S. Gießmann: Die Verbundenheit der Dinge

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Titel
Die Verbundenheit der Dinge. Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke


Autor(en)
Gießmann, Sebastian
Erschienen
Berlin 2014: Kulturverlag Kadmos
Umfang
500 S., zahlr. Abb.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Dommann, Historisches Seminar, Universität Zürich

Zürich, im Februar 2016. Auf dem Podium saß der Abt des Klosters Einsiedeln, einer im Jahr 934 in der Innerschweiz gegründeten Abtei des Benediktinerordens. Katholisch sozialisiert, war mir die Rhetorik, die Botschaft und die Performanz des Würdenträgers bestens vertraut. Dennoch stutzte ich: Meine Irritation war einem Begriff im Vokabular des Abts geschuldet, den er in diversen Variationen verwendete. Ich konnte mich nicht erinnern, dass ich diesen Begriff (als Verb, Adjektiv und Substantiv) früher von Geistlichen – etwa den Missionaren, bei denen ich zur Schule gegangen war – bereits einmal gehört hätte. Und dennoch schien es, als hätte sich der Begriff schon immer im Repertoire einer global tätigen katholischen Gemeinschaft befunden. „Vernetzen“, „vernetzt“ und „Vernetzung“ steht in der Rhetorik des 47-jährigen Abts von Einsiedeln für vieles: Weltläufigkeit, Reise- und Mediengewandtheit, Soziabilität im Kleinen und im Großen. Woher rührte meine Irritation? Daher, dass der Begriff, der sich im Sprachgebrauch eines Würdenträgers einer traditionsreichen Organisation befindet, die Aura des Modernen ausstrahlt?

Der kürzlich verstorbene Umberto Eco hat in den 1980er-Jahren einen hilfreichen Definitionsversuch des Netzbegriffes unternommen: „Das charakteristische Merkmal eines Netzes ist, dass jeder Punkt mit jedem anderen Punkt verbunden werden kann, und wo die Verbindungen noch nicht entworfen sind, können sie trotzdem vorgestellt werden. Ein Netz ist ein unbegrenztes Territorium.“[1] Der Verweis des Abtes könnte demnach als Griff in die Kulturgeschichte gedeutet werden: Ein Begriff, dem die Eigenschaft zukommt, sowohl Kulturtechnik wie auch Imaginationsraum zu sein, ist eine beinahe unschlagbare sprachliche Ressource einer lokal verankerten Weltorganisation mit Expansionsanspruch.

Sebastian Gießmann, der inzwischen in Siegen Medienwissenschaft lehrt, wurde mit seiner Kulturgeschichte des Netzes an der Humboldt-Universität zu Berlin in Kulturwissenschaft promoviert. Seine Untersuchung verbindet Materialkulturgeschichte und Diskursgeschichte (S. 10); damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zum Gegenwartsverständnis sowie zur Frage, auf welchen Denktraditionen, Bildprogrammen und Kulturtechniken unser Gebrauch der Netzwerkinfrastrukturen und der Rhetorik des Netzes beruht.

Gießmann hat seine Netze weit ausgeworfen: in der Archäologie und Mythologie, der Literaturgeschichte, der Kunstgeschichte, den Sozial- und Kulturtheorien, der Technikgeschichte, der Bildwissenschaft, der Verkehrsgeschichte, der Computergeschichte etc. Die Aufzählung muss unvollständig bleiben, weil sich die Perspektivierung Gießmanns gerade einer solchen Taxonomie widersetzt. Die Untersuchung enthält eine material- und detailreiche Verknüpfung von Fallstudien, die eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke vom Arachne-Mythos (der kongenialen Textilkünstlerin, die von der Göttin Minerva in eine Spinne verwandelt wurde) bis Ed Snowden (dem heroischen Programmierer, der das Verfangen des Users in den Fängen der NSA enthüllte) anpeilen.

Eine Auseinandersetzung mit Gießmanns dickem Buch ist nicht ganz einfach und wirft die Rezensentin auf grundlegende Fragen der wissenschaftlichen Lektüre zurück: Wie kann man diesen historisch und theoretisch dichten Text lesen und das reichhaltige Bildkorpus (neben vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen rund 30 Farbtafeln) handhaben? Welche Argumente halten die elf Kapitel dieses 500-seitigen Buches zusammen? Der Autor hat Vorkehrungen getroffen, um dem Leser auch Shortcuts zu bieten: Es gibt ein Sachregister, das eine Lektüre nach Stichworten ermöglicht. Eine lineare Lektüre der weitgehend chronologisch ausgebauten Studie oder eine Auswahllektüre der elf Kapitel sind weitere Optionen.

