Titel
1866. Bismarcks Krieg gegen die Habsburger


Autor(en)
Bremm, Klaus-Jürgen
Erschienen
Darmstadt 2016: Theiss Verlag
Umfang
312 S., 20 Abb.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Wolfgang Elz, Neueste Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Zahlreiche Veröffentlichungen zur „Reichseinigungszeit“, dem siebten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, gab es in der Zeit des Wilhelminismus und in den Zwischenkriegsjahren des 20. Jahrhunderts, als die preußische Historiographie die Interpretationshoheit über die Ereignisse dieser Dekade beanspruchte. Publiziert wurden auch umfangreiche Quelleneditionen, unter anderem preußischer, österreichischer, französischer und italienischer Provenienz. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand dieses Jahrzehnt zwar nicht ganz aus der Geschichtsschreibung, wurde nun jedoch mehr und mehr zum Teil der Bismarck-Biographik herabgestuft, was die zentrale Bedeutung des späteren Reichskanzlers reflektierte. So erging es auch dem für die weitere deutsche Geschichte zentralen Jahr 1866, das zwar gelegentlich Beachtung fand[1], nun anlässlich der 150. Wiederkehr der Ereignisse, entgegen dem Trend zu zahlreichen „Jubiläumsschriften“, soweit ersichtlich aber nur noch eine spezielle Publikation erbracht hat.

Klaus-Jürgen Bremms Darstellung trägt im Untertitel der Bedeutung Bismarcks Rechnung, der seit den frühen fünfziger Jahren über den Weg zur Entscheidung zugunsten Preußens in der innerdeutschen Auseinandersetzung mit dem habsburgischen Österreich nachdachte und diese Entscheidung mit dem Krieg von 1866 schließlich planvoll und systematisch herbeiführte. Bremm beschränkt sich aber nicht auf die Rolle Bismarcks, sondern blendet zunächst zurück in die Geschichte Deutschlands, und das heißt: des Deutschen Bundes seit 1815, den er – vielleicht etwas zu einseitig – als Repressionsinstrument, somit in seiner langfristigen Schwäche und damit als notwendig zu überwinden beschreibt; sein zentrales Argument basiert darauf, dass die wirtschaftliche Modernisierung in den Regionen des späteren Deutschlands (im Gegensatz zu den österreichischen Ländern) nur im deutschen Nationalstaat ihre angemessene Form habe finden können.

In der Restaurationszeit nach 1848 und insbesondere nach der „Schmach von Olmütz“, dem Scheitern des preußischen Projekts eines kleindeutschen Nationalstaats am Widerstand Österreichs, das darin von Russland gestützt wurde, verschärfte sich der innerdeutsche Dualismus, und seit Bismarcks Amtsantritt als Ministerpräsident 1862 nahm die Geschichte ihren bekannten Verlauf. Bremm wirft in der entsprechenden Schilderung wiederholt Seitenblicke auf die militärische und militärtechnische Entwicklung, in der Österreich in verschiedenen Feldern in Rückstand geriet, sowie auf Italien, das 1866 als weiterer Kriegsschauplatz Bedeutung gewinnen würde (und hier etwa für das Revolutionsjahr 1848/49 ausführlicher behandelt wird als Deutschland, dessen Revolution nur ganz beiläufig Erwähnung findet). Die planmäßige Entfesselung des Krieges von 1866 durch Bismarck wird vielleicht nicht ganz so pointiert formuliert wie zuletzt von Winfried Baumgart[2], was wohl auch daran liegt, dass Bremm diplomatische Akten für diese Phase nur am Rande heranzieht. Gut nachvollziehbar (wenn auch vielleicht zu den einzelnen Schlachten etwas zu detailliert, was den ausgewiesenen Militärhistoriker Bremm erkennen lässt) wird sodann die Kriegführung selbst geschildert und dabei – umrahmt von den Kämpfen zwischen Preußen und den Mittelstaaten sowie dem italienischen Kriegsschauplatz – zentral die Entscheidungsschlacht nahe des böhmischen Königgrätz, der Bremm alleine etwa 20 Seiten widmet. Auch wenn bezweifelt werden darf, dass es sich dabei um die „größte Schlacht des 19. Jahrhunderts“ (S. 194) handelte, also größer als die „Völkerschlacht“ von 1813, gilt für sie eben doch: „eine Schlacht macht Weltgeschichte“.[3] Gut kommt dabei zum Vorschein, wie sowohl der logistisch überlegene preußische Aufmarschplan dank der Vorarbeiten des modernisierten Generalstabs wie auch Moltkes Schlachtplan mit dem gewollten Verzicht auf die „innere Linie“ und der Zusammenführung der drei Marschsäulen erst am Schlachtort, woran viele seiner Generäle zunächst nicht glauben wollten, Preußen die entscheidenden Vorteile brachten, denen österreichische Entschlusslosigkeit in die Hände spielte.

