A. Tompkins: Better Active than Radioactive!

Titel
Better Active than Radioactive!. Anti-Nuclear Protest in 1970s France and West Germany


Autor(en)
Tompkins, Andrew S.
Erschienen
Umfang
XV, 265 S.
Preis
€ 82,44
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ute Hasenöhrl, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Universität Innsbruck

Seit der „Grünen Energiewende“ ist es um die deutsche Anti-AKW-Bewegung still geworden. Nach fast vier Jahrzehnten wilder Konflikte und gesellschaftlicher Grabenkämpfe, welche die Geschichte der alten Bundesrepublik nachhaltig prägten, scheint der anti-nukleare Protest hierzulande einen Abschluss gefunden zu haben. Zeit für eine umfassende Historisierung? So scheint es, brachten die letzten Jahre doch einen kleinen Boom einschlägiger Veröffentlichungen.[1] Dabei handelt es sich keineswegs um alten Wein in neuen Schläuchen. Die neue Forschungswelle zur Anti-AKW-Bewegung erweitert unseren Kenntnisstand mehr als nur im Detail – durch neue Fragen und Gegenstände (wie Michael Schürings Analyse der evangelischen Kirche), aber auch durch die kritische Überprüfung der Ergebnisse der „klassischen“ historischen und sozialwissenschaftlichen Bewegungsforschung der 1970er- bis 1990er-Jahre.

Andrew S. Tompkins unterwirft in seiner 2016 bei Oxford University Press veröffentlichten Dissertationsschrift „Better Active than Radioactive!“ die vertrauten Narrative zu Aufstieg, Erfolg bzw. Scheitern der „Neuen sozialen Bewegungen“, ihren Protestformen, Netzwerken und nationalen Besonderheiten einer kritischen Analyse. Seine Studie der anti-nuklearen Proteste in Westdeutschland und Frankreich in den 1970er-Jahren erschließt nicht nur neue Quellen – unter anderem führte er beeindruckende 68 Zeitzeugen-Interviews. Neue Erkenntnisse liefert vor allem die transnationale Herangehensweise, die einen der wichtigsten Ansprüche der neueren Forschung zur Anti-AKW-Bewegung darstellt[2] und ein Desiderat der älteren Bewegungsforschung aufgreift. Letztere hatte sich zumeist auf die regionale oder nationale Ebene einzelner Staaten (mitunter aus vergleichender Perspektive) konzentriert, transnationale Verflechtungen, Einflüsse und Netzwerke allerdings nur punktuell in den Blick genommen.

Tompkins fokussiert auf zwei Verflechtungskonstellationen. Zum einen die badensisch-elsässischen Proteste gegen Atomkraftwerke in Wyhl (D), Gerstheim, Heiteren und Fessenheim (alle F), die Mitte der 1970er-Jahre durch ihre Pionierrolle bei der Etablierung von Aktionsformen des zivilen Widerstands überregionale Bekanntheit erlangten. Zum anderen die (mitunter gewaltsam eskalierenden) Konflikte der späten 1970er-Jahre in Norddeutschland (Brokdorf, Kalkar, Grohnde, Gorleben), an der französischen Atlantikküste (Plogoff, Flamanville, La Hague) sowie in Creys-Malville. Die Arbeit ist – nach einer Einführung zum Forschungsstand – in fünf thematische Kapitel untergliedert, die zugleich zeitliches Fortschreiten und inhaltliche Entwicklung der Anti-AKW-Proteste widerspiegeln: Aufbauend auf der Charakterisierung wichtiger Akteursgruppen und Personen zeichnet Tompkins die vielfältigen transnationalen Netzwerke und Einflüsse nach, die vor allem die badensisch-elsässische Protestlandschaft prägten, und analysiert Spezifika und Bedeutung „ländlicher“ Akteure, Aktionen und Identitäten. Mit der Schwerpunktverlagerung nach Brokdorf, Kalkar, Malville und Plogoff rückt dann die „Gewaltfrage“ in den Fokus – der Konflikt zwischen gewaltlosen und gewaltbereiten Aktivist/innen. Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über das Vermächtnis der Anti-AKW-Bewegung – gesellschaftlich wie für die Lebensläufe der ehemaligen Aktivist/innen.

