Cover
Titel
Histoire du silence. De la Renaissance à nos jours


Autor(en)
Corbin, Alain
Erschienen
Umfang
216 S.
Preis
€ 14,40
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Theo Jung, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Schon oft war festzustellen, dass Themen, die hierzulande erst vergleichsweise spät – im Zuge der verschiedenen Turns – in die Historiographie Eingang fanden, bereits deutlich eher die Aufmerksamkeit des französischen Historikers Alain Corbin auf sich gezogen hatten. Neben frühen Arbeiten zu Sexualität, Freizeit und Gewalt sowie zu verschiedenen körper- und gendergeschichtlichen Themen hat sich der inzwischen achtzigjährige Emeritus der Sorbonne schon in den 1980er-Jahren auch der Geschichte der Sinne zugewandt. Jetzt hat er seinen älteren Studien über die historischen Entwicklungen des Gehör- und Geruchssinns eine „Histoire du silence“ hinzugefügt.[1]

Das Buch ist selbst als Klangwerk aufgebaut. Seine acht Kapitel werden von einer prélude eingeleitet, von einer interlude über das Schweigen der Heiligen Familie unterbrochen und gipfeln schließlich in einer längeren postlude, in der sich der Autor dem Schweigen Gottes und der Stille des Todes zuwendet. Die ersten beiden Kapitel nähern sich der Thematik aus einer räumlichen Perspektive. Während das erste sich mit menschlichen Räumen, vom stillen Kämmerlein bis zum Kloster und vom Gefängnis bis zur Bibliothek auseinandersetzt, rücken im zweiten natürliche Orte der Stille wie der Wald, das Gebirge und die Wüste in den Blick. Ab dem dritten Kapitel nutzt der Autor die breit gefächerte Polysemie des französischen Wortes silence, um sich den vielfältigen Phänomenen der Stille und des Schweigens in verschiedenen sozialen Kontexten zu nähern.

Zunächst geht er dabei auf die langfristigen Traditionen religiöser und meditativer Schweigepraktiken ein. Schon in der Antike und verstärkt seit dem Mittelalter wurde dem Schweigen und der Stille als Voraussetzungen für Kontemplation und mystische Kommunikation mit dem Göttlichen ein eminenter Wert zugesprochen. Während Corbin in diesem Kontext vor allem die longue durée kultureller Umgangsweisen mit Stille und Schweigen betont, treten ab dem vierten Kapitel Prozesse des Wandels verstärkt in den Fokus. Der Autor greift die kritischen Modernisierungsnarrative von Michel Foucault und Norbert Elias auf, um die Erziehung zum Schweigen als zentrales Element der Disziplinierung und Zivilisierung des modernen Subjekts zu beschreiben. Am Beispiel der Entwicklungen der städtischen Klanglandschaft zeigt er jedoch auch, dass es sich hierbei nicht um eine unilineare Modernisierungsgeschichte, sondern vielmehr um eine stets ergebnisoffene und konflikthafte Aushandlung von Normen akzeptabler und legitimer Klänge handelte. Während die Töne der Straßensänger und Kaufleute im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend von Schriftzeichen verdrängt wurden, mehrten sich gleichzeitig die Geräusche technischer Geräte und Verkehrsmittel, was bei Zeitgenossen vielfach auf Kritik, aber auch auf Faszination stieß. Erst aus ihrer kulturellen Einbettung ergab sich somit, wie Corbin immer wieder betont, die differenzierte Art und Weise, wie Gesellschaften auf verschiedene Klänge (oder ihre Abwesenheit) reagierten. Während etwa der Schmerzensschrei des kranken Leibes heutzutage selbst in Krankenhäusern verpönt zu sein scheint, erklingen die Schreie sexueller Ekstase deutlich ungehemmter als zuvor (S. 98f.).

Ausgehend von der Metapher einer ‚Sprache der Stille‘ geht das sechste Kapitel der muta eloquentia der Bildwelt nach. Aufbauend auf Marc Fumarolis Studie über die Malerei des 17. Jahrhunderts[2] und anhand von ausgewählten – in Farbe abgedruckten – Gemälden zeigt Corbin, wie vom Mittelalter bis Magritte versucht wurde, mit zweidimensionalen Mitteln einen Raum der meditativen Stille zu evozieren. Voller Bewunderung weist der Autor auf die besondere Ausdruckskraft des frühen Stummfilms hin, auch wenn er hinzufügt, dass wir Spätgeborene die Subtilität seiner Körpersprache letztlich nicht mehr wirklich zu schätzen wissen (S. 126).

