K. Fings: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit

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Titel
Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit


Autor(en)
Fings, Karola
Erschienen
München 2016: C.H. Beck Verlag
Umfang
128 S.
Preis
€ 8,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Yvonne Robel, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Das Vorhaben, eine „Geschichte einer Minderheit“ zu schreiben, ist sicherlich kein leichtes Unterfangen. Vor allem dann nicht, wenn, wie im Fall von Karola Fings‘ Einführungsband, eine über 600 Jahre zurückreichende Geschichte auf 120 Seiten erzählt wird und wenn dabei der Anspruch besteht, kritisch vorzugehen, aktuelle Forschungen und Diskussionen widerzuspiegeln und die nationale wie internationale Ebene gleichermaßen einzubeziehen. Dass sich die Autorin, stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, der damit verbundenen Herausforderungen bewusst ist und ihnen bravourös begegnet, wird schnell deutlich.

Bereits im Vorwort gibt Fings zu bedenken, dass „jedes Schreiben über Sinti und Roma die Gefahr einer Homogenisierung und Exotisierung [berge] und damit auch die Gefahr, Stereotype zu reproduzieren“ oder die Beschriebenen „als Subjekte der Geschichte“ zu negieren (S. 10). Entsprechend eröffnet sie ihren Band nicht mit einer chronologisch erzählten Geschichte der Minderheit, sondern thematisiert unter der Überschrift „Mehrheit und Minderheit“ zunächst vor allem terminologische und methodologische Fragen. Hierzu zählen Selbst- und Fremdbezeichnungen, wie Sinti, Sinteze, Roma, Romnja und „Zigeuner“, die Sprache Romanes sowie das Phänomen der Vielsprachigkeit. Zudem skizziert sie, dass vielfältige Akteure an der Produktion, Speicherung, Kanonisierung und Verbreitung von oftmals stereotypem Wissen über die Minderheit beteiligt waren – etwa Literaten, Ethnologen, Anthropologen, sogenannte Zigeunerforscher, Tsiganologen, aber auch Enzyklopädisten oder Fotografen. Jenes stereotype Wissen, aber auch daraus resultierende Diskriminierungen und Gewalt, so zeigt Fings, werden zunehmend durch Ansätze der Antiziganismuskritik und -forschung problematisiert. Deutlich wird dabei, dass die Geschichte der Minderheit von einer Stereotypengeschichte nicht zu trennen ist. Dieser Aufschlag erweist sich auch deshalb als äußerst geschickt, als Fings darüber zugleich für Fragen der zur Verfügung stehenden Quellen und Wissensressourcen sowie für die damit verbundenen Fallstricke zu sensibilisieren vermag.

Den eigentlichen Gang durch die Geschichte unternimmt sie in den folgenden drei Teilen des Bandes. Das zweite Kapitel befasst sich mit einem Überblick über die Geschichte vom Spätmittelalter bis in die 1920er-Jahre, das dritte Kapitel mit der Verfolgung und Vernichtung im Nationalsozialismus und das vierte mit Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit prägenden Dynamiken in der Geschichte von Sinti und Roma – wie Migration nach Europa, Binnenmigration in Europa, Beziehungen zu Schutzmächten, Leibeigenschaft, Verdächtigung als Spione, Entzug von Schutz, Vogelfreiheit, Aufenthaltsverbote, Ausweisungen, Zwangsassimilationen – bettet Fings geschickt in den breiteren historischen Kontext ein, sodass sie auch in ihrer gesamtgesellschaftlichen Relevanz beleuchtet werden. Hierbei schreibt sie zugleich gegen eine allzu geradlinige Kontinuitätsgeschichte der Verfolgung an, ohne das enorme Beharrungsvermögen einzelner antiziganistischer Stereotype außer Acht zu lassen. Vielmehr diskutiert sie beispielsweise die Reichweite der frühneuzeitlichen „Zigeunerpolitik“ und zeigt Grenzen in der Umsetzung zentraler Dekrete durch lokale Akteure ebenso auf wie Strategien von Betroffenen, mit Einschränkungen, Diskriminierungen und der Mehrheitsbevölkerung an sich umzugehen. Der Band profitiert dabei immer wieder von der internationalen Perspektive, etwa dann, wenn Fings zeigt, dass sich im russischen Zarenreich für Angehörige der Minderheit „ungleich größere Möglichkeiten als in den westlichen Feudalgesellschaften“ eröffneten (S. 52), da sich ihnen durchaus Erwerbsmöglichkeiten innerhalb des Sozialgefüges boten. Der Vergleich zwischen West und Ost erweist sich auch für das erste Drittel des 20. Jahrhunderts als äußerst spannend. Während sich im Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik Praktiken der rassistischen Kategorisierung, bürokratischen Erfassung und Kriminalisierung sukzessive verschärften, lässt sich für die junge Sowjetunion in den 1920er-Jahren eine kurzzeitige Förderung der Minderheit beobachten. So wurde Romanes als Nationalsprache anerkannt, gründeten sich kommunistische Roma-Gruppen sowie „Zigeuner“-Kolchosen und entstanden Publikationen sowie Lehrbücher auf Romanes. Freilich waren damit Erfahrungen von Diskriminierung und Verfolgung nicht gebannt.

