Gallier häufig ins Bischofsamt führte, das ihnen Möglichkeiten bot, den standesgemäßen Führungs- und Bildungsanspruch aufrechtzuerhalten.

In dieses allgemeine Szenarium fügt Mratschek den Werdegang des Paulinus ein: Geburt und Ausbildung in Bordeaux, Suffektkonsulat 378 und Statthalterschaft als consularis Campaniae ca. 381/82, gefördert durch den am Hofe Gratians allmächtigen Ausonius.[4] Das Ende dieser Karriere setzt sie mit der Usurpation des Magnus Maximus und der Ermordung Gratians im Jahre 383 an. In den folgenden Jahren betrieb Paulinus literarische Studien und beschäftigte sich mit dem Christentum, heiratete die spanische Aristokratin Therasia, wechselte zwischen Wohnsitzen nördlich und südlich der Pyrenäen, geriet in Lebensgefahr angesichts des gewaltsamen Todes seines Bruders, was "zum Schlüsselerlebnis seiner Bekehrung" (S. 58) wurde.[5] Weihnachten 394 folgte die Priesterweihe in Barcelona,[6] 395 die Reise nach Italien, wo er sich am Grab des Märtyrers Felix in Campanien nahe der Stadt Nola niederließ, zu deren Bischof er um 409 gewählt wurde und wo er 431 starb. Mratschek verwendet einiges an Mühe darauf, die Ereignisse der Neuorientierungsphase des Paulinus in eine plausible Abfolge zu bringen, die Qualität der campanischen Statthalterschaft, die Karriereaussichten und die Verwandtschaftsverhältnisse zu Melania d. Ä. und den Aniciern zu diskutieren.

Ihre eigentliche Stärke aber liegt anderswo: aus den viel untersuchten, dürren und letztlich nur unter Plausibilitätsaspekten zu ordnenden Fakten die Linien herauszuarbeiten, die bei Paulinus zur Neuorientierung seines Lebens führten, und an dieser individuellen Wende quellengestützte Schlussfolgerungen allgemein-gesellschaftlicher Art anzuknüpfen. Aus dem allgemeinpolitisch sich seit den 380er Jahren für Gallien verdüsternden Horizont und der persönlichen Existenzbedrohung im Zusammenhang mit dem Tode des Bruders fiel 394 der Entschluss des Paulinus, die weltlichen Güter zu verkaufen und ein neues Leben zu beginnen. Er "war der erste Senator, der zugunsten der spezifisch christlichen Lebensform als Mönch seine politische Laufbahn und ein riesiges Vermögen geopfert hatte" (S. 103). Mratschek vermag sehr plausibel zu zeigen, dass Paulinus sich damit trotz der Einladungen des Hieronymus, Ambrosius oder Augustinus nicht vereinnahmen ließ, sondern Unabhängigkeit, Handlungsfreiheit und Einfluss durch die eigene Bindung an die Verehrungsstätte des hl. Felix und die Verfügungsgewalt über den Einsatz seiner Finanzmittel wahrte. Die dadurch aufgebaute Reputation kam im 5. und 6. Jahrhundert nicht zuletzt seinen aquitanischen Familienangehörigen zugute, so dass das asketische Lebensideal in dieser Gesellschaftsschicht "ihren Einfluß über die Völkerwanderungszeit hinaus bis ins frühe Mittelalter" (S. 119; vgl. S. 593) zu sichern vermochte.[7] Paulinus' asketisches Prinzip war daher eher auf imitatio Christi als auf totalen Vermögensverzicht ausgerichtet: Er nutzte den Reichtum zwar nicht mehr privat, verwaltete ihn aber nach wie vor, um ihn angemessen einzusetzen.

