H. Berghoff u.a. (Hrsg.): Green Capitalism?

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Titel
Green Capitalism?. Business and the Environment in the Twentieth Century


Hrsg. v.
Berghoff, Hartmut; Rome, Adam
Erschienen
Umfang
XI, 298 S.
Preis
$ 65.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Bemmann, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Lange Zeit galten Wirtschafts- und Umweltgeschichte als wenig miteinander kommunizierende Zweige der Geschichtswissenschaft. Wirtschaftshistoriker schienen die natürliche Umwelt am ehesten noch als Quelle von Ressourcen anzusehen; Unternehmen und „die Wirtschaft“ interessierten viele Umwelthistoriker scheinbar in erster Linie als Ursache von Verschmutzung, Degradation und Zerstörung. Obwohl diese Sicht nie so ganz der Realität entsprach, haben in den vergangenen knapp zehn Jahren doch zunehmend Tagungen, Aufsätze und Forschungsprojekte versucht, beide Perspektiven stärker miteinander zu verschränken. Diesen Anspruch hat auch der hier zu besprechende, auf eine Konferenz in Wilmington (Delaware, USA) zurückgehende Sammelband,[1] der explizit eine unternehmenshistorische Perspektive einnimmt. Ziel ist es, aus historiographischer Sicht „invaluable insights into the complex and changing relationship between business and the environment“ zu gewinnen (S. IX). Diese sollen zu aktuellen Debatten darüber beitragen, ob es so etwas wie einen „grünen Kapitalismus“ geben könne – und wenn ja, wie dieser aussähe und wie zu ihm zu gelangen wäre.

Den ersten von vier thematisch unterschiedlichen Teilen des Bandes bilden drei Artikel, die konzeptionelle und inhaltliche Orientierung bieten sollen. Adam Rome weist auf die Tatsache hin, dass viele Unternehmen die Umweltfolgen ihres Handelns und, wie sie heute heißen würden, Umweltschutz-Maßnahmen bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert beachteten. Obwohl staatliche Regulierungen dafür zentral gewesen seien, lassen sich Rome zufolge weitere Motive ausmachen, weshalb Unternehmen gerade seit den 1970er-Jahren zunehmend eine ‚grünere‘ Politik verfolgten. Dies bestätigt Hartmut Berghoff und hebt zudem hervor, dass nicht nur staatliche Regulierungen, sondern in vielen Fällen auch die natürliche Umwelt unternehmerische Freiheiten beschränkten. Historiker müssten dies stärker berücksichtigen und einem „eco-cultural approach“ folgen, den Berghoff aber nicht näher erläutert. Stärker auf die Frage des Sammelbandes zielt sein Vergleich westlicher Industriestaaten mit der DDR. Dieser zeige, dass es weniger das politische oder wirtschaftliche System sei, das eine ‚grünere‘ Wirtschaft ermögliche, sondern klare rechtliche Rahmenbedingungen und die Umsetzung gesetzlicher Regelungen. Hugh Gorman stellt die zentrale Frage, wie Unternehmen die politischen, rechtlichen und marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mitbestimmten, innerhalb derer sie agierten und die darüber entschieden, wie ‚grün‘ ihr wirtschaftliches Handeln sein konnte. Er präsentiert fünf diesbezügliche Verhaltensweisen, die künftigen Fallstudien als Orientierung dienen können: 1. halfen Unternehmen aktiv dabei, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine effektivere Nutzung von ‚Natur‘ ermöglichten; 2. akzeptierten Unternehmen rechtliche Handlungsschranken und richteten ihr Verhalten daran aus; 3. gingen Unternehmen teils über solche Handlungsbeschränkungen hinaus und gerierten sich als ‚noch grünere‘ Firmen; 4. widersetzten sich Unternehmen passiv und aktiv gesellschaftlich eingeforderten Umweltauflagen; 5. legitimierten Unternehmen ihr Profitstreben ausdrücklich mit Umweltschutz. Gormans Beitrag kann als Plädoyer gelesen werden, die historiographische Erkenntnis vielfältiger Verhaltensweisen von Unternehmen in aktuellen Debatten stärker zu beachten.

