D. Kuchenbuch: Das Peckham-Experiment

Cover
Titel
Das Peckham-Experiment. Eine Mikro- und Wissensgeschichte des Londoner "Pioneer Health Centre" im 20. Jahrhundert


Autor(en)
Kuchenbuch, David
Erschienen
Umfang
237 S., 33 SW-Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franziska Rehlinghaus, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Wie kann ein gläsernes Gebäude mit Schwimmbad, Turnhalle, Selbstbedienungskantine und medizinischen Untersuchungsräumen, das in den 1920er-Jahren als Freizeitzentrum für die eher unterprivilegierten Familien des Londoner Stadtteils Peckham errichtet wurde, zur Chiffre eines großangelegten Sozialexperiments avancieren, das aus historischer Sicht die Genese des „präventiven Selbst“ erhellen kann?[1] David Kuchenbuch zeigt mit seiner Geschichte des Pioneer Health Centre (PHC), dass ein mikrohistorischer Zugang der vergangenen Wirklichkeit manchmal näher kommt als großangelegte Metatheorien, die sich mit der Formierung des Subjekts im Verlauf des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen.[2] Seine Studie stellt nicht nur gängige Periodisierungen in Frage, die die Entstehung gouvernementaler Praktiken im Gesundheitsbereich auf den Neoliberalismus der vergangenen 30 Jahre zurückführen. Sie zeigt auch, von welcher Fülle an Mikrobedingungen die „Aktivierungsregime“ des Gesundheitswesens im Einzelfall abhängig waren.

Kuchenbuch dekonstruiert einen Mythos, der sich bis heute zumindest in der innerbritischen Diskussion um das so genannte Peckham-Experiment im PHC rankt und maßgeblich der erfolgreichen Selbstdarstellung seiner Gründer und Leiter zuzuschreiben ist: Wenn man Menschen unter bestimmten Bedingungen eine stimulierende Infrastruktur zur Freizeitgestaltung offeriert, die mit freiwilligen Angeboten medizinischer Prävention verbunden ist, entwickeln sie nicht nur ein Bewusstsein für Gesundheitsvorsorge, körperliche Fitness und Familienplanung. Sie beginnen zugleich – so die gängige Lesart –, sich selbst zu organisieren und ohne ordnende Eingriffe von außen am eigenen Potential zu arbeiten. Mit dieser Erzählung konnte das Peckham-Experiment besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Referenzobjekt für Gesellschaftsreformer, für Anarchisten und antiautoritäre Pädagogen, für Architekten und Sozialpsychologen, aber auch für gouvernementale Regierungsstile werden, die auf die Eigenverantwortung des Einzelnen zum Wohle der Allgemeinheit setzten.

Der quellengesättigte und multiperspektivische Zugang macht die Studie besonders fesselnd. Kuchenbuch gelingt es in bislang selten gelesener Weise, organisationsgeschichtliche, wissens- bzw. wissenschaftshistorische, diskursive, praxeologische, architektur- und bildhistorische Ansätze miteinander zu verbinden. Durch diesen differenzierten Zugriff lässt er das Peckham-Experiment vor den Augen der Leser gleichsam plastisch auferstehen. So erscheint das Pioneer Health Centre in der Außenperspektive zwar als ein in sich durchkomponiertes Konzept aus Raum, Wissenschaft und Interaktion. Kuchenbuch weist aber immer wieder auf die Konstruiertheit dieser scheinbaren Kohärenz hin und dechiffriert ihre Entstehung als Ergebnis von Zufällen, individuellen Zuschreibungen und teilweise auch bewussten Fehldeutungen der beteiligten Akteure.

Die Geschichte des Peckham-Experiments wird nicht durchgängig chronologisch erzählt, sondern gliedert sich in zwölf Kapitel, die teils systematische, teils diachrone Narrative verfolgen. Zunächst spannt Kuchenbuch einen weiten Bogen von den Ausgangsbedingungen des Pioneer Health Centre in den 1920er-Jahren zur meistgelesenen Veröffentlichung seiner Leiter von 1943. Dadurch verdeutlicht er schlagartig den Paradigmenwechsel, der sich in den Jahren dazwischen vollzogen haben muss. Das Centre startete als eine philanthropische Wohltätigkeitsinstitution reicher britischer Bürger, die Arbeiterfamilien aus Gründen der Volksgesundheit und Eugenik zu einer hygienischen Lebensweise erziehen und ihnen die Grundsätze der Familienplanung vermitteln wollten. Hilfe zur Selbsthilfe war das altliberale und paternalistische Prinzip, das dahinterstand. 1943 präsentierte sich das Centre dagegen als eine Art wissenschaftliches Labor, in dem ein großangelegtes Experiment zur Genese sozialer Strukturen und zur Erforschung individueller Entwicklungen durchgeführt wurde. Erklärtes Ziel sollte es sein, „das Leben selbst“ in seiner Entstehung und seinen spontanen Äußerungsformen zu beobachten.

