L. Lorbeer: Sterbe- und Ewigkeitslieder

Cover
Titel
Die Sterbe- und Ewigkeitslieder in deutschen lutherischen Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts.


Autor(en)
Lorbeer, Lukas
Erschienen
Göttingen 2012: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
740 S.
Preis
€ 150,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Gruber, Deutsches Seminar, Universität Tübingen

In Fontanes „Vor dem Sturm. Roman aus dem Winter 1812 auf 13“ (1878) erinnert sich der sterbende Tubal von Ladalinski an eine Strophe „eines langen Liedes“, das er „in der Predigerstunde bei dem alten Oberkonsistorialrat lernen mußte“[1], und ihm wird die 9. Strophe von Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“ vorgelesen. Mit ähnlichen Zitaten aus Sterbe- und Begräbnisliedern des 17. Jahrhunderts in literarischen Werken ließe sich eine lange Liste erstellen. Sie würde zeigen, dass diese Lieder lange präsent blieben und nicht nur von theologischer, sondern auch von literarischer Relevanz sind. Der Ansatz von Lukas Lorbeers umfangreicher Studie, die 2011 von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen als Dissertation angenommen wurde, ist zwar theologisch, die Untersuchung schließt aber literaturwissenschaftliche und medienwissenschaftliche Aspekte mit ein. Im 17. Jahrhundert – einem für die Entwicklung protestantischen Liedgutes ohnedies wichtigen Jahrhundert – gehörten die Sterbe- und Begräbnislieder zum Kernbestand lutherischer Lieddichtung. Lorbeer bringt dies auf die kurze Formel: „Sterben und Singen gehören zusammen“ (S. 15). Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass er der Erste ist, der diesem für das protestantische Kirchenlied so wichtigen Thema eine umfangreiche Studie widmet. Zuvor entstandene Untersuchungen sind thematisch begrenzt und richten ihren Fokus auf Sterbe- und Begräbnislieder einzelner Autoren, Gesangbücher oder Territorien. Im Hinblick auf das katholische Liedgut zum Thema Sterben, Tod und Begräbnis ist auf die Dissertation von Michael Fischer[2] zu verweisen, die zwar ein breiteres Themenspektrum umfasst, aber der hymnologischen Relevanz des Themas ein Kapitel widmet. Zu erwähnen ist ferner die ausführlich kommentierte Edition von Michael Fischer und Rebecca Schmidt[3], die Sterbe- und Begräbnislieder beider Konfessionen des 16. bis 20. Jahrhunderts versammelt.

Als Grundlage seiner Untersuchung wählte Lorbeer Gesangbücher von 1591 bis 1706 und berücksichtigt darüber hinaus auch die Anfänge des evangelischen Gesangbuches. Er gliedert seine Arbeit in drei Abschnitte. Teil A (Das Sterbe- und Ewigkeitslied im Gesangbuch) dient der Kontextualisierung der ausgewählten Gesangbücher und Lieder innerhalb der Medien- und Gesangbuchgeschichte. Teil B, der Hauptteil der Studie, widmet sich den Vorstellungen von Sterben, Tod und Auferstehung, die in den Liedern zum Ausdruck kommen, und Teil C fragt unter Hinzuziehung weiterer Quellen nach dem „Sitz im Leben“ der Lieder.

Die Textauswahl in Teil A grenzt die zu untersuchenden Lieder ein auf solche, die in den einschlägigen Rubriken verzeichnet sind. Thematisch verwandte Lieder anderer Rubriken werden nicht berücksichtigt. Die zu untersuchenden Gesangbücher wählte der Verfasser im Hinblick darauf aus, dass die Territorien, aus denen sie stammen, eine möglichst große Bandbreite repräsentieren und zwar sowohl geographisch und historisch als auch hinsichtlich ihrer Stellung gegenüber der Wittenberger Konkordie (Verständigung zwischen Wittenberger und oberdeutschen Theologen hinsichtlich der Abendmahlsfrage). Neben drei Gesangbüchern aus dem vorausgehenden Zeitabschnitt von 1524 bis 1560 (Gesangbuch von Michael Weisse, Bapstsches Gesangbuch, Eichhornsches Gesangbuch) wählte Lorbeer 50 lutherische Gesangbücher aus Württemberg, Braunschweig-Lüneburg, Kurbrandenburg, Kursachsen und Nürnberg. Aus der vergleichenden Analyse ergibt sich ein aus Einzelbeobachtungen zusammengetragenes Konstrukt der „Sprach- und Vorstellungswelt“ (S. 23) dieser Texte. Neben Wortfeldanalysen nimmt der Verfasser Analysen der performativen Bestimmung der Texte und der textinternen Sprechsituation – jeweils in ihrer diachronen Entwicklung – vor. Wertungen wie teleologische Modelle oder Verfallsmodelle, die für die Hymnologie der Vergangenheit wichtige Argumentationsmuster darstellten, vermeidet er.

