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Titel
Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik des Anarchismus und Syndikalismus


Autor(en)
Schmidt, Michael; van der Walt, Lucien
Umfang
557 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dieter Nelles, Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

In einem Artikel über Pierre-Joseph Proudhon schrieb der Journalist Jakob Schulz kürzlich in der Süddeutschen Zeitung: „Proudhons Überzeugungen haben letztlich keinen bleibenden Einfluss auf den Sozialismus. Anfang des 20. Jahrhunderts finden anarchistische Ideen fast nur noch in intellektuellen Kreisen statt.“[1] Es sind solche Fehlurteile, die den Anarchismus fälschlicherweise als gesellschaftliche Randerscheinung abqualifizieren oder ihn „mit Chaos, Desorganisation und Zerstörung“ (S. 14) gleichsetzen, gegen die sich der Soziologe Lucien van der Walt und der Journalist Michael Schmidt richten. Das 2009 auf Englisch erschienene Werk wird sowohl in politischen als auch in wissenschaftlichen Kreisen kontrovers diskutiert, wobei die Debatte insgesamt, schreiben die Übersetzer im Nachwort, „vor allem kraft politischer Überzeugungen geführt“ werde „und kaum als wissenschaftliche Auseinandersetzung“ (S. 431).

Das dem so ist, hat aber auch damit zu tun, dass es sich bei Schwarze Flamme, so die Autoren, „nicht bloß um die archäologische Studie einer altertümlichen, heute begrabenen Bewegung“ handele, sondern um eine Bewegung, die „inmitten der globalisierungskritischen und antikapitalistischen Bewegung“ stehe (S. 8). Die Autoren verfolgen zwei zentrale Ziele: Sie liefern eine neue Interpretation der anarchistischen Tradition und versuchen eine globale Geschichte der anarchistischen Bewegung zu schreiben, die nicht auf Westeuropa und die USA beschränkt ist. Sie wenden sich damit ausdrücklich gegen die These des „spanischen Exzeptionalismus“ (S. 349–343), nach der der Anarchismus nur in Spanien einen Masseneinfluss hatte (S. 204), und erinnern mit dem Historiker Eric Hobsbawm daran, dass die marxistische Linke in den Jahren 1905–1914 am Rande der revolutionären Bewegung stand, deren Mehrheit sich anarcho-syndikalistisch orientierte. (S. 204)

Im ersten Teil entwickeln die Autoren ihre Definition der broad anarchist tradition (die Übersetzer verwenden den Begriff des englischen Originals), die ihre Wurzeln im anarchistischen Flügel der Ersten Internationale um Bakunin habe und zur sozialistischen Bewegung gehöre. Dieser „Klassenkampfanarchismus“ ist für sie nicht „etwa eine Variante des Anarchismus“, sondern der „einzige Anarchismus“ (S. 34). Denker, die gemeinhin als Anarchisten bezeichnet werden wie William Godwin, Max Stirner oder Leo Tolstoi betrachten sie nicht als Bestandteil dieser Tradition, sondern als libertäre Denker, deren Ideen sie vom Anarchismus unterscheiden. Bemerkenswert ist, dass sie neben Proudhon auch Marx als Ideengeber des Anarchismus bezeichnen. Sie diskutieren ausführlich die Gemeinsamkeiten aber auch die tiefgreifenden Unterschiede zwischen Anarchismus und Marxismus (S. 112–152). Die Anarchismus-Definition der Autoren hat erwartungsgemäß die meiste Kritik hervorgerufen. Es ist sinnvoll, wie die Autoren es tun, zwischen Anarchismus als sozialer Bewegung und libertären philosophischen Theorien zu unterscheiden. Aber ihre Definition der broad anarchist tradition ist zu rigide, weil beispielsweise ein Theoretiker und Aktivist wie Gustav Landauer, der das Konzept des Klassenkampfs dezidiert ablehnte, aus der anarchistischen Tradition herausfallen würde.