Nachdem Gießmann zu Beginn die zentrale Frage einer Verknüpfung von Diskursgeschichte und Materialkulturgeschichte formuliert („Wie aber kam das Netz ins Netzwerk?“, S. 8) und eine erste Hypothese wagt („Könnte es sein, dass Netze erst im 17. und 18. Jahrhundert allmählich zu Netzwerken im heutigen Sinne werden?“, S. 89), liefert er eine allgemeine, skizzenhafte Beschreibung der Netzwerke. In diesem Vorgehen manifestiert sich auch das Theorieverständnis des Medienkulturwissenschaftlers, mittels Theoriediskussion und Fallstudien eine systematische Begrifflichkeit der Netzwerke zu entwickeln. Hilfreich sind deshalb die sieben theoretischen Prämissen, die der weiteren Untersuchung vorangestellt sind (S. 119–134): 1. Netzwerke benötigen immer eine materielle Grundlage, um operieren zu können. 2. Sie entziehen sich dem Zugriff des Einzelnen, doch werden sie durch Visualisierungen (Diagramme und Karten) beobacht- und handhabbar. 3. Netzwerke basieren auf Zwischenräumen und Zwischenverbindungen, sind durch Protokolle organisiert sowie auf Orte und Akteure angewiesen, denen die Funktion des Vermittelns zukommt. Die Relationalität wird dabei in Verknotungen und Dichteverhältnissen berechen- und darstellbar. 4. Netzwerke bilden spezifische Zeitregime aus (Takte, Gleichzeitigkeit, Synchronie). 5. Netzwerke stehen selten für sich allein. Sie wachsen häufig aus bestehenden Strukturen, verkoppeln sich untereinander und bedienen sich der Protokolle der anderen, um ihren eigenen Vermittlungen Geltung zu verschaffen. 6. Netzwerke sind störungsanfällig. Sie brechen zusammen und enden, wenn die Protokolle nicht mehr befolgt und Zeitregime nicht mehr synchronisiert werden, oder anders formuliert: wenn Vermittlungsvorgänge fehlen oder scheitern. 7. Netzwerke werden durch Erzählungen zusammengehalten.

Ausgehend von diesen Prämissen rollt Gießmann eine Geschichte der Netze und Netzwerke auf, die beinahe schon klassisch modernisierungstheoretisch im 19. Jahrhundert einsetzt, jedoch diese Praktiken, wo nötig, in Traditionen verankert, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Eine kurze Auswahl vermag hier nur einen kleinen Einblick in Gießmanns Tour d’Horizon zu geben. Er zeigt beispielsweise, dass die Kanalobsessionen der Saint-Simonisten in Frankreich um 1850 im Kontext der Stadtplanung und der kolonialen Expansion zwar vordergründig einen neutralen Zugang für Verkehrs- und Kommunikationswege schufen, aber damit auch unabdingbare Verbindungen für die Annexion zur Verfügung stellten (S. 135–169). Gießmanns Fallstudien sind dort am überzeugendsten, wo sie die Medienpraktiken auf Basis in der Geschichte vernachlässigter Quellengattungen minutiös sezieren und damit bislang weitgehend unsichtbare Kulturtechniken offenlegen.

So traten die amerikanischen Telefonbücher bei der Bildung des Telefonnetzes um 1890 als Agenten in Erscheinung, indem sie als Vermittlungsinstrumente sozialer Adressierung figurierten. Die Netzwerkdiagramme, die der Begründer der Soziometrie, Jacob Levy Moreno, in den 1930er-Jahren entwarf und dabei den Begriff „Network“ verwendete, trugen dazu bei, das Netzwerk als Erzählform in der amerikanischen Sozialforschung zu etablieren und damit die Verbindungs- und Assoziationsfähigkeit zur messbaren Funktion von Kollektivität zu erheben. In der amerikanischen Tradition des sozialen Atomismus wurde Kollektivität als eine Folge von Konnektivität betrachtet.

