Cover
Titel
War and Geography. The Spatiality of Organized Mass Violence


Hrsg. v.
Danielsson, Sarah K.; Jacob, Frank
Erschienen
Paderborn 2017: Schöningh
Umfang
294 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Christoph Nübel, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam

Auch in der Militärgeschichte wird zunehmend die Tendenz aufgegriffen, die räumlichen Dimensionen von Geschichte zu vermessen. Bereits Friedrich Ratzel wies auf die zahlreichen Verbindungslinien zwischen bewaffneten Konflikten und Räumen hin. „Der Krieg“, so schrieb er 1897, „ist doch immer eine große Schule der Fähigkeit der Raumbewältigung geblieben.“[1] Gleichwohl sind für die Militärgeschichte noch immer zahlreiche Desiderate zu verzeichnen. Kein Wunder, denn das Thema Raum und Krieg ist tendenziell grenzenlos. Insbesondere die Frage danach, was unter „Raum“ überhaupt zu verstehen ist, wirft immer wieder besondere konzeptionelle und methodische Probleme auf. Zur Vernachlässigung des Raumes als historiografischer Kategorie haben auch die lange Dominanz politikgeschichtlicher Fragestellungen, eine tendenzielle Zurückhaltung gegenüber neueren methodischen Ansätzen sowie insbesondere in Deutschland das düstere Erbe der NS-Raumforschung beigetragen.

Umso begrüßenswerter ist es, wenn neue Erträge der Forschung vorgelegt werden. In der Einleitung des anzuzeigenden Bandes geben die Herausgeber Sarah K. Danielsson und Frank Jacob eine breite, zuweilen aber bloß additiv wirkende Übersicht über einschlägige und weniger einschlägige Bemerkungen von Geographen und Historikern, die sich zu Krieg und Raum äußern. Angesichts der hier vorgestellten Breite ist die in der Einleitung dann doch sehr selektive Rezeption der Literatur zu beklagen. Sicherlich kann es kein Maßstab sein, alle einschlägigen Titel berücksichtigt zu haben. Gleichwohl ist es misslich, dass beispielsweise die essenziellen Denkanstöße Bernd Hüppaufs oder Stefan Kaufmanns gänzlich unberücksichtigt geblieben sind.[2] In der Einleitung verzichten die Herausgeber darauf, den Raumbegriff zu konkretisieren und bezeichnen die „myriad spaces in which warfare is conceived, originated, fought and remembered“ als ihr Themenfeld (S. 18). Folglich versammelt der Band eine enorm facettenreiche Auswahl aus dem weiten Feld von Krieg und Raum, die sich unter den Schlagworten Geopolitik, Geographie sowie Landschafts-, Umwelt- und Wissensgeschichte subsumieren lassen. Im Folgenden werden exemplarisch Beiträge zu diesen Themenfeldern besprochen.

Wie die USA und die Achsenmächte in Südamerika um Einfluss kämpften, ist Gegenstand des Beitrages von Peter Bales. Das ungleiche geopolitische Ringen um diese Einflusssphäre schien den USA umso dringlicher, weil 1941 aus Sicht mancher US-Politiker ein Ausgreifen Deutschlands und Italiens auf diesen Raum möglich schien. Aus diesem Grund wurden Wirtschaftshilfe und Propaganda intensiviert sowie deutsche Firmen gezielt aus dem südamerikanischen Markt zurückgedrängt. Bales deutet in seinen empirisch gesättigten Ausführungen immer wieder an, dass die Geographie für das Handeln der politischen Akteure in Washington entscheidend gewesen sei. Um dies jedoch im Einzelnen belegen zu können, wäre zusätzlich eine Analyse der zeitgenössischen Raumbilder nötig gewesen.

James Horncastle nimmt sich der geographischen Situation der Widerstandsbewegungen in Griechenland und Jugoslawien während des Zweiten Weltkrieges an. Der Vergleich dient ihm als Ausgangspunkt, um seine These zu untermauern, dass man Erfolg oder Scheitern von Widerstandsbewegungen nicht allein von der Beschaffenheit der physischen Geographie abhängig machen könne. Um ein vollständiges Bild zu erhalten sei vielmehr die „political[,] and human geography“ mit einzubeziehen (S. 78). Tatsächlich betonen die Theoretiker des Kleinen Krieges wie Clausewitz und Mao, und Horncastle führt das auch an, die Bedeutung des Terrains. Gleichwohl schreibt Horncastle in seinem sonst sehr gelungenen Beitrag gegen eine angeblich eindimensionale Forschung an, die es so gar nicht gibt. Studien zum Thema „Counterinsurgency“ befassen sich schon seit Langem mit einer Vielzahl von Faktoren, die über die Wirkmöglichkeiten in asymmetrischen Konflikten entscheiden.[3]

Nina Janz nimmt die während des Krieges entstandenen Friedhöfe in den Blick und zeigt, wie diese Plätze in die Geographie von Schlachtfeldern eingefügt wurden und heroische Landschaften formen sollten. Während des Zweiten Weltkrieges unternahm die Wehrmacht enorme Anstrengungen, um ihre Gefallenen auf aufwändig gestalteten Soldatenfriedhöfen bestatten zu können. Entwürfe für dauerhafte Ruhestätten waren Hitler persönlich vorzulegen. Das belegt, dass das NS-Regime auf dem wichtigen Feld der Sinnstiftung des Kriegstodes nichts dem Zufall überlassen wollte.