Das Vorbild für ein asketisches Christentum verfuhr dabei aber gar nicht dogmatisch und hielt für Ratsuchende unter den Gesprächs- und Briefpartnern individuell angepasste unterschiedliche Vorschläge bereit, sich in den Dienst Christi zu stellen, die vom Verzicht auf Teile des Vermögens (Beispiel Sulpicius Severus) über die Möglichkeit, die Vermögensverwaltung anderen Familienangehörigen zu übertragen, um selber zur Askese finden und den Kindern das Erbe sichern zu können (Beispiel Aper und Amanda), bis zum Verzicht auf eine Laufbahn im Staatsdienst oder wenigstens zur inneren Loslösung vom Besitz reichten. Mit seiner Handlungsweise und ihrer Propagierung leitete Paulinus eine Entwicklung ein, der durch "tiefgreifende gesellschaftliche Umstrukturierung [...] innerhalb des Senatorenstandes und innerhalb der Mönchsbewegung im Westen" (S. 178) mittels der Übernahme seiner Ideale durch Angehörige der Oberschicht "ein Wandel im Wertesystem" (S. 179) folgte.

Mit dem Abschluss des ersten Teils liegen die Voraussetzungen für das Handeln des Paulinus zutage: seine Einbindung in den römischen Kulturkreis (süd-)gallischer Prägung, seine Biografie, die Entscheidung zugunsten einer nicht dogmatisch verfolgten Askese durch freiwilligen Vermögensverzicht, deren politische und persönliche Hintergründe, der einflusssichernde Einsatz der Finanzmittel zugunsten der Armen und ausgewählter Projekte, die Vorbildlichkeit dieses Tuns durch Bekanntmachung, ihr Echo in der Öffentlichkeit und der dadurch auf Dauer herbeigeführte Mentalitäts- und Wertewandel der antiken Welt. Damit ist der Rahmen abgesteckt, der nun konkret gefüllt wird.

Im zweiten Teil ("Der Zirkel", S. 183-394) behandelt Mratschek die äußeren Bedingungen des Briefwechsels: die lokalen Zentren, von denen aus Paulinus agierte, und soziale Aspekte im Zusammenhang mit seinem Briefverkehr wie Postwesen, Boten und Adressaten. Zunächst umreißt sie Thematik und Umkreis des inneraquitanischen Briefverkehrs der 380er Jahre, der vom überschaubaren Ausonius-Kreis gebildeter Literaten bestimmt war. Sodann sucht sie Paulinus' aquitanischen Lieblingsaufenthalt Ebromagus südlich von Bordeaux zu lokalisieren und knüpft hieran Überlegungen zum zeitlichen Ansatz des inneraquitanischen Briefwechsels zwischen Paulinus und Ausonius und zu den auf Entfremdung hindeutenden Briefen des Ausonius, auf die dieser jahrelang von dem sich in Spanien aufhaltenden Paulinus keine Antwort erhielt.[8] Für die Jahre 389-394 setzt Mratschek den Spanienaufenthalt des Paulinus und seiner Ehefrau an, der über weite Strecken "ziellosen Reisen von Villa zu Villa" (S. 213) gegolten habe.[9]

Äußerungen von der letzten Station seines Spanienaufenthaltes in Barcelona ist zu entnehmen, dass Paulinus nun entschlossen war: In diese Zeit ist die Aufnahme der Korrespondenz mit Hieronymus zu datieren, die Absage an Ausonius bezüglich der Rückkehr nach Aquitanien, die Absicht, den Landbesitz zu verkaufen. Paulinus entzog sich Versuchen der Einflussnahme anderer durch die Entscheidung für die Niederlassung in Nola, wo er im Sommer 395 eintraf. Mratschek entlarvt den Rückzug des Paulinus in die "Abgeschiedenheit" (S. 244) von Nola als dem Askesegebot Rechnung tragende Stilisierung - in Wirklichkeit lag hier die Zentrale seines Briefverkehrs, wofür die Stadt durch ihre verkehrsgünstige Lage in Mittelitalien für den mittleren und westlichen Mittelmeerraum beste Voraussetzungen bot. Hinzu kamen die von Paulinus finanzierten aufwendigen Baumaßnahmen am Felix-Grab: die Restauration der alten Basilika, die Errichtung der Klosteranlage und der aufwendige Bau der großen basilica nova, die für eine Vervielfachung des Pilgerstroms sorgten, was weitere Infrastrukturmaßnahmen zur Folge hatte, Nola und Felix zugleich aber auch "in den Blick der ‚Weltöffentlichkeit' gerückt hatte" (S. 262) und so dem Ansehen des Paulinus auf allen Ebenen zugute kam.