Die Tube Map Londons, die vom Gebrauchsgrafiker Henry Charles Beck ebenfalls in den 1930er-Jahren entworfen wurde, deutet Gießmann als Ausdruck einer neuen topologischen Raumauffassung, in der die flüchtige Relationalität der Verkehrsströme geometrisch erfassbar wurde. Beck hatte sich hierfür intensiv mit dem Problem des Umsteigens beschäftigt (in Gießmanns medientheoretischer Fachsprache als „netztypische Konnektivität“ bezeichnet, S. 283). Die Tube Map habe ein visuelles Modell eines Verhaltens in und mit Räumen geschaffen, das in Netzwerkgesellschaften konstitutiv sei. Becks Erfindung stehe, so Gießmann mit Rekurs auf Ernst Cassirer, für eine Transformation in den 1930er-Jahren, die als eine Verschiebung „von der Substanz zur Relation“ bezeichnet werden könnte (S. 295).

Die politik- und wirtschaftshistorische Brisanz von Gießmanns medienhistorischer Erörterung der Genese des Netzwerkdenkens zeigt sich im zehnten Kapitel, das sich unter anderem am Beispiel von Georges Baehler alias Pollux dem „Verschwörungstheoretiker als Netzwerkanalytiker par excellence“ widmet (S. 382). Dieser hatte es sich in den 1940er-Jahren zur Aufgabe gemacht, die verborgenen Netzwerke der Schweizerischen Oligarchie und der geheimen „Drahtzieher“ des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg zu enthüllen.[2] Dem Kommunisten Pollux ging es um eine Kartierung der „Verflechtung und Konzentration der Hochfinanz“ (S. 389). Seine aufklappbaren Bildtableaus visualisierten das Wirtschaftssystem als Koppelung und Verquickung von Akteuren. Das Netzwerk enthüllt jene Gesamtschau, die dem einzelnen Akteur verwehrt bleibt. Doch Gießmann bleibt nicht bei einer Denunziation dieser Darstellungspraktiken stehen: Verschwörungstheorien sind eben nicht das Gegenteil, sondern der Exzess der wissenschaftlichen Netzwerkanalysen – und die Verschwörungstheoretiker mitunter die besten Netzwerkanalytiker.[3] Der Autor verweist zum Schluss auch auf die produktive Funktion des paranoischen Netzwerksmodus, der Verbindungen und Verflechtungen nicht einfach vermutet, sondern sie regelrecht erzählt, visualisiert und berechnet. Die Verschwörungstheorie könnte denn auch als die düstere Seite des rationalen universalistischen Zuges aller Netzwerktheorien bezeichnet werden. Je umfassender auf Netzwerke als soziale Strategien gesetzt wird, umso wilder blühen die Verschwörungstheorien, so Gießmanns Verdikt.

Wenn der Abt von Einsiedeln also von „Vernetzen“ spricht, meint er vielleicht auch Bindungsmagie, die Fernwirkung einer Vernetztheit, die situativ lose Koppelungen als feste beständige Beziehungen ermöglicht. Er schließt damit wohl weniger an das Web 2.0 als an magische Traditionen und religiöse Praktiken an, auch wenn er hierfür einen Begriff aus der Geschichte der modernen Sozialtechniken borgt. Sebastian Gießmanns in ihrer ganzen Anlage zwar nicht geschichtswissenschaftliche, aber auch für Historiker/innen höchst inspirierende Studie schärft die Sensibilität für die Bildreservoirs, Wissensbestände und Kulturtechniken der Gegenwart, die sich als Netzwerk versteht.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Umberto Eco, Die Enzyklopädie als Labyrinth [1984], in: ders., Im Labyrinth der Vernunft. Texte über Kunst und Zeichen, hrsg. von Michael Franz und Stefan Richter, Leipzig 1989, S. 104–109; im besprochenen Buch zitiert auf S. 211.
[2] Pollux, Trusts in der Schweiz? Die schweizerische Politik im Schlepptau der Hochfinanz, Zürich 1945; ders., Wer leitete Deutschland? Die eigentlichen Kriegsverbrecher. 50 Drahtzieher hinter den Kulissen, Zürich 1945.
[3] Vgl. hierzu auch Stephan Gregory, Das paranoische Pendel. Wendungen des Verschwörungsdenkens, in: Marcus Krause / Arno Meteling / Markus Stauff (Hrsg.), The Parallax View. Zur Mediologie der Verschwörung, München 2011, S. 45–58, <http://www.bauhaus-uni.de/medien/historiographien/inhalte/publikationen/pdfs/2011_Das_paranoische_Pendel.pdf> (23.02.2016).

Zitation
Monika Dommann: Rezension zu: Gießmann, Sebastian: Die Verbundenheit der Dinge. Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke. Berlin 2014 , in: H-Soz-Kult, 16.03.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21590>.