L. Hoelscher: Die Entdeckung der Zukunft

Titel
Die Entdeckung der Zukunft.


Autor(en)
Hölscher, Lucian
Erschienen
Frankfurt am Main 1999: Fischer Taschenbuch Verlag
Umfang
262 S.
Preis
€ 12,45
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Schmidt-Gernig

"Das Zukünftige geht uns nichts an, weder daß es ist, noch daß es nicht ist; wir dürfen keine Unruhe deshalb haben. Dies ist der richtige Gedanke über die Zukunft." Dieses von Lucian Hölscher in seinem neuen Buch über die "Entdeckung der Zukunft" zitierte Wort Hegels aus dessen "Geschichte der Philosophie" kann geradezu als Inbegriff des Zukunftsverständnisses der Historikerzunft gelten. Noch immer erntet man bei den meisten Vertretern unseres Faches (zumindest in Deutschland) allenfalls ein amüsiertes Lächeln, wenn man an eine "Geschichte der Zukunft" geschweige denn an Reflexionen über die Zukunft generell zu denken wagt - eine Haltung, die sich erst in jüngster Zeit angesichts der symbolischen "Zeitenwende" etwas zu ändern scheint.[1] Um so wichtiger ist es daher, wenn ein ausgewiesener Kenner der Materie sich daran macht, einen breit angelegten Überblick über europäische Zukunftsvorstellungen seit dem Mittelalter vorzulegen und damit auf die fundamentale Bedeutung des Zukunftsdiskurses für die neuzeitliche Geschichte hinzuweisen.

Lucian Hölscher hat sich als einer der wichtigsten Vertreter der Ideen- und Begriffsgeschichte hierzulande schon früh im Anschluß an Reinhart Koselleck mit der Perspektive "vergangener Zukunft" beschäftigt, so vor allem in seiner Habilitationsschrift zu den protestantischen und sozialistischen Zukunftsvorstellungen im Kaiserreich.[2] Und ähnlich wie Koselleck geht er auch in seinem hier zu besprechenden Buch vor allem der Begriffs- und Bedeutungsgeschichte von "Zukunft" als einem spezifisch neuzeitlichen Phänomen nach. "Zukunft" ist aus dieser Perspektive daher keineswegs eine menschliche Universalie, sondern wird als ein spezifisch historischer Zeitbegriff und zugleich als "gesellschaftlicher Erwartungszeitraum" verstanden: "Jedenfalls ist die Vorstellung von der Zukunft als einem einheitlichen gesellschaftlichen Zeitraum, gemessen am Alter der uns bekannten Geschichte der Menschheit, noch relativ jung. Sie bildete sich erst im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts in Westeuropa und hängt eng mit dem neuzeitlichen Konzept der Geschichte zusammen, welches die Geschichte erstmals als einen zusammenhängenden Prozeß der Menschheitsentwicklung entworfen hat." (S. 9). Folgerichtig hat Hölscher also keinesfalls den Anspruch, eine Art "Universalgeschichte der Zukunft" oder eine Geschichte der verschiedenen Formen und Techniken der Vorhersage und Prophezeiung zu schreiben,[3] sondern konzentriert sich - dem Titel gemäß - ganz auf die "Entdeckung" der Zukunft als spezifisch neuzeitlichem Phänomen im Sinne der Vorstellung eines kohärenten "Zeitraums". Es ist deshalb wohl auch kein Zufall, daß Hölscher "die Zukunft" gewissermaßen wie den Hauptdarsteller eines Theaterstücks aus den Kulissen des Mittelalters und der frühen Neuezeit heraus auftreten läßt und analog der klassischen Tragödie durch ein fünfaktiges Drama von "Exposition" (um 1770), Aufstieg (um 1830), Höhepunkt (um 1890) und "Katastrophe" bzw. Niedergang (um 1960) schickt - ein Spannungsbogen, der den Leser zusammen mit dem flüssigen und anschaulichen Stil der Diktion auf kunstvolle Weise zu fesseln vermag.

