Titel
Demokratie und Globalisierung. Europa seit 1989


Autor(en)
Wirsching, Andreas
Erschienen
München 2015: C.H. Beck Verlag
Umfang
248 S., 4 Karten
Preis
€ 14,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Kiran Klaus Patel, Department of History, Maastricht University

Andreas Wirsching gehört zu jenen Zeithistorikern, die nicht davor zurückschrecken, sich auch der allerjüngsten Vergangenheit anzunehmen. Nach „Abschied vom Provisorium“ (2006) und „Der Preis der Freiheit“ (2012)[1] hat er nun in der zehnbändigen Reihe „C.H. Beck Geschichte Europas“ den Band zur Zeitgeschichte seit dem Ende des Kalten Krieges vorgelegt. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um eine geraffte und zugleich ergänzte Fassung seines Buches von 2012, das damit im Taschenbuchformat einer breiteren Leserschaft zugänglich gemacht wird.

Wie bereits in „Der Preis der Freiheit“ wählt Wirsching einen thematischen Zugriff und erklärt die jüngste Geschichte Europas über eine Reihe von Paradoxien. In den Mittelpunkt stellt er die These, dass Europa „von einem mächtigen historischen Trend zur Konvergenz geprägt“ sei (S. 8), der seinerseits jedoch häufig zu Krisen führe. Insofern bestehe nicht nur eine Gleichzeitigkeit von Konvergenz und Krise, sondern auch eine kausale Beziehung zwischen beiden Tendenzen. Dieses Wechselverhältnis zeigt sich für Wirsching besonders an Prozessen der Demokratisierung und Globalisierung, die für ihn die Hauptlinien der europäischen Geschichte seit 1989 darstellen. Zum Beispiel brachte die Globalisierung der Ökonomie nicht nur Wohlstandsgewinne mit sich und half, Osteuropa in die Weltwirtschaft zu integrieren; vielmehr führte sie auch zu neuen sozialen Ungleichheiten und Konflikten. Wirschings Leitbegriffe und Kategorien erweisen sich als groß – aber auch präzise – genug, um den phasenweise doch sehr unterschiedlich gelagerten Entwicklungen in den verschiedenen Teilen des Kontinents gerecht zu werden. Er verliert sich nicht in (national-)historischen Details; durchweg gelingt es, übergreifende Prozesse luzide herauszuarbeiten und mit gut gewählten Beispielen zu unterlegen. Entsprechend seiner Leitbegriffe kreist das Buch um einen politikhistorischen Kern, der jedoch um wirtschafts- und sozialhistorische Aspekte angereichert ist. Was Wirsching in dem Buch von 2012 über Fragen europäischer Identität, die Konstruktion des Anderen und den Blick von außen auf Europa ausgeführt hatte, ist hier noch stärker kondensiert als die anderen Teile des früheren Buches und tritt vor allem zum Vorschein, wo es politische Wirkungen zeitigt: etwa in der Ethnisierung schon länger bestehender Konflikte als treibender Faktor für die Kriege in Ex-Jugoslawien, oder aber bei der Analyse separatistischer und rechtspopulistischer Bewegungen.

Methodische Überlegungen bleiben in dem Werk – dem Charakter der Reihe angemessen – weitgehend implizit. Hatte schon „Der Preis der Freiheit“ eine überaus beeindruckende Syntheseleistung dargestellt, gelingt es Wirsching hier, seine empirischen Ausführungen und Thesen noch einmal weiter zu synthetisieren und zuzuspitzen. Neu geschriebene Unterkapitel zur allerjüngsten Vergangenheit – etwa zum arabischem Frühling, der Ukraine-Krise und den Europawahlen 2014 – sind organisch in den Gang der Darstellung integriert. Zugleich ist das Buch keineswegs präsentistisch; Wirsching bemüht sich durchweg, längere Prozesse herauszuarbeiten, weshalb etwa 1989 für ihn keineswegs eine Stunde Null markiert. Insgesamt wartet das Buch mit einer Fülle sorgfältig abgewogener, klar formulierter und übrigens häufig auch normativ aufgeladener Urteile auf, etwa wenn es die ersten Schritte in Richtung Demokratie in Polen, Ungarn und anderen Teilen des früheren Ostblocks als „schmerzhaft und enttäuschend“ bezeichnet, aber auch als Bewegungen „in die richtige Richtung“, die zunehmend eine Pfadabhängigkeit begründeten (S. 48).

