M. Marten u.a.: Fogels Ordnungen

Cover
Titel
Fogels Ordnungen. Aus der Werkstatt des Hamburger Mediziners Martin Fogel (1634–1675)


Autor(en)
Marten, Maria; Piepenbring-Thomas, Carola
Erschienen
Frankfurt a.M. 2015: Vittorio Klostermann
Umfang
333 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dietrich Hakelberg, Forschungsverbund Marbach – Weimar – Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel

Der besondere Quellenwert privater Bibliotheksbestände und Bibliothekskataloge für die Rekonstruktion von Wissensressourcen und Wissensordnungen ist längst zu einem locus communis der Frühneuzeitforschung geworden. Vertiefende Fallstudien sind allerdings nicht häufig, denn vor der umfassenden inhaltlichen Untersuchung und Kontextualisierung einer Privatbibliothek ist der historische Buchbesitz über Provenienzmerkmale zu rekonstruieren oder indirekt aus Katalogen bibliographisch festzustellen.

Maria Marten und Carola Piepenbring-Thomas haben eine solche Herausforderung angenommen. Sie widmen sich der Darstellung und Erforschung eines so kostbaren wie gewaltigen Überlieferungszusammenhangs, der Bibliothek und Zettelsammlung des Hamburger Mediziners Martin Fogel, der ein Schüler des Naturforschers Joachim Jungius (1587–1657) war. Fogel entdeckte die finno-ugrische Sprachverwandtschaft und beschäftigte sich darüber hinaus intensiv mit Landeskunde und Botanik, Farbstoffen, Narkotika und anderen naturkundlichen Themen. Wie durch ein jahrhundertealtes Fenster können die Autorinnen einen fast ungetrübten Blick in die Werkstatt dieses frühneuzeitlichen Gelehrten werfen: die glückliche Quellenlage erlaubt es ihnen wie in wohl kaum einem anderen Fall, Fogels Bibliothek zu rekonstruieren, seine wissenschaftlichen Praktiken nachzuvollziehen und ihn im Gelehrtennetzwerk seiner Zeit zu verorten. Gottfried Wilhelm Leibniz wusste um den Wissensschatz des mit 41 Jahren verstorbenen Fogel und sicherte dessen Buchbesitz für die herzogliche Bibliothek in Hannover. Deren Bestand bereicherte Fogels Sammlung besonders mit Büchern zur Naturforschung. Von den einst 3.600 Bänden sind heute noch rund 1.700 Drucke in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover erhalten, zusammen mit Leibniz Handexemplar des gedruckten Auktionskatalogs und Fogels 32.500 Stücke umfassender Zettelsammlung mit Exzerpten und Notizen aller Art.[1]

Die leitenden Fragen der Autorinnen gelten Fogels Sammelinteressen, der Praxis des Bucherwerbs, seinen Wissensordnungen, seinem Umgang mit Quellen und Exzerpten sowie seinem gelehrten Netzwerk. Nach einer überlieferungsgeschichtlichen Einführung stellen sie zunächst die Bibliothek und ihre Bestände vor, untersuchen Fogels Arbeitspraktiken anhand der erstaunlichen Zettelsammlung, und kommen dem Autor von Briefen, Manuskripten und Publikationen, seinem wissenschaftlichen und familiären Alltag, seinen Reisen und seiner Kunst- und Naturalienkammer auf die Spur. Abschließend geben sie einen Überblick über Fogels Erkenntnisinteressen und Arbeitsweisen.

