G. Wolf u.a. (Hrsg.): Chroniken des Mittelalters

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Titel
Handbuch Chroniken des Mittelalters.


Hrsg. v.
Wolf, Gerhard; Ott, Norbert H.
Erschienen
Berlin 2016: de Gruyter
Umfang
VII, 1042 S.
Preis
€ 149,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Grischa Vercamer, Tadeusz Manteuffel Institute of History, Polish Academy of Sciences

Das vorliegende "Handbuch Chroniken des Mittelalters" reiht sich in einen aktuellen Forschungstrend ein.[1] Zunehmend wird man sich bewusst, dass unsere Vorstellungen vom Mittelalter doch sehr stark durch historiographische Schriften des Mittelalters geprägt werden.[2] Wo vor nicht allzu langer Zeit ‚harten‘ Rechtsquellen (wie Urkunden) der Vorzug gegeben wurde, stehen nun wieder erzählende Quellen im Mittelpunkt. Verständlicherweise bemüht man sich daher darum, die mittelalterliche Chronistik als Gattung näher zu bestimmen. Dabei fällt auf, dass schon die Abgrenzung zu benachbarten Genres, wie der Hagiographie, der Annalistik, der mittelalterlichen Epik, häufig nicht leichtfällt. Auch die gattungseigene Unterteilung, beispielsweise in lateinische und volkssprachliche oder in Bischofs-, Kloster-, Stadt- und Weltchroniken, erscheint nicht immer gelungen, da der Stil der einzelnen mittelalterlichen Autoren sich doch erheblich unterscheidet und sich nicht immer eindeutig einordnen lässt. Spätestens seit Hayden White weiß man zudem, dass auch „Klio dichtet“ – Fakten und Fiktionen verschmelzen oftmals miteinander.

Die übergeordneten Rubriken in dem zu besprechenden Band spiegeln diese Unsicherheit respektive Schwierigkeit bei der Einteilung wider: drei Texte sind unter der Rubrik „Lateinische Chroniken vom Früh- bis zum Spätmittelalter“ gefasst; elf Texte firmieren unter „Deutschsprachige Chroniken vom Hochmittelalter bis zur Frühen Neuzeit“; ein Text unter „Visualisierte Chronik“ (hier hatte man offenbar Probleme, den Text anderswo unterzubringen); neun Texte unter „Europäische Chroniken“; zwei Texte unter „Arabische und indo-persische Chroniken“. Die Herausgeber sind beide Altgermanisten – das führt zu einem quantitativen Ungleichgewicht zwischen den Beiträgen zu den lateinischen Chroniken (S. 47–126) und den deutschsprachigen (S. 129–518). Die eigentlich überkommenen Zuständigkeiten der Philologien (hier Latinistik dort Germanistik) wird sichtbar: Roman Deutinger schreibt über „Lateinische Weltchronistik des Hochmittelalters“, während Mathias Herweg einen Artikel zum Thema „Erzählen unter Wahrheitsgarantie – Deutsche Weltchroniken des 13. Jahrhunderts“ und Norbert H. Ott „Kompilation und Offene Form – Die Weltchronik Heinrichs von München“ liefern. Hätten diese drei Texte nicht eigentlich besser unter einer Rubrik zusammengehört?

Die Anordnung der Texte im ersten Teil mittels eines sprachlichen Rasters wird im dann folgenden außerdeutschen, europäischen Rahmen durch ein geographisches ersetzt. Die europäischen (Groß-)Regionen Skandinavien, Niederlande, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Ostmitteleuropa, Ostslawischer Raum (bisher meist Rus’ genannt) und Byzanz werden jeweils einzeln behandelt (S. 543–864). Das heutige Diktum der Globalisierung legt es nahe, dass über den europäischen Tellerrand hinübergeschaut werden muss; so folgt ein fast hundertseitiger Artikel „Arabische Chronistik“ von Kurt Franz und ca. 35 Seiten von Stephan Conermann zur „Indo-Persischen Chronistik“. Das Ganze wird durch ein Personen- und Werkregister sowie dankenswerterweise auch Sachregister abgeschlossen.

