S. Bonomi u.a. (Hrsg.): Griechische Keramik

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Titel
Griechische Keramik nördlich von Etrurien. Mediterrane Importe und archäologischer Kontext


Hrsg. v.
Bonomi, Simonetta; Guggisberg, Martin A.
Erschienen
Wiesbaden 2015: Reichert Verlag
Umfang
228 S.
Preis
€ 78,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robinson Peter Krämer, Graduiertenkolleg „Archäologie vormoderner Wirtschaftsräume“, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Ungefähr seit dem Beginn der 2000er-Jahre wird in der Klassischen Archäologie griechische Keramik verstärkt nicht nur unter kunsthistorischen, sondern auch unter kulturhistorischen Gesichtspunkten analysiert. Dieser Fokuswandel hängt mit der stetig wachsenden Zahl an Neufunden in archäologisch gesicherten Kontexten und mit neuen sozialen und wirtschaftlichen Fragestellungen zusammen. Dadurch wurde die Rolle der griechischen Keramik für Konsummechanismen, Kulturkontakte und Kommunikationsformen insbesondere in nichtgriechischen Kontexten analysiert und diskutiert. Fallstudien für die Funktion und den Konsum griechischer Keramik liegen mittlerweile für das Schwarzmeergebiet[1], das westliche Kleinasien[2], das etruskische Kernland[3], die iberische Halbinsel[4], die Hallstattkultur und das eisenzeitliche Südfrankreich[5] wie auch allgemein zum mediterranen Raum[6] vor.

An diese noch recht junge, aber sehr ertragreiche und perspektivenerweiternde Tradition knüpft nun die hier besprochene Publikation einer 2011 in Basel veranstalteten Tagung an. Der Anlass war ein von den Herausgebern dieses Bandes initiiertes Forschungsprojekt, in dem mit einer Datenbank die Funktion der attischen Keramik in den eisenzeitlichen Kulturen in Norditalien, Südfrankreich und Mitteleuropa rekonstruiert werden soll.[7] Der Kongressband gliedert sich in drei geographisch gegliederte Abschnitte (I Norditalien, II Das Rhonetal und Ostfrankreich, III Das nordwestliche Alpenvorland, Süddeutschland und Böhmen) und wird durch einen vierten Abschnitt mit allgemeinen Überlegungen zu griechischer Keramik als Medium des Kulturtransfers (S. 211–222) abgeschlossen. Insgesamt befinden sich in diesem Band nach dem Vorwort der Herausgeber 14 Beiträge, die auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch verfasst sind.

Im ersten Teil wird in drei Aufsätzen auf die Rolle von attischer Keramik in Norditalien eingegangen. Stefania Casini (S. 19–33) untersucht die bislang wenig erforschte Rolle von attischen Gefäßen in der Golasecca-Kultur und kann dabei auch auf Siedlungskontexte und noch unpublizierte Daten zurückgreifen. Bei den Formen besteht der Großteil der Gefäße aus Schalen (55 Prozent), Skyphoi (19 Prozent) und Kantharoi (15 Prozent). Die meisten Vasen sind in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts v.Chr. zu datieren (deutlich später als der Großteil der Funde in der Po-Ebene) und stammen ausschließlich aus den protourbanen Zentren. Martin A. Guggisberg (S. 35–43) bespricht vier attisch-rotfigurige Frauenkopfgefäße in der Po-Ebene und kommt zu dem Schluss, dass diese offenbar – ähnlich wie in Etrurien – besonders stark sakral und sepulkral konnotiert gewesen sind. Die Materialbasis für diese Überlegungen ist mit vier Gefäßen natürlich dünn, aber die Perspektive, dass gemeinsam mit Gefäßen auch kultische Vorstellungen von den Etruskern zu den lokalen Bevölkerungen gelangten, ist faszinierend. Federica Wiel-Marin (S. 45–65) diskutiert die Rolle der attischen Keramik in Siedlungskontexten nordöstlich des Flusses Po. Unter den Formen überwiegen schwarzfigurige Kylikes und rotfigurige Skyphoi, Bildthemen oder Qualitätsmerkmale spielten kaum eine Rolle. Der Großteil der Funde stammt aus der unmittelbaren Umgebung des Po.