Das Mittelalter hat vor allem deshalb gewissermaßen eine Art Kulissen-Funktion, weil sich das mittelalterliche Zeitverständnis noch grundlegend von dem der Neuzeit unterschied: "Zukunft" gab es im Mittelalter nur im Plural in Gestalt der "futura", der zukünftigen Ereignisse - analog zum Geschichtsverständnis einer mehr oder weniger heterogenen Folge von "Geschichten", das erst in der Neuzeit durch den "Kollektivsingular" der Geschichte abgelöst wurde. Die Grundlage dieses Zeitverständnisses bestand in der aufgrund fehlender Kommunikationsmittel noch unüberbrückten Vielfalt der parallelen sozialen Zeitordnungen (der Kirchen, Klöster, Märkte usw.), die sich lediglich auf der Ebene der religiös-mythischen Weltordnung in der Perspektive einer eschatologischen Endzeiterwartung zu einem kohärenten Ganzen verknüpften. Daher schien einerseits die Zukunft generell durch einen übergreifenden Heilsplan vorgegeben und somit in toto "vorhersagbar", aber über die ganz konkrete unmittelbare Zukunft wußte der mittelalterliche Mensch weitaus weniger als der moderne, nicht zuletzt, weil die Alltagserfahrungen noch primär an die begrenzten regionalen Strukturen, kleinteiligen sozialen Ordnungen und vor allem an die zyklischen Prozesse einer vorwiegend agrarischen Gesellschaft gebunden blieben, so daß kontingente Einbrüche in diese Lebenszyklen daher in erster Linie nur als Gottes "unvermeidlicher Ratschluß" deutbar waren.

Wie kam es nun zu dem fundamentalen Bruch zwischen der vormodernen und der modernen Zeitvorstellung? An welchen Erscheinungsformen läßt sich dieser Bruch ablesen und welche Gründe bietet Hölscher dafür an? Und: Wie entwickelte sich das moderne Zukunftsdenken bzw. welche Phasen und Periodisierungen lassen sich hier ausmachen?

Koselleck folgend nimmt auch Hölscher grundsätzlich an, daß "Erfahrungsräume" - im Sinne der lebensweltlichen Dominanz traditioneller, vor allem religiöser, Seinsgewißheiten und -orientierungen - aufgrund vielfältiger Rationalisierungs- und Säkularisierungsprozesse seit dem Spätmittelalter tendenziell entwertet und durch "Erwartungshorizonte" im Sinne offenerer Entscheidungs- und Handlungsoptionen ersetzt wurden.[4] Einen zentralen Indikator für diese Entwicklung sieht Hölscher in der "fortschreitenden Historisierung" der Welt seit der frühen Neuzeit, so daß Ereignisse und Handlungen immer weniger vorherbestimmt, sondern geschichtlich bedingt erschienen. Hölscher macht diesen Perspektivenwechsel hin zu einer Geschichts- und damit Fortschrittsorientierung zunächst an wichtigen Feldern des gelehrten Diskurs deutlich: Die Kritik an der biblischen Zeitrechnung, die "Erfindung" der Rechnung in Jahrhunderten als eigenen Zeiteinheiten oder der Wandel der Semantiken politischer Klugheitslehren verweisen hier bereits für die Zeit seit dem frühen 17. Jahrhundert auf den langsamen Wandel von einer primär religiös-transzendenten zu einer genetisch-säkularen Weltbetrachtung. Die wichtigsten "Agenten" dieser "geschichtsphilosophischen Erschließung" der Zukunft sieht Hölscher daher im Anschluß an die Humanisten in der relativ kleinen, aber langfristig für die "politisch-soziale Sprache" Europas außerordentlich prägenden Gruppe philosophisch gebildeter Schriftsteller des späten 18. Jahrhunderts wie z.B. Lessing, Kant, Condorcet oder Adam Smith. Nichts anderes als die intellektuelle Eigendynamik der Aufklärung ist daher der Grund, warum in den 1770er und 1780er Jahren ein erster Höhepunkt und damit gewissermaßen die "Exposition" des neuzeitlichen Zukunftsbegriffs und -diskurses entstand - ein Höhepunkt freilich, der in den folgenden Jahrzehnten im Zuge einer eher "zeitlos" orientierten Klassik bzw. einer stark auf Vergangenheit hin orientierten Romantik wieder überlagert wurde, bevor dann in den 1830er und 1840er Jahren eine neue Phase des "Aufbruchs" einsetzte. Damit ist eine Hauptthese des Buches im Hinblick auf die Periodisierung des Zukunftsdiskurses angedeutet: "Die Entfaltung eines politisch-sozialen Zukunftshorizontes vollzog sich in der Neuzeit in Wellen: Perioden einer intensiven Entfaltung kollektiver Zukunftsvorstellungen wechselten mit solchen relativer Ruhe, ja sogar Zukunftsverdrossenheit. Man kann im Wechsel solcher Perioden sogar einen relativ stabilen 'Konjunkturzyklus' von jeweils etwa 60 bis 70 Jahren oder zwei Generationen erkennen. Jedenfalls bilden die Jahre um 1830 in der Geschichte der Zukunft eine Epochenschwelle, die in ihrer Bedeutung der um 1770 gleichkommt und später nur noch mit derjenigen um 1890 und 1960 zu vergleichen ist." (S. 85)