Im zweiten Teil der Arbeit diskutieren die Autoren strategische und taktische Debatten innerhalb der broad anarchist tradition. Im Zentum steht dabei das Verhältnis zwischen Anarchismus und Syndikalismus und dessen historische Ausprägungen. Die Autoren machen kein Geheimnis aus ihrer Sympathie für den Syndikalismus, der für sie „die wichtigste Strömung des Anarchismus“ (S. 16) war. Sie benutzen den Begriff des Syndikalismus in einem weiten Sinne. Zwar unterscheiden sie zwischen revolutionären Syndikalismus und Anarchosyndikalismus, heben aber deren Gemeinsamkeiten hervor: „Dass sie die Arbeiterselbstverwaltung der Produktionsmittel, eine antistaatliche Position sowie die Feindschaft gegenüber politischen Parteien und dem Parlament betonen und sich zu einer sozialen Revolution bekennen, in der Gewerkschaften die maßgebliche Rolle spielen.“ (S. 185) Sie rekurrieren auf den anarchistischen Charakter des Syndikalismus, ungeachtet der Frage, „ob sich die Verfechter seiner anarchistischen Abstammung bewusst waren oder nicht“ (S. 221). Diese Vernachlässigung der ideologischen Ebene wird der Entwicklung des revolutionären Syndikalismus zum Anarchosyndikalismus in den 1920er-Jahren nicht gerecht. Denn unter dem Einfluss der Russischen Revolution schloss sich ein Teil der syndikalistischen Organisationen der kommunistischen Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) und nicht der anarchosyndikalistischen Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA), die Ende 1922 in Berlin gegründet wurde, an.[2] Der deutsche IAA-Sekretär Helmut Rüdiger charakterisiert den revolutionären Syndikalismus deshalb zu Recht als „Zwitter aus Marxismus und Anarchismus“.[3]

Im dritten Teil diskutieren die Autoren einige zentrale Thesen zur Geschichte der anarchistischen Tradition, ihren Klassencharakter und Masseneinfluss sowie den anarchistischen Internationalismus und den Umgang mit Rassismus, Imperialismus und Geschlechterfragen. Sie zeigen, dass aus einer globalen Perspektive der Anarchismus keine Randerscheinung in der Arbeiter- und Bauernbewegung der letzten 150 Jahre war. Ihre Anhänger fand die broad anarchist tradition vor allem bei städtischen Arbeitern und unter Landarbeitern und sie hatte auch eine große Anziehungskraft auf die Bauernschaft. Die Autoren legen zwar überzeugend den Aufstieg der anarchistischen Massenbewegung dar. Aber wir erfahren nur wenig, warum die „glorreiche Ära“ Mitte der 1920er-Jahre zu Ende ging und der Anarchismus und Syndikalismus gegenüber rivalisierenden Bewegungen wie dem Kommunismus, dem Nationalismus und dem Faschismus ins Hintertreffen gerieten. Der Niedergang der syndikalistischen Bewegung hatte auch damit zu tun, dass sie keine Antwort fand auf die Weltwirtschaftskrise, von der außer in Spanien politisch vor allem die Kommunisten profitierten. Dass die Anarchisten in Spanien in die Volksfrontregierung eintraten, hatte weniger, wie die Autoren schreiben, mit dem „Mangel eines klaren Plans“ (S. 256) zu tun, sondern war vielmehr auch der fehlenden internationalen Solidarität für die spanischen Anarchisten geschuldet. Die IAA war in den 1930er-Jahren viel zu schwach, um eine wirksame Solidarität für die spanischen Genossen zu organisieren. Es ist ein Defizit des Buches, das die Geschichte IAA nur ganz beiläufig erwähnt wird, denn das steht im starken Kontrast zu ihrer starken Betonung des internationalen Charakters der broad anarchist tradition.

An dieser und auch an anderen Stellen argumentieren die Autoren oft programmatisch und ideologisch statt analytisch. Aber trotz dieser Kritikpunkte stellt das Werk eine beeindruckende Leistung dar und ist für alle unverzichtbar, die sich mit der globalen Geschichte des Anarchismus und Syndikalismus beschäftigen.[4]

Anmerkungen:
[1] Jakob Schulz, Der Staatsfeind, in: Süddeutsche Zeitung, 10./11.01.2015, S. 29.
[2] Zur IAA vgl. Vadim Damier, Anarcho-Syndicalism in the 20th century, Edmonton 2009.
[3] Zitiert nach Dieter Nelles / Hartmut Rübner, Avantgarde einer egalitären Bewegung: Anarchosyndikalisten in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Moving the Social 51 (2014), S. 179–212, hier S. 212.
[4] Vgl. auch Steven J. Hirsch / Lucien van der Walt (Hrsg.), Anarchism and Syndicalism in the Colonial and Postcolonial World, 1870–1940: The praxis of national liberation, internationalism, and social revolution, Leiden 2010.

Zitation
Dieter Nelles: Rezension zu: Schmidt, Michael; van der Walt, Lucien: Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik des Anarchismus und Syndikalismus. Hamburg 2013 , in: H-Soz-Kult, 20.03.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21022>.
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Veröffentlicht am
20.03.2015
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