In Ergänzung zu dieser Geschichte der Etablierung des Paulinus von Nola erfasst Mratschek als Grundlage für die Besprechung des Briefwechsels und seiner Wirkungen die mit dem Austausch von Briefen verbundenen Sozialaspekte. Sie umreißt anhand der Angaben in den Briefen des Paulinus und seiner Zeitgenossen die Organisation des spätrömischen privaten Postwesens, das vom Vorhandensein eines verlässlichen Botennetzes abhängig war. Das betrifft die postalische Terminologie der Spätantike ebenso wie die Organisation des Briefaustauschs, Reisezeiten, Fortbewegungsmittel, Erholungsphasen der Boten, Kontakthäufigkeit zwischen Briefpartnern, Störungen der Postverbindungen durch Unruhen oder Kriege, für die die Briefe anschauliche Belege liefern. Interessante Einzelheiten weiß Mratschek aus Paulinus' Angaben auch über die Boten zusammenzutragen: Dazu gehören die mündlichen Ergänzungen brieflicher Äußerungen durch die Kuriere und das für Botendienste ausgewählte Personal, das sich zunächst aus der unfreien und freien Dienerschaft zusammensetzte (pueri und famuli), später mehr und mehr aus niederen Klerikern und Mönchen (filii sancti). Soldaten als Briefkuriere lehnte Paulinus rundweg ab, wie wortreiche Beschwerden bei seinem Freund Sulpicius Severus zeigen.[10]

Auch die Briefpartner des Paulinus werden prosopographisch erfasst und sozialgeschichtlich eingeordnet. Es überrascht kaum, dass die Adressaten durchweg einen hohen sozialen Rang einnahmen und überwiegend im gallisch-aquitanischen Raum siedelten. Verändert hatte sich gegenüber der Zeit vor der Entscheidung zur Askese nur die personale Zusammensetzung, die nicht mehr vom Interesse an der weltlichen Literatur, wie beim Ausonius-Kreis, sondern von der Nachfolge Christi bestimmt wurde, für die Martin von Tours genannt werden kann, um dessen Popularität sich Sulpicius Severus durch seine Vita und Paulinus durch deren Herausgabe besonders verdient machten. An einer Reihe von Beispielen zeigt Mratschek, dass, aufs Ganze gesehen, "die weltlichen und geistlichen Briefpartner eine erstaunlich homogene Gruppe" (S. 356) waren. Diese Personen verfügten in der Regel über eine exzellente literarische und rhetorische Bildung, die sie für hohe Verwaltungsaufgaben im römischen Reich prädestinierte, über Aussicht auf Karrieren, auf die sie verzichteten, wenn sie in den Klerus überwechselten. Ihre Bildung und Erfahrung in der Verwaltung privater Güter wie im Staatsdienst stellten sie sodann in den Dienst der neuen Sache; dazu gehörte auch der standesgemäß kultivierte Briefverkehr mit dem Ziel des persuadere: der Einwirkung auf Adressaten zugunsten der asketischen Bewegung, der Propaganda in eigener Sache und der Patronage, womit man „über die Exklusivität einer hochgestellten Minderheit hinaus auf größere Wirksamkeit in der Öffentlichkeit bedacht war" (S. 394).

Damit ist schon das Thema angesprochen, das Mratschek im dritten Teil ("Der Briefwechsel", S. 395-485) verfolgt: die öffentliche Wirkung und die Praxis des geistigen Austauschs zwischen christlichen Intellektuellen. Sie ordnet den Briefwechsel zunächst in Strategien der Meinungsbildung in der christlichen Spätantike auch gegenüber dem einfachen Volk (hierzu gehören z.B. die Kirchenbauten des Paulinus und seine alljährlichen natalicia zum Geburtstag des Märtyrers Felix) ein. Innerhalb des eigenen Kreises sorgte Paulinus für das Bekanntwerden seiner Selbstdarstellung durch Vervielfältigung seiner Briefe, durch die geistiger Austausch initiiert und getragen wurde. Aus dem Austausch von Reliquien etwa liest Mratschek ab, wie "die monastische Bewegung im Westen des Imperiums [...] an Terrain gewann" (S. 442). Eine ganz wesentliche Rolle spielte dabei als "Statussymbol gebildeter Christen" (S. 444) auch das Buch. Es schließt sich ein Kapitel über die publizistische und verlegerische Tätigkeit des Paulinus an, für die er wiederum in Briefen warb, etwa mit seinem Einsatz für die Verbreitung der Biografie Martins von Tours.