Gewisse Entscheidungen bezüglich Gewichtung und Deutung ließen sich kritisch hinterfragen, so etwa ob die USA bei der Analyse des Niedergangs des Ostblocks nicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Angesichts der enormen Leistungen des Werks erscheint solche Kritik allerdings fast kleinlich. Problematischer ist etwas anderes: Immer wieder tritt ein teleologischer Zug hervor. Abgesehen von der krisengetriebenen Konvergenzthese ist etwa von gesellschaftlichen "Entwicklungsstufe[n]" (S. 22), vom Nachholen im "Zeitraffer" (S. 45), von der "Drohung" des "Rückfalls" (S. 9) und Ähnlichem die Rede. Die Modernisierungstheorie, von der sich das Gros der Forschung seit einiger Zeit mit guten Gründen verabschiedet hat, hallt in solchen Formulierungen nach. Der Teleologie völlig zu entkommen ist wahrscheinlich ein Ding der Unmöglichkeit, vor allem wenn man als analytische Leitplanken mit Demokratisierung und Globalisierung zwei Prozessbegriffe wählt. Modernisierungstheoretisch aufgeladene Formulierungen geben dem Text jedoch zuweilen eine etwas deterministische Note. Während man als Leser einerseits dankbar sein kann, einen so klaren Interpretationsrahmen geboten zu bekommen, so hat dessen empirische Umsetzung andererseits durchaus ihren Preis.

Im Vergleich zu anderen Überblicksdarstellungen, vor allem aus dem englischsprachigen Raum, fällt zudem auf, welchen hohen Stellenwert Wirsching der Europäischen Union (bzw. der Europäischen Gemeinschaft als ihrem Vorläufer) einräumt. Er nutzt die EU häufig als Kristallisationspunkt, um komplexe Zusammenhänge umreißen zu können, ohne sich in luftleeren Abstraktionen zu verlieren. An manchen Stellen scheint er die Bedeutung der EU allerdings etwas zu überschätzen. Ob die Europäische Sicherheitsstrategie von 2003 tatsächlich so viel Aufmerksamkeit verdient, sei dahingestellt; dasselbe gilt etwa für den Lissabon-Prozess. Auch hier, ebenso wie in Formulierungen wie der vom „zukunftsorientierte(n) Entwicklungspotential der Europäischen Union“ (S. 195) deutet sich wiederum ein Zug ins Normativ-Teleologische an. An vielen anderen Stellen leuchtet seine starke Gewichtung der EU dagegen ganz ein, was Wirschings Werk zu einem wichtigen Korrektiv macht für die bislang dominierenden Narrative, die entweder nationalzentriert sind oder aber internationalen Organisationen und regionalen Zusammenschlüssen sowie der EU im Besonderen keine gewichtige Rolle einräumen. Auf dieser Ebene leistet Wirsching historiographische Pionierarbeit für die Erforschung der Zeit seit 1989. Dieses Kompliment rundet das Bild ab. Wirschings Buch bietet einen klug geordneten, souveränen Überblick über zentrale Probleme der jüngeren Vergangenheit. An dem Werk kommt niemand vorbei, der sich für die Zeitgeschichte Europas seit den 1980er-Jahren interessiert.

Anmerkung:
[1] Andreas Wirsching, Abschied vom Provisorium. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1982–1989/90, München 2006; ders., Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012.

Zitation
Kiran Klaus Patel: Rezension zu: Wirsching, Andreas: Demokratie und Globalisierung. Europa seit 1989. München 2015 , in: H-Soz-Kult, 18.11.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24295>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.11.2015
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/