Der Einschnitt der 1830er Jahre ist dabei für Hölscher in erster Linie durch eine bis dahin unbekannte Breitenwirkung der Zukunftsorientierung zu begründen - eine Breitenwirkung, die sich vor allem in der Genese nationaler Zukunftsmythen im Vorfeld bzw. im Gefolge der auf Demokratisierung zielenden politischen Protestbewegungen manifestierte. Damit wurde der "kollektive Erwartungshorizont" der breiten Bevölkerungsschichten nicht zuletzt aufgrund einer weitreichenden "Kommunikationsrevolution" vor allem in "progressiven" Ländern wie England und Frankreich erstmals zu einem zentralen und langfristig wirksamen politischen Machtfaktor. Insbesondere Paris entwickelte sich nach der Juli-Revolution zum Zentrum einer bemerkenswerten öffentlichen Zukunftseuphorie, die in erster Linie von frühsozialistischen Denkern wie Claude-Henri de Saint-Simon oder Charles Fourier und deren Anhängern getragen wurde und zumeist voluntaristisch auf die Neuordnung der industriellen Gesellschaft z.B. in Gestalt eines sozialistischen Zukunftsstaates zielte.

Die mentalitätsprägende Wirkung solcher Zukunftsvisionen, die durch eine wachsende Zahl geschichtsphilosophischer Theorien, aber auch durch die Anfänge empirischer Sozialforschung flankiert wurden, bestand zwar auch nach 1848 vor allem in den linken Bewegungen fort, aber insgesamt läutete das Scheitern der Revolution einen erneuten Abschwung im "Zukunftszyklus" ein.