Obgleich das Gesamtwerk im Titel dezidiert auf ‚Chroniken‘ abhebt, korrigiert Wolf bereits in der Einleitung, dass vermeintliche Gattungskategorien wie ‚Chronik‘, ‚Annalen‘ und ‚Historia‘ letztlich für das Mittelalter völlig unpräzise wirken, da eben durchlässig und inkonsequent („danach wären die meisten Texte letztlich Hybridformen“, S. 17). Dasselbe gilt für den Versuch einer Unterscheidung nach Sprache (nebeneinander vom Volkssprache und Lateinischen in einem Werk ist nicht selten) oder Prosa und Vers (der Duktus wechselt häufig innerhalb eines Werks) oder Fakten und Fiktionen (die Parameter der positivistischen Geschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind dahingehend glücklicherweise seit einigen Jahrzehnten überholt). Wie also dann? Mit Hans-Werner Goetz merkt Wolf an, dass eher narratologische Unterscheidungsargumente (also Erzähltheorien) greifen müssten – diese Gattungsdiskussion stecke aber noch in den Kinderschuhen und werde deshalb nicht weiterverfolgt (S. 24). Die in der Geschichtswissenschaft breit diskutierte causa scribendi der Autoren (auch als Gattungsargument durchaus valide) kommt allerdings ebenfalls nicht vor.[3]

Da Wolf die Einleitung zu einem Handbuch über Chroniken schreibt, sieht er sich trotz aller erwähnten und richtigen Unwägbarkeiten doch dazu gezwungen eine Definition des Begriffs zu geben: „Als Chronik wird für dieses Handbuch ganz allgemein ein Text definiert, in dessen Mittelpunkt (real-)historische Ereignisse sehen, deren wichtigste Umstände (Raum, Zeit, Personen) genannt werden, der die Vergangenheit als fortlaufendes Kontinuum, also nach der Abfolge der Zeiten, darbietet und in dem die berichteten Ereignisse nicht als isolierte Daten verstanden, sondern in einen übergeordneten Zusammenhang gestellt und eher narrativ, in Versform oder einer rhetorisch elaborierten Prosa, als analytisch-systematisch aufbereitet werden.“ (S. 26) So dehnbar diese (gute und griffige, das sei betont) Definition bereits ist, lassen sich hier doch Einwände erheben – die Chronik des Preußenlandes von Peter von Dusburg kommt etwa weitgehend ohne Zeitangaben aus und ist auf weiten Strecken eben kein „fortlaufendes Kontinuum“.

Die Herausgeber mussten (trotz aller betonter Offenheit der Gattung) dann doch zeitlich-geographisch-inhaltlich begrenzen (S. 31–34). Was also sollte ins Handbuch kommen, was nicht? Hier werden nun harte Kriterien angesetzt: Annalen, Viten, Gesta, Geschichtsdichtung, Historienbibeln, humanistische Geschichtsschreibung bleiben außen vor. Zeitlich wird mit Sextus Julius Africanus und Eusebius (3./4. Jahrhundert) ein- und mit dem 16. Jahrhundert ausgesetzt. Der sprachlich-geographische Fokus liegt auf Europa, bestimmte Regionen werden allerdings nicht berücksichtigt (z.B. Palästina, also die wichtige Kreuzfahrerchronistik). Die Argumentation, nach welchen Selektionskriterien vorgegangen wurde, klingt teilweise ein wenig abenteuerlich („[...] oder es konnte für sie [eine bestimmte Region] kein geeigneter Bearbeiter gefunden werden.“ (S. 35) Es fällt jedenfalls (negativ) auf, dass beispielsweise die hochmittelalterliche Chronistik im Reich (z.B. Adam von Bremen, Helmold von Bosau, Arnold von Lübeck) nicht beachtet wurde.

