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Titel
Gott will es. Der Erste Kreuzzug – Akteure und Aspekte


Hrsg. v.
Sutner, Philipp; Köhler, Stephan; Obenaus, Andreas
Erschienen
Umfang
224 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tim Weitzel, Fachbereich Geschichte, Universität Konstanz

Die Herausbegeber erklären im Vorwort, dass der von ihnen vorgelegte Sammelband keinem „aktuellen Trend“ (S. 9) folge. Dies mag für die Trends der Kreuzzugsforschung zutreffen, jedoch lässt sich die Zielsetzung des Sammelbandes unschwer einem allgemeinen Paradigma der Geschichtswissenschaft zuordnen: der Differenzierung. Es geht den Herausgebern darum, eine „differenzierte Sichtweise auf den Ersten Kreuzzug zu ermöglichen“ (S. 10). Um dieses Ziel einzulösen und die „Vielschichtigkeit des Phänomens“ (S. 9) aufzuzeigen, verfolgt der Band einen systematischen Ansatz: Wie der Untertitel verrät, nehmen die zehn vor allem historischen Beiträge unterschiedliche Akteure beziehungsweise Akteursgruppen sowie Aspekte des Ersten Kreuzzugs in den Blick. Leider schlägt sich dieses – durchaus überzeugende – systematische Gliederungsprinzip nicht eindeutig im Inhaltverzeichnis nieder. Wichtiger als diese Designfrage ist jedoch die Frage, inwieweit der Sammelband zu einer Differenzierung beiträgt und die Komplexität des Phänomens ‚Kreuzzug’ aufzeigt. An dieser Frage wird sich der Sammelband messen lassen müssen.

Angesichts des selbstgesetzten Anspruchs, neue Forschungsimpulse zu setzen, überrascht es, dass der erste Beitrag (S. 11–22) die gekürzte Version eines vor zwanzig Jahren publizierten Artikels von Michael Mitterauer ist.[1] Zwar thematisiert der Beitrag ein Kernelement der Kreuzzüge – die päpstliche Autorität –, das sicherlich nichts von seiner Brisanz für die Forschung eingebüßt hat; auch Mitterauers Kritik an der „Durchnummerierung der Kreuzzüge“ (S. 12) hat immer noch seine Berechtigung – gleichwohl diese Kritik angesichts neuer, ebenfalls nummerierungskritischer Standardwerke aktuell nicht mehr die gleiche Virulenz besitzt.[2] Dennoch gilt es an dieser Stelle kritisch anzumerken, dass die im Fokus stehende päpstliche Autorität nicht aufgebrochen respektive differenziert wird. Vielmehr bestätigt der Beitrag das klassische Metanarrativ vom Kreuzzug als „Krieg des Papstes“ (S. 11).

Die zwei anschließenden Beiträge von Stephan Köhler (S. 23–42) und Alheydis Plassmann (S. 43–60) bieten einen systematisch angelegten Überblick hinsichtlich zweier zentraler Akteursgruppen des Ersten Kreuzzugs: Provenzalen und Normannen. Bemerkenswert ist dabei insbesondere eine Beobachtung Plassmanns zu den beiden von ihr in den Blick genommenen normannischen Kreuzfahrern, Bohemund von Tarent und Robert von der Normandie: Nach dem Kreuzzug versuchten beide Normannen, das infolge ihrer Kreuzzugsteilnahme gewonnene „soziale Kapitel“ in Geld, Ehe und Gefolgschaft zu transformieren (S. 55f.). Außerdem gelingt es Plassmann, zu einer Differenzierung beizutragen, indem sie das den Kreuzfahrern oft zugeschriebene monokausale Handlungsmuster anhand ihrer Fallbeispiele aufbricht. Bei beiden Normannen mischten sich religiöse Motive mit persönlichem Ehrgeiz, während bei Bohemund mehr das erstere und bei Robert mehr das letzte Motiv im Vordergrund stehe (S. 57). Auch der anschließende Artikel von John Morrissey (S. 61-78) verfolgt eine Relativierung monokausaler Handlungsmuster, wofür er eine in traditionellen Arbeiten oft vernachlässigte Akteursgruppe in den Blickpunkt rückt: die italienischen Seerepubliken. Morrissey gelingt es dabei, die Frömmigkeit als alleiniges Erklärungsmuster für den „Erfolg der bewaffneter Pilgerfahrten“ (S. 61) zu entkräften. Bei den beiden Seerepubliken Genua und Venedig sollen, anders als bei den Pisanern, merkantile und kommunale Interessen spirituelle Motive überwogen haben: „Merkantiles und kommunales Civitas lo vult (‚Die Bürgerschaft will es!‘) statt des sakralen Deus lo vult (‚Gott will es!‘). Die Angelegenheiten des Staates und der Wirtschaft standen über den Interessen Gottes.“ (S. 69)