Nur wenige Bücher aus Fogels Besitz tragen seinen Namenszug. Die Provenienz lässt sich meist nur über unscheinbare Signaturen aus Buchstaben und Ziffern identifizieren, die nicht genau zu datieren sind und die nicht einmal von Fogels Hand zu stammen scheinen (S. 76–81). Einmal mehr wird deutlich, wie subtil die Exemplarspezifika sein können, die einen historischen Buchbestand zusammenhalten. Die erhaltenen Standortsignaturen lassen sich zwar unter den zehn Sachgruppen des Auktionskataloges zusammenfassen, jedoch gibt es auch Ausreißer, die der Katalogautor anders klassifizierte. Die Bücher waren innerhalb der Sachgruppen anders als üblich nicht nach Formaten aufgestellt (S. 73 mit Abb. 11). Unsicher ist, inwieweit die Katalogsystematik ein Abbild von Fogels eigener Aufstellung ist. Da die Auktion „in aedibus Fogelianis“ stattfinden sollte, wie es auf dem Titelblatt des Auktionskataloges von 1678 heißt[2], könnten die Bücher dort wie vorgefunden katalogisiert worden sein, um auch in dieser Reihenfolge versteigert zu werden. Von Fogels Netzwerk zeugen rund 80 Geschenk- und Widmungsexemplare namhafter Zeitgenossen (S. 105–111). Die Werke werden nur als Kurztitel mit der Nummer des Auktionskataloges zitiert, die geschenkten Exemplare aber im Literaturverzeichnis über die Signatur der GWLB Hannover nachgewiesen.

Das Bibliotheksprofil baute Fogel universal aus, mit Schwerpunkten auf Naturkunde und Medizin. Die Autorinnen nehmen daher in drei kurzen Abschnitten den mathematischen, medizinischen und naturkundlichen Teilbestand genauer in den Blick (S. 91–103). Fogel verfolgte und sammelte hauptsächlich die wissenschaftliche Literatur seiner Zeit. Eine Auszählung der Erscheinungsjahre zeigt, dass nur ein Viertel der Bücher vor 1600, drei Viertel hingegen im 17. Jahrhundert erschienen sind. Es fällt dabei auf, dass die Druckorte Paris und Venedig dominieren (S. 114).

Die Schere war für Fogel neben der Feder das wichtigste Werkzeug zum Sammeln und Ordnen von Fakten, die er aus Textzusammenhängen herausschnitt und als Zettel in andere Kontexte einsortierte oder einklebte. Durch Papierrecycling kreierte Fogel eine vielschichtige Überlieferung: die bedruckte und beschriebene Makulatur in der Zettelsammlung enthält auf der einen Seite fragmentierte Texte in Druck und Handschrift, auf der anderen zuerst unbeschriebenen Seite Fogels sachbezogene Notizen und Exzerpte. Alle Zettel wurden sorgfältig archiviert. Die Analyse dieser Papier-Befunde ist besonders gelungen. Das Unterstreichen in verschiedenen Farben hielt Fogel als Mnemotechnik für verschiedene Gedankengänge auf einem extra Zettel fest (S. 141). Zerschnittene Drucke dienten ihm als Umschläge für thematische Zettelkonvolute, als Notizzettel oder waren inhaltlich relevante Textausrisse. Teilweise verwendete er auch ausgeschiedene Druckbögen als Makulatur (S. 146). Zeitungsexzerpte und -ausschnitte belegen seit etwa 1670 die Verarbeitung aktueller Informationen (S. 168 ff.). In die Zettelsammlung gelangte auch wiederverwendetes privates und geschäftliches Schriftgut, etwa Korrespondenz mit Fogels Eltern aus dessen Studienzeit in Gießen (S. 207).

Einen Brief zu versenden, kostete so viel wie ein Pfund Kirschen (S. 205): Umfassend informieren die Autorinnen über Fogels Netzwerk und seine Realien. Korrespondenz ist besonders mit dem Sekretär der Royal Society in London, Henry Oldenburg, überliefert. Mit ihm tauschte sich Fogel über neue Wege der Erkenntnis aus. Während er seinem Lehrer Jungius folgend von experientia sprach und damit Erfahrungswissen aus Beobachtung meinte, schilderte Oldenburg planmäßige experimenta als neuen anti-scholastischen Ansatz der Royal Society (S. 217 f.). Die Zettelsammlung enthält nur Briefexzerpte; die Briefe der verschiedenen Gelehrten an Fogel sind nicht nach Hannover gelangt.