Es wäre ein verfehltes und müßiges Unterfangen innerhalb der Rezension bei einem solchen Werk auf alle Beiträge einzugehen. Daher hier einige generelle Anmerkungen – neben den bereits gemachten zur Konzeption. Zunächst sei vorausgeschickt und betont: Alle für das Handbuch gewonnenen Autoren sind auf ihrem Gebiet, soweit ich es überschaue, führende Experten, alle Beiträge sind also auf hohem Niveau. Die internationalen Beiträge mussten sicherlich sprachlich redigiert werden und lesen sich alle flüssig und gut – ein Lob also an die Herausgeber. Es scheinen mir bestimmte Regelmäßigkeiten bei den Beiträgen vorzuliegen; die Vorgabe an die einzelnen Autoren von Herausgeberseite muss gewesen sein, dass sie eine kurze Einleitung zum Thema (am besten auch mit einer kurzen Definition des Gegenstandes, z. B. Plassmann zu origo-gentis-Chroniken, S. 51) liefern und sich dann an einzelnen Beispielen ‚abarbeiten‘ sollten. Alle Autoren wurden offenbar ebenfalls dazu aufgefordert, den jeweiligen Forschungsstand nicht nur bibliographisch abzubilden, sondern diesen auch zu thematisieren (z. B. Schneider, S. 225–230). Positiv ist aus ästhetischer Sicht hervorzuheben, dass offenbar auch dezidiert dazu aufgefordert wurde, farbige Abbildungen von Handschriften beizutragen. Am Ende jedes Artikels erfolgt eine kompakte Zusammenfassung und weiterführende ‚Lektürehinweise‘, was einen schnellen Zugriff auf die einzelnen Themen ermöglicht.

Die Artikel unterscheiden sich jedoch teils von ihrem Aufbau dahingehend, dass manche einen sehr engen Blick auf nur ein, zwei Werke haben (z. B. Ott, Mierke), während andere auf anregende und instruktive Weise danach suchen, Phänomene und Strukturen aufzuzeigen (z. B. Herwerg, Schneider). Mir scheint bezüglich des selbstgewählten Formats eines breit angelegten Handbuchs die zweite Sorte von Texten besser geeignet.

Am Ende bleibt: Das über tausendseitige Werk zeichnet sich in seinen Einzelbeiträgen durch hochkarätige Spezialisten aus, die auf hohem Niveau ihre Gebiete vertreten. Man kann aber nicht über die Tatsache hinwegsehen, dass der Block ‚deutschsprachige Chroniken‘ knapp die Hälfte des Handbuchs ausmacht. Darüber kann man sich grundsätzlich freuen und wird auf diese Beiträge auch gerne zurückgreifen, da es zur lateinischen Chronistik doch bereits einiges an Standardwerken gibt, während man für deutschsprachige Werke meist noch auf das Verfasserlexikon zurückgreift. Hier wird also grundsätzlich eine Lücke gefüllt – der Titel allerdings hat mehr versprochen.

Anmerkungen:
[1] Susanne Rau / Birgit Studt / Stefan Benz, Geschichte schreiben: Ein Quellen- und Studienhandbuch zur Historiographie (ca. 1350–1750), Berlin 2010; Graeme Dunphy (Hrsg.), Encyclopedia of the Medieval Chronicle, 2 Bde., Leiden 2010; János M. Bak / Ivan Jurković (Hrsg.), Chronicon. Medieval Narrative Sources. A Chronological Guide with Introductory Essays. Turnhout 2013. Vgl. auch die verschiedenen Konferenzbände der Medieval Chronicle Society: https://medievalchronicle.org/the-medieval-chronicle/ (06.07.2017).
[2] Siehe hierzu: Hans-Werner Goetz, Gott und die Welt. Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters. Teil 1, Band 1: Das Gottesbild, Berlin 2011, S. 15–30.
[3] Gerd Althoff, Causa scribendi und Darstellungsabsichten. Die Lebensbeschreibungen der Königin Mathilde und andere Beispiele, in: Michael Borgolte / Herrad Spilling (Hrsg.), Litterae medii Aevi. Festschrift für Johanne Autenrieth zu ihrem 65. Geburtstag, Sigmaringen 1988, S. 117–133.

Zitation
Grischa Vercamer: Rezension zu: Wolf, Gerhard; Ott, Norbert H. (Hrsg.): Handbuch Chroniken des Mittelalters. Berlin 2016 , in: H-Soz-Kult, 26.07.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26631>.
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26.07.2017
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