Cover
Titel
American Reckoning. The Vietnam War and Our National Identity


Autor(en)
Appy, Christian G.
Erschienen
New York 2015: Penguin Press
Umfang
416 S.
Preis
$ 28.95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Marcel Berni, Militärakademie an der ETH Zürich (MILAK)

Im Jahr 2015 jährte sich die Landung der ersten US-Marines in Da Nang zum 50. Mal; das Jahr 2015 markierte aber auch den 40. Jahrestag des Falles von Saigon und damit das formale Ende des Vietnamkrieges. Die Häufung dieser Jahrestage verstärkte das Interesse der amerikanischen Forschung am Krieg im Land der Mekongmündung.

Christian G. Appy, Professor für Geschichte an der University of Massachusetts Amherst, legt mit „American Reckoning“ pünktlich zu den Jahrestagen dieser Ereignisse ein neues Buch zum Vietnamkrieg vor. Es ist seine dritte Monographie zum Thema[1] und Appy beschäftigt sich darin eingehend mit der Frage, wie der längste Krieg des 20. Jahrhunderts das amerikanische Selbstverständnis beeinflusste. Diese vom Autor selbst verortete Forschungslücke (S. xiii) wird von ihm in einer dualen Vorgehensweise aufgearbeitet: Die ersten beiden Buchteile „Why Are We in Vietnam“ (S. 1–115) und „America at War“ (S. 117–217) beschreiben die Vorgeschichte und den Verlauf des Krieges – zumeist aus amerikanischer Perspektive. Der dritte Teil „What Have We Become“ (S. 219–335) fokussiert auf die Vergangenheitsbewältigung des Vietnamtraumas in der amerikanischen Gesellschaft und ist damit der originellste Teil der vorliegenden Studie. Appys Buch widmet sich insgesamt sechs Dekaden amerikanischer Geschichte und nationaler Selbstwahrnehmung.

Appy kombiniert einen großen Teil der mittlerweile extrem umfangreichen Vietnamliteratur mit eigener Forschung. Er analysiert populär-kulturelle Quellen wie Filme, Lieder, Memoiren und Romane in Kombination mit offiziellen Dokumenten, Reden, Umfragen und der medialen Berichterstattung. Bereits einleitend wird Appys These klar: „My main argument is that the Vietnam War shattered the central tenet of American national identity […].“ (S. xiii)

Diese Erschütterung des amerikanischen Exzeptionalismus zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Im Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten provozierten der sich verschärfende Ost-West-Konflikt und der Aufstieg der Sowjetunion zur Atommacht zu Beginn des Kalten Krieges antikommunistische Reaktionen. Im Kontext der „Second Red Scare“, der Dominotheorie und der Containment-Politik setzt Appys Narrativ ein. Es beginnt mit dem Marinearzt Thomas A. Dooley und seinem 1956 erschienenem Roman „Deliver Us From Evil“, dem ersten populären amerikanischen Buch über Vietnam.[2] In maßgebender Weise war es Dooleys literarischem Schaffen sowie seinen Medienauftritten zu verdanken, dass unter vielen Amerikanern ein falsches Bild einer katholischen und Viet Minh-feindlichen Bevölkerung Vietnams populär wurde.

Die zunehmend wichtiger werdende Rolle der USA im südvietnamesischen Bürgerkrieg beschreibt der Autor überblicksartig. Der von John F. Kennedy gutgeheißene Sturz des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem am 1. November 1963 durch die CIA, welche bereits Dooleys Schaffen unterstützt hatte, blieb der amerikanischen Öffentlichkeit weitestgehend verborgen. Appy fügt interessante Zahlen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung in den USA an: Zum Beispiel zeigten die drei damaligen Fernsehsender pro Tag lediglich 15 Minuten Abendnachrichten – CBS war der erste unter ihnen, der im September 1963 zu einem 30-minütigen Newsformat überging (S. 19). Zudem zeigt Appy, dass der Ausdruck „Communist Aggression“ in der „New York Times“ von 1851 bis 1946 in lediglich acht Artikeln auftauchte, jedoch von 1946 bis 1960 in 2.714 Beiträgen verwendet wurde (S. 41).

Vor dem Hintergrund einer größtenteils unkritischen Öffentlichkeit war der Weg frei für die Amerikanisierung des Krieges. Den Entschluss zum Kriegseintritt erklärt Appy aus einer Verkettung diverser Faktoren. Antikommunismus, der „Verlust“ Chinas, die vermeintlichen Lehren aus der Appeasement-Politik gegenüber Hitler, aber nicht zuletzt auch tradierte Vorstellungen von Stärke und Männlichkeit waren für den Autor die wichtigsten Gründe für das wachsende Engagement in Südvietnam: „U.S. policy in Vietnam was driven by men who were intensely concerned about demonstrating their own, and the nation’s, toughness.“ (S. 78) Dazu kamen Ängste vor einem Glaubwürdigkeitsverlust. Appy führt die damaligen Argumente für den Krieg wiederholt ad absurdum und zeigt, dass das politische und militärische Establishment in Washington nicht in den Krieg hineinschlitterte, sondern diesen vorsätzlich vom Zaun brach: „American war planners were not lured unwittingly into Vietnam; they moved in deliberately and without an invitation […]. Nor were the key war managers notably optimistic […]. They saw the dangers ahead and plunged in anyway. They created their own quagmire and eventually ordered three million American troops to fight in it.“ (S. 79–80) Und dies, obwohl mahnende Stimmen vor einem Kriegseintritt warnten, etwa William Bundy, George Ball oder der junge John F. Kennedy. Trotzdem ebnete letzterer – und das ist Kennedys große Ambivalenz, die gestandene Vietnam-Historiker bis heute umtreibt[3] – mit dem „Project Beefup“ den Weg für eine amerikanische Eskalation.

