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Titel
Cathars in Question.


Hrsg. v.
Sennis, Antonio
Erschienen
Woodbridge 2016: Boydell & Brewer
Umfang
VII, 332 S.
Preis
€ 94,99; £ 60.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Rüdiger, Departement Geschichte, Universität Basel

Es passiert Mediävisten nicht eben oft, dass ihnen ihr Forschungsgegenstand abhandenkommt. Kein ‚1989' oder ‚2008' kann eine ganze Branche dazu veranlassen, die Dinge schon immer anders gesehen zu haben. Die Akteure sind lange genug tot, die Archive versprechen höchstens noch im Spätmittelalter relevante Neufunde, und der Rest ist ein einigermaßen solides Acquis. Neue Perspektiven halten den Betrieb in Schwung wie für jede Epoche, aber grundsätzliche Fragezeichen gibt es wenige[1] und betreffen typischerweise das Frühmittelalter und/oder Nordosteuropa, also Zeiten und Gegenden, in denen die Quellenarmut ja sprichwörtlich ist.

Im westeuropäischen 13. Jahrhundert aber? Ein Klassiker der Mediävistik in Forschung und Lehre, Liebling von Studierenden, Forschenden und der allgemeinen Öffentlichkeit? Mit kiloweise gut erhaltenen, massenhaft edierten Quellen, einer ununterbrochenen Debatte seit Voltaire und politischen Weiterungen, die bis in den Élysée-Palast reichen?[2] Die Rede ist von den Katharern – bekannt aus Lehrbuch, Vorlesung und Fernsehen als „die große Ketzerei“, die als einzige ihrer Art die mittelalterliche Kirche bis in die Grundfesten erschüttern konnte. Im spätantiken römischen Orient entwickelt, zeigten sich dualistische Ideen – also die Vorstellung, es gebe zwei einander ebenbürtige antagonistische Prinzipien, Gut und Böse, und die sichtbare Welt sei tendenziell das Werk des Böse-Unvollkommenen – in den Lehren des von den frühen Kirchenvätern bekämpften Mani, in verschiedenen Varianten in Byzanz, ab dem 9. Jahrhundert auf dem Balkan (Bogumilen), ab dem 11. Jahrhundert vereinzelt in Westeuropa (Katharer) und massiv im 12. Jahrhundert in Okzitanien, vor allem im Tolosan und Albigés. Als „Albigenser“ hätten die asketisch lebenden Wanderprediger rund ein Drittel der Bevölkerung hinter sich gebracht; die schärfsten Zungen der Christenheit (Bernhard von Clairvaux!) hätten sich an ihnen abgewetzt, und Papst Innozenz III. habe schließlich die Notbremse gezogen: Im „Albigenserkreuzzug“ 1209–29 seien die politischen und sozialen Strukturen, die den Massendissens trugen, zerschlagen, das in Schutt gelegte Land von der französischen Krone annektiert und die Bevölkerung anschließend ein Jahrhundert lang von der extra zu diesem Zweck errichteten und professionalisierten Inquisition terrorisiert worden, bis 1321 der letzte Katharer auf den Scheiterhaufen kam. Soweit die Geschichte.

Was kann daran in Frage gestellt werden? Sicher nicht der detailliert dokumentierte Albigenserkrieg, der schon den Zeitgenossen als Ausnahmeereignis erschien. Auch nicht seine politischen Folgen, an denen das nachmalige Südfrankreich bis heute laboriert. Sicher auch nicht die Inquisition, die extrem viele und extrem minutiöse Protokolle hinterließ. An Selbstzeugnissen mangelt es demgegenüber stark und für die Zeit vor 1209 praktisch völlig, aber das ist, so lange Zeit die communis opinio, angesichts der umfassenden Verfolgung ja auch verständlich. Jedenfalls hat sich die Religions- und Sozialgeschichte der Häresie ihr bis in einzelne Dorfgemeinschaften oder städtische Familien hinein genaues Bild stets aus den Schriften der Gegner und Verfolger zusammensetzen müssen und dabei teilweise konträre Ansichten gewonnen (so etwa zur Frage, ob und wie weit es eine katharische ‚Gegenkirche' mit Bischöfen und Hierarchiegraden gab). An Reichweite und Relevanz des Katharismus bestand aber über viele Forscher- und Studentengenerationen kein Zweifel.

