M. Meinhardt u.a. (Hrsg.): Hofgeistlichkeit im Europa der Frühen Neuzeit

Cover
Titel
Religion Macht Politik. Hofgeistlichkeit im Europa der Frühen Neuzeit (1500–1800)


Hrsg. v.
Meinhardt, Matthias; Gleixner, Ulrike; Jung, Martin H.; Westphal, Siegrid
Erschienen
Wiesbaden 2014: Harrassowitz Verlag
Umfang
472 S.
Preis
€ 88,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrike Ludwig, Stiftung LEUCOREA, Lutherstadt Wittenberg

Den Geistlichen an den Höfen im frühneuzeitlichen Europa kam nicht nur eine bedeutende Rolle als persönliche Seelsorger ihrer hochadligen Herren, als deren Beichtväter oder als Hofprediger zu, sie konnten auch einen großen Einfluss auf die Politik der Landesherren und damit auf die Prozesse der Staatsbildung und Konfessionalisierung ausüben. Zu Recht widmet sich daher eine der zentralen Fragen des vorliegenden Buches dem „Aktionsradius von Hofgeistlichen in der Frühen Neuzeit im Schnittfeld von Seelsorge, theologischen Diskursen, Politikberatung und Herrschaftsgestaltung“ (S. 12).

Der Sammelband ist das Ergebnis eines internationalen Arbeitsgespräches, das an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel im Herbst 2011 durchgeführt wurde. Es fand innerhalb des an der Bibliothek angesiedelten Projektes „Obrigkeitskritik und Fürstenberatung: Die Oberhofprediger in Braunschweig-Wolfenbüttel 1568–1714“ statt, welches in Kooperation mit dem interdisziplinären Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Osnabrück durchgeführt wurde. Über die bisherigen Forschungsansätze hinausgehend, werden in dem Band neue Wege gegangen, indem die Vergleichsebene besonders hervorgehoben wird. So wird nicht nur die Rolle der protestantischen Hofprediger, sondern die der Hofgeistlichkeit im interkonfessionellen Vergleich zwischen der lutherischen, der katholischen und der reformierten Konfession untersucht. Zudem werden die russisch-orthodoxen Beichtväter am Zarenhof in die Untersuchungen einbezogen. Einige der Beiträge wurden über die Vorträge auf der Tagung hinaus zusätzlich in den Sammelband aufgenommen. Sie stellen eine große inhaltliche Bereicherung dar, da sie die interkonfessionelle und europäische Vergleichsebene verstärken. Diese Beiträge haben zum Beispiel die Beichtväter der Habsburgerinnen und des spanischen Königs, die katholischen Hofprediger oder die der anglikanischen Kirche zum Inhalt.

Unterteilt in sechs Rubriken, vereint der Band insgesamt 24 Beiträge in deutscher und englischer Sprache. Die Autoren aus verschiedenen Ländern Europas, den USA und Kanada sind überwiegend Historiker; vertreten sind aber auch Theologen, ein Germanist und ein Philosoph. In ihrem einleitenden Aufsatz erörtern Ulrike Gleixner und Siegrid Westphal die verschiedenen Zugänge, die für den Aufbau von Tagung und Sammelband gewählt wurden, um die Vergleichbarkeit der Forschungsergebnisse zu gewährleisten: So geht es ihnen besonders um Fragen von Nähe und Distanz zum Fürsten und seiner Familie, zum Selbstverständnis der Hofgeistlichen, zu ihrem Amt und ihren Handlungsfeldern oder ihrer politischen Teilhabe. Als überraschende Hauptbefunde des Vergleichsmodells benennen die Autorinnen, dass sich einerseits „die protestantischen Varianten nicht so stark vereinheitlichen lassen wie zunächst gedacht“ und andererseits interkonfessionell die „funktionalen Unterschiede der Hofgeistlichkeit“ (S. 12) weniger ausgeprägt waren als anfangs vermutet. Der Einfluss und die Position des Hofgeistlichen waren jedoch stets sehr stark von der Person abhängig, die das Amt gerade innehatte. Der zweite einleitende Aufsatz von Luise Schorn-Schütte befasst sich allgemein mit der Rolle lutherischer Hofprediger, aber auch katholischer Hofgeistlicher im Europa des 16./17. Jahrhunderts zwischen „Herrscherkritik und Seelsorge“ (S. 27).