Dass Appy ein ausgewiesener Fachmann bezüglich der Sozialstruktur der US-Streitkräfte in Vietnam ist, bleibt dem Leser nicht verborgen. Auch die Auswirkungen der amerikanischen Militärdoktrin, der Luftkrieg, die technologische Überlegenheit, die zahlreich verübten Kriegsverbrechen und der verbreitete Rassismus unter vielen amerikanischen Soldaten werden von Appy beschrieben. Der Autor weist abermals darauf hin, dass es bereits einem großen Teil der Zeitgenossen klar gewesen sein muss, dass man mit der amerikanischen Strategie die „Hearts and Minds“ der vietnamesischen Bevölkerung nicht gewinnen konnte.

Appy zeigt sodann, dass die Möglichkeit, den Krieg vorzeitig zu beenden, abermals bestanden hätte. Zum Beispiel mit der Präsidentschaftskandidatur Robert F. Kennedys 1968. Drei Monate, nachdem Kennedy seinen Bedenken über den Vietnamkrieg in einer feurigen Ansprache vor begeisterten Zuhörern an der Kansas State University Ausdruck verlieh, wurde der Senator allerdings von Sirhan Sirhan ermordet. Der Krieg sollte noch weitere sieben Jahre dauern und die amerikanische Gesellschaft spalten wie zu Zeiten des Bürgerkrieges nicht mehr. Mit der Tet-Offensive und dem Tod Robert F. Kennedys war für einen immer größer werdenden Teil der Amerikaner klar, dass Vietnam nicht vor den Kommunisten gerettet werden müsse, sondern vor der amerikanischen Militärmaschinerie. Amerikas Heimatfront war in Aufruhr und mit der endgültigen Niederlage 1975 schien der amerikanische Exzeptionalismus begraben. Doch wie ein Phönix aus der Asche erhob sich spätestens mit dem militärischen Sieg im Golfkrieg 1991 ein gestärktes, stolzes Amerika, welches das Vietnamtrauma überwunden zu wissen glaubte. Mit der Brutkastenlüge hatte wieder ein Vorwand – wie schon der Golf von Tonkin-„Zwischenfall“ – den Kriegsanlass gegeben. Trotzdem gelang es George H. W. Bush, mit „Desert Storm“ und vermeintlich chirurgischer Präzision die Oberhand gegenüber Saddam Hussein zu gewinnen. So wurde der kurze Golfkrieg nicht zu einem neuen Vietnam und Bush verkündete Anfang März 1991: „It’s a proud day for America – and, by God, we’ve kicked the Vietnam syndrome once and for all. […] The specter of Vietnam has been buried forever in the desert sands of the Arabian peninsula.” (S. 299)

Appys Buch eignet sich als pointierte Gesamtschau. Leider arbeitet der Autor mit einem äußerst gewöhnungsbedürftigen Zitationsstil (S. 341–384) und wiederholt sich ab und an (zum Beispiel S. 104 und S. 163). Schade auch, dass die eindrücklichen Bilder, auf die sich der Autor bezieht, nur auf seiner Website veröffentlicht sind, und nicht als Bildteil des Buches.[4] Alles in allem ist Appys „Amerikanische Abrechnung“ eine kritische, zuweilen zynisch geschriebene Auseinandersetzung mit der Rolle Amerikas im Vietnamkrieg und der bis heute andauernden Verarbeitung der Niederlage im Dschungel Südostasiens.

Anmerkungen:
[1] Zuvor erschienen von Christian G. Appy folgende Werke, die beide einen substanziellen Beitrag zur Vietnamforschung lieferten: Working-Class War. American Combat Soldiers and Vietnam, Chapel Hill 1993; Patriots. The Vietnam War Remembered from All Sides, New York 2003.
[2] Thomas A. Dooley, Deliver Us From Evil. A Story of Viet Nam’s Flight to Freedom, New York 1956.
[3] Zuletzt hat der Pulitzer-Preisträger Fredrik Logevall hinlänglich auf das Kennedy-Dilemma hingewiesen. Siehe Fredrik Logevall, Embers of War. The Fall of an Empire and the Making of America’s Vietnam, New York 2012, S. 702–711.
[4] Siehe Christian G. Appy, American Reckoning. Historical Timeline, URL: <http://www.christianappy.com/timeline.html> (19.08.2015).

Zitation
Marcel Berni: Rezension zu: Appy, Christian G.: American Reckoning. The Vietnam War and Our National Identity. New York 2015 , in: H-Soz-Kult, 24.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24230>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.09.2015
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/