Der vierte Teil ("Der Mensch und die Gesellschaft", S. 487-591) befasst sich mit dem Kontaktertrag des intensiven Briefwechsels, wie ihn Paulinus führte, den Ergebnissen seiner Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache sozusagen. Über die brieflich gepflegten Freundschaften hinaus verfügte Paulinus auch zu den kirchlichen und staatlichen Verwaltungen einschließlich der kaiserlichen in Rom, Mailand und Ravenna über gute Verbindungen. Einmal im Jahr unternahm er selber eine Pilgerfahrt nach Rom, wo er sich zugleich in intensiven Kontakten auch "um die Anerkennung seiner asketischen Ideale durch die Führungsspitze des Reiches und der Kirche" (S. 495) bemühte und Beziehungen mit der Senatsaristokratie pflegte, über die er sich freilich in Briefen nicht äußerte. Wie positiv sich sein Ansehen entwickelte, zeigt der Brief der Kaiserin Galla Placidia, mit dem sie 419 Paulinus bat, den Vorsitz auf der Synode von Spoleto zu führen, auf der die Nachfolge des Papstes Zosimus zur Debatte stand. Ein weiteres Kapitel gilt dem Verhältnis des Paulinus zu den Bischöfen, etwa seinen guten Kontakten zu den Vorstehern der campanischen Nachbarbistümer und den Verbindungen zu den gallischen und den nordafrikanischen Bischöfen, insbesondere Augustinus. Dagegen gibt es hinsichtlich der Beziehungen zwischen Ambrosius von Mailand und Paulinus "viele ungelöste Rätsel" (S. 536), doch ist Ambrosius an "Beziehungsnetzwerken" beteiligt, zu denen Paulinus gute Kontakte unterhielt. Im letzten Kapitel dieses Teils trägt Mratschek die Nachrichten über die Besucher in Nola zusammen, die die wachsende Anerkennung des Paulinus illustrieren. Besonders hervorzuheben sind dabei die religionspolitischen Aktivitäten des Augustinus, dessen Gesandtschaften (z.B. zu Kaiser Honorius) regelmäßig über Nola reisten, der Besuch Melanias d. Ä. bei ihrer Rückkehr aus Palästina im Jahre 400 und der längere Aufenthalt Melanias d. J. und ihrer Angehörigen 407, worin Mratschek "ein Zeichen für die Anziehungskraft asketischer Ideale auf die Senatsaristokratie" (S. 573) sieht.

In der Zusammenfassung "Aufbruch in ein neues Zeitalter" (S. 592-602) bündelt Mratschek ihre Ergebnisse unter dem Gesichtspunkt der Transformation der Spätantike zu etwas Neuem. "Christen wie Paulinus, die vorgaben, das klassische Erbe abzulehnen [...], waren diejenigen, die es bewahrten, als die Germanen Rom überrannten" (S. 600f.). In ihrem Denken und Handeln erachteten sie die überkommenen Wertvorstellungen als unzeitgemäß und ersetzten "ein politisches Vakuum [...], als sie staatliche Aufgaben übernahmen und ... selbst die Führungsschicht zu konstituieren begannen" (S. 601). In einer Zeit sich beschleunigender politischer Veränderungen übernahmen sie so Funktionen in diesem Wandlungsprozess - und halfen manches in die neue Zeit hinüberzuretten, was andernfalls untergegangen wäre.

