J. Sywottek: "Darf man jetzt von Mode sprechen?"

Cover
Titel
"Darf man jetzt von Mode sprechen?". Bekleidung und Textilwirtschaft im Nachkriegsdeutschland


Autor(en)
Sywottek, Jutta
Erschienen
Hildesheim 2014: Arete Verlag
Umfang
203 S.
Preis
€ 16,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Schnaus, Institut für Geschichte, Universität Regensburg

Während die Geschichte der Mode für die Weimarer Republik, die NS-Zeit und die Bundesrepublik gut erforscht ist, blieb die Nachkriegszeit bisher weitgehend im Dunkeln. Diese Lücke will Jutta Sywottek mit der vorliegenden Studie schließen. Neben der Motivation, ein Forschungsdesiderat zu beheben, liegt ein weiterer Antrieb in ihrer persönlichen Erfahrung. Sywottek wurde, so schreibt sie, von der Nachkriegsmode geprägt und von der Notwendigkeit zur Verwertung bereits getragener Kleidung, zum Beispiel als Putztuch. Der Titel des Buches verspricht, neben der Mode auch die Themen „Bekleidung“ und „Textilwirtschaft“ näher zu beleuchten. Im Vorwort macht die Autorin allerdings deutlich, dass sie sich schlaglichtartig darauf konzentrieren möchte, an einzelnen Beispielen und im Rahmen einer thematischen Gliederung ein begrenzteres Feld zu erschließen: die Versorgung der Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland mit Kleidung und Schuhen, den Wiederaufbau der Bekleidungswirtschaft sowie den Beginn der Modellkonfektion. Der zeitliche Rahmen umfasst die unmittelbare Nachkriegsära bis Mitte der 1950er-Jahre. Grundlage der Arbeit sind zeitgenössische Frauen- und Modezeitschriften sowie spätere Forschungsliteratur zu den einzelnen Aspekten. Die farbige Aufmachung des Covers und der Überschriften, die Bebilderung des Textes und eine relativ große Schrifttype lassen darauf schließen, dass sich das Buch nicht nur an ein Fachpublikum richtet, sondern an alle thematisch interessierten Leser.

Sywottek zeigt, dass sich die Bekleidungsindustrie nach 1945 im Umbruch befand, da nur ein Viertel aller Umsätze in der Branche auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik erwirtschaftet wurde – eine Hälfte in Berlin, ein weiteres Viertel in den abgetrennten Ostgebieten und der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). In der Bundesrepublik gründeten viele Flüchtlinge neue Betriebe; Anfang der 1950er-Jahre waren dies etwa 20 Prozent aller Unternehmen der Branche im Westen. Außerdem entstanden neue Standorte wie Gelsenkirchen, wo die Ansiedlung durch Steuervorteile und günstige Kredite erleichtert wurde. Auf diese Weise sollten verlorene Arbeitsplätze in der Schwerindustrie ersetzt werden.

Dass die zivile Textil- und Bekleidungsproduktion während des Krieges zum Erliegen gekommen sein soll (S. 9), kann man allerdings nicht so undifferenziert stehenlassen. Viele Unternehmen ließen in besetzten Gebieten produzieren oder setzten Zwangs- und Heimarbeiter ein. 1943 bestand etwa 20 Prozent der gesamten Produktion aus ziviler Fertigung, besonders im medizinischen Bereich und Wäsche für Kleinkinder.[1]

Auch nach dem Krieg – so Sywottek – blieben Rationierung und Bezugsmarken für die Bevölkerung Alltag. Das Bergarbeiter-Punktesystem in der britischen Zone sollte Arbeiter mit Kleidung versorgen, damit der Kohlebergbau angekurbelt und dadurch andere Industrien wieder instandgesetzt werden konnten. Bis zur Währungsreform waren die Bezugsrechte laut der Autorin jeweils an einen bestimmten Artikel gebunden, danach wurde auf ein neutrales Punktmarkensystem umgestellt. Die Endverbraucher konnten nun die Produkte kaufen, die beim Einzelhandel verfügbar waren.