Die beiden letzten akteursorientierten Beiträge von Johannes Preiser-Kapeller (S. 79–97) und Andreas Obenaus (S. 98–113) bieten eine solide Skizzierung der Entwicklungslinien der Großmächte des Nahen Ostens bis zum Eintreffen der Kreuzfahrer in Outremer: des byzantinischen Reichs einerseits und der beiden islamischen Machtblöcke, der sunnitischen Großseldschuken und ismaelitisch-schiitischen Fatimiden, andererseits. Die Bilanz von Preiser-Kapellers Überblick ist, dass der Kreuzzug zu einer immer stärkeren Verflechtung des byzantinischen Reiches mit seinen lateinischen aber auch arabisch-türkischen Nachbarn führte. Im Mittelpunkt von Obenaus’ Überblick steht hingegen die „Fragmentierung der islamischen Welt“ (S. 99) zwischen den Großblöcken der Großseldschuken, den Fatimiden sowie zahlreichen regionalen Herrschern turkmenischer oder arabischer Abstammung in Outremer. Dabei gelingt es Obenaus, die äußerst komplexe und für den Nicht-Orientalisten nicht immer einfach zu überblickende politische Machtkonstellation im Nahen Osten am Vorabend des Ersten Kreuzzugs übersichtlich aufzuarbeiten.

Die vier abschließenden aspektorientierten Beiträge des Sammelbandes wenden sich jeweils einem Einzelaspekt des amorphen Phänomens ‚Kreuzzug’ zu. Philipp A. Sutner (S. 114–132) untersucht in seinem Beitrag die komplexen Fluchtursachen ebenso wie die Beurteilung und Behandlung geflohener Kreuzfahrer sowohl im Kreuzfahrerheer selber als auch im lateinischen Abendland. Martin Völkl (S. 133–150) vertieft in seinem Beitrag die Beobachtungen seiner Dissertation[3] zu einem zentralen Aspekt der Kreuzzüge. Er untersucht die Entscheidungssituationen und Handlungsmotive der Kreuzfahrer anhand eines konkreten Fallbeispiels: dem Handeln des Grafen Stephan von Blois und Chartres. Hierdurch geling es ihm, die in der Forschung immer noch gängige Priorisierung der spirituellen Handlungsmuster gegenüber profaneren Motiven aufzubrechen und die Situativität der Entscheidungsfindung herauszuarbeiten. Hierfür greift Völkl auf sozialwissenschaftliche Modelle, insbesondere die Rational-Choice-Theorie, zurück. Wenn diese Interdisziplinarität auch sehr zu begrüßen ist, so sei hier dennoch kritisch angemerkt, dass die Rational-Choice-Theorie letztlich einem subjektzentrierten Ansatz verpflichtet bleibt: Menschliches Handeln wird ursächlich auf die Intentionen von Akteuren zurückgeführt, ebenso wie vice versa vom Handeln auf Einstellungen rückgeschlossen wird (S. 136). Es sei an dieser Stelle nur angemerkt, dass dieser Grundannahme neuere Ansätze der soziologischen Kommunikationstheorie entgegenstehen, die keinen Kausalnexus zwischen dem Handeln (genauer der Zurechnung von Kommunikation als Handlung) und der Absicht von Akteuren gelten lassen, sondern (zumal komplexe) Ereignisse und Handlungsabfolgen als emergente Produkte des Kommunikationsprozesses analysieren.[4] Alexander Berner (S. 151–166) konfrontiert die – soziologischen wie kulturwissenschaftlichen Theorie- und Methodenimporten eher wenig aufgeschlossene – Kreuzzugforschung mit neueren Ansätzen der Köpergeschichte. Als Bilanz seiner Beobachtungen hält Berner zwei Aspekte fest: Zum einen wird der Kreuzzug von den lateinischen Chronisten als spiritueller Krieg (bellum spirituale) konzipiert, in dem die Physis gegenüber der spirituellen Potenz der Kreuzfahrer zurücktritt. Gleichsam diametral dazu wird dem muslimischen Gegner eine „rein physische Kriegführung“ zugeschrieben (S. 151). Die Physis ist demnach eher Element des „othering“ als der Selbstwahrnehmung (S. 163). Diesen „körperfeindlichen Entwurf“ (ebd.) des Kreuzzugs konfrontiert Berner indes mit einem zweiten Aspekt, nämlich der heroischen Überhöhung der Physis in der Kreuzzugshistoriographie. Hierdurch gelingt ihm ein differenzierter Blick auf die Körpergeschichte des Ersten Kreuzzugs. Hans-Henning Kortüm (S. 167–187) verfolgt in seinem Beitrag die spannende Frage, die auf das Verhältnis von Sprache und Gewalt im historischen Prozess abzielt. Er verlagert am Beispiel des Massakers von Ma‘arrat al-Nu‘mān den Fragehorizont von der „inhaltlichen Analyse konstativer Aussagen“ auf die Frage des „ Wie [der] Beschreibung kriegerischer Situationen“ (S. 171). Dabei kommt er zu einer Neubewertung des Massakers, das sich in etwa folgendermaßen zusammenfassen lässt: Der den modernen Beobachter oft irritierende, ja abstoßende Detailreichtum und die Ästhetisierung der Gewaltsprache in der Schilderung des Massakers geht auf das Bestreben der Kreuzzugshistoriographen zurück, ältere Kreuzzugsnarrationen, insbesondere die Gesta Francorum, „formal zu übertreffen“ (S. 182). Diese Argumentationslinie hat sicherlich ihre Berechtigung, jedoch erschöpft sich die Kommunikationsabsicht der Chronisten nicht in der formalen Überbietung. Im Fokus steht die theologische Ausdeutung der Geschehnisse, was Jonathan Riley-Smith treffend als „theological refinement“ bezeichnet hat.[5] Den Historiographen, wie Robert dem Mönch, Guibert von Nogent und Balderich von Dol, ging es nicht vornehmlich um formale, sondern um theologische Überbietung. Damit soll jedoch keineswegs bestritten werden, dass die von Kortüm beobachtete „Gewalt der Sprache“ (S. 180) und der kommunikative Erfolg der Historiographien tatsächlich in einem ursächlichen Verhältnis stehen. In dieser Hinsicht müsste die Kreuzzugsgeschichte Roberts des Mönchs, die uns in nicht weniger als 80 Manuskripten überliefert ist, wohl die größte Gewalt auf das Publikum ausgeübt haben.