Trotz eines Umfangs von mehr als 700 Seiten enthält das Buch keine langatmigen Ausführungen. Der Leitgedanke wird im ersten Teil Schritt für Schritt überzeugend entwickelt, im zweiten bis vierten Teil dann unter wirklich ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten an trefflichen Beispielen geradezu geduldig ausgeführt, ohne dass der Leser den Zusammenhang mit dem großen Ganzen aus dem Auge verliert, so dass sich ein Mosaiksteinchen ans andere reiht, bis das anfänglich entworfene Bild abgerundet ist. Der Eindruck des Abwechslungsreichen und Kurzweiligen rührt nicht nur von Mratscheks angenehmem Stil her, er ist auch das Ergebnis des nach und nach sich entfaltenden Aspektreichtums, mit dem sie den Briefwechsel des Paulinus betrachtet, den sie unter ihrer Fragestellung erschöpfend ausgewertet haben dürfte, womit nicht gesagt sein soll, dass es im Detail nicht noch Veränderungen und vielleicht Verbesserungen geben kann.[11] Druckfehler und sachliche Versehen sind Ausnahmen.[12]

Nicht jeder Nutzer wird dieses auch äußerlich ästhetische Ansprüche zufrieden stellende Buch von vorn bis hinten lesen. Zur Erschließung des Textes ist daher ein opulenter Anhang (S. 603-732) beigegeben, der die zielgerichtete Nutzung erleichtert: Hierzu gehören ausgewählte Quellenzeugnisse zum Askesegedanken, prosopographische Übersichten mit kurzen Erläuterungen zu den Briefboten und den Briefpartnern des Paulinus, den Gesprächspartnern bei seinen Rombesuchen sowie den auswärtigen Gästen in Nola, ferner Übersetzung und Kommentar des Briefes der Galla Placidia an Paulinus von 419. Quellen- und Literaturverzeichnis sowie kaum Wünsche offen lassende Indices schließen den Band ab.