Sywottek legt dar, wie der Mangel an Bekleidung durch Kleidersammlungen der Besatzungsmächte und Tauschverkehr gemildert, aber nicht behoben wurde. Die STEG (Staatliche Erfassungsgesellschaft für öffentliches Gut) in der amerikanischen Besatzungszone sorgte für die Verteilung ehemaliger Militärbestände an Gewerkschaften und den Einzelhandel. Die Umverteilung und Zuteilung aus dem Ausland konnte den Bedarf zunächst nicht decken, deswegen musste die Kleidung möglichst lange getragen werden. Waschmittel und Stopfgarn fehlten aber ebenfalls, so dass guter Pflege und Ausbesserungen Grenzen gesetzt waren. Viele Frauen nähten selbst, weswegen Schnittmuster- und Strickanleitungen boomten. Auch das Schneiderhandwerk war gut beschäftigt, da nicht alle Frauen nähen konnten und die Industrie erst langsam wieder anlief. Aufgrund des Mangels an Stoffen und Nähmaterial führten die Industriebetriebe zum Großteil Lohnarbeiten aus. Sywottek konstatiert einen Mangel an Gebäuden und Maschinen, der sich jedoch allenfalls für die Textilindustrie, nicht aber für die Bekleidungsindustrie bestätigen lässt. Letztere hatte ihre Betriebe bereits 1946 wieder soweit instandgesetzt, dass sie bei vorhandenem Rohmaterial hätte produzieren können.[2]

Nach der Währungsreform kam es laut Sywottek zu einer Preissteigerung, da die Preisbindung aufgehoben wurde. Auf zwei Wegen sollte der Inflation entgegengewirkt werden: erstens durch einen Preisspiegel zur Orientierung für Industrie und Handel, zweitens durch das „Jedermann-Programm“, das die Versorgung der Bevölkerung mit preiswerter und qualitativ guter Ware sicherstellen sollte, aber nur wenige Lücken schließen konnte und von vielen aufgrund des Begriffs abgelehnt wurde, weil dieser Assoziationen mit Termini wie „Volksgemeinschaft“ nahelegte.

Sywottek erläutert, wie sich in der Damenoberbekleidung nach dem Krieg mit neuen Produktionsanlagen die industrielle Massenkonfektion durchsetzte; die ästhetische und materielle Qualität der „Kleidung von der Stange“ verbesserte sich. Die neue Mode bedeutete wadenlange, glockige Röcke, schmale Schulterpartie und enge Taille, inspiriert durch Pariser Designer wie Christian Dior. In Berlin und anderen Konfektionszentren (München, Hamburg, Düsseldorf) wurde die Mode für Kundinnen in Westdeutschland tragbar gemacht. Der New Look war zunächst aber keineswegs unumstritten, da man meinte, die Röcke bräuchten zu viel Stoff, passten nicht zur „deutschen Frau“ etc.

Frauenzeitschriften in den Westzonen blendeten, so Sywottek, die unterschiedlichen Lebenssituationen ihrer Leserinnen weitgehend aus und befassten sich vor allem mit der Garderobe einer imaginären, modebewussten und gepflegten Dame. Zunächst unterschied sich die Mode für die jüngere und ältere Generation kaum. Dies änderte sich erst mit der so genannten College-Mode, die ihren Ursprung in den USA hatte. Es handelte sich um einen sportlichen und bequemen Stil. Die Modezeitschriften in Westdeutschland nahmen in den 1950er-Jahren an Zahl und Exklusivität zu; hauptsächlich wurde Mode Pariser Designer abgebildet. 1950 gab es 38 Mode- und Frauenzeitschriften. Die Modezeichnung wurde immer mehr durch die Modefotografie abgelöst. Die Tatsache, dass es schon bald nach Kriegsende Modeschauen und Modezeitschriften gab, führt Sywottek auf den Wunsch zurück, sich mit etwas Schönem zu beschäftigen, im Kontrast zu zertrümmerten Städten, Flucht, Kriegsversehrtheit usw.

