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Titel
Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945


Autor(en)
Anonyma, -
Erschienen
Frankfurt am Main 2003: Eichborn Verlag
Umfang
300 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Constanze Jaiser, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin

Die vorliegenden Tagebuchaufzeichnungen erschienen im Frühjahr 2003 und wurden in allen führenden Feuilletons positiv besprochen. Sowohl inhaltlich wie stilistisch, so die vorherrschende Meinung, handle es sich um ein Werk, das weit über private Notizen hinausgehe, das ohne Selbstmitleid, ja mit schockierender Offenheit und Ironie den Berliner Alltag der letzten Kriegstage schildere. Mehrere Monate hielt sich das Buch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Dann plötzlich, nachdem Jens Bisky über Recherchen in Akten der Reichsschrifttumskammer die Identität der „Anonyma“ mit wissenschaftlicher Akribie ans Tageslicht zerrte[1], löste es eine heftige Literaturdebatte über Fragen nach Authentizität und moralischer Integrität editorischer Praxis aus. Bereits eingeordnet in einen literarischen Kanon zwischen Anne Frank, Victor Klemperer und Sebastian Haffner, darf das Buch als Sensation auf dem diesjährigen Buchmarkt bezeichnet werden, und dies auf mehreren Ebenen.

Zunächst die Ebene des historischen Zeugnisses: Eine gut 30-jährige Frau schreibt ihre Erlebnisse, Beobachtungen und Analysen der letzten Kriegswochen in drei leere Schulhefte. Szenen aus dem Luftschutzkeller, Charakterisierungen der ganz normalen daheim gebliebenen Deutschen in ihrer Not angesichts mangelnder Nahrung, fallender Bomben und durch die Nazipropaganda geschürter Ängste vor der herannahenden Roten Armee. Von der Schreiberin dann ab Juli 1945 auf 121 Seiten säuberlich abgetippt, finden sie durch W. Marek, bekannt unter dem Namen C.W. Ceram als Autor des Bestsellers „Götter, Gräber und Gelehrte“, den Weg zu einer ersten Veröffentlichung (1954 in englischer Übersetzung). Zahlreiche Übersetzungen in weitere Sprachen folgen, um dann schließlich 1959 dank eines Genfer Kleinverlages auch auf Deutsch zu erscheinen. Eine nennenswerte Rezeption ist dem Buch nicht zuteil geworden.

Das Frappierende des Textes ist der lakonische Stil, in dem die Autorin die Stimmung dieser letzten Tage und vor allem die verschiedensten Fälle niederschreibt, bei denen sich russische Soldaten deutscher Frauen und Mädchen bemächtigten. Diese von der anonymen Verfasserin als Schändung bezeichnete Männergewalt, deren Opfer sie auch selbst wird, ist aus zwei Gründen so schockierend: Erstens wird die allgemein bekannte Tatsache von Vergewaltigungen plastisch geschildert – nicht (nur) als ein Überfall, den eine Frau ein- oder zweimal erlitt, sondern vielmehr als ein sich wiederholendes Phänomen, bei dem eine permanente Verfügbarkeit des weiblichen Körpers Alltag wurde. Zweitens, und auch darüber reflektiert die Verfasserin ausführlich, begannen über diesem aufgezwungenen Alltag die Grenzen zwischen Vergewaltigung und Prostitution zu verwischen. Denn nicht nur sie selbst ergreift die Chance, innerhalb dieses von ihr nüchtern bezeichneten „Schändungsbetriebes“ die unvermeidliche sexuelle Brutalität zum Warentausch umzugestalten. „Essen anschlafen“ nannte sich diese Form der Zwangsprostitution, von der die Autorin berichtet: „Tja, mit dem wilden Drauflosschänden der ersten Tage ist es nichts mehr. Die Beute ist knapp geworden. Und auch andere Frauen sind, wie ich höre, inzwischen genau wie ich in festen Händen und Tabu. Über die beiden Sauf- und Jubelschwestern hat die Witwe inzwischen Genaueres vernommen; danach sind bei ihnen bloß Offiziere zugelassen, die es Nichtberechtigten oder gar Hundsgemeinen schwer verübeln, wenn sie Einbrüche in ihr Bettrevier machen. Allgemein versucht ein jeder, der nicht schon zum Abmarsch bereitsteht, etwas Festes, ihm Gehöriges zu finden, und ist bereit, dafür zu zahlen. Dass es bei uns mit dem Essen elend bestellt ist, haben sie begriffen. Und die Sprache von Brot und Speck und Heringen – ihren Hauptgaben – ist international verständlich.“ (S. 130)