Anmerkungen:
[1] Paul. Nol. carm. 27,301-304 (CSEL 30, 275), nat. 9 von 403. Vgl. hierzu Mratschek, S. 99f.; 425f.
[2] Vgl. z.B. Brown, Peter, Power and Persuasion in Late Antiquity. Towards a Christian Empire, Madison 1992, deutsch unter dem Titel: Macht und Rhetorik in der Spätantike. Der Weg zu einem "christlichen Imperium", München 1995.
[3] Vgl. hierzu jetzt Coskun, Altay, Die gens Ausoniana an der Macht. Untersuchungen zu Decimius Magnus Ausonius und seiner Familie (Prosopographica et Genealogica 8), Oxford 2002, rezensiert von Ulrich Lambrecht in: Plekos 4, 2002, S. 193-199 (URL: http://www.plekos.uni-muenchen.de/2002/rcoskun.pdf).
[4] Dessen Rückzug ins Privatleben setzt Mratschek (vgl. S. 53, 55, 208) in dieselbe Zeit wie die des Paulinus und begründet ihn mit denselben Ereignissen. Coskun (wie Anm. 3) 91-94 plädiert jedoch mit recht guten Gründen für ein früheres Ausscheiden des Ausonius aus dem Reichsdienst in seinem Konsulatsjahr 379. Zur Ämterlaufbahn des Ausonius vgl. über Mratschek S. 350 hinaus die genaue Untersuchung durch Coskun (wie Anm. 3), 37-91.
[5] Es gibt die unterschiedlichsten Versuche, die Ereignisabfolge zwischen der Rückkehr des Paulinus aus Campanien und seinem Entschluss zugunsten eines asketischen Christentums in eine plausible Ordnung zu bringen; vgl. auch Coskun (wie Anm. 3), 98-111, der vor dem Hintergrund des Briefwechsels zwischen Paulinus und Ausonius zu teilweise anderen Ergebnissen kommt als Mratschek. Coskun (wie Anm. 3), 102f. (mit Anm. 258-260) sieht in Paul. Nol. carm. 21,416-420 einen mit der Hinrichtung endenden Mordprozess gegen Paulinus' Bruder angedeutet, seine Taufe setzt er in die Zeit nach der mit diesen Ereignissen verbundenen Existenzbedrohung (S. 110: Ostern 391) und geht S. 104 davon aus, dass er sich danach mit seiner Gattin eine Zeitlang zurückzog und den Kontakt mit Freunden abbrach. Dagegen benennt Mratschek S. 58; 84-89 mit den Usurpationswirren, möglicherweise in Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um den Priszillianismus, in Anlehnung an ältere Literatur teilweise andere Ursachen für die Existenzbedrohung des Paulinus, siedelt S. 57 die Taufe zusammen mit seinem Bruder, Pierre Fabre folgend, im Zeitraum 384-389 an, sieht S. 296f. die ausbleibenden Antworten des Paulinus auf die Briefe des Ausonius als Folge seiner häufigen Residenzwechsel in Spanien, also als gestörte Postverbindung, nicht bewussten Kontaktabbruch, an.
[6] Mratschek S. 59; 91-93 betont hierbei in Anlehnung an die Selbstdarstellung des Paulinus (epist. 1,10; 3,4) den Aspekt des Zwangs durch die Akklamation des Volkes, Coskun (wie Anm. 3), 107 des Paulinus "Entschlossenheit, mit der er sein Ziel anstrebte". Realitätsnäher als im ersten Teil urteilt Mratschek S. 419: "Seine recusatio [...] war nichts anderes als ein konventionelles Ritual der Zurückweisung der Macht."
[7] Dass hier nicht einfach ein Gegensatz zu Adligen konstruiert werden kann, die ihre bisherige Lebenswelt beizubehalten suchten und sich dadurch schnell ruinierten, zeigt die unterschiedliche Einschätzung der Lebensverhältnisse des Ausonius-Enkels Paulinus von Pella, den Mratschek S. 40; 118f. aufgrund einer zu sehr am Wortlaut orientierten Interpretation seiner autobiografischen Angaben für verarmt hält, während Coskun (wie Anm. 3), 158-161 trotz hoher Vermögensverluste seine führende gesellschaftliche Stellung als weiterhin gesichert einschätzt.
[8] Vgl. Mratschek S. 206-208, 218f., unter teilweise anderen Prämissen stehende Überlegungen zum Zeitablauf bei Coskun (wie Anm. 3), 98-111.
[9] Unter Bezugnahme auf Paul. Nol. carm. 10,103f.; andere Akzentuierung durch Coskun (wie Anm. 3), 98; 104.
[10] Vgl. Paul. Nol. epist. 17,1; 22,1-3.
[11] So erscheinen mir einige der Annahmen Coskuns (o. Anm. 3-9) - in einer Untersuchung allerdings ganz anderer Zielrichtung - plausibler als diejenigen Mratscheks.
[12] Beispiele: Eigennamen "Graisse" statt richtig "Graesse" (S. 201, Anm. 49), "v. Hähling" statt richtig "v. Haehling" (S. 174, Anm. 3 u. ö.). - Themistius war nicht Stadtpräfekt von Rom (so S. 225), sondern von Konstantinopel. - S. 627 Angabe falscher Seitenzahlen in der von Paul Dräger 2002 herausgegebenen zweisprachigen Ausgabe des Briefwechsels zwischen Ausonius und Paulinus von Nola. - Die Edition der Akten des dritten Konzils von Konstantinopel (680/81) ist abgekürzt falsch zitiert (S. 649: "ACO II/2"). "ACO II 2" ist aber Bd. 2 des Tomus II der Edition der Konzilsakten von Chalkedon (451), erschienen 1932/36, Mratschek meint stattdessen ACO Series II, Bd. 2, Teil 2, erschienen 1992. Fehler dieser Art sind allerdings nicht weiter verwunderlich, wenn mitten in einer Edition der Akten der acht Konzilien des Altertums nach dem fünften Konzil der bisherige Editionsaufbau unter Aufgabe der Tomus-Zählung durch eine Series II abgelöst wird.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: Mratschek, Sigrid: Der Briefwechsel des Paulinus von Nola. Kommunikation und soziale Kontakte zwischen christlichen Intellektuellen. Göttingen 2002 , in: H-Soz-Kult, 08.04.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2043>.
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08.04.2003
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