In Teil A zeigt sich, dass die alten Lieder des 16. Jahrhunderts zwar weit verbreitet, dass die neuen Lieder diesen aber quantitativ überlegen waren und ihre Zahl ab 1625 ständig zunahm. Der Verfasser gibt hierfür drei Erklärungen: die wachsende Bedeutung der Privatandacht, in deren Kontext zahlreiche neue geistliche Lieder entstanden, die durch Opitz gesetzten Qualitätsmaßstäbe, die ebenfalls zu Neudichtungen anregten, sowie den Dreißigjährigen Krieg. Hinsichtlich der in Teil B untersuchten Sprach- und Vorstellungswelt der Lieder bemerkt der Verfasser eine im diachronen Verlauf zunehmende Abwertung der Welt und eine mit dieser korrespondierenden Aufwertung des Abschieds von ihr. In den untersuchten Liedtexten dominieren die Bildbereiche des Lebens als Pilgerreise (peregrinatio) und als ritterlicher Kampf (militia). Die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit lange vor dem Tod (der die Menschen ‚bereit‘ finden sollte) begegnet in den Liedern in drei Spielarten: in der „Rede vom ‚Denken an‘ das eigenen Ende“ in der „Rede von der Todesstunde“ und in der „Rede vom Tod als Person“ (S. 258). Das subjektive Erleben des Sterbens war vorgeprägt durch literarische Muster, vor allem durch die biblische Redeweise der Klagepsalmen. Als zentralen Inhalt christlichen Sterbetrostes nennt Lorbeer Person und Werk Christi, wobei der Wandel in der Betrachtung seiner Wunden exemplarisch für den Wandel in der Passionsbetrachtung ist: Sie wurden zunehmend bildlich gedeutet. Im Hinblick auf Christus ist im Verlauf des Untersuchungszeitraums ebenso eine Steigerung der auf mittelalterliche Vorstellungen zurückgehenden Brautmetaphorik (beispielsweise in „Wie schön leuchtet der Morgenstern“) erkennbar. Darüber hinaus wird deutlich, dass der Tod zunehmend nicht nur als für die Gottesbeziehung bedrohlich empfunden wird, sondern vor allem auch für die Beziehungen der Menschen untereinander.

Vom Beginn bis zum Ende des 17. Jahrhunderts traten in den untersuchten Liedern immer stärker die Beziehungen zwischen Verwandten in den Fokus, nachdem im 16. Jahrhundert übermäßige Trauer noch als ‚heidnisch‘ abgelehnt worden war. Hinsichtlich der Thematik von Leib und Seele trat „das ‚Schon jetzt‘ des seligen Zustands der Seele im Verlauf des Untersuchungszeitraums immer deutlicher“ hervor, und „die noch ausstehende Vollendung am Jüngsten Tag“ (S. 532) verlor an Bedeutung. Als wichtig für den Sitz im Leben des Sterbe- und Ewigkeitsliedes erweist sich vor allem das im Schreiben, Lesen, Beten und Singen von Sterbe- und Ewigkeitsliedern vollzogene Memento mori. Außerdem zeigt sich, welch wichtigen Beitrag das Sterbelied bei der Sterbeseelsorge leistete. Abschließend stellt der Autor fest, dass im Verlauf des Untersuchungszeitraums vor allem eine Tendenz zu Individualisierung und Verinnerlichung sowie ein Wandel in der Bewertung des leiblichen Todes erkennbar werde: Das individuelle Ende habe immer mehr Funktionen übernommen, die ursprünglich in der Endzeit verortet wurden, und die Vorstellung vom Kommen Christi habe sich damit vom Jüngsten Tag auf die Todesstunde verlagert.

Der Band bietet außerdem ein tabellarisches Verzeichnis der untersuchten Liedtexte mit hymnologischen Nachweisen, ein Personenregister, ein Sachregister, ein Register der Liedanfänge und Bibelstellen sowie Tabellen, die nachweisen, welche Gesangbücher jeweils die untersuchten Lieder enthalten. Lorbeers Untersuchung ist trotz ihres großen Umfangs sehr gut lesbar und bietet Lesern mit und ohne hymnologische Vorkenntnisse am Beispiel eines Kernthemas lutherischen Liedschaffens neue Erkenntnisse über einen wichtigen Abschnitt der geistlichen Lieddichtung und Gesangbuchentwicklung. Durch ihren immer wieder die Disziplingrenzen überschreitenden Ansatz ist sie anschlussfähig für literaturwissenschaftliche Studien zur Thematik.

Anmerkungen:

[1] Theodor Fontane, Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes, 3. Bd. (= Walter Keitel / Helmuth Nürnberger [Hrsg.], Theodor Fontane. Werke, Schriften und Briefe, 2. Aufl., Abteilung 1), München 1971, S. 685.
[2] Michael Fischer, Ein Sarg nur und ein Leichenkleid. Sterben und Tod im 19. Jahrhundert. Zur Kultur- und Frömmigkeitsgeschichte des Katholizismus in Südwestdeutschland, Paderborn 2004.
[3] Michael Fischer / Rebecca Schmidt, „Mein Testament soll seyn am End“. Sterbe- und Begräbnislieder zwischen 1500 und 2000, Münster 2005.

Zitation
Sabine Gruber: Rezension zu: Lorbeer, Lukas: Die Sterbe- und Ewigkeitslieder in deutschen lutherischen Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts. Göttingen 2012 , in: H-Soz-Kult, 16.02.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20491>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.02.2015
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation