Cover
Titel
Max Weber in Amerika.


Autor(en)
Scaff, Lawrence A.
Erschienen
Berlin 2013: Duncker & Humblot
Umfang
375 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Swen Steinberg, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Die im Original mit dem Distinguished Scholarly Publication Award der American Sociological Association ausgezeichnete Studie von Lawrence A. Scaff hat – dem doppeldeutigen Titel folgend – vor allem zwei Ziele. Im ersten Teil werden die mehrmonatige Amerikareise, die Max und Marianne Weber 1904 gemeinsam und teils mit Ernst Troeltsch unternahmen sowie die Einflüsse dieser Reise auf das Werk Webers thematisiert. Hier ordnet sich das Buch in die Bürgertums- und Bildungsforschung ein, wobei es etwa mit der Thematisierung von Strategien der Aneignung auch anschlussfähig ist an Konzepte der Wissensgeschichte. Der zweite Teil widmet sich dagegen der Rezeption des Werks des Soziologen in den USA, wodurch die Studie zu einem Beitrag zur transnationalen Wissenschaftsgeschichte bzw. zur Geschichte der modernen Sozialwissenschaften erweitert wird: Es geht Scaff – Hans-Peter Müller merkt es in seinem Geleitwort bereits an – nicht nur um die Darstellung der „Fabrikation eines ewig jugendlichen Klassikers der Soziologie“ (S. X), sondern auch um dessen Wahrnehmung und Übersetzung sowie die Verbreitung und Weiterentwicklung seiner Ansätze speziell in den Vereinigten Staaten. In dieser Hinsicht vertieft die Studie auch die vorliegenden wissenschaftlichen Biografien.[1]

Den Impuls der im August 1904 begonnenen Reise bildeten die Weltausstellung in St. Louis und die Einladung des in den USA noch weithin unbekannten Max Weber auf den dort veranstalteten International Congress of Arts and Science – längst waren diese Ausstellungen nicht mehr nur ‚Leistungsschauen der Wirtschaft‘, sondern auch Foren des wissenschaftlichen Austauschs, deren Innenleben der Autor im Kapitel „Wissenschaft und Weltkultur“ anschaulich schildert. Zugleich war Weber ein „unermüdlicher und begeisterter Reisender“ (S. 18), der schon in den 1890er-Jahren Interesse an einem Besuch der Neuen Welt äußerte. Die Reise 1904 war allerdings auch eingebettet in Webers Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang „zwischen wirtschaftlichem Handeln, wirtschaftlicher Entwicklung und moralischer Ordnung“ (S. 19). Das zentrale Werk dieser Auseinandersetzung – den zweiteiligen Aufsatz „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“ – beendete Weber während dieses Aufenthalts in den USA; das gleichlautende Unterkapitel veranschaulicht eingehend die Impulse, die Weber für seinen Blick auf diesen Zusammenhang während der Reise erhielt. Dabei bestätigte sich bei seinem Aufenthalt seine Sicht auf das „charakteristisch amerikanische Muster“, nach dem orthodoxe Theologie und Dogma abgelehnt wurden. Stattdessen war laut Weber in den USA auch in Zeiten einer zunehmenden Säkularisierung der „sachlich-nüchterne Skeptizismus“ wie auch das Prinzip der „sozialen Organisation nach Art der Sekten“ (S. 61) noch immer bestimmend für die Gesellschaft und prägte beispielsweise die Arbeiterbewegung.

Der Aufenthalt diente Max Weber zugleich zur Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Progressivismus und dem Versuch, das Bild der USA zu schärfen, Stärken zu erkennen und Schwächen auszumachen. Nicht zuletzt deswegen setzten sich Weber und seine Frau Marianne mit allen möglichen Themenfeldern auseinander, die von der Frage der Einwanderungsgesellschaft über die Rolle von „Rassen“, Klassen und Ständen vor allem die Bedeutung der Religion, der Demokratie, der politischen Ökonomie, des Kapitalismus und der Sozialpolitik umfasste. Dementsprechend gestaltete sich auch das auf den Osten und die Mitte der USA konzentrierte Reiseprogramm, das aus Besuchen, Diskussionen und Vorträgen bestand, Gottesdienste alle Art einschloss, Stadt und Land berücksichtigte, in Reservate in Oklahoma führte und Max Weber ebenso die Universitätsbibliotheken und ihre Kataloge studieren ließ. Scaff, der bezüglich der Quellen wie auch hinsichtlich des Genres Biografie überaus kritisch und reflexiv argumentiert, macht dabei in allen genannten Themenfeldern, die zumeist anhand konkreter Begegnungen geschildert werden, einerseits die Vorprägungen deutlich, die der weithin belesene Weber selbst mitbrachte und die ihn in seiner Sicht auf die Dinge einschränkten. Andererseits stellt er behutsam Sachverhalte heraus, die mit Webers späterem Werk korrespondieren und vermutlich auf dieser Reise Impulse erhielten. „Amerika in Webers Werk“ bildet nicht zufällig zusammen mit der „Deutung der Erlebnisse“ den letzten Unterpunkt im ersten Teil der Studie.