Das siebte Kapitel setzt sich mit dem konkreten, taktischen Wert des Schweigens in sozialen und politischen Beziehungen auseinander. Corbin skizziert die langfristige Tradition der ars tacendi-Literatur seit der Renaissance und ihre Nachwirkungen in der Belletristik des 19. und 20. Jahrhunderts. Er zeigt, wie eng die habituelle Verteilung des Redens und Schweigens in verschiedenen Kontexten mit gesellschaftlichen Normen, Rollenbildern und Hierarchien verknüpft ist, aber auch, wie die punktuelle Durchbrechung solcher kommunikativer Ordnungen manchmal ihre Neuaushandlung auslösen kann. Im letzten Kapitel geht es schließlich um die besondere emotionale Bedeutung des Schweigens, das je nach Kontext ein ganzes Spektrum von Gefühlen – von Liebe und Freundschaft bis zu Indifferenz und sogar Hass – zum Ausdruck bringen kann.

Insgesamt bietet Corbins Buch eher eine mäandernde Annäherung an sein Thema als eine strenge Analyse. Wie der Autor eingangs ankündigt, bewegt sich der Text über weite Strecken entlang einer Reihe von „citations révélatrices“ (S. 10) von Geistesgrößen vor allem aus der französischen, amerikanischen und deutschen Literatur, oftmals ohne dabei einem klar erkennbaren Argumentationsgang zu folgen. Diese Herangehensweise ergibt sich konsequent aus der doppelten Zielsetzung des Buchs, das eine historische Erörterung mit einem gegenwartsbezogenen Appell verbindet. Als Historiker geht es Corbin weniger um die Erklärung spezifischer Konstellationen als um den langfristigen kulturellen Bedeutungswandel seines Gegenstandes. Während die vormodernen Religionen und Weisheitstraditionen die Stille und das Schweigen hochschätzten, wurden diese Phänomene in der Moderne zunächst ästhetisiert, bis sie schließlich auch aus dem Bereich der Kunst zunehmend verdrängt wurden. Dass, wie Corbin bemerkt, inzwischen eine größere Wellness-Hotelkette mit dem Titel „Relais du silence“ (S. 82) für sich wirbt, zeige zwar einerseits, dass die Sehnsucht nach Stille auch heute noch nicht ganz verloren gegangen sei. Gleichzeitig seien von ihrer zentralen kulturellen Bedeutung als Ort der „écoute de soi“ (S. 11) nur noch wenige Reste übrig.

Dabei waren es, wie der Autor ausdrücklich betont, nicht die Urbanisierung, Mechanisierung und Industrialisierung, welche die Stille und das Schweigen aus unserer Lebenswelt vertrieben haben. In Sachen Lautstärke habe die Vormoderne mit der Gegenwart durchaus mithalten können. Was sich jedoch grundsätzlich geändert habe, ist unsere eigene Haltung. In Zeiten der „hypermédiatisation“ (S. 11) und der damit verbundenen Einbindung in unablässige Kommunikationsströme hätten wir die Fähigkeit verloren, uns auf Stille und Schweigen einzulassen. Trotz des Titels handelt es sich bei Corbins Buch also weniger um eine Geschichte im traditionellen Sinne als um den Versuch, den Leser selbst an einen Ort der Stille zu führen, an dem er wieder die Chance hätte, auf sich selbst zu hören.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Alain Corbin, Le Miasme et la jonquille. L’odorat et l’imaginaire social, XVIIIe–XIXe siècles, Paris 1982; ders., Les Cloches de la terre. Paysage sonore et culture sensible dans les campagnes au XIXe siècle, Paris 1994.
[2] Marc Fumaroli, L’École du silence. Le sentiment des images au XVIIe siècle, Paris 1994.

Zitation
Theo Jung: Rezension zu: Corbin, Alain: Histoire du silence. De la Renaissance à nos jours. Paris 2016 , in: H-Soz-Kult, 02.08.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26508>.