In seinem Ressourcenhunger griff der Krieg auch auf die Wälder über und wurde zu einem umweltgeschichtlichen Faktor, wie Swen Steinberg in seinem Beitrag verdeutlicht. Am Beispiel des Einsatzes US-amerikanischer Förster 1917/18 in Frankreich zeigt er, wie sehr der Krieg auch abseits der Fronten wütete. Schätzungen gehen von 350.000 Hektar gefällten Waldes allein in Frankreich aus. Unter dem Druck des Krieges war die Forstwirtschaft einer Technisierung und Professionalisierung unterworfen. Zunehmend wurde das Holz mit Motorzügen zu den Sägewerken gebracht – die USA setzten allein 2000 dieser Fahrzeuge ein. Den US-Förstern, die eigene Managementmethoden in Frankreich einführen wollten, hielten die Franzosen jedoch Informationen über ihre Waldbewirtschaftung vor. Somit zeigten sich die Grenzen der Koalitionskriegsführung auch auf dem Feld der Ressourcenbewirtschaftung.

Mit der Betrachtung der Förster als Kriegsexperten ragt dieser Beitrag auch in das Feld der Wissensgeschichte hinein, mit der sich Oliver Kann befasst. Kann widmet sich den deutschen Geographielehrern, die sich während des Ersten Weltkrieges als Wissensmanager wirkten. Sie versuchten, ihren soziopolitischen Einfluss auszuweiten, indem sie die Bedeutung ihrer Aufgaben im Krieg unterstrichen und Geographie überhaupt als nationale Aufgabe ansahen. Kann macht deutlich, welch eine wichtige Rolle Kriegskarten und damit Raumbilder in Schulen und Propaganda hatten.

Aus dieser Reihe fällt der Beitrag von Frank Jacob etwas heraus. Er nimmt den Imjin-Krieg in den Blick, den Japan und Korea Ende des 16. Jahrhunderts miteinander ausfochten. Er führt an, dass eine Betrachtung des physischen Raumes nicht ausreiche, um diesen Krieg zu analysieren. Stattdessen führt der Autor den Begriff der „technological spatialities“ ein (S. 28). Damit bezeichnet er das zwischen den Opponenten bestehende waffentechnologische Ungleichgewicht, das Auswirkungen auf das Terrain gehabt habe. So wichtig dieser Hinweis ist, bleibt doch fraglich, ob es des Raumbegriffes bedarf, um technologische Asymmetrien zu analysieren.

Nach der Lektüre des Bandes bleibt ein gemischter Eindruck zurück. Das liegt vor allem an dem Raumkonzept, das einigen Beiträgen zugrunde liegt. Hier zeigt sich, dass es nicht immer sinnvoll ist, mit Räumen zu operieren, obwohl andere Begriffe den Gegenstand treffender erfassen würden. Mitunter kann dies dazu führen, dass alter Wein in neuen Schläuchen präsentiert wird. Einige Autoren neigen außerdem zu einem deterministischen Raumbild, welches davon ausgeht, dass es Räume selbst sind, die zu historisch wirkmächtigen Faktoren würden. Hilfreich wäre es hier, auf eine Analyse zeitgenössischer Raumvorstellungen zu setzen. Was die Lektüre dagegen zu einem Gewinn macht, ist die geographische und thematische Breite sowie die empirische Tiefe zahlreicher Beiträge, die neue Fragen aufwerfen und damit, so ist zu hoffen, eine Reihe weiterer Studien zum Problem des Raumes in der Militärgeschichte anregen.

Anmerkungen:
[1] Friedrich Ratzel, Politische Geographie, München 1897, S. 337.
[2] Bernd Hüppauf, Was ist Krieg? Zur Grundlegung einer Kulturgeschichte des Kriegs, Bielefeld 2013; Stefan Kaufmann, Kommunikationstechnik und Kriegführung 1815–1945. Stufen telemedialer Rüstung, München 1996; ders., Raumrevolution – Die militärischen Raumauffassungen zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, in: Rainer Rother (Hrsg.), Der Weltkrieg 1914–1918. Ereignis und Erinnerung, Berlin 2004, S. 42–49.
[3] Riley M. Moore, Counterinsurgency Force Ratio: Strategic Utility or Nominal Necessity, in: Small Wars & Insurgencies 24 (2013), S. 857–878; und als Übersicht Christopher Paul / Colin P. Clarke / Beth Grill (Hrsg.), Victory Has a Thousand Fathers. Detailed Counterinsurgency Case Studies, Santa Monica 2010.

Zitation
Christoph Nübel: Rezension zu: Danielsson, Sarah K.; Jacob, Frank (Hrsg.): War and Geography. The Spatiality of Organized Mass Violence. Paderborn 2017 , in: H-Soz-Kult, 09.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27331>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.06.2017
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation