J. Echternkamp u.a. (Hrsg.): Geschichte ohne Grenzen?

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Titel
Geschichte ohne Grenzen?. Europäische Dimensionen der Militärgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute


Hrsg. v.
Echternkamp, Jörg; Mack, Hans-Hubertus
Erschienen
Berlin 2017: Oldenbourg Verlag
Umfang
368 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Sebastian Rojek, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Der vorliegende Sammelband versteht sich, wie Jörg Echternkamp und Hans-Hubertus Mack in ihrer ausführlichen Einleitung schreiben, als Beitrag zur „historisch-politischen Bildung“ (S. 3) des Militärs. Den beiden Herausgebern, die am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam tätig sind, geht es angesichts der zunehmenden Verflechtung und Einbindung der Bundeswehr in europäische Handlungszusammenhänge darum, die „Europakompetenz“ (S. 2) der Streitkräfte zu fördern. Diese Einbindung, die sich etwa in den Polizeieinsätzen auf dem Balkan oder anderen multinationalen Missionen ausdrücke, lasse sich ebenso wie die rüstungspolitische Zusammenarbeit durchaus als Zeichen einer zunehmend europäisierten Verteidigungspolitik deuten.

Der Einsatzrealität allerdings stehe gerade im Bereich der Militärgeschichte eine nach wie vor stark in nationaler Engführung betriebene Bildungsarbeit gegenüber, argumentieren Echternkamp und Mack. Um den komplexen Anforderungen multinationaler Armeen oder gar einer potenziell europäischen Streitmacht gerecht zu werden, wie sie etwa EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker 2015 forderte, gelte es, die Militärgeschichte neu zu erzählen. Gegenüber den in der Forschung debattierten Ansätzen um eine Historiographie jenseits des Nationalstaats verhalten sich die Herausgeber pragmatisch und zielen mit ihrem Band auf die „Integration europäisch-vergleichender, transfergeschichtlicher und transnationaler Ansätze im Bereich der Militärgeschichte und ihre zielgruppengerechte Darstellung“ (S. 22). Ein solch weites Verständnis hilft sicherlich dabei, der großen Spannweite der Themen einen sinnvollen Rahmen zu geben, zumal die Aufsätze des Bandes reflektiert genug sind, um eine naive Fortschrittsgeschichte europäischer Integration nicht bruchlos auf die Vergangenheit zu projizieren. Vielmehr soll die jeweils spezifisch europäische Dimension sichtbar gemacht werden, um ein Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen, Erinnerungen und Selbstverständnisse zu ermöglichen.

Dieses geschichtsdidaktische Ziel verfolgen die Herausgeber anhand einer systematischen Gliederung und weniger durch eine chronologische Orientierung. Deshalb haben sie die 27 Artikel (ohne Einführung) von Fachleuten aus 13 verschiedenen Ländern in sieben unterschiedlich umfangreiche Abschnitte eingeteilt, die jeweils verschiedene Dimensionen europäischer Militärgeschichte seit den Napoleonischen Kriegen umfassen. Dabei enthalten der erste und letzte Abschnitt jeweils einen Beitrag, der einen größeren Rahmen absteckt. Georges Henri-Soutou widmet sich den militärhistorischen Grundzügen von der Französischen Revolution bis 1990, während der Beitrag von Leopoldo Nuti die europäischen Reaktionen auf die Zerfallskriege nach dem Ende der staatlichen Einheit Jugoslawiens beleuchtet. Nuti erkennt in den Reaktionen den zentralen Motor, der die Initiativen zu einer eigenständigen europäischen Verteidigungspolitik entscheidend intensivierte.

In diesem Rahmen behandeln die Beiträge sehr diverse Themen unter den mitunter recht weit gefassten Überschriften „II. Krieg und Frieden“, „III. Militärisch-zivilgesellschaftliche Verflechtungen“, „IV. Militär in Europa: Selbst- und Fremdbilder“, „V. Europäische Streitkräfte in militärpolitischen Bündnissen“ sowie „VI. Europa in außereuropäischen Zusammenhängen“. Die Spannbreite der behandelten Themenfelder reicht dabei von eher konventionellen politikhistorischen Forschungsobjekten wie der gescheiterten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft oder der Bedeutung von NATO und Warschauer Pakt für die jeweiligen Mitgliedsstaaten über die (europäischen) Erinnerungskulturen bis hin zu medien- und kulturhistorischen Fragen. So behandelt beispielsweise Sven Oliver Müller in seiner aufschlussreichen Untersuchung die Musikkulturen in Europa während des Zweiten Weltkriegs und Andreas Etges analysiert die Darstellung des europäischen Kriegsschauplatzes in derselben Epoche anhand von Hollywood-Filmen. Die Vielfalt der Themen reflektiert damit den aktuellen Stand der Militärgeschichte, die sich in den letzten zwanzig Jahren zu einem weiten Feld entwickelt hat, das mit unterschiedlichen Methoden und Interessen bearbeitet wird.[1]

Die europäische Dimension militärischer Entwicklungen wird also aus mehreren Blickrichtungen fokussiert, so dass im Idealfall tatsächlich deutlich wird, wie Vorstellungen von Europa innerhalb der Nationalstaaten sich wandelten und wie diese sich in Prozessen von „Aneignung und Abwehr“ [2] zueinander verhielten. Dabei wird erkennbar, dass die Nationen sich trotz wiederholt gepflegter Feindschaften doch auch aufeinander bezogen, indem die Gegner innerhalb Europas immer wieder voneinander lernten.[3] Die Autoren der eher strukturell orientierten Abschnitte, etwa zur Verflechtung von Militär und Zivilgesellschaft, können ebenfalls Konvergenzen feststellen, selbst wenn zwischen den Staaten ideologische Abgrenzungsbemühungen, Wettrüsten oder Kriege stattfanden. Solche strukturellen Gemeinsamkeiten – etwa die Übernahme der Wehrpflicht – begegnen auch auf der Ebene kriegsrechtlicher oder strategischer Vorstellungen, deren Überschneidungsfelder vor allem deutlich werden, wenn sich europäische Staaten in militärische Konflikte mit außereuropäischen Gegnern – etwa in den Kolonien – begaben. Hier zeichnen sich Elemente einer gemeinsamen europäischen military culture ab, die nichtsdestotrotz im Detail Binnendifferenzierungen aufweisen konnte.

Der Vorteil der thematischen Vielfalt besteht darin, dass den Leserinnen und Lesern ein breites Panorama vor Augen geführt wird. Allerdings ist der Bezug zum Leitthema unterschiedlich stark ausgeprägt. Manche Beiträge nehmen explizit Bezug auf Fragen der Europäisierung oder Integration, während in anderen Aufsätzen „Europa“ zwar irgendwie als Thema präsent ist, ohne dass aber immer erkennbar wäre, welche Aufschlüsse daraus gewonnen werden können.

Fast alle Beiträge sind – und dies mag der Zielgruppe geschuldet sind –essayistisch geschrieben, beschränken sich auf die wichtigsten Nachweise und meiden größere Exkurse über die Entwicklung der Forschung oder theoretisch-methodische Fragen. Dadurch sind die Texte zwar durchweg gut lesbar, aber die interessierten Leserinnen und Leser müssen leider – von Ausnahmen abgesehen – auf konzeptionelle Anregungen verzichten. Wer also mehr erwartet, als sich in einer tour d’horizon über einzelne Aspekte europäischer Militärgeschichte der letzten 200 Jahre einführend informieren zu lassen, wird mit dem Band wenig anfangen können. Eine Auswahlbibliographie im Anhang bietet die Möglichkeit, einzelne Bereiche weiter zu vertiefen. Für einen ersten Zugriff auf bestimmte Themen reichen die immer wieder ansprechend illustrierten und gelegentlich mit Quellenauszügen versehenen Aufsätze aber allemal aus. Zudem vermitteln sie auch einen ersten Einblick in Gegenstandsbereiche oder Regionen, die ansonsten eher wenig beachtet werden, so etwa Carmen Rijnoveanus Analyse der rumänischen (Innen-)Politik im Kontext der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa oder Macie Górnys Darstellung der Kulturpropaganda an der Ost- und Südostfront während des Ersten Weltkriegs.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Band den didaktischen Zielen der Autoren gerecht wird. Somit kann das Werk als ein einführendes Lesebuch zur Geschichte der Europäisierung mit Blick auf Krieg und Militär verstanden werden. Insbesondere interessierte Laien werden mit dem Buch gut und – dank der Orts- und Personenregister – gezielt arbeiten können. Vor allem führt der Band aber vor Augen, dass die Forschung zur europäischen Integration durch Krieg und Frieden tiefergehende Analysen verdient, zumal hier vorwiegend die Spannbreite des Themas präsentiert wird, aber übergreifende und zusammenführende Thesen, abgesehen von der Einleitung, kaum gewagt werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. als Bestandsaufnahmen der militärhistorischen Forschung: Michael Epkenhans, Ein fruchtbares Feld. Neuerscheinungen zur Militärgeschichte, in: Neue Politische Literatur 54 (2009), S. 47–59; Georg Schild / Anton Schindling (Hrsg.), Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit. Neue Horizonte der Forschung, Paderborn 2009; Jörg Echternkamp / Wolfgang Schmidt / Thomas Vogel (Hrsg.), Perspektiven der Militärgeschichte. Raum, Gewalt und Repräsentation in historischer Forschung und Bildung, München 2010; Jörg Echternkamp, Militärgeschichte, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 12.07.2013, http://docupedia.de/zg/Militaergeschichte (11.05.2017); Christian Th. Müller / Matthias Rogg (Hrsg.), Das ist Militärgeschichte!, Paderborn 2013.
[2] Vgl. als Teiluntersuchungen zu solchen Fragen des europäischen Kulturtransfers Rudolf Muhs / Johannes Paulmann / Willibald Steinmetz (Hrsg.), Aneignung und Abwehr. Interkultureller Transfer zwischen Deutschland und Großbritannien im 19. Jahrhundert, Bodenheim 1998.
[3] Vgl. hierzu Martin Aust / Daniel Schönpflug (Hrsg.), Vom Gegner lernen. Feindschaften und Kulturtransfers im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2007.

Zitation
Sebastian Rojek: Rezension zu: Echternkamp, Jörg; Mack, Hans-Hubertus (Hrsg.): Geschichte ohne Grenzen?. Europäische Dimensionen der Militärgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute. Berlin 2017 , in: H-Soz-Kult, 31.05.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27239>.
Redaktion
Veröffentlicht am
31.05.2017
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/