Tompkins zeigt die Vielschichtigkeit transnationaler Beziehungen und Einflüsse, indem er die lokale Ebene anti-nuklearer Proteste in ihrer Verwobenheit in den Blick nimmt. Gerade das badensisch-elsässische Grenzgebiet, in dem Anfang der 1970er-Jahre eine große Zahl nuklearer Anlagen errichtet werden sollte, entwickelte sich zu einem Brennpunkt grenzüberschreitender Kooperation. Zwar waren selbst hier nur wenige Atomkraftgegner/innen systematisch transnational tätig. Viele hatten jedoch persönliche Kontakte jenseits der Grenze oder nahmen gelegentlich an Kundgebungen in der Nachbarregion teil. Man teilte Informationen und Argumente und versuchte die Handlungsstrategien abzustimmen. So vereinbarten Aktivist/innen beider Länder im August 1974 gemeinsam die Bauplatzbesetzungen in Marckolsheim (hier eines Chemiewerks) und in Wyhl. Tatsächlich sollte die erfolgreiche Aktion in Marckolsheim den Boden für die legendäre Bauplatzbesetzung in Wyhl vom Februar 1975 bereiten – und diese Strategie an vielen anderen Standorten im In- und Ausland aufgegriffen werden: „Activists thus developed ideas in discussion and in parallel, adapting (rather than merely adopting) strategies for their own purposes.” (S. 88)

Tompkins arbeitet auch jenseits der badensisch-elsässischen Grenzregion die Bedeutung transnationaler Kontakte zwischen Deutschland und Frankreich heraus: als (oft höchst selektiv genutzte) Quelle der Inspiration, als Ressource – für im eigenen Land schwer zugängliche Informationen oder zusätzliche „Manpower“ –, aber auch zur Erhöhung der Legitimität lokaler Proteste, hob transnationale Solidarität doch die eigenen Bemühungen über den Status provinzieller NIMBY-Aktivitäten hinaus, denen nur am Wohl der engeren Wohnumgebung („not in my backyard“) gelegen ist. Transnationale Proteste waren freilich kein einfaches Unterfangen. Die Notwendigkeit, zwischen zwei Sprachen zu vermitteln, konnte zu Missverständnissen führen – unfreiwillig oder absichtlich, etwa wenn Texte nicht wörtlich übersetzt, sondern mit eigenen Ideen angereichert wurden. Auch die Protestkulturen unterschieden sich, was zu gefährlichen Fehlinterpretationen führen konnte. In Deutschland waren Demonstranten mit Helmen und Gasmasken Ende der 1970er-Jahre beispielsweise kein seltener Anblick. In Frankreich wurde eine derartige Ausrüstung von der Polizei dagegen viel stärker als Provokation betrachtet – und löste aggressivere Reaktionen aus, so im Juli 1977 bei der gewaltsam eskalierten Kundgebung in Malville. Hinzu kam, dass die deutsch-französische Grenze in den 1970er-Jahren noch eine „harte“ Grenze war – und von den Grenzbeamten im Vorfeld von Demonstrationen als Barriere genutzt werden konnte.

Nicht nur die transnationale Zusammenarbeit der Anti-AKW-Bewegung war von Spannungen geprägt. Missverständnisse gab es auch innerhalb und zwischen regionalen Akteur/innen. Wie Tompkins zeigt, waren zwei Konfliktlinien besonders wirkmächtig: zwischen ländlichen „Insidern“ und städtischen „Outsidern“ sowie zwischen gewaltfreien und gewaltbereiten Gruppen. Das Verhältnis von ländlichen und städtischen Atomgegner/innen war ambivalent. Die städtische Linke neigte dazu, ländliche Aktivist/innen als Verkörperung des „Authentischen“ zu verherrlichen. Traktoren, ubiquitär auf den Anti-AKW-Kundgebungen, wurden zum Symbol ländlicher Militanz stilisiert. Vor Ort wurden diese Sympathien nur begrenzt erwidert – vor allem, wenn „Demonstrationstouristen“ drohten, das Protestgeschehen zu übernehmen. Einheimische und auswärtige Atomgegner/innen waren abhängig voneinander. Einheimische hatten oft aus beruflichen und privaten Gründen keine Möglichkeit, sich zum Beispiel Vollzeit einer Platzbesetzung zu widmen – im Gegensatz zu den hierfür eigens angereisten Städtern, denen es wiederum an Ortskenntnissen fehlte und die vom symbolischen Kapital ihrer einheimischen Partner als direkt Betroffene zur Steigerung der Protestlegitimität profitierten.