Eine besondere Entdeckung in Fogels Zettelsammlung ist eine Art gedruckter Fragebogen, den der Kieler Medizinprofessor Johann Daniel Major verschickt hatte. Major bat um Informationen über ihm unbekannt gebliebene Sammlungen für sein „Unvorgreiffliches Bedencken von Kunst- und Naturalien-Kammern“. Fogel hatte zwei Exemplare dieses „Fragebogens“ bekommen und sandte eines annotiert zurück, das heute in der SLUB Dresden liegt.[3] Fogels Ergänzungen, darunter auch seine eigene Sammlung, hat Major in seinen „Catalogus Oder Index Alphabeticus“ von Kunst- und Naturalienkammern übernommen.[4] Nichts ist von Fogels Kunst- und Naturalienkammer, die auch Münzen und Antiken enthielt, erhalten geblieben.

Die Autorinnen ordnen Fogels wissenschaftliche Aktivitäten in die für die Hamburger Gelehrtenszene so typische Tatsachenkultur ein, das Sammeln, Notieren und Verzetteln nicht nur von Tatsachen und Wundern der Natur, sondern auch von philologischen Fakten, bibliographischen Raritäten und Seltsamkeiten. Der Reiz, den kuriose Probleme und Objekte aller Art auch auf Fogel ausübten, ist zeittypisch, doch seien diese „Wunder“ für ihn immer mehr in den Hintergrund getreten. Fogels Interessen konzentrierten sich zunehmend auf spezielle Sammlungs- und Forschungsprojekte aus dem Bereich der Botanik, zu den Narkotika oder zur vergleichenden Sprachwissenschaft. Dabei zog Fogel, dieser offenbar rastlose Tatsachen-Sammler, experientia dem neuen experimentum vor (S. 282 f.). Ratione et Experientia lautete die Devise des Naturbeobachters, die er 1666 in ein Stammbuch eintrug (S. 220 f.).

Bei profunder Kenntnis des Quellenbestandes bieten die Autorinnen verschiedenste Sichtweisen auf das breite Wissensspektrum Martin Fogels und rekonstruieren seine Aktivitäten im zeitgenössischen Kontext. Das Literaturverzeichnis ist thematisch erschöpfend, ein Personenregister erleichtert die Benutzung. Die gute Druckqualität der 76 meist freigestellten Schwarz-Weiß-Abbildungen ist besonders hervorzuheben. Der Band entfaltet ein facettenreiches Bild von Fogels wissenschaftlicher Welt, von den Autorinnen anhand seiner Sammlungen anschaulich dargestellt.

Anmerkungen:
[1] Teilerschlossen und online recherchierbar unter: <http://dokumente.leibnizcentral.de/?id=156> (19.08.2015). Der erhaltene Buchbesitz Fogels kann unter <http://www.leibnizcentral.de/CiXbase/gwlblab/> im Bestand von Leibnizʼ Arbeitsbibliothek recherchiert werden (Provenienz: Fogel = 1667 Treffer [19.08.2015]).
[2] VD17 1:046259H, <http://digitale-sammlungen.gwlb.de/ppnresolver?PPN=818860901> (19.08.2015).
[3] VD17 14:702477B, <http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/88018/3/> (19.08.2015).
[4] VD17 1:090814S, <http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PPN=PPN775720887&PHYSID=PHYS_00320032> (19.08.2015).

Zitation
Dietrich Hakelberg: Rezension zu: Marten, Maria; Piepenbring-Thomas, Carola: Fogels Ordnungen. Aus der Werkstatt des Hamburger Mediziners Martin Fogel (1634–1675). Frankfurt a.M. 2015 , in: H-Soz-Kult, 09.09.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24256>.
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09.09.2015
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