Auch in der SBZ existierte ein Bezugsscheinsystem, wie die Autorin beschreibt; privilegiert wurden hier Bauarbeiter(innen). In der Ostzone wurden volkseigene Betriebe gebildet und große Unternehmen in sowjetische Aktiengesellschaften überführt. Tüchtigkeit und Pünktlichkeit wurden mit Zuteilung von Strümpfen und Kleiderstoffen honoriert. Im Gegensatz zum allmählich entstehenden freien Markt in Westdeutschland wurde Bekleidung in der SBZ nach planwirtschaftlichen Vorgaben produziert. Modisch gesehen orientierte sich die Ostzone immer mehr an Moskau; weiter Rock und enge Taille waren aber auch hier gefragt. Die Frauenzeitschriften in der SBZ druckten eher praktische Hinweise sowie Arbeitsanleitungen zum Selbstschneidern. Mode einzelner Designer wurde nach 1948 kaum noch gezeigt, im Mittelpunkt stand Alltagskleidung.

Zur Quellengrundlage des Buches ist zu sagen, dass sich Zeitschriften gut eignen, um die Entwicklung und Präsentation der Mode nachzuzeichnen. Die Quellenbasis für den Bereich Textilwirtschaft ist jedoch recht dünn, der Großteil der Angaben stammt aus der zu diesem Thema spärlich vorhandenen Literatur. Weitere Sparten der Bekleidungsindustrie wie Herrenoberbekleidung, Wäsche sowie Berufs- und Sportbekleidung werden nicht explizit beleuchtet, obwohl sich in ihnen durchaus Modetrends nachweisen lassen, wie die Rückkehr des Korsetts zeigt. Vielleicht wäre es dem Lesefluss dienlicher gewesen, die Gliederung nicht ganz so kleinteilig anzulegen (viele Kapitel bestehen nur aus zwei bis drei Seiten). Einige Aspekte hätte man auch zusammenfassen können – etwa die ersten drei Kapitel über den Mangel bei Kriegsende, STEG-Programme und Entmilitarisierung von Uniformen. Dies gilt auch für die Kapitel zu Berlin als Modemetropole, die Darstellung der Stadt während der Blockade und die Anpassung der französischen Mode in Berlin. Das hätte Dopplungen vermieden und dem Leser Zusammenhänge besser aufgezeigt.

Bei Jutta Sywotteks Studie handelt es sich um ein gut lesbares Buch sowohl für interessierte Laien wie auch als Einstieg in das Thema für ein Fachpublikum. Der Band füllt eine vorherige Forschungslücke. Bei der Lektüre sollte man allerdings beachten (insbesondere bei wissenschaftlicher Verwendung), dass einige Aspekte – vor allem zur Organisation der Bekleidungsindustrie und der Bezugsscheinregelung für den Einzelhandel – durch weiteres Quellenmaterial präzisiert und differenziert werden müssen.

Anmerkungen:
[1] Bundesarchiv Berlin, R 3 / 3897, Wirtschaftsgruppe Bekleidungsindustrie: Die deutsche Bekleidungsindustrie im Kriege 1943, S. 8.
[2] Vgl. Nachrichten für die Bekleidungsindustrie, Nr. 1, 08.01.1947, S. 5, und Neue Textil-Zeitung, Nr. 1, 03.01.1947, S. 3.

Zitation
Julia Schnaus: Rezension zu: Sywottek, Jutta: "Darf man jetzt von Mode sprechen?". Bekleidung und Textilwirtschaft im Nachkriegsdeutschland. Hildesheim 2014 , in: H-Soz-Kult, 16.12.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23402>.