Mit der nachfolgenden „Neugestaltung Mitteleuropas“, also dem Ausschluss Österreichs aus Deutschland und den weiteren innerdeutschen Umwälzungen infolge des Krieges unter Berücksichtigung ihrer internationalen Dimension, rundet Bremm seine Darstellung ab. Dass er dabei im letzten Abschnitt unter der Überschrift „Reichsgründung alternativlos?“ eine für ihn offenbar rhetorische Frage stellt, die er zwar nicht explizit, aber doch in der Sache bejaht, mag für den Historiker etwas irritierend sein: Beim Gebrauch des Begriffs der Alternativlosigkeit im Zusammenhang mit der Reichsgründung fällt einem dann doch zu schnell Jacob Burckhardts Warnung vor einer „Weltgeschichte von Adam an“ ein, die „siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/1 orientiert sein wird“.[4] Vor allem aber stellt sich die Frage, ob die „Reichsgründung“ eben nur in dieser konkreten Form, wie sie sich 1870/71 endgültig vollzog, denkbar war. Abgesehen von diesem Einwand und davon, dass unter dem Titel „1866“ vielleicht auch noch wünschenswert gewesen wäre, nicht nur über Politiker und Militärs, sondern auch über Lebensgefühl und Mentalitäten breiterer Kreise etwas zu erfahren, kann man das Buch zur Lektüre denjenigen empfehlen, die sich über die politischen und insbesondere die militärischen Ereignisse des Jahres 1866 in einem gut geschriebenen und daher auch gut lesbaren Buch informieren wollen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Gordon A. Craig, The Battle of Königgrätz: Prussia’s Victory over Austria (Great Battles of History), Philadelphia 1964 [in deutscher Übersetzung: Königgrätz, Wien 1966; später Neu- und Taschenbuchausgaben sowohl der englisch- als auch der deutschsprachigen Ausgabe].
[2] Winfried Baumgart, Bismarck und der Deutsche Krieg 1866. Im Lichte der Edition von Band 7 der „Auswärtigen Politik Preußens“, in: Historische Mitteilungen 20 (2007), S. 93–115; vgl. dazu auch dessen zugehörige Quellenedition: Die auswärtige Politik Preußens 1858–1871. Diplomatische Aktenstücke. Zweite Abt. Vom Amtsantritt Bismarcks bis zum Prager Frieden. Bd. 7 der Gesamtreihe. April bis August 1866. Hrsg. u. bearb. v. Winfried Baumgart (Quellen und Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte 36), Berlin 2008.
[3] So der Untertitel einiger deutschsprachiger Neuausgaben des in Anm. 1 genannten Werks von Craig.
[4] Jacob Burckhardt, Briefe. Vollständige und kritische Ausgabe. [...] Bearb. v. Max Burckhardt. Bd. 5. [...], Basel 1963, S. 184.

Zitation
Wolfgang Elz: Rezension zu: Bremm, Klaus-Jürgen: 1866. Bismarcks Krieg gegen die Habsburger. Darmstadt 2016 , in: H-Soz-Kult, 11.10.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26539>.
Redaktion
Veröffentlicht am
11.10.2016
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/