Angesichts solcher Textstellen scheint die Täter-Opfer-Dichotomie plötzlich zu wanken. Vielleicht ist es gerade dieses Unbehagen auf der Rezeptionsebene, das den rhetorischen Einwand erfundener Authentizität auf den Plan ruft – rhetorisch insofern, da selbstverständlich auch die Gattung Tagebuch niemals unmittelbares Abbild von Realität und das Schreiben in der Situation immer ein individueller Bewältigungsversuch ist.[2]

Als zweite Ebene möchte ich bezeichnen, was die Debatte der vergangenen Wochen hauptsächlich ausmachte, nämlich das Kreisen um die von Bisky enthüllte Identität der bis dahin anonymen Verfasserin. Hans Magnus Enzensberger, der Herausgeber der Reihe „Die Andere Bibliothek“, verweist empört darauf, dass die Anonymität auf Wunsch der Autorin und der Nachlassverwalterin Hannelore Marek gewahrt bleiben sollte, was damit zusammenhänge, dass der Verfasserin 1959 vorgeworfen worden sei, die ‚Ehre der deutschen Frau‘ beschmutzt zu haben.[3] Ein anderer Grund, der ihre Anonymität inhaltlich rechtfertigen könnte, mag sein, dass es der Tagebuchschreiberin wichtig ist, als Teil einer Masse gesehen zu werden, auch wenn sie bemerkt, im Gegensatz zu manch anderer Frau eher fähig zu sein, mit Reflexion und Ironie sowie durch das zur Distanz verhelfende Schreiben gerade aus dieser Masse herauszuragen. Wie sehr sie Teil jener Masse war, erhellt nicht zuletzt die Recherche Biskys, der ihren Lebenslauf, wenn auch gewollt eindeutiger als es ihr Text nahelegt, eher als denjenigen einer Mitläuferin schildert.

Marta Hillers (1911–2001), so der Name der „Anonyma“, war zwar kein Parteimitglied, aber dennoch als Journalistin unter anderem für den „Berliner Lokal-Anzeiger“, die „Berliner Hausfrau“, dann im Büro der Deutschen Arbeitsfront und als Verfasserin einer Broschüre, die der Werbung von Nachwuchs für die Marine diente, durchaus propagandistisch tätig. Als gebildete, weit gereiste und in jungen Jahren mit dem Kommunismus sympathisierende Frau verfügte sie andererseits über genügend Fähigkeit zu einem differenzierten Blick auf die Situation der letzten Kriegswochen. Dies wird nicht nur in ihren Beschreibungen der Russen deutlich, sondern vor allem auch im Festhalten von Situationen, wo man sich plötzlich scheinheilig vom NS-Regime distanzierte, oder auch in der Charakterisierung ihrer deutschen Mitbürgerinnen, denen ihre Dickleibigkeit, die sie sich über die Kriegsjahre hinweg wer weiß wie zu retten vermochten, nun zum Verhängnis wurde, da es die russischen Männer gerade auf die Beleibteren abgesehen hatten (S. 60f.).

Zum eigentlichen Skandalon im Laufe der aufgeregten Literaturdebatte um dieses Werk und seine Autorin wird nach meinem Dafürhalten, dass wir letztlich auf einem Nebenschauplatz gelandet sind: moralische Urteile über die Verheimlichung der Autorin, die als Symptom gelesen werden sollen für eine insgesamt unglaubwürdige Textfassung. Verloren ging darüber jene kritische Perspektive der Verfasserin auf den Hauptschauplatz der Alltagsgeschichte 1945, deren intime Beschreibung ironischerweise mit dem Geburtstag des Führers einsetzt und bis nach Kriegsende (bis zum 22. Juni) dauert. Es ist die Perspektive auf eine auseinanderbrechende Gesellschaft, die auch das Ende des martialischen deutschen Männerbildes bedeutet (vgl. z.B. S. 51f.). Die sexuelle Gewalt, die deutschen Frauen von russischen Soldaten angetan wurde, ist auf der einen Seite für die Frauen und Mädchen konkrete traumatisierende Erfahrung. Auf der anderen Seite wird sie im Text zum Symbol für die empfundene Grausamkeit der Niederlage. Diese Niederlage besteht nicht eigentlich im Besiegtwerden durch die alliierten Mächte. Sie ist ein Fallen aus der Hybris einer vermeintlich erwählten, zum Siege bestimmten „rassereinen Volksgemeinschaft“ – ein Kollektiv, das sich über bürokratisch-militärische Ordnung, Denunziantentum und geschwätzige Propaganda individueller Verantwortlichkeiten entledigen konnte und am Ende nun zur bitteren Erkenntnis gelangt: „Wir sind alle vergessen worden, horchen angestrengt ins Leere, sind allein.“ (S. 33) Die Autorin erfährt dies, abseits vom eigentlich gemeinten Verlust der schützenden Staatsmacht, auf einer ganz und gar zwischenmenschlichen Ebene am eigenen Leibe: Als sie beim Versuch, mit ihren russischen Sprachkenntnissen die Männer der Roten Armee aus dem Luftschutzkeller hinauszubugsieren, von diesen überfallen und mehrfach geschändet wird, klappen ihre Nachbarn, für die sie mit in die Bresche sprang, schlicht die Kellertür hinter ihr zu und überlassen sie ihrem Schicksal (S. 62f.).

Was an die Stelle dieser körperlich erlittenen Leere und Verlassenheit tritt, ist ein „Arrangement des Überlebens“.[4] Die russischen Männer bedienen sich am Beutegut Frau – das Spektrum der beschriebenen Typen reicht von höflichem Major, aufrichtig Verliebtem, politisch gebildetem Genossen bis hin zum grobschlächtigen Wüstling und rücksichtslosen Säufer. Die deutschen Frauen arrangieren sich so gut sie können mit ihrer Rolle ständiger Verfügbarkeit und versuchen, trotz der im Text deutlich hervor tretenden Symptome massiver Traumatisierung, herauszuschlagen was möglich ist – vor allem Nahrungsmittel, Alkohol zur Betäubung, aber auch die Bindung eines Mannes, die ein Stück weit davor bewahrt, „Freiwild“ für andere zu sein. In diesem Arrangement spielt der deutsche Mann keine oder nur eine unrühmliche Rolle (S. 147). Am Ende nimmt er sogar einen aktiven Part an der Tabuisierung sexueller Gewalt ein, indem er die Brutalität der sich kontinuierlich vollziehenden Schändung ignoriert und sich vor allem moralisch über die wahren Hintergründe einer Zwangsprostitution erhebt (S. 280), für deren eigentliche Ursachen er wie die meisten Deutschen (mit-)verantwortlich ist.

Im Aufzeigen solcher Mechanismen „zwischengeschlechtlicher Ausbeutungsverhältnisse“[5], die in diesen Tagebuchaufzeichnungen exemplarisch werden, liegt der dokumentarische Wert des Buches. Denn niemals zuvor sind die in dieser Zeit alltäglichen sexuellen Macht- und Ohnmachtsverhältnisse so dargestellt und in eine ebenso grob nüchterne wie literarisch feinsinnige Sprache übersetzt worden.

Anmerkungen:
[1] Bisky, Jens, Wenn Jungen Weltgeschichte spielen, haben Mädchen stumme Rollen, in: Süddeutsche Zeitung, 24.9.2003, S. 16.
[2] Vgl. zur Gattung Tagebuch z.B. Nieden, Susanne zur, Alltag im Ausnahmezustand. Frauentagebücher im zerstörten Deutschland 1943–1945, Berlin 1993.
[3] Enzensberger, Hans Magnus, Eine Frau in Berlin, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.9.2003, S. 35.
[4] Leitgeb, Hanna, Lachen in all dem Jammer, in: Literaturen Nr. 5/2003.
[5] Döbler, Katharina, Eilige Notizen eines Höhlenmenschen, in: ZEIT Literaturbeilage, Juni 2003.

Zitation
Constanze Jaiser: Rezension zu: Anonyma, -: Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945. Frankfurt am Main 2003 , in: H-Soz-Kult, 05.12.2003, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3318>.
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Veröffentlicht am
05.12.2003
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