Im zweiten Teil des Buchs wirft zunächst Christine Meisner Rosen einen Blick auf die vielfältigen Motive von US-amerikanischen Unternehmern, sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts für Luft- und Wasserreinhaltung einzusetzen. Vor allem mit Blick auf die Papierindustrie beleuchtet William D. Bryan Bestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg, den Süden der Vereinigten Staaten zu industrialisieren. Unter dem Schlagwort „permanence“ hätten ihre Protagonisten eine Art „nachhaltige Entwicklung“ angestrebt. Julie Cohn wiederum zeigt, wie der Aufbau von Wasserkraftanlagen für die Stromgewinnung in den USA des frühen 20. Jahrhunderts explizit mit dem Ziel gerechtfertigt wurde, Ressourcen einzusparen und Umweltverschmutzung zu verringern. Inhärente Verwertungslogiken der Branche aber hätten immer größere Anlagen mit schädlichen Umweltauswirkungen zur Folge gehabt.

Im Fokus des dritten Teils stehen vor allem nicht intendierte Folgen von Unternehmensentscheidungen sowie die Reaktionen darauf. David Kinkela geht auf die widersprüchliche Karriere der „Six Pack Rings“ für Getränkedosen ein. Das Ziel, damit den in den 1950er- und 1960er-Jahren rasch wachsenden Verpackungsmüllberg zu verringern und Energie für Kühlung und Transport von Getränken einzusparen, hätten die Ringe zwar erreicht. Doch seien sie tödlich für Tiere gewesen, die sich in ihnen verfingen. Die Reaktion, ab den 1970er-Jahren Plastikringe zu produzieren, die nach kurzer Zeit von selbst zerfielen, habe zwar dieses Problem gelöst, das Plastik aber nicht aus der Welt geschafft. In immer kleinere Teile zerfallend habe es sich immer weiter verbreitet und verursache bis heute Probleme. Leif Frederiksen befasst sich mit dem „Ecostar“, einem Auto, das Ford in den 1990er-Jahren infolge einer „Zero-Emission“-Verordnung der kalifornischen Regierung entwickelte. Das Beispiel zeige, wie Unternehmen sich staatlichen Regelungen angepasst hätten, indem sie ihre Kompetenzhoheit behaupteten und argumentativ plausibilisierten, weniger aber dadurch, dass sie Regelungen tatsächlich umsetzten.

Der letzte Teil des Bandes nimmt Beispiele von Unternehmenshandeln in den Blick, die seit den 1960er-Jahren tatsächlich Umweltbelastungen verringerten. Ann-Kristin Bergquist zeigt anhand einer Metallhütte in Schweden, wie aufwändig und langwierig, kostenintensiv und existenzbedrohend es für Unternehmen sein kann, sich wandelnden staatlichen Regelungen und gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Dass die Schwermetall- und Abgasemissionen der Metallhütte von 1960 bis 2000 um bis zu 99 Prozent sanken, sei nur möglich gewesen, weil die Firma in Forschung, Entwicklung und Produktionstechniken investiert und auf Gewinne verzichtet habe. Roman Köster untersucht, wie und weshalb in Deutschland seit den 1960er-Jahren private Firmen zunehmend die Sammlung und Verwertung von Haushaltsmüll übernahmen und wie sie ihr Profitstreben erfolgreich als ‚grün‘ deklarieren konnten. Joseph A. Pratt beschreibt die Genese der 1971 geäußerten, ungewöhnlichen Aufforderung eines New Yorker Elektrizitätskonzerns an seine Kunden, Strom zu sparen. Diese habe daraus resultiert, dass die in den 1960er-Jahren geplante, rasche Erweiterung der Produktionsmenge aufgrund veränderter rechtlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf unerwartete Schwierigkeiten gestoßen sei. Geoffrey Jones schildert, wie vor allem politische Entscheidungen und rechtliche Rahmensetzungen, aber auch geographische Umstände den Aufstieg und Fall von Firmen der Windenergiebranche beeinflussten. Bis Anfang der 1990er-Jahre hätten vor allem kalifornische und dänische Firmen den (noch kleinen) Markt beherrscht. Politische Entscheidungen in Deutschland, Spanien und Indien hätten aber dafür gesorgt, dass dort rasch entsprechende Firmen entstanden. Brian C. Black legt schließlich dar, wie rechtliche Rahmensetzungen ab den 1970er-Jahren in den USA dazu führten, dass amerikanische Autofirmen erstmals Kraftstoffverbrauch und Luftverschmutzung bei der Produktion in Betracht ziehen mussten. Black macht aber auch klar, dass die gleichen Regelungen mit der Kategorie „light truck“ (die geringere Anforderungen erfüllen musste) auch die steile Karriere der SUVs ermöglichte.