Zu Recht in einem eigenen Kapitel beschreibt Fings die verheerende Wirkung der Rassenhygiene und Rassenpolitik seit der nationalsozialistischen Machtergreifung, die schrittweise Radikalisierung der Verfolgung und den Übergang zur endgültigen Vernichtungspolitik. Berufsverbote, die verstärkte Einschränkung der Bewegungsfreiheit, die Ghettoisierung in kommunalen Zwangslagern, Verhaftungen, Deportationen und Sterilisationen waren Methoden, die die nationalsozialistische „Zigeunerpolitik“ seit Mitte der 1930er-Jahre dominierten. Insbesondere die Einrichtung von Zwangslagern beschreibt Fings in ihren europäischen Dimensionen und richtet damit zugleich den Blick auf die dem nationalsozialistischen Deutschland angeschlossenen Gebiete, auf besetzte Länder oder kollaborierende Staaten. Auch wenn sie neben den Zwangs-, Konzentrations- und Vernichtungslagern auf Ost- und Südosteuropa und die Sowjetunion als Orte von gezielten Mordaktionen eingeht, schließt Fings dabei an den aktuellen Stand der NS-Forschung im breiteren Sinne an. Gleiches gilt für ihre differenzierte Aufstellung der Tätergruppen, zu denen sie neben NSDAP, SA, SS, Gestapo, Kriminalpolizei, diversen Behörden, Medizinern und Rassenhygienikern auch lokale Verwaltungsangestellte und individuelle Profiteure zählt, die vielfach fern der zentralen Anweisungen Eigeninitiative zeigten und dadurch die Verfolgung von Sinti und Roma forcierten. Für die Opferseite wiederum zeigt Fings Strategien von Selbstbehauptung auf, wie sie etwa in persönlichen Vorsprachen für Familienangehörige, schriftlichen Versuchen, Angehörige frei zu bekommen, in Fällen von Flucht, einem Leben in Illegalität oder aktivem Widerstand zum Ausdruck kamen. Damit löst sie ihr eingangs formuliertes Anliegen ein, nämlich die Opfer zwar als Opfer, aber nicht als ausschließlich wehr- und handlungslose Objekte, sondern als handelnde Subjekte wahrzunehmen.

Das setzt sich konsequenterweise auch im vierten Kapitel fort, welches sich unter der recht allgemein gehaltenen Überschrift „Europäische Perspektiven“ der Geschichte der Minderheit in der Nachkriegszeit widmet. So zeigt Fings einerseits, wie traumatisierte Überlebende, deren soziale und familiäre Strukturen nahezu komplett zerstört waren, weiterhin auf (rassistische) Stereotype trafen, an die Stadtränder abgedrängt wurden, vergeblich auf eine Rückkehr an ihre Wohnorte oder auf die Rückgabe ihres Besitzes hofften und mit personellen Kontinuitäten in Polizei und Behörden konfrontiert wurden. Auch die fehlende juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen, die ausbleibende Anerkennung als Genozidopfer, die Verweigerung von Entschädigungen und die anhaltende polizeiliche Erfassung stehen sinnbildlich für die Entrechtung und Machtlosigkeit von Sinti und Roma nach 1945. Andererseits zeichnet Fings die Entwicklung der Roma-Bürgerrechtsbewegung auf internationaler und deutscher Ebene nach, die insbesondere seit den 1970er-Jahren an Zulauf, Unterstützung und Aufmerksamkeit gewann. Zwar konnten deren Errungenschaften politisch-gesellschaftlich nur partiell durchgesetzt werden, was sich auch für den europäischen Minderheitenschutz oder bezüglich des europäischen Freizügigkeitsgebots konstatieren lässt, aber dennoch haben sich Angehörige der Minderheit zunehmend Gehör verschafft und vielfältige Ansätze von Empowerment in Politik, Medien, Kunst oder Kultur entwickelt. Auch die Anerkennung des Genozids sowie die Etablierung eines lebendigen Gedenkens daran lassen sich als langfristige Erfolge der Bürgerrechtsbewegung verbuchen. Den Bogen zur unmittelbaren Gegenwart schlägt Fings schlussendlich auch mit Blick auf Osteuropa, indem sie aktuelle Marginalisierungen auf strukturelle Entwicklungen in den sozialistischen Staaten nach 1945 zurückführt und erläutert, warum Roma „[z]u den großen Verlierern“ (S. 110) nach 1990 gehörten.

Diese Einführung beinhaltet weit mehr, als sich ob des Umfangs vermuten lässt. Sie bietet einen äußerst lesenswerten Ritt durch die Geschichte, Anregungen für Fragen und Forschungen, einen kritischen Blick auf politische und wissenschaftliche Auseinandersetzungen und zu guter Letzt noch eine handliche Literaturübersicht über Selbstzeugnisse und Sekundärliteratur zum Thema. Wegen des klaren Aufbaus eignet sie sich sowohl als Handbuch im Nachschlageformat als auch als Überblick schaffendes Standardwerk. Es war höchste Zeit, dass dieses Buch geschrieben wurde und dass damit ältere Übersichtswerke[1] ergänzt, aktualisiert oder gar ablöst werden konnten.

Anmerkung:
[1] Ebenfalls bei Beck erschienen z. B.: Katrin Reemtsma, Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996.

Zitation
Yvonne Robel: Rezension zu: Fings, Karola: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit. München 2016 , in: H-Soz-Kult, 03.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26778>.
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Veröffentlicht am
03.03.2017
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