Tiefer noch als die Kluft zwischen ländlichen „Insidern“ und städtischen „Outsidern“ spaltete die „Gewaltfrage“ die Anti-AKW-Bewegung der späten 1970er-Jahre. Die Frage, ob (und unter welchen Umständen) Gewalt als Mittel des Widerstands gerechtfertigt sein könnte, war einer der meistdiskutierten Aspekte der Anti-AKW-Bewegung,[3] dem Tompkins aus transnationaler Sicht neue Perspektiven abgewinnt. Die Grenze zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit – von den Akteur/innen programmatisch als sich ausschließende Strategien dargestellt – war in der Praxis oft verschwommen; die Entscheidung für bestimmte Aktionsformen zumeist situationsabhängig. Wie Tompkins überzeugend darlegt, wurde aber gerade die Dynamik der gewalttätigen Proteste der späten 1970er-Jahre auch maßgeblich vom Wechselspiel deutsch-französischer Akteure und Erfahrungen mitbestimmt. Nach der Eskalation von Kundgebungen in Brokdorf und Grohnde 1976/77 verschob sich der Erwartungshorizont von Atomgegner/innen und Polizei im benachbarten Frankreich ebenfalls. Auch der Tod des Demonstranten Vital Michalons im Hexenkessel von Malville Ende Juli 1977 wirkte in beiden Ländern wie ein Schock – und löste in Deutschland nicht nur eine Welle der Solidarität, sondern auch eine Suche nach neuen Aktionsformen und Zielen jenseits des Bauzauns aus (zum Beispiel Stromzahlungsboykott, Sabotage, Hungerstreiks).

Tompkins Analyse der deutsch-französischen anti-nuklearen Proteste zeigt nachdrücklich die Potentiale eines transnationalen Analyseansatzes für die Bewegungsforschung. Der Autor zeigt detailliert und scharfsinnig, welche Bedeutung grenzüberschreitende Kontakte für das Protestgeschehen der 1970er-Jahre hatten – und für die Lebensläufe der (männlichen und weiblichen) Aktivist/innen. Das Kapitel zu „Legacies and Trajectories“ gehört zu den lesenswertesten des Buches, es zeichnet jenseits binärer Erfolg-Scheitern-Dichotomien die oft ambivalenten persönlichen Folgen der Atomproteste einfühlsam nach. Der reiche biographische Quellenschatz, den Tompkins zusammengetragen hat, weckt den Wunsch nach mehr. Es ist schade, dass der Autor auf eine stärkere Einbindung „dichter Beschreibungen“ der damaligen Protestszene verzichtet hat – hier steckt eindeutig weiteres narratives Potential. Auch eine stärkere Einbettung seiner Ergebnisse in die historische Bewegungsforschung wäre spannend gewesen. Und schließlich bleibt die Frage nach Einflüssen und Verflechtungen jenseits der ausgewählten deutsch-französischen Regionen: Wie sah es etwa mit Austauschprozessen zwischen Bayern und Österreich, Bundesrepublik und Benelux, France-Allemagne und dem angloamerikanischen Raum aus? Andrew S. Tompkins hat mit seiner kenntnisreichen Untersuchung zum deutsch-französischen anti-nuklearen Protest der 1970er-Jahre ein reiches Forschungsfeld eröffnet, das hoffentlich weitere „transnationale Bewegungsgeschichten“ inspirieren wird.

Anmerkungen:
[1] Darunter: Stephen Milder, Greening Democracy. The Anti-Nuclear Movement and Political Environmentalism in West Germany and Beyond, 1968–1983, Cambridge 2017; Michael Schüring, „Bekennen gegen den Atomstaat“. Die evangelischen Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland und die Konflikte um die Atomenergie 1970–1990, Göttingen 2015; Wolfgang Sternstein, „Atomkraft – nein danke!“. Der lange Weg zum Ausstieg. Die Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung, Frankfurt am Main 2013.
[2] Vgl. Astrid Mignon Kirchhof / Jan-Henrik Meyer (Hrsg.), Global Protest against Nuclear Power. Transfer and Transnational Exchange in the 1970s and 1980s, in: Historical Social Research 39 (2014), 1, S. 165–190.
[3] Vgl. Ute Hasenöhrl, Begrenzte Regelverletzung und Gewaltfreiheit in der bundesdeutschen Anti-AKW-Bewegung, in: Dieter Gosewinkel u.a. (Hrsg.), Zivilgesellschaft – national und transnational, Berlin 2004, S. 83–104.

Zitation
Ute Hasenöhrl: Rezension zu: Tompkins, Andrew S.: Better Active than Radioactive!. Anti-Nuclear Protest in 1970s France and West Germany. Oxford 2016 , in: H-Soz-Kult, 15.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26926>.