Der zweite Teil hat das Rhonetal und Ostfrankreich zum Thema. Michel Bats (S. 69–77) bespricht in seinem Beitrag griechische Gefäßfunde im Südfrankfreich des 7.–5. Jahrhunderts v.Chr., während Catherine Bellon die Funde aus Lyon (S. 79–87) und Anne Tichit die griechische Keramik aus Bourges (S. 89–100) diskutieren. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem ‚Fürstensitz‘ auf dem Mont Lassois bei Vix, dem sich drei Beiträge widmen. Jean-Jacques Maffre (S. 101–128) verdanken wir die erstmalig vollständige Publikation und Zusammenstellung der ‚Altfunde‘ an attischer Keramik aus den früheren Ausgrabungen. Ludi Chazalon (S. 129–149) rekonstruiert aus zahlreichen Fragmenten eine attisch-rotfigurige Bauchamphore aus der Zeit um 510 v.Chr. Das Gefäß gehört zur Pioniergruppe, als Vasenmaler kommen Euthymides oder der Kleophrades-Maler in Frage. Herausragend ist aber nicht nur die Qualität, sondern auch der Kontext der Amphore. Die Fragmente des Gefäßes wurden direkt vor dem zweiten Apsidenhaus (‚Maison II‘) auf dem Mont Lassois gefunden, was Fragen auf die Nutzung griechischer Keramik jenseits der ‚normalen Qualität‘ in der westlichen Hallstattkultur wirft. Federica Sacchetti (S. 151–165) verwendet die Funde griechischer Transportamphoren von Vix, Bourges und Bragny als Datengrundlage, um Organisationsformen des Fernhandels zu rekonstruieren. Anhand der Daten konstatiert sie instabile und unregelmäßige Austauschbeziehungen über ein bis zwei Generationen und keine regelmäßigen langfristigen Handelsaktivitäten.

Im dritten Abschnitt werden in vier Aufsätzen das nordwestliche Alpenvorland, Süddeutschland und Böhmen thematisiert. Mireille Ruffieux und Michel Mauvilly (S. 169–177) stellen anhand eines Kontexts in Sévaz (Kanton Freiburg) und fünf weiterer Beispiele mit metallverarbeitenden Werkstätten Fragen nach den Konsumenten griechischer Keramik. Dabei können die beiden Autoren überzeugend eine Verbindung zwischen griechischer Keramik und dem Abbau bzw. Transport von Metall im Westhallstattgebiet ausmachen. Damit geben diese Kontexte Hinweise auf eine gemeinsame Zirkulation von Rohstoffen und mediterranen Produkten (insbesondere griechische Keramik).

Die beiden Beiträge von Elke Böhr und Rüdiger Krause präsentieren Erkenntnisse zum ‚Fürstensitz‘ auf dem Ipf bei Bopfingen, die durch seit 2000 laufende Ausgrabungen und Forschungen gewonnen wurden.[8] Elke Böhr (S. 179–191) bespricht die Funde griechischer Keramik vom Ipf – neun Fragmente von mindestens einer Halsamphora, drei Krateren (davon vielleicht ein Kelchkrater) und zwei Schalen. Böhr betont dabei zurecht die ungewöhnlichen Gefäßformen, die für griechische ‚Bankett-Sets‘ typisch sind. Insbesondere die Halsamphora und ein wahrscheinlich zu einem Kelchkrater gehörendes Fragment sind bislang im transalpinen Raum völlig singulär. Rüdiger Krause (S. 193–202) bespricht die mediterranen Funde auf dem Ipf und in seinem Umfeld. Zahlreiche mediterrane Funde stammen aus der Umgebung zwischen Ipf und Goldberg, wo sich mehrere Rechteckhofplätze und Grabhügel befanden. Dazu gehören griechische Keramik und ihre (in der Po-Ebene und vielleicht lokal hergestellten?) Imitationen, eine griechische Münze (die im Beitrag abwechselnd als Kupfer- und Bronzemünze bezeichnet wird), Fragmente von Transportamphoren sowie eine Bronzefigur, die Martin Guggisberg plausibel als Aufsatz eines kampanischen Dinos rekonstruiert hat. Die teilweise äußerst hochwertigen mediterranen Importe finden sich auf dem Ipf wie auch in seiner Umgebung und verteilen sich chronologisch auf die Stufen Ha D2/3-LT A, also von der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts bis zum Ende des 5. Jahrhunderts v.Chr.

Jan Bouzek und Marie Dufková (S. 203–210) dokumentieren in ihrem Beitrag die mediterranen Importe im Böhmen und Mähren des 5. Jahrhunderts v.Chr. und zeigen so die Konnektivität dieser Region. Ergänzend sei hier auf einen rezenten Beitrag von Miloslav Chytráček hingewiesen, der die sozioökonomischen Strukturen dieser Region auf Grundlage von Importen und Handelswegen rekonstruiert.[9]

In einem vierten Abschnitt schließt Beat Schweizer (S. 213–222) den Band mit einigen übergreifenden Überlegungen ab. In seinem Beitrag referiert er zunächst kritisch die Forschungsgeschichte zu den Erklärungsmodellen und Interpretationen von ‚Fürstensitzen‘ wie auch die Rolle von griechischer Keramik bzw. dem ‚Südimport‘ in diesen Ansätzen. Schweizer warnt dabei vor einer voreiligen und unkritischen Konstruktion von Akkulturationsprozessen durch die Übernahme mediterraner Objekte und Sitten anhand von wenigen griechischen Gefäßen. Teilweise wird auf diese Weise die Übernahme mediterraner Bankettsitten oder gar eine vollständige ‚Hellenisierung‘ / ‚Mediterranisierung‘ postuliert. Ebenso scheinen die Bildthemen auf griechischen Gefäßen in den ‚Fürstensitzen‘ keine besondere Rolle gespielt zu haben, so dass sich Interpretationen für die Bedeutung der Gefäße in Griechenland nicht einfach auf die Hallstattkultur übertragen lassen.