Nach diesem kurzen Überblick – wobei längst nicht alles, ja nicht einmal das meiste angemerkt werden konnte, was es anzumerken gäbe – gilt es nun abschließend die eingangs gestellte Frage aufzugreifen: Inwieweit trägt der Sammelband zu einem differenzierten Blick auf das vielschichtige Phänomen ‚Kreuzzug’ bei? Auch hierbei wird man differenzieren müssen – soviel Tautologie sei gestattet. Ausgerechnet ein Kernbestandteil des klassischen Metanarrativs – die päpstliche Autorität – wird in dem Beitrag von Michael Mitterauer nicht aufgebrochen, sondern bestätigt. Positiv hinsichtlich Differenzierung und Innovation hervorzuheben sind insbesondere die aspektorientierten Beiträge von Hans-Henning Kortüm, Martin Völkl und Alexander Berner. Jeder dieser drei Beiträge gelangt durch die Anwendung von Theorie- und Methodenansätze der Nachbardisziplinen zu neuen Beobachtungen. Damit versprechen diese Beiträge ein hohes Irritationspotential für die interdisziplinären Theorieangeboten eher verschlossene Kreuzzugsforschung – was durchaus positiv im Sinne von kreativer Verunsicherung gemeint ist. Wie stark diese Irritation jedoch ausfällt und welche Resonanzen dies zeitigen wird, wird sich erst im Kommunikationsprozess erweisen. Es steht jedoch zu hoffen, dass insbesondere die beispielhafte Orientierung an Theorieangeboten der Nachbardisziplinen nicht nur rezipiert, sondern Schule machen wird.

Anmerkungen:
[1] Michael Mitterauer, Der Krieg des Papstes, in: Beiträge zur historischen Sozialkunde 26,3 (1996), S. 116–128.
[2] Vgl. Nikolas Jaspert, Die Kreuzzüge, 6. bibliogr. aktualis. Aufl., Darmstadt 2013 (1. Aufl. 2003).
[3] Martin Völkl, Muslime – Märtyrer – Militia Christi. Identität, Feindbild und Fremderfahrung während der ersten Kreuzzüge, Stuttgart 2011.
[4] Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2. Bde., 9. Aufl., Frankfurt am Main 2015 (1. Aufl. 1997), insb. S. 134ff.; vgl. zu diesem kommunikationstheoretischen Ansatz auch: Rainer Schützeichel, Soziologische Kommunikationstheorien, 2. Aufl., Konstanz 2015 (1. Aufl. 2004), insb. S. 184ff.
[5] Jonathan S. C. Riley-Smith, The First Crusade and the Idea of Crusading, London 1986, S. 135–152.

Zitation
Tim Weitzel: Rezension zu: Sutner, Philipp; Köhler, Stephan; Obenaus, Andreas (Hrsg.): Gott will es. Der Erste Kreuzzug – Akteure und Aspekte. Wien 2016 , in: H-Soz-Kult, 07.09.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26089>.
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Veröffentlicht am
07.09.2016
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