Der Band verdeutlicht, wie wichtig ausreichende Wissensgrundlagen, klare rechtliche Rahmen und die konsequente Durchsetzung von Gesetzen und Verordnungen für das ‚Ergrünen‘ kapitalistischer Wirtschaft waren und auch in Zukunft sein werden, wenn das Ziel einer ökologischen Modernisierung ernst genommen wird. Ist das noch ein erwartbares Ergebnis, so machen die von Gorman formulierten, paradigmatischen Verhaltensweisen von Unternehmen zusammen mit den meisten der präsentierten Fallstudien klar, dass es nicht damit getan ist, Normen zu formulieren und durchzusetzen. Vielmehr müssen das für kapitalistische Volkswirtschaften konstitutive Gewinninteresse privater Firmen und die von Fall zu Fall unterschiedlichen Markt- und geographischen Verhältnisse immer mit beachtet werden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang ein Vergleich der amerikanischen Beispiele, die im Fokus fast aller Beiträge des vorliegenden Bandes stehen, mit denen anderer Weltregionen, in denen andere Formen marktwirtschaftlicher Systeme existieren.

Bedauerlich ist, dass die Herausgeber vermieden haben, die Begriffe „Green“, „greening“ und „Capitalism“ zu diskutieren. Praktisch alle Beiträge des Bandes legen nahe, dass es so etwas wie einen „Black Capitalism“, der als Gegenteil des „Green Capitalism“ gedacht werden könnte, nicht gegeben hat. Insofern bleiben sowohl Ausgangspunkt als auch Ziel des „greening“ vage. Fraglich ist zudem, ob es sinnvoll ist, mitteleuropäische Forstbetriebe des 18. und 19., deutsche Reformläden des frühen 20. und Windenergiefirmen des beginnenden 21. Jahrhunderts gleichermaßen als „green businesses“ zu bezeichnen. Und: Ist die Ressourcenschonung im Interesse einer kontinuierlichen Rohstoffversorgung im gleichen Sinne Teil eines „Green Capitalism“ wie das Engagement von Unternehmern gegen Luftverschmutzung oder das Bestreben von Firmen, Hausmüll zu recyceln?

Sinnvoll und der weiteren Forschung dienlich wäre es, solche konzeptionellen Fragen einmal systematisch zu erörtern. Der vorliegende Sammelband wie auch frühere Anthologien und Einzelstudien liefern dazu mittlerweile genügend Material. Auch Periodisierungsfragen könnten dann eingehender diskutiert werden, da man unterschiedliche Formen umweltschonenden Unternehmenshandelns unterscheiden sowie deren Ursprünge und Entwicklungen besser nachverfolgen könnte. Und dies wiederum wäre einer der konkreten Beiträge historischer Forschung zu aktuellen Debatten, die der hier besprochene Band einfordert, aber nur teilweise explizit erfüllt.

Anmerkung:
[1] Vgl. Astrid Mignon Kirchhof: Tagungsbericht Green Capitalism? Exploring the Crossroads of Environmental and Business History, 30.-31.10.2014, Wilmington, Delaware, in: H-Soz-u-Kult, 20.12.2014, URL: http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5747 (20.07.2017).

Zitation
Martin Bemmann: Rezension zu: Berghoff, Hartmut; Rome, Adam (Hrsg.): Green Capitalism?. Business and the Environment in the Twentieth Century. Philadelphia 2017 , in: H-Soz-Kult, 07.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27831>.
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07.09.2017
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