Kuchenbuch zeigt einerseits, dass dieser Richtungswechsel auf eine sich radikalisierende biologistische Weltsicht der wissenschaftlichen Leiter zurückzuführen ist, die sich aus evolutionstheoretischen Überlegungen der Zeit speiste. Andererseits rekonstruiert er, wie das später so selbstbewusst proklamierte Ziel des Projekts aus den ungeplanten, oftmals chaotischen Interaktionen der beteiligten Akteure erwuchs. So ergibt sich aus Kuchenbuchs Untersuchung das Bild einer Wissenschaftlergemeinschaft, die sich ihren Interventionsdrang allmählich abtrainierte, weil sie dessen kontraproduktive Auswirkungen auf die Mitglieder des Centres erkannte. Die daraus entstandene Not wurde kurzerhand zur Tugend und zur wissenschaftlichen Methodik erklärt, was besonders kurz vor Schließung des Centres 1950 in wenig gesicherte, halb-esoterische Legitimationsversuche mündete, die allen formalen und ethischen Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens spotteten.

Am stärksten ist die Studie in jenen Kapiteln, in denen der Autor die Interaktionen im Centre schildert und die beteiligten Akteure mit ihren Vorstellungen, Verhaltensweisen und ihrem Eigensinn zur Geltung kommen lässt. Kuchenbuch zeigt, wie sich die Wissenschaftler, das Personal und die Nutzer des Centres im Laufe der Zeit immer mehr in die vermeintlich inhärente Logik des Experiments hineinziehen ließen. Dabei erfüllten sie unbewusst oder aktiv soziale Rollenerwartungen, die den proklamierten „Naturzustand“ im Centre zugleich manifestierten und konterkarierten. Dass der Blick des Wissenschaftlers auf die Teilnehmer das Experiment als solches veränderte, ist nicht weiter erstaunlich und wurde bereits von Zeitgenossen kritisch angemerkt. Dass die Teilnehmer die vermeintliche Organisationslosigkeit des PHC aber selbst organisierten, verweist auf die komplexe Dynamik, die das Experiment im Laufe der Jahre erhielt.

In den letzten Kapiteln erzählt Kuchenbuch, wie das Centre nach seiner Schließung ein medienpolitisches Eigenleben gewann. Die beiden Leiter, das frühere Personal und die ehemaligen Teilnehmer partizipierten daran durch politische Stellungnahmen, Vorträge und Erfahrungsberichte, die im In- und Ausland verfolgt wurden. Diese Aktivitäten dekonstruierten zum Teil selbst den Mythos, den sie zu errichten trachteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entzündete sich zunächst Kritik an den wissenschaftlichen Grundlagen des Experiments, aber auch an den anthropologischen Vorstellungen, die es verkörperte. So zog das Centre ebenso den Unmut von Feministen wie von Sozialisten auf sich. Institutionell konnte es deshalb zunächst keinen Modellcharakter gewinnen. Erst im Laufe der Jahrzehnte, besonders seit den 1980er-Jahren, wurde es zum Symbol für eine sozialpolitische Utopie, die nicht mehr den Kranken und Devianten, sondern den „Normalbürger“ mit seinen Kompetenzen in den Mittelpunkt der staatlichen Gesundheitsvorsorge stellte.

Dass David Kuchenbuch dem Leser am Ende eine eindeutige Antwort auf die Frage schuldig bleibt, was das Peckham-Experiment letztlich war und bedeutete, könnte als Schwäche des Buches gewertet werden. Zwar bietet der Verfasser an, das PHC als „missing link“ zwischen alt- und neoliberalem Denken in Großbritannien zu verstehen, wehrt sich aber gleichzeitig dagegen, es als „planvoll angelegten Erprobungsraum für Praktiken der Menschenführung“ (S. 180) zu interpretieren. So steht der Leser, wie der Autor selbst, am Ende etwas ratlos vor dem Pioneer Health Centre – als einem aus der Zeit gefallenen Sozialexperiment, das zwar gesamtgesellschaftliche Diskurse um Medizin, Familie, Gesundheit, Wissenschaft und Politik wie in einem Brennglas bündelte, dabei aber schwer greifbar bleibt. Dass er dem Untersuchungsgegenstand keinen eindeutigen Platz in der Geschichte des 20. Jahrhunderts zuweist, zeugt jedoch auch von Kuchenbuchs Mut, das Peckham-Experiment gerade in seiner Widersprüchlichkeit ernst zu nehmen. In einer Zeit, in der immer wieder die Verifikation oder Falsifikation historischer Großtheorien verkündet wird, ist dieses Bekenntnis zur Uneindeutigkeit erfrischend und ehrlich.

Anmerkungen:
[1] Martin Lengwiler / Jeannette Madarász (Hrsg.), Das präventive Selbst. Eine Kulturgeschichte moderner Gesundheitspolitik, Bielefeld 2010.
[2] Siehe auch: David Kuchenbuch, Selbstverantwortung als Experiment. Das Londoner „Pioneer Health Centre“ (1926–1950), in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 10 (2013), S. 366–389, <http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2013/id=4569> (14.11.2014).

Zitation
Franziska Rehlinghaus: Rezension zu: Kuchenbuch, David: Das Peckham-Experiment. Eine Mikro- und Wissensgeschichte des Londoner "Pioneer Health Centre" im 20. Jahrhundert. Köln 2014 , in: H-Soz-Kult, 05.12.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22980>.