W. Biesterfeld: Der Fürstenspiegel als Roman

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Titel
Der Fürstenspiegel als Roman. Narrative Texte zur Ethik und Pragmatik von Herrschaft im 18. Jahrhundert


Autor(en)
Biesterfeld, Wolfgang
Erschienen
Umfang
X, 613 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felix Hinz, Historisches Institut, Universität Paderborn

Der Roman ist eine noch immer sträflich vernachlässigte Quelle der Kulturgeschichte. Umso erfreulicher ist es, dass zu dieser Thematik nun eine weitere profunde Untersuchung vorliegt. Während der expositorische Fürstenspiegel als Sachtexte bereits vielfach die Aufmerksamkeit von Historikern fand, ist dies für Fürstenspiegel in Romanform bislang nicht der Fall. Dieses Desiderat hat Wolfgang Biesterfeld mit dem vorliegenden Werk behoben. Dabei zeigte sich, dass zuvor noch nicht einmal der gesamte, meist aus deutsch- und französischsprachigen Texten bestehende Korpus bekannt war: Die aus dem 18. Jahrhundert bekannten 15 Texte vermochte der Verfasser um zehn weitere zu ergänzen.

Biesterfeld demonstriert eindrücklich, welch reichhaltiges Potential der romanhafte Fürstenspiegel auch politikgeschichtlich bietet. Während bis dahin angenommen wurde, dass sich Fürstenerziehungsromane ausschließlich an amtierende Monarchen, deren Thronfolger oder andere Fürsten richtete, zeigt das vorliegende Werk, dass gegen Ende des Jahrhunderts sogar das Bürgertum die Zielgruppe darstellte.

Gerade die literarische Gestaltung verweist darauf, dass die Autoren auf gesteigerten Absatz ihrer Werke bedacht waren, denn der Roman war die beliebteste Gattung der Zeit und sollte dies auch in Zukunft bleiben. Sie unterstreicht den Anspruch, modern sein und die Monarchie in zunehmenden Maße über allgemeinen Konsens und weniger durch Gottes Gnaden legitimieren zu wollen. Inhalt und Form weisen auf die Forderung nach einer aufgeklärten Monarchie. Es geht nicht mehr nur darum, ein persönlich zugeschnittenes didaktisches Ideal zu zeichnen, sondern durch die möglichst weite Verbreitung des Werkes, das in der Gestalt des Romans nun auch als Belletristik dienen kann, es umso verpflichtender für den Fürsten wirken zu lassen.

Nach einem ersten Teil, in dem Biesterfeld den bisherigen Forschungsstand darlegt und die der Gattung innewohnende Problematik reflektiert, folgt ein dichter Exkurs über den Fürstenspiegel in anderen Textsorten, zum Beispiel im Gedicht, im Märchen, Brief oder Drama. Der Hauptteil der Untersuchung widmet sich den konkreten Beispielen des Fürstenspiegels als Roman. Zum Schluss bietet Biesterfeld auf Grundlage seiner detailreichen Untersuchungen ein idealtypisches Grundmuster für einen narrativen Fürstenspiegel und zeigt schließlich moderne Adaptionen des Genres auf, die sich durch zukünftige Forschungen sicherlich noch fortführen ließen. Ausführliche Quellen- und Literaturverzeichnisse sowie ein umfangreiches Personenregister runden die Untersuchung ab.

Ein wichtiges Verdienst des vorliegenden Werks ist eine Schärfung der Gattungsdefinition, die bislang in den einschlägigen Lexika, falls sie den Fürstenspiegel überhaupt erwähnen, sehr variiert. „Alle Texte, die wir Fürstenspiegel nennen, haben gemeinsam, dass sie sich intentional zu Ethik und Pragmatik von Herrschaft äußern“, so Biesterfeld. „Ein Fürstenspiegel stellt einen Anspruch, er ist auf die Zukunft gerichtet. Ein Fürstenspiegel ist ein appellativer Text.“ (S. 34) Es bleibt unklar, weshalb Biesterfeld nicht näher auf ausführlichere Werke eingeht, die den Fürstenspiegel der Frühen Neuzeit zum Gegenstand haben. Ein genauerer Abgleich als der S. 70–84 gebotene wäre sicherlich fruchtbar gewesen[1], nicht zuletzt auch hinsichtlich des Verhältnisses des deutschsprachigen zum fanzösischsprachigen Roman der Zeit.[2] Im Hinblick auf das Bürgertum als Mit-Rezipient würde sich ein hier leider ebenfalls unterlassener Vergleich mit Romanen als lohnenswert erweisen, die zur selben Zeit nicht die fürstlichen, sondern explizit die bürgerlichen Tugenden behandeln.[3] Gerade der Selbstfindungsprozess des Bürgertums ist es ja, der dem 18. Jahrhundert aus heutiger Perspektive seine Bedeutung verleiht. In diesem Zusammenhang hätte auch der größere Rahmen Beachtung verdient, dass zwischen 1740 und 1800 die Buchproduktion (von jährlich 755 auf 2569 Titel) sprunghaft anstieg, vor allem im Bereich der sogenannten Schönen Literatur.[4] Erst dieser neu entstehende Markt machte das untersuchte Phänomen möglich, ja lässt den (Staats-)Roman zu einer der wichtigsten Gattung der europäischen Aufklärung werden.

Genreprägend wirkte mit über 190 verschiedenen Ausgaben (S. 198) Fénelos Télémaque von 1699, der bereits in seiner Entstehungszeit als Kritik an der Regierung Ludwigs XIV. aufgefasst wurde und den Biesterfeld zu Recht ausführlich behandelt (S. 143–239). Der Télémaque trug, obwohl eigentlich gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt, durch seine Aussagekraft und Brisanz nebenbei erheblich dazu bei, den Roman auch im deutschsprachigen Raum zu einer anerkannten literarischen Gattung zu erheben. Hiervon ausgehend behandelt der Verfasser in chronologischer Reihenfolge alle von ihm recherchierten narrativen Fürstenspiegel, indem er zunächst Angaben zu den – meist adeligen, männlichen, protestantischen und freimaurerischen (S. 550) – Verfassern gibt und anschließend mehrseitige Inhaltsangaben liefert. Diese sind zwar in Bezug auf die Handlung oft wenig spannend, bieten aber dennoch lohnenswerte Einblicke in den Zeitgeist und offenbaren, wie die Fürstenspiegel, nicht selten unter den wachsamen Augen der Zensur, den Diskurs um die beste Staatsform mehr oder minder verschlüsselt fortspannen. Es folgt stets eine kontextualisierende Bewertung, die, wenn möglich, auch schlaglichtartig zeitgenössische Rezensionen zu Worte kommen lässt. Wie bei literarischen Quellen üblich ist allerdings auch hier die tatsächliche historische Wirkung meist ungewiss. Außer Friedrich II. (Réfutation du Prince de Machiavel, 1740) hat kein Fürst zur Feder gegriffen, um auf einen Fürstenspiegel öffentlich zu antworten.

Im herausgearbeiteten Motivinventar, das als Grundlage den klassischen, immer weiter ergänzten und den Zeiten angepassten fürstlichen Tugendkatalog fortschreibt, erweist sich neben der weisen Gesetzgebung – und dies ist ein nicht unbedingt vorhersehbares Ergebnis – der Ackerbau als zentral (S. 166). Die Kriegsführung hingegen wird keineswegs als Fürstentugend dargestellt. Ergiebig ist nicht zuletzt das Reisemotiv der Fürstenspiegel. Die Reise dient dem jungen Fürsten in ihren einzelnen Stationen als charakterliche Bewährung, an der er wächst.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Biesterfelds Arbeit ein hervorragendes Handbuch darstellt, um einen fundierten, gut strukturierten Überblick über den Fürstenspiegel als Roman zu gewinnen. Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht jede Einzelinterpretation die Tiefe derjenigen des Télémaque erreichen kann, doch hätte man sich bisweilen prägnantere Inhaltsangaben, dafür aber etwas systematisierendere Interpretationen gewünscht, die noch mehr den jeweiligen gesellschaftlichen Horizont einbeziehen. Zu kurz kommt beispielsweise die Frage, was mit einzelnen historisch-mythischen Namen jeweils assoziiert wurde, wobei vor allem die Protagonisten dieser Schlüsselromane von Telemachos über Kyrus bis Saladin einer näheren Betrachtung würdig gewesen wären. Auf der anderen Seite gelingt es dem Verfasser jedoch, die historische Entwicklung in der Vorstellung von der idealen Regierung darzustellen: Wird zunächst die Monarchie nicht in Frage gestellt, entwerfen die Autoren im Verlauf des 18. Jahrhunderts verschiedene Formen des aufgeklärten Absolutismus, um dann in der Folge der Französischen Revolution der Monarchie schließlich nur noch allenfalls eine konstitutionell eingeschränkte Funktion zuzugestehen. In Christian Sintenis Theodor (1786) heiratet der junge König sogar eine Bürgerliche (S. 485). Carl Friedrich Bahrdt fordert in Ala Lama (1790) bereits die Abschaffung des königlichen Heeres und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (S. 499).

Trotz der genannten kleinen Mängel ist Biesterfelds Studie ein beachtlicher Zugewinn für die kulturgeschichtliche Erforschung des Fürstenromans und damit zugleich ein facettenreicher, wichtiger Beitrag zur Geschichte der Pädagogik für die staatstragenden Schichten des 18. Jahrhunderts.

Anmerkungen:
[1] Etwa Hans-Otto Mühleisen / Michael Philipp / Theo Stammen (Hrsg.), Fürstenspiegel der Frühen Neuzeit (Bibliothek des deutschen Staatsdenkens 6), Frankfurt am Main 1997, oder Christine Reinle / Harald Winkel (Hrsg.), Historische Exempla in Fürstenspiegeln und Fürstenlehren, Frankfurt am Main 2011.
[2] Vgl. Volker Meid (Hrsg.), Geschichte des deutschsprachigen Romans, Stuttgart 2013, S. 104–105.
[3] Zum Beispiel Samuel Richardson, Pamela, Or Virtue Rewarded (1740, dt. 1742) bzw. ders., The History of Sir Charles Grandison (1753–54, dt. 1754–55).
[4] Wolfgang Beutin u.a., Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 5. Aufl., Stuttgart 1994, S. 126.

Zitation
Felix Hinz: Rezension zu: Biesterfeld, Wolfgang: Der Fürstenspiegel als Roman. Narrative Texte zur Ethik und Pragmatik von Herrschaft im 18. Jahrhundert. Hochgehren 2014 , in: H-Soz-Kult, 17.11.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24302>.