In der ersten Rubrik sind vier Aufsätze vereint, die sich mit den Verbindungen der Hofgeistlichen zu „Fürst, Fürstin und Hof“ beschäftigen. Zunächst untersucht Katrin Keller das Verhältnis der Habsburgerinnen zu ihren Beichtvätern. Dabei stellt sie das Beispiel der Erzherzogin Maria von Innerösterreich und ihrer Töchter in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Unter anderem aufgrund der schlechten Quellenlage sind die Beziehungen der Hofgeistlichen zu den Fürstinnen bislang wenig erforscht, so dass der Beitrag von Keller ein Desiderat füllt. Mit den pietistischen Hofpredigern Conrad Bröske und Ludwig Christoph Schefer und ihren Beziehungen zu den Wetterauer Grafen am Beispiel der Residenzen Offenbach und Berleburg befasst sich der Aufsatz von Douglas H. Shantz. Es folgen Beiträge von Wolfgang Schöllkopf zu den Hofpredigern in den Spannungsfeldern des Herzogtums Württemberg im 17./18. Jahrhundert mit biografischen Beispielen und Auswertungen von jeweils einer ausgewählten Predigt sowie von Stefanie Walther, die auf die Rolle der Hofprediger in dynastischen Konflikten anhand der Fürstentümer Sachsen-Meiningen und Sachsen-Jena eingeht. Walther legt unter anderem ausführlich eine Auseinandersetzung dar, die sich aufgrund der Heirat des Herzogs Bernhard von Sachsen-Jena mit einer Calvinistin, der französischen Prinzessin Marie-Charlotte de la Trémoïlle, an deren Wunsch nach einem reformierten Prediger entzündete. Trotz der ihr im Ehevertrag zugesicherten Religionsfreiheit lehnten die ernestinischen Herzöge das Ansinnen nicht zuletzt aus Angst vor einer Beeinflussung des Hofes im reformierten Sinne ab und gestatteten erst vier Jahrzehnte später unter strikten Auflagen die Anwesenheit eines calvinistischen Predigers am Hof. Walther stellt abschließend fest, dass diese Bedenken „die große Bedeutung und die Wirkungsmöglichkeiten eines Hofpredigers insgesamt“ (S. 122) aufzeigen.

Die zweite Rubrik des Bandes befasst sich mit dem Thema „Karriere, Amt und Selbstverständnis“. Während Martin H. Jung die Karrierewege von evangelischen Hofpredigern anhand der Territorien Kursachsen und Württemberg vergleicht, geht Johannes Wischmeyer auf die reformierten Hofprediger in Brandenburg-Preußen im 17. Jahrhundert ein. Wischmeyer legt die Aufgaben dieser zumeist von außen ins Land berufenen Amtsträger dar und stellt fest, dass sich die erste Generation der reformierten Hofprediger deutlich von den lutherischen Geistlichen im Land unterschied und sich als eigene soziale Gruppe von der mehrheitlich lutherisch gebliebenen Umgebung abschloss. Jung hingegen hebt neben den Unterschieden vor allem die Gemeinsamkeiten der lutherischen Hofprediger in den beiden untersuchten Territorien hervor, wie die ab dem Ende des 16./Anfang des 17. Jahrhunderts festzustellende oft geringe Mobilität der Hofprediger, die nun zumeist Landeskinder waren, oder ihre hohe akademische Bildung. Das Selbst- und Amtsverständnis lutherischer Hofprediger untersucht Wolfgang Sommer anhand von Beispielen aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. Er behandelt Polykarp Leyser, Martin Geier und Bernhard Walter Marperger und ihre Einflussnahme über das Mittel der Predigt. Der Aufsatz von Leandro Martínez hat die Beichtväter der spanischen Könige zwischen 1474 und 1556 zum Inhalt. Er betont vor allem die Bedeutung der Person des jeweiligen Beichtvaters, von der es hauptsächlich abhing, wie groß dessen Einflussnahme innerhalb der Regierung sein konnte und wie weit sich die Handlungsfelder des Geistlichen erstreckten.