Mitte der 1980er-Jahre bemerkte der Sheffielder Mediävist Robert Ian Moore im Zusammenhang mit seiner These von Europa als „persecuting society“ seit dem Mittelalter, die Intellektuellen des 11./12. Jahrhunderts hätten die Ketzer extra ‚groß', zu einer mächtigen Bedrohung hochstilisiert (und dagegen die für sie tatsächlich herausfordernde jüdische Konkurrenz lächerlich-klein geschrieben).[3] Diese Beobachtung radikalisierte ein Vierteljahrhundert später sein australischer Kollege Mark Gregory Pegg: Womöglich seien die ‚Katharer’ des okzitanischen Hochmittelalters nichts anderes gewesen als lokale Respektpersonen in einer mehr oder minder vage mit der real existierenden Kirche und ihren Priestern unzufriedenen Gesellschaft – die aber von den Spitzenintellektuellen einer Kirche, die zum einen seit den Kirchenvätern von der Sorge vor möglichen Spaltungen geprägt und zudem im 12. Jahrhundert von Reformdynamiken und innerkirchlicher Konkurrenz aufgerührt gewesen sei, als die aktuelle Ausprägung des immer lauernden Häresie identifiziert wurden.[4] Eine weit verbreitete dualistische Lehre, ‚den Katharismus‘, habe es in Okzitanien vor 1209 also gar nicht gegeben.

„Elfenbeinturmhäresie“ nennt man diese Sicht despektierlich. Kurz nach der Jahrtausendwende mochte aber die Idee, die Verfolger machten sich die zu Verfolgenden selber, ziemlich plausibel wirken: Robert Moore nannte seine Ketzergeschichte, in der er Peggs These verallgemeinerte, "The War on Heresy"[5], in Anklang an George W. Bushs ‚War on Terror’. Und, so die beunruhigende Weiterung: Setzt sich diese Zuschreibung durch (etwa als ein eine halbe Generation dauernder Krieg wie in Okzitanien), übernehmen irgendwann auch die Gemeinten diese Meinung. Niemand behauptet darum, die Inquisitoren von 1240 oder 1260 hätten sämtliche Geständnisse gefaked. Verhörte und Verhörer waren sich jedenfalls darin einig, dass es die heretici/eretges gab, und sie berichteten auch ausführlich und detailreich über die Großelterngeneration. Was Moore und Pegg behaupten, ist: Die Großelterngeneration selber hätte keine Ahnung gehabt, was gemeint war; zu ihrer Zeit – also bis 1209 – sei die dualistisch-‚katharische‘ Häresie lediglich eine Idee der Geistlichen gewesen.

So eine Revision hätte ziemlich weitreichende Folgen. Zum einen für einen blühenden Wirtschaftszweig: "Le pays cathare" ohne Katharer? Für das Verständnis des Albigenserkriegs: Der Casus Belli ein Konstrukt, der die Angegriffenen ratlos ließ? Die Scheiterhaufen mit dreihundert bis vierhundert Opfern nun nicht mehr Zeugnisse fast frühchristlich anmutender Bereitschaft zum Martyrium, sondern willkürlicher Massen-Lynchmord eines entfesselten Kreuzfahrerheers? Die mittelalterliche Religionsgeschichte insgesamt nicht mehr eine Abfolge von Heterodoxien, an denen sich die römische ‚Amtskirche' rieb und formte – sondern ein innerkirchlicher diskursiver Prozess mit zehntausendfachem Kollateralschaden in einer nichtsahnenden Laienbevölkerung? Und nicht zuletzt: Ein ganzer Zweig der Mittelaltergeschichte ohne Gegenstand?

In solchen Momenten kann man zweierlei machen: Man kann die Neulesung als sensationalistische Effekthascherei abtun, sich seinerseits als Bestandsbewahrer verachten lassen, und jeder macht seine Tagungen und Netzwerke. Oder man kann ins Gespräch kommen: Experten, die über dasselbe Material forschen und zu konträren Interpretationen gelangen, müssten doch eigentlich sehr gut miteinander reden können. Naiver Glaube an das Gute im Profihistoriker? Nein, denn Antonio Sennis und David d’Avray haben wirklich zu einem solchen Disput eingeladen, ans Londoner University College im April 2013. Kernfragen: Gab es eine organisierte Heterodoxie in Okzitanien vor Krieg und Inquisition (also vor 1209)? Und wenn ja: Hing sie mit dem östlichen Dualismus (Manichäern, Bogumilen) zusammen? Dem Ton des Bandes nach ist es ein gutes Treffen gewesen: Ohne sich inhaltlich etwas nachzulassen, sprechen sich die fünfzehn Debattanten und teilweise Kontrahenten respektvoll und zivilisiert über- und miteinander. Und der Ertrag, dies vorweg, ist gewichtig.