Macht Hölscher für den ersten Aufschwung um 1770 vor allem die philosophische Debatte der Aufklärer und für die zweite Konjunktur nach 1830 in erster Linie die politischen Umwälzungen und kommunikationstechnischen Durchbrüche verantwortlich, so begründet er den um 1890 einsetzenden eigentlichen Höhepunkt der europäischen Zukunftsorientierung vor allem mit der zweiten industriellen Revolution. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sei klar gewesen, daß anders als vor 1830 oder 1850 nun kein Weg mehr "zurück" in die vormoderne Gesellschaft führen konnte. Einerseits hatten die europäischen Gesellschaften gewissermaßen die Brücken hinter sich abgebrochen und waren damit aufgrund der industriellen Dynamik sozusagen "zum Fortschritt verdammt", andererseits ergaben sich damit im "Zeitalter der Elektrizität" aber auch ganz ungeahnte, euphorisierende Entwicklungschancen. Neben der sozialen Frage muß daher vor allem auch die Technisierung der Zukunft als das entscheidende Chrarakteristikum dieser neuen Phase der Zukunftsorientierung in Europa (und den USA) angesehen werden. Ein herausragender Indikator für diese Tendenz ist nicht zuletzt die um 1890 einsetzende außerordentliche Konjunktur der literarischen Gattung des Zukunftsromans z.T. in Gestalt der neu aufkommenden "Science-Fiction", die die Zukunft der Menschheit immer stärker in technisch-wissenschaftlichen Bildwelten antizipierte, was neben aller Wissenschafts- und Technikbegeisterung allerdings auch in einem breiten, teilweise erstaunlich hellsichtigen Diskurs über die hochtechnisierte Natur eines zukünftigen Weltkriegs und dessen katastrophale Wirkungen zum Ausdruck kam. Allerdings wurden diese technisch-wissenschaftlichen Visionen - und das erst macht die Zeit um 1900 zur "Hochphase" der Zukunftsorientierung - begleitet von einer Fülle alternativer wirtschafts- und kulturpolitischer Entwürfe, gesellschaftlicher Reformbewegungen (Pädagogik, Sexualmoral, Städtebau, Frauenbewegung usw.), künstlerischer Avantgarden und kosmologisch-esoterischer Visionen, die der Autor notwendigerweise nur anreißen kann.

Ähnlich kursorisch wird denn auch die letzte Konjunktur der 1960er Jahre von Hölscher behandelt, was allerdings auch der äußerst dürftigen Forschungslage geschuldet sein dürfte.[5] Diese Konjunktur ist für ihn jedoch nur noch eine Art letzte Abendröte nach den Katastrophen der beiden Weltkriege, sozusagen die "fallende Handlung" kurz vor dem Ende des Dramas. Noch einmal schuf das Klima des industriellen Neubeginns und der rapiden ökonomischen Modernisierung eine letzte Form intensivierter Zukunftsorientierung, aber in Hölschers Augen blieb diese neuerliche Perspektive "unumkehrbar gedämpft" durch die Schreckenserfahrungen des 20. Jahrhunderts, denn an die Stelle langfristiger revolutionärer Utopien und ganzheitlicher Gesellschaftsentwürfe seien trotz aller "futurologischer" Neuorientierung im Kern nur noch kurzfristige, primär ökonomisch orientierte Modernisierungsmodelle und technokratische Planspiele getreten, die allerdings bereits in den 70er Jahren angesichts der sich abzeichnenden ökologischen wie sozialen Folgekosten des "Booms" schnell wieder von einem allgemeinen Klima des Pessimismus abgelöst worden seien: Heute verfüge man zwar aufgrund wissenschaftlich verfeinerter Prognosetechniken daher über ein ungeheures und bisher einmaliges "Zukunftswissen", man sei aber zugleich nicht mehr in der Lage, dieses Wissen zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufassen.

Vor diesem Hintergrund überrascht die abschließende Hypothese des Buchs, daß das in der Neuzeit entstandene Zukunftskonzept eines kohärenten, linearen und "offenen" Zeit-Raum-Kontinuums in Zukunft genauso auch wieder verschwinden könne, nicht: Systemtheoretisch ließe sich etwa darauf verweisen, daß die einzelnen Systeme der Gesellschaft mit ihren spezifischen Funktionslogiken jeweils auch divergierende "Zeiten" erzeugten, die zumal in globaler Perspektive kaum mehr integrierbar seien. Zugleich habe die Entwicklung im 20. Jahrhundert nach einer ungeheuren Öffnung auch zu einer dramatischen Verengung des Zukunftshorizonts geführt, sichtbar etwa anhand der 'Kolonisierung der Zukunft durch mächtige Interessengruppen' (Alva Myrdal), aber auch anhand der immer weniger kontrollierbaren ökologischen Folgelasten einer weltweiten forcierten technischen Modernisierung oder auch der postmodernen Dekonstruktion ganzheitlicher Denkmodelle nicht zuletzt im Zuge einer tiefgreifenden massenmedialen "Virtualisierung" gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Es ist die unbestreitbare Stärke des Buches, in einer überaus konzisen und über weite Strecken sehr überzeugenden Weise die ideengeschichtliche Entwicklung des Zukunftsbegriffs in Westeuropa vorzuführen und diesen in seinen vielfältigen Facetten aufzufächern, wobei das Modell der wechselnden Konjunkturen zwar gelegentlich etwas forciert wirkt, im Kern aber nicht zuletzt aufgrund der differenzierten Begründungszusammenhänge sehr plausibel gemacht wird. Doch diese Stärke markiert zugleich die Schwäche dieses Zugangs. Das gilt vor allem für die Ebene der sozialen und kulturellen Praxen jenseits der reinen Diskurse und Ideen. So blendet der vor allem ideengeschichtlich mit der "Entzauberung" des religiösen Weltbildes begründete relativ abrupte Sprung vom Mittelalter ins späte 17. und 18. Jahrhundert nicht nur die wichtige Rolle und Funktion der frühneuzeitlichen Utopien im Gefolge von Thomas Morus' "Utopia" aus, sondern verkennt auch - wie Peter Burke jüngst hervorgehoben hat - die Fülle neuzeitlicher "Zukunftspraxen" im Kontext von (expansionistischer) Politik, Kriegsführung und Wirtschaft, so z.B. die Entwicklung langfristiger diplomatischer Strategien, ausgefeilter Kriegstaktiken und militärstrategischer Szenarien oder den offenkundigen Planungscharakter vieler zentraler Elemente des frühneuzeitlichen Handels etwa in Gestalt der deutlich zukunftsorientierten Entwicklung von Statistiken, Versicherungen und risiko-orientierter, systematischer Investitionen im Rahmen eines frühen Börsenhandels insbesondere in den oberitalienischen oder flämischen Städten seit dem späten Mittelalter.[6] In solchen Praxen, die nicht zuletzt durch den Beginn der europäischen Kolonisation anderer Kontinente seit dem frühen 16. Jahrhundert eine besondere Bedeutung erhielten, zeigt sich frühzeitig eine "offene" Zukunftsorientierung, die bemerkenswerterweise vor der eigentlichen begriffsgeschichtlichen Fassung von "Zukunft" bereits in Kategorien eines neuen, zukunftsorientierten Raum-Zeit-Kontinuums dachte und agierte.

Generell vermißt man in diesem Zusammenhang daher die eingehendere Analyse der spezifisch planungs- und zukunftsorientierten Praxen der frühmodernen Kapitalwirtschaft und der langfristigen Territorialstaatsbildung (z.B. die Durchsetzung eines staatlichen Gewaltmonopols) sowie der Verbreitung bürgerlicher Deutungsmuster und Verhaltensformen als fundamental diskursprägender Faktoren.

Im Hinblick auf solche sozialen Praxen wird zudem deutlich, daß Hölschers Ansatz in seiner Fokussierung auf die Elitenkultur und die Neuartigkeit des Diskurses seit dem frühen 18. Jahrhundert zum einen die Zukunftsvorstellungen der Volkskultur bzw. der Unterschichten fast völlig ausblendet und zum anderen in diesem Zusammenhang auch die Kontinuitäten älterer Zukunftsvorstellungen in der Moderne in Gestalt von Astrologie, religiösen Visionen, zyklischen Deutungsmustern u.ä., auf die z.B. Georges Minois in seiner "Geschichte der Zukunft" wiederholt zu Recht hinweist,[7] unterschlägt. Zwar stehen diese Deutungsmuster nicht im Mittelpunkt der durchaus eingegrenzten Themenstellung, aber die Darstellung suggeriert doch stellenweise eine Geradlinigkeit und Geschlossenheit des Zukunftsdenkens, die der Vielfalt der historischen Realität nicht immer ganz gerecht wird. In dieser eher "praxisorientierten" Perspektive bleibt es im Hinblick auf die Gegenwart überdies fraglich, ob die zentrale Handlungszentrierung auf ein Raum-Zeit-Kontinuum in der Moderne tatsächlich in Zukunft zerfallen wird, auch wenn auf der diskursiven Ebene manches dafür sprechen mag (aber wer lebt schon mit dem Bewußtsein von Einsteins Relativitätstheorie oder Luhmanns Systemdenken?).