Die dritte Rubrik umfasst Beiträge zum Thema „Herrschaftsbeteiligung: Nähe und Distanz“. Sie wird eröffnet durch den Beitrag von Gerrit Deutschländer, der die Beziehungen des Fürstenerziehers und Ratgebers Georg Helt zu den anhaltischen Fürsten Georg und Joachim untersucht. Helt wurde bislang in der Forschung wenig Aufmerksamkeit zuteil, nicht zuletzt aus dem Grund, dass von ihm keine eigenen Druckschriften vorliegen. Überliefert sind jedoch etliche seiner Briefe an die Fürsten. Seine Beziehung zu den anhaltischen Fürsten war vor allem persönlicher Natur, was ihm eine große Einflussmöglichkeit eröffnete. Die Hofgeistlichkeit der anglikanischen Kirche in der Zeit Elisabeths I. behandelt der Beitrag von Lena Oetzel. Sie legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Hofpredigten als Mittel der Einflussnahme und als einer Möglichkeit, Kritik an der Politik und an der Person Elisabeths zu üben. Christian Deuper geht auf die Beziehungen zwischen Herzog August dem Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel und dem braunschweigischen Hofprediger und Generalsuperintendenten Joachim Lütkemann ein. Auch in Deupers Beitrag wird der Auswertung einer Predigt größerer Raum gewidmet, und zwar der sogenannten Regentenpredigt Lütkemanns, in der dieser durch das in seiner Zeit außergewöhnliche Bild vom Herrscher als einem „Regententier“ (S. 244) neben allgemein ausgesprochener Herrscherkritik – ohne Bezug auf Herzog August – auch Kritik am Krieg übte. Die beiden letzten Aufsätze in dieser Rubrik befassen sich mit der Rolle der Jesuiten am Hof und ihrer Einflussnahme auf die Fürsten. Während Ronnie Po-chia Hsia die Jesuiten an den Höfen des 17. Jahrhunderts in Baiern und Frankreich vergleicht, zieht Michael Müller Parallelen zwischen den jesuitischen Beichtvätern an den Höfen in Frankreich und Kurmainz.

Die vierte Rubrik hat „Konflikt und Streitkultur“ zum Inhalt. Sie vereint vier Beiträge zur lutherischen Konfession. Matthias Meinhardt erörtert die politische Einflussnahme des Hofpredigers Basilius Sattler in Braunschweig-Wolfenbüttel und arbeitet beispielhaft heraus, dass Sattler nicht nur auf die theologischen Belange des Fürstentums Einfluss nahm, sondern auch aktiv in politische Konflikte eingriff. Robert von Friedeburg behandelt die Debatte um das Widerstandsrecht im Luthertum, während Frank Grunert die Rolle des Hofpredigers am dänischen Hof Hector Gottfried Masius untersucht. Alexandra Fausts Beitrag führt wiederum nach Braunschweig-Wolfenbüttel zurück und behandelt eine Problematik, die auch an anderen frühneuzeitlichen Fürstenhöfen von Bedeutung war: Sie legt die Position des lutherischen Hofpredigers Eberhard Finen zur Konversion seines Landesherrn zum Katholizismus dar. Von diesen vor allem am Anfang des 18. Jahrhunderts zunehmenden Konfessionswechseln protestantischer Landesherren waren die Hofprediger allein aufgrund ihres Amtes in besonderem Maße betroffen. Im Gegensatz zu diesem Befund wurden die Hofprediger in der Konversionsforschung bislang kaum beachtet. Im Fall Braunschweig-Wolfenbüttels äußerte der Hofprediger Finen „als geistlicher Mahner und Wächter“ (S. 344) deutliche Kritik an der Konversion Herzog Anton Ulrichs und bot sogar seinen Rücktritt vom Amt an. Es zeigt sich hier jedoch wiederum auch die nicht zu unterschätzende Bedeutung der persönlichen Komponente: Wohl nicht zuletzt aufgrund seiner engen Bindungen zu Anton Ulrich und seiner eigenen irenischen Haltung blieb Finen letztlich im Amt.

Unter dem fünften Thema „Netzwerk und Koalition“ finden sich die Aufsätze von Alexander Schunka zum Berliner Hofprediger Daniel Ernst Jablonski und von Alexandr Lavrov, der die Seite der russisch-orthodoxen Kirche beleuchtet und auf die Beichtväter der russischen Zaren, Kaiser und Kaiserinnen im 17./18. Jahrhundert eingeht. Während Schunka vor allem die weit über den engeren theologischen Bereich hinausgehende europaweite Vermittlertätigkeit Jablonskis im Zusammenhang der „protestantischen Irenik in Europa um 1700“ (S. 363) in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt, um die große Spannweite der Einflussmöglichkeiten eines Hofpredigers aufzuzeigen, befasst sich Lavrov mit der Position der Beichtväter innerhalb des Landes und der russisch-orthodoxen Kirche und konstatiert dabei mehrere Veränderungen ihrer Stellung im Verlauf des 17./18. Jahrhunderts.

Die letzte Rubrik beinhaltet „Sprache und mediale Strategien“. Zunächst gehen zwei Beiträge auf regionale Beispiele ein, so Philip Hahn auf die politische Sprache in den Predigten der Hofprediger in sächsisch-thüringischen Territorien, ein Aspekt, der bisher in der Hofpredigerforschung nicht beachtet wurde. Eine der Leitfragen des Beitrages ist es, ob sich ein charakteristischer „Hofprediger-‚Jargon‘“ (S. 393) feststellen lässt, der die Geistlichen am Hof von denen in der Stadt oder auf dem Land unterschied. Als Grundlage seines Beitrages dienen Hahn 16 Predigten des kursächsischen Oberhofpredigers Matthias Hoë von Hoënegg, deren Vokabular er mit dem anderer Hofprediger im Territorium und mit dem von Predigern in Städten und auf dem Land vergleicht. Es zeigten sich einige deutliche Unterschiede bei der Verwendung, Einordnung und auch Bewertung von Begriffen zwischen Hof- und Stadtpredigern, die durch die unterschiedlichen Lebenswelten bedingt waren. Die Rolle der Hofgeistlichkeit in der polnischen Monarchie, deren Stellung aufgrund der in der neueren Forschung herausgearbeiteten Sakralität des polnischen Königtums eine Besondere war, thematisiert Damien Tricoire. Den Abschluss des Bandes bildet der Aufsatz von Franz M. Eybl, der vergleichend die Rolle der katholischen Hofprediger in verschiedenen europäischen Ländern skizziert.

Ein Personen- und ein Ortsregister runden den Band ab. Der vorliegende Band liefert, nicht zuletzt aufgrund des innovativen interkonfessionell vergleichenden Ansatzes und neuen Fragestellungen und Blickwinkeln, viele wichtige Erkenntnisse zur Rolle der Hofgeistlichkeit in verschiedenen Territorien des Reichs und in anderen Ländern Europas, etwa in Polen, Spanien, England oder Frankreich. Es ist zu wünschen, dass er breit rezipiert wird und Anregungen gibt für weitere Spezialstudien und vergleichende Arbeiten zum Thema.

Zitation
Ulrike Ludwig: Rezension zu: Meinhardt, Matthias; Gleixner, Ulrike; Jung, Martin H.; Westphal, Siegrid (Hrsg.): Religion Macht Politik. Hofgeistlichkeit im Europa der Frühen Neuzeit (1500–1800). Wiesbaden 2014 , in: H-Soz-Kult, 27.11.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24304>.