Die beiden anglophonen Haupt-‚Revisionisten‘ sind dabei: Mark Pegg eröffnet den Band, indem er das Dossier sozusagen gebündelt vorlegt und die Erfindung des ‚Katharismus‘ aus der Tradition der Religionsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts erklärt – der auch heute noch mächtigen Idee, ‚Religion‘ sei ein universeller Teil menschlicher Existenz und nicht ein einigermaßen außergewöhnliches Phänomen des spätantiken Mediterraneums ("The Paradigm of Catharism, or The Historians’ Illusion", S. 21–52). Der längst emeritierte Robert Moore beschließt ihn mit einem unübersetzbaren Wortspiel: "Principles at Stake: The Debate of April 2013 in Retrospect" (S. 257–273), gekontert von Peter Biller, der aus ‚traditionalistischer‘ Position die Argumente der ‚Revisionisten' in Frage stellt ("Goodbye to Catharism?", S. 274–313). Diese beiden Beiträge, die eine längere Debatte Moore–Biller fortsetzen, lassen sich gut im Duett lesen; zusammen mit Peggs Statement und Antonio Sennis’ problematisierender Einleitung zum Band ("Questions about the Cathars", S. 1–20) bilden sie eine Art Mini-Reader, der in keinem webbasierten Seminar-Tool fehlen sollte.

Nicht alle Beiträge korrespondieren miteinander so gut. Bernard Hamilton zeichnet die Linien von den Katharern zum Balkan und nach Byzanz ein weiteres Mal nach, als seien weder die Linien noch die Katharer je in Frage gestellt worden; mehrere Beiträge diskutieren wie seit eh und je die Gelehrtensicht des 13. Jahrhunderts. Claire Taylor hält an der Existenz einer namhaften Heterodoxie in Okzitanien fest und erwägt ergebnislos andere Bezeichnungen für den allzu offensichtlich konstrukthaften ‚Katharismus’ ("Looking for the 'Good Men' in Languedoc: an Alternative to 'Cathars'?", S. 242–256). Und Jörg Feuchter fordert die ‚Revisionisten‘ mit drei Argumenten heraus ("The heretici of Languedoc: Local Holy Men and Women or Organized Religious Group? New Evidence from Inquisitorial, Notarial and Historiographical Sources", S. 112–130). Aus seiner eigenen Berliner Arbeit über die Inquisition in Montauban um 1240[6] gewinnt er einen klaren, einheitlichen Eindruck einer wohlorganisierten Häresie, die sich vom zugleich verfolgten Waldensertum abhebt. Im Geschichtswerk des syrischen Patriarchen Mōr Michael des Großen aus dem 12. Jahrhundert, interessegeleiteter Verzerrung durch romkirchliche Akteure unverdächtig, finden sich deutliche Bemerkungen über eine episkopal organisierte, von regionalen Machthabern geschütze Ketzerkirche bei den „Franken“. Und in einer Urkunde von 1189 regelt eine Brüdergruppe das Erbe der Mutter, „die sich den Leuten anschloss, die man Häretiker nennt“ (se tradidit illis hominibus quibus [!] vocantur heretici).

Wie verhält man sich nun dazu? Das hat mit methodischen Haltungen zu tun, wie John Arnold ausführt ("The Cathar Middle Ages as a Methodological and Historiographical Problem", S. 53–78), aber auch mit Kontext. Mein Kontext steht in meinem Buch über das tolosanische Okzitanien im Albigenserkrieg.[7] Es erschien vor der ‚Revisions'-Debatte und geht noch selbstverständlich von der Existenz der Katharer aus. Ich stelle darin etwas befremdet fest, wie wenig diese europahistorisch ja ziemlich relevante religiöse Einzigartigkeit der Region Alltag, Wirtschaft, politisches Handeln geprägt hat und wie ratlos die Angegriffenen ab 1209 jahrelang waren, weil sie nicht verstanden, was man eigentlich von ihnen erwartete. Aus heutiger Sicht, mit Hilfe von Pegg und Moore, lässt sich diese geringe lebensweltliche Relevanz des Katharismus natürlich sehr gut erklären: wo nichts ist, kann auch nichts wirken. Ein Qualitätsmerkmal einer These ist ja, dass sie Unerklärtes erklärbar macht, und darum neige ich von meinem eigenen Kontext aus den ‚Revisionisten' zu. Wenn überhaupt, geht mir Pegg in seiner Alternativkonstruktion von lokalistischen Dorfgemeinschaften mit habituell charismatischen ‚heiligen Männern’ noch nicht weit genug: Eine auf Cortesia (bei ihm wie bei mir ein Kernbegriff) gründende Gesellschaft kommt auch ohne sie aus.

