Appel, Sabine: Heinrich VIII. Der König und sein Gewissen. Eine Biographie. München : C.H. Beck Verlag 2012 ISBN 978-3-406-63856-5, 319 S. € 16,95.

Berg, Dieter: Heinrich VIII. von England. Leben – Herrschaft – Wirkung. Stuttgart : Kohlhammer Verlag 2013 ISBN 978-3-17-021900-7, 318 S. € 24,90.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sascha Weber, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Nach der Schlacht von Bosworth Field 1485 bestieg mit Heinrich VII. Tudor (1485–1509) ein walisischer Glücksritter, der fast sein ganzes Leben im Exil auf dem Kontinent verbracht hatte, mit äußerst schwachen Thronanspruch den englischen Thron und begründete die Tudordynastie als neues englisches Herrscherhaus. Seines zweifelhaften Thronanspruches bewusst, heiratete Heinrich VII. Elisabeth von York, die älteste Tochter König Eduards IV. Hiermit, so die Tudor-Propaganda, vereinigten die Tudors die verfeindeten Häuser York und Lancaster. Sein zweitältester Sohn und Nachfolger Heinrich VIII. galt den Zeitgenossen als Personifikation dieser Vereinigung.

Zwei Elemente waren im Grunde bei allen Tudors auf dem englischen Thron bestimmend und handlungsleitend: Herrschaftslegitimation und Erhalt der Dynastie. Während sich Heinrich VIII. ersterer mit einer prächtigen Hofhaltung und literarischer wie bildlich-symbolischer Propaganda mit großem Erfolg widmete, war es eher letzteres, durch welches das Bild seiner Herrschaftszeit in der Nachwelt geprägt wurde.

Durch die Spaltung des Landes in der Reformation, der Minderjährigkeitsregierung seines Sohnes Eduard VI. (1547–1553) sowie der zeitgenössisch umstrittenen Herrschaft von Frauen bei seinen Töchtern Maria I. (1553–1558) und Elisabeth I. (1558–1603) blieben die Tudors in vielerlei Hinsicht unter einem Legitimierungsdruck ihrer Herrschaft, in deren Anfang und Ende, nämlich bei Heinrich VII. und Elisabeth I., das persönliche Überleben auf dem Thron im Mittelpunkt stand, dem alles andere untergeordnet wurde. Dass den Tudors dies gelang, zeigen nicht zuletzt die Thronfolge Marias I., bei der das Haus Tudor über genügend Bonität verfügte, dass Adel und Volk eher eine katholische Tochter Heinrichs VIII. als eine protestantische Lady Jane Grey auf dem Thron akzeptierten, sowie der reibungslose Übergang der Herrschaft von den Tudors auf die schottischen Stuarts.

Die englischsprachige Tudor-Forschung ist Legion. In Deutschland hat sich schon seit längerer Zeit, ganz im Gegensatz zur Anglistik, kein Historiker mehr mit der Tudorherrschaft beschäftigt. Die deutsche Forschung zur englischen Frühen Neuzeit konzentriert sich vor allem auf das 17. und 18. Jahrhundert. Neben Spezialforschung mangelt es daher auch an guten und aktuellen Überblicksdarstellungen. Umso erfreulicher ist es, dass nun kurz hintereinander gleich zwei Biographien zu Heinrich VIII., neben seiner Tochter Elisabeth I. der prominenteste Vertreter seiner Dynastie, erschienen sind.

Die freie Autorin Sabine Appel richtet sich mit ihrer Biographie an ein breites Publikum. Ihr Buch folgt der Chronologie und unterteilt sich in acht Lebensabschnitte des Königs. Dieter Berg dagegen richtet sich eher an studentische Leser. Dabei will Berg nicht ausschließlich chronologisch vorgehen. Auch soll der Fokus seiner Betrachtung nicht nur auf die Person des Monarchen und dessen Handeln sowie sein problematisches Verhältnis zu seinen Frauen gerichtet sein. Stattdessen strebt sein methodischer Ansatz danach, die biographische und systematische Dimension in Längs- und Querschnitten zu kombinieren.

Beide Bücher verfügen über eine gute Ausstattung: Appels Biographie enthält zahlreiche Abbildungen, eine Zeittafel und, trotz des Verzichts auf einen wissenschaftlichen Apparat, ein sehr gut zusammengestelltes Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister. Bei Berg findet der Leser deutlich weniger Bilder, dafür aber neben Zeittafel und Personenregister zusätzlich Stammbäume und Karten sowie eine ausführlichere Bibliographie.

Beide Biographien, und das ist besonders an Appels populärwissenschaftlicher Schrift zu loben, befinden sich in voller Kenntnis und auf der Höhe des britischen Forschungsstandes. Der Mediävist Berg hat sich darüber hinaus durch Quellenstudien vor Ort einen direkten Überblick verschafft. Sabine Appel hat zielgruppenorientiert ein flüssig und angenehm zu lesendes Werk geschrieben, wenn auch der Ton mitunter etwas zu überspitzt geraten ist. Neben kleineren Ungenauigkeiten – so im Hinblick auf die Darstellung der Vorgeschichte der Tudors oder dort, wo die Autorin von Realpräsenz schreibt, aber Transsubstantiation meint – fällt bei ihr grundsätzlich eine leicht bewundernde Haltung zu Heinrich VIII. auf. Insbesondere in den anfänglichen Kapiteln wird die Biographie des Königs von ihr eng mit Thomas More verknüpft, was dazu führt, dass dem Leser beispielsweise viele kluge Gedanken zu dessen „Utopia“ ausgebreitet werden, die aber vom eigentlichen Kern des Buches ablenken. Dieter Berg hat hingegen ein sehr kundiges Überblickswerk verfasst, dessen einziger Kritikpunkt wohl der ist, dass er es nicht wirklich geschafft hat, sein angekündigtes Programm einzuhalten: Das Buch bleibt letztlich doch sehr stark an der Person des Königs orientiert, und die Kombination von Längs- und Querschnittkapiteln führt zu einer Reihe von Redundanzen.

Für ein interessiertes Publikum ist das Werk von Sabine Appel durchaus zu empfehlen, im universitären Bereich gilt dies weniger. Hier bietet Dieter Berg die besser aufbereitete und für Studierende mit mehr Handhabe versehene Biographie.

Zitation
Sascha Weber: Rezension zu: Appel, Sabine: Heinrich VIII. Der König und sein Gewissen. Eine Biographie. München 2012 / Berg, Dieter: Heinrich VIII. von England. Leben – Herrschaft – Wirkung. Stuttgart 2013 , in: H-Soz-Kult, 26.11.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21564>.
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26.11.2015
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