Das Interesse Webers an den sozialen Themen war auch durch die Kandidatur und die schließlich im November 1904 erfolgte Wahl Theodore Roosevelts zum Präsidenten beeinflusst, der einerseits für das Conservation Movement und die sich wandelnde Rolle des Staates beim Erhalt der Natur – oder dem, was die westliche Zivilisation an ‚Wilderness‘ im ‚Frontierland‘ eben noch nicht zerstört hatte („Der letzte Rest der Romantik“, S. 92) – und der Organisation von Ressourcen wie Holz stand. Im Oktober 1904 stießen die beiden Webers gewissermaßen ins Herzstück dieser Bewegung vor, als sie in Ashville/NC das von Frederick L. Olmsted gestaltete Anwesen von George W. Vanderbilt II. besuchten, auf dem sich eine der ersten von Carl Alwin Schenck nachhaltig bewirtschafteten Waldflächen und auch die erste, ebenfalls von Schenck gegründete Forstschule der USA befanden. Roosevelt adressierte andererseits auch ethnische Themen, die Weber vor allem hinsichtlich der Behandlung der nativen wie der afroamerikanischen Bevölkerung als große Probleme wahrnahm („Die Rassenschranke“, S. 121). Dabei hatte Weber vor allem im Süden der USA erkannt, dass sich die Gesellschaft nicht allein durch Klasse und „Rasse“ differenzierte, sondern dass die weißen und die afroamerikanischen Gruppen ihrerseits noch durch ein Kastensystem strukturiert waren, welches er als „handfeste Bedrohung für das demokratische Gesellschaftsideal“ (S. 144) wahrnahm. In Kontexten wie diesen reflektierte Weber auch über das Modellhafte der USA und über Fragen der „Europäisierung“ Amerikas sowie der „Amerikanisierung“ europäischer Institutionen (S. 230), die zur Zeit seiner Reise beiderseits des Atlantiks diskutiert wurden.

Mit etwa 60 Seiten ist der zweite Teil der Studie zur Rezeptionsgeschichte der Weberschen Werke in den USA ungleich kürzer, setzte diese doch erst in den 1920er-Jahren und damit nach dem Tod des deutschen Soziologen ein. Scaff erläutert dabei zuerst die akademischen Netzwerke, in denen diese Rezeption stattfand und die schließlich die Übersetzung hervorbrachten; letztere ist auch Thema im zweiten Abschnitt dieses Teils seiner Studie. Der dritte Abschnitt befasst sich dann mit dem Einzug der Theorien Max Webers in die Forschung – und mit der „Erfindung der Theorie“ (S. 276) auch mit Deutung und Modifikation. Wesentlich scheint dabei, dass mit der Gruppe der deutschen akademischen Emigranten ab 1933, die an der „University in Exile“ – der New School for Social Research in New York – ein Betätigungsfeld erhalten hatten, jenseits der amerikanischen Netzwerke auch eine deutsche Gruppe an der Verbreitung von Webers Texten Anteil hatte. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Frage, warum Webers Werk – obwohl Talcot Parsons‘ Übersetzung „The Protestant Ethic and the Spirit of Capitalism“ schon 1930 vorlag – erst in den 1950er-Jahren tatsächlich Eingang in die US-amerikanische Forschung fand. Scaff benennt hier vor allem die kaum ausgeprägten Kontakte zwischen amerikanischen Forschern und ihren deutschen geflüchteten Kollegen – an dieser Schnittstelle fand lange Zeit schlicht kein Austausch und damit kein Transfer statt. Zum anderen war aber auch die Übersetzung selbst „ein ungewöhnlich kompliziertes Kapitel“ und „ein Lehrstück in der sozialen Konstruktion eines Textes“ (S. 257), ließen sich doch Begriffe und Denkfiguren nicht ohne weiteres übersetzen – nicht als konkrete Worte, ebenso wenig aber auch in das soziale und fachwissenschaftliche Setting der USA und dessen Sprache. Und dies war der Ausgangspunkt für Missverständnisse und Auseinandersetzungen um Bedeutung und Deutung der Texte von Max Weber, die im letzten Abschnitt des Buches thematisiert werden. Ein Anhang mit einem Überblick über die Stationen der Reise von 1904 und ausgewählte Briefe, die Weber 1904/05 an amerikanische Kollegen schrieb, beschließt das bebilderte Buch, dem zudem ein Personen- und Sachwortregister beigegeben ist.

Die Studie von Lawrence A. Scaff ordnet sich nicht in die mittlerweile breit vorliegende Forschung ein, die unter „Max Weber in …“-Titeln die Rezeption bzw. das Wirken auf die nationalen Soziologien vorstellen. Vielmehr zeigt der Autor einerseits die Interdependenz auf, die zwischen der Amerikawahrnehmung des deutschen Wissenschaftlers und seinem Werk bestand. Andererseits wird anhand der Übertragung von Webers Büchern ins Englische auch in wissensgeschichtlicher Perspektive deutlich, wie stark oftmals als ‚reine‘ Transfers angenommene Übersetzungsprozesse durch Modifikation und Anpassung an das jeweils andere gesellschaftliche und kulturelle Setting mit seinen eigenen Begriffen bzw. seinem Verständnis von diesen Begriffen verbunden war. Das Buch liefert folglich weit mehr als nur eine neue biografische Perspektive auf eine Persönlichkeit der deutschen Wissenschaftsgeschichte.

Anmerkung:
[1] Vgl. vor allem Jürgen Kaube, Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen, Berlin 2014; Joachim Radkau, Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München 2005.

Zitation
Swen Steinberg: Rezension zu: Scaff, Lawrence A.: Max Weber in Amerika. Berlin 2013 , in: H-Soz-Kult, 03.11.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21806>.