Dieser Kontext färbt meine Lesung der Debatte; mein Fazit ist also parti pris. Mir scheint zum Beispiel, dass zwei von Jörg Feuchters Argumenten das Gegenteil dessen sagen, was er meint: Gerade ein in sich stimmiges Ergebnis einer Hunderte Personen umfassenden Inquisition deutet, ‚revisionistisch' gesehen, eher auf ein klares Bild bei den Verfolgern als in der gelebten Praxis hin, und Mōr Michael wird seine Informationen aus dem fernen Westen ja auch eher aus seiner gelehrten peer group als von lokalen Informanten aus dem Languedoc haben. Bleibt Ava, die Mutter, die zu den Häretikern ging. Aus (nicht nur) meiner Sicht belegt die Urkunde zunächst, dass im Tolosan um 1189 hereticus/-a als politischer Kampfbegriff bekannt und gebräuchlich war. Und das ist kaum überraschend – das Jahrzehnt zuvor hatte mehrere regionale Auseinandersetzungen gesehen, die Graf Raimon V. mit römischem Segen als Ketzerkampf labelte. Als die Urkunde aufgesetzt wurde, tobte in der Stadt gerade eine Art kommunaler Bürgerkrieg.

Aber auch wenn man sich von der ‚Revision’ nicht überzeugen lässt, wenn man also etwa die Urkunde über Ava die Häretikerin in Feuchters Sinn liest (und vielleicht gerade dann), macht sie deutlich, wie es um den einst so monumentalen Katharismus inzwischen steht: Vor vierzig Jahren beherrschte er eine ganze Region und hielt die Christenheit in Atem, heute debattiert man, ob sich auch nur eine einzige Häretikerin vor 1209 namhaft machen lässt. Von einer Weltreligion zu einem Relativsatz: das ist, wie immer man sich zu der Kontroverse verhalten mag, ein markanter Wandel. Vielleicht ein Fortschritt.

Anmerkungen:
[1] Etwa inwieweit Person und/oder Werk des Benedikt von Nursia (6. Jahrhundert) karolingerzeitlich überformt bzw. kreiert sind; vgl. zur Debatte Joachim Wollasch, Benedikt von Nursia. Person der Geschichte oder fiktive Idealgestalt? In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 118 (2007), S. 7–30.
[2] Als im Dezember 1965 die für Charles de Gaulle verheerenden Ergebnisse der Präsidentschaftswahl aus dem Languedoc eintrafen (er gewann die Wahl dank Nordfrankreich allerdings deutlich), kommentierte sein Premierminister Pompidou: „Ah, ces Albigeois...“ (Peter Scholl-Latour, Leben mit Frankreich, Stuttgart 1988, S. 600). Bei der Präsidentschaftswahl 2017 stimmten die Departemente Ariège und Aude, Schauplatz des Albigenserkrieges, mehrheitlich für Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen.
[3] Robert I. Moore, The Formation of a Persecuting Society. Power and Deviance in Western Europe, 950–1150, Oxford 1987, S. 151f. (das Buch erschien 2007 in veränderter Neuausgabe).
[4] Mark G. Pegg: A Most Holy War. The Albigensian Crusade and the Battle for Christendom, Oxford 2008.
[5] Robert I. Moore, The War on Heresy. Faith and Power in Medieval Europe, London 2012.
[6] Jörg Feuchter, Ketzer, Konsuln und Büßer. die städtischen Eliten von Montauban vor dem Inquisitor Petrus Cellani (1236/1241) (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 40), Tübingen 2007.
[7] Jan Rüdiger, Aristokraten und Poeten. Die Grammatik einer Mentalität im tolosanischen Hochmittelalter (Europa im Mittelalter 4), Berlin 2001, hier insbesondere Kap. 6 „Religiositäten“.

Zitation
Jan Rüdiger: Rezension zu: Sennis, Antonio (Hrsg.): Cathars in Question. Woodbridge 2016 , in: H-Soz-Kult, 05.07.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26786>.
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Veröffentlicht am
05.07.2017
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