Im vorliegenden Tagungsband wird der Konsum griechischer Keramik in einem großen und bisher kaum unter dieser Fragestellung übergreifend betrachteten Areal intensiv diskutiert. Ich hoffe, zu Beginn meiner Rezension deutlich gemacht zu haben, wie wichtig und aktuell diese Debatte ist. Übergreifend kann für die griechischen Gefäße nördlich von Etrurien konstatiert werden, dass es sich meist um Trinkgefäße (insbesondere Schalen und Skyphoi) handelt, während andere Formen, wie Schank- und Mischgefäße oft fehlen. Außerdem stammt die überwältigende Mehrheit der Funde – anders als in den mediterranen Kontexten – aus Wohn- und Siedlungskontexten, aber kaum aus Gräbern und Heiligtümern. Die zahlreichen neuen Daten und Kontexte liefern allerdings auch einige heterogene Aspekte, die unser Bild vom Konsum griechischer Keramik sehr bereichern dürften. Monokausale Erklärungsansätze auf dieses spannende Phänomen greifen sicher nicht mehr und auch die Prämisse zahlenmäßig geringer, ‚fürstlicher‘ Konsumenten von Luxusgeschirr ist (ähnlich wie bereits für Etrurien) stark zu relativieren. Im Vorwort (S. 13) machen sich die Herausgeber den Vorwurf, dass das hier gezeichnete Bild lückenhaft sei. Dies ist sicher zwangsläufig richtig, aber gemeinsam mit der Datenbank bietet der Tagungsband eine wichtige und aktuelle Grundlage für das Verständnis und die Erforschung griechischer Keramik in nicht-griechischen Kontexten.

Anmerkungen:
[1] Friederike Fless, Rotfigurige Keramik als Handelsware. Erwerb und Gebrauch attischer Vasen im mediterranen und pontischen Raum während des 4. Jhs. v. Chr., Rahden 2002, S. 64–95.
[2] Anja Slawisch, Absatzmarkt Ionien: Zur Rolle attischer Keramik als Indikator für die Unterbrechung oder Verschiebung von Handelsnetzwerken in der Ägäis im 5. Jh. v. Chr., in: Anja Slawisch (Hrsg.), Handels- und Finanzgebaren in der Ägäis im 5. Jh. v. Chr., Istanbul 2013, S. 185–206.
[3] Christoph Reusser, Vasen für Etrurien. Verbreitung und Funktionen attischer Keramik im Etrurien des 6. und 5. Jahrhunderts vor Christus, Zürich 2002; Martin Bentz / Christoph Reusser (Hrsg.), Attische Vasen in etruskischem Kontext – Funde aus Häusern und Heiligtümern, München 2004.
[4] Pierre Rouillard, Le vase grec entre statut et fonction: le cas de la péninsule Ibérique, in: Athena Tsingarida (Hrsg.), Shapes and Uses of Greek Vases (7th–4th centuries B.C.). Proceedings of the Symposium held at the Université libre de Bruxelles 27–29 April 2006, Brüssel 2009, S. 365–376.
[5] Wolfgang Kimmig (Hrsg.), Importe und mediterrane Einflüsse auf der Heuneburg, Mainz 2000.
[6] Justin S. P. Walsh, Consumerism in the Ancient World. Imports and Identity Construction, New York 2014.
[7] Die Datenbank ist abrufbar unter <http://akne.unibas.ch/> (13.03.2017).
[8] Rüdiger Krause (Hrsg.), Neue Forschungen zum frühkeltischen Fürstensitz auf dem Ipf, Bonn 2014; <http://www.fuerstensitze.de/1111_Ipf_bei_Bopfingen.html> (13.03.2017).
[9] Miloslav Chytráček, Belege für die Anwesenheit von Eliten des 6./5. Jahrhunderts v. Chr. am Zusammenfluss von Elbe und Moldau in Mittelböhmen, in: Prähistorische Zeitschrift 90, 2015, S. 271–300.

Zitation
Robinson Peter Krämer: Rezension zu: Bonomi, Simonetta; Guggisberg, Martin A. (Hrsg.): Griechische Keramik nördlich von Etrurien. Mediterrane Importe und archäologischer Kontext. Wiesbaden 2015 , in: H-Soz-Kult, 03.04.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26792>.
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03.04.2017
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