Schließlich wird umgekehrt im Hinblick auf die letzte Konjunktur der Futurologie in den 60er Jahren gerade die stark "euphorisierende" Wirkung der wissenschaftlich-technischen Neuentdeckungen etwa im Rahmen neuer übergreifender Ansätze wie der Kybernetik unterschätzt. Durchforstet man die Ansätze der Zukunftsforschung in den 60er Jahren, ist man gerade von der Kühnheit der gewissermaßen holistischen Deutungsangebote überrascht, die keineswegs nur aus kurzfristigen Wirtschaftsprognosen bestanden, sondern ihren Optimismus auf eine erhöhte Entwicklungs- und Steuerungsfähigkeit moderner Gesellschaften gerade aus dem Glauben der Übertragbarkeit naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle auf politische Instrumentarien bezogen.[8]

Jedoch: Diese kritischen Anmerkungen ändern nichts daran, daß mit Hölschers Buch eine faszinierende, spannend zu lesende und überaus facettenreiche Studie vorliegt, die jeder an Sozial- und Kulturgeschichte Interessierte unbedingt zur Kenntnis nehmen sollte.

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu z.B. Ute Frevert (Hg.): Das Neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsentwürfe um 1900 (Geschichte und Gesellschaft Sonderheft 18), Göttingen 2000.
[2] Vgl. Lucian Hölscher: Weltgericht oder Revolution. Protestantische und sozialistische Zukunftsvorstellungen im deutschen Kaiserreich 1871-1914, Stuttgart 1989.
[3] Siehe hier als Bsp. Georges Minois: Geschichte der Zukunft. Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen, Düsseldorf, Zürich 1998.
[4] Vgl. dazu die mittlerweile klassische Terminologie von Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M., 3. Aufl. 1984, S.349-375.
[5] Siehe dazu als Teilergebnis aus einem größeren Forschungsprojekt zur Zukunftsforschung der 60er Jahre Alexander Schmidt-Gernig: Die gesellschaftliche Konstruktion der Zukunft - Westeuropäische Zukunftsforschung und Gesellschaftsplanung zwischen 1950 und 1980, in: WeltTrends. Zeitschrift für internationale Politik und vergleichende Studien 18, 1998, S. 63-84.
[6] Ich stütze mich hier auf einen Vortrag von Peter Burke mit dem Titel "The History of the Future", den er auf der Jahrestagung "Envisioning Futures" der British Social History Society in Cambridge im Januar 2000 gehalten hat.
[7] Vgl. auch im Hinblick auf die Unterschiede von Volks- und Elitenkultur Minois, Geschichte der Zukunft, S. 571-80.
[8] Vgl. Alexander Schmidt-Gernig: The Cybernetic Society - Future Studies of the Sixties and Seventies and their Predictions for the Year 2000, in: Richard Layard/ Richard Cooper (eds.): What Next? The Future of Human Life in the Light of the Social Science, erscheint vorauss. Frühjahr 2000.

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Zitation
Alexander Schmidt-Gernig: Rezension zu: Hölscher, Lucian: Die Entdeckung der Zukunft. Frankfurt am Main 1999 , in: H-Soz-Kult, 10.02.2000, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-252>.
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10.02.2000
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