W. Benz (Hg.): Überleben im Dritten Reich

Cover
Titel
Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer


Hrsg. v.
Benz, Wolfgang
Erschienen
München 2003: C.H. Beck Verlag
Umfang
349 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Schaefer, Jena

Der von Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin herausgegebene Band ist ein Ergebnis des Forschungsprojekts „Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland“, das über fünf Jahre hindurch bis Ende 2002 die geglückten wie misslungenen Rettungsbemühungen für verfolgte Jüdinnen und Juden im „Dritten Reich“ aufgearbeitet hat.[1] Das Buch erinnert an ein von der Forschung zuvor weniger beachtetes Moment der Geschichte des Widerstands gegen die NS-Herrschaft und setzt den daran Beteiligten, die aus unterschiedlichen Motiven flüchtige und verfolgte Juden versteckten, versorgten oder über die Grenze ins Ausland brachten ein verdientes Denkmal.

Benz beziffert im Prolog die Zahl der durch die Hilfe nichtjüdischer Mitmenschen vor der Ermordung geretteten Juden Europas auf einige 10.000. Die Forschungsgruppe „Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland“ konnte die Daten von knapp 3.000 Frauen und Männern, die jüdischen Verfolgten geholfen und von 2.300 Jüdinnen und Juden, die untergetaucht gelebt haben, erfassen. Das Buch will „die Alltäglichkeit und Mühsal des Überlebens im Untergrund zeigen und dies durch Geschichten von Rettern und Geretteten exemplifizieren“ (S. 11). Die meisten der für die Darstellung ausgewählten Schicksale beeindrucken durch die Zivilcourage, die Risikobereitschaft und menschliche Größe der Helfer ebenso wie durch den Mut, die Tatkraft und den Überlebenswillen der Verfolgten. Die Mehrzahl der Beispiele stammt aus Berlin, wo vor dem Zweiten Weltkrieg die größte jüdische Gemeinde bestand und die Vorgänge um die Rettung Verfolgter in der NS-Zeit verhältnismäßig gut dokumentiert sind, da der damalige Berliner Innensenator Lipschitz 1958 eine Initiative ins Leben rief, die Berliner Helfer der Verfolgten als „Unbesungene Helden“ zu ehren. Die Akten der ca. 1.500 Anträge für eine derartige Ehrung standen dem Forschungsprojekt zur Verfügung und bilden neben Akten der NS-Justiz und den Gesprächen mit noch lebenden Helfern und Verfolgten die Hauptquelle des Buches.

Nach der von Benz einleitend skizzierten Thematik des Buches, mit der auch Motive, Gefahren, Alltagsprobleme oder Folgen der Rettungsbemühungen für verfolgte Juden erörtert werden, stellen 19 Autorinnen und Autoren, die meist dem Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung angehören, Einzelschicksale vor, die als repräsentativ für bestimmte Helfergruppen gelten können. Gebündelt werden diese Schicksale in vier Kategorien und Hauptteilen des Buches: „Anständige Leute“, „Kräfte des Milieus“, „Unterschiedliche Motive“ und „Zivilcourage und Heldenmut“.

Als Beispiel der von ihrer Menschlichkeit geleiteten „Anständigen Leute“ stehe hier der von Marion Neiss vorgestellte Portier und Hauswart Otto Jogmin im Haus Wielandstrasse 18 in Berlin-Charlottenburg, in einem Stadtviertel, in dem bis zu ihrer Deportation zahlreiche Juden lebten. [2] Jogmin versteckte in seiner Wohnung seit dem Winter 1942 zunächst eine flüchtige Jüdin, die keine Unterkunft hatte und die er als seine Tante ausgab, anschließend sorgte er für weitere Flüchtige, die er im Keller des Hauses unterbrachte, beschaffte für sie Lebensmittel und half auch anderen auf vielfältige Weise. Wie viele Menschen letztlich durch ihn gerettet wurden, ist nicht mehr festzustellen. Jogmin steht für den einfachen Berliner, der nicht lange fragte, wenn seine Hilfe erforderlich war und dies als selbstverständliche Pflicht verstand. Er ließ sich davon auch nicht durch eine Denunziation und anschließende Polizeikontrolle abbringen, die noch einmal glimpflich abging.

Der Teil „Kräfte des Milieus“ beschäftigt sich hauptsächlich mit Helfern aus religiös motivierten bzw. kirchlichen Kreisen. Beate Kosmala würdigt die Potsdamer Pfarrerswitwe Dorothea Schneider, die der Bekennenden Kirche nahe stand. Sie nahm seit Februar 1943 eine flüchtige jüdische Familie, später auch eine jüdische Krankenschwester in ihrer Wohnung auf. Diese hatte zur Berliner Widerstandsgruppe meist junger jüdischer Kommunisten um Herbert Baum gehört, die im Mai 1942 in Berlin einen Brandanschlag auf die antikommunistische Wanderausstellung „Das Sowjetparadies“ verübte und anschließend von der Gestapo zerschlagen wurde. [3] „Schwester Lotte“ blieb fünf Wochen bei Dorothea Schneider, bevor sie in ein weiteres illegales Quartier weitervermittelt werden konnte. Sie überlebte – wie viele der in diesem Buch vorgestellten flüchtigen Juden – die Nazizeit und blieb ihrer Retterin und deren Tochter freundschaftlich verbunden.

Eine besondere Beachtung verdient in diesem Teil des Buches das Schicksal des in der Freien Stadt Danzig lebenden früheren Kapitäns Gustav Pietsch, der bis Ende 1938 mehreren hundert Juden zur Flucht nach Palästina verhalf, indem er ihnen seine Erfahrungen als Seemann zur Verfügung stellte. Er betrieb – unterstützt von jüdischen Verbänden – seit 1933 im polnischen Hafen Gdingen, unweit von Danzig, eine Fischerei- und Seefahrerschule, in der er jungen Juden seine Erfahrungen vermittelte und ihnen bei der illegalen Auswanderung behilflich war. Infolge seiner Solidarität mit Juden gehörte Pietsch „zu den von den Nazis am meisten gehassten Ariern Danzigs“ (S. 159). Als sich Überfälle und Repressalien aus Danziger Nazikreisen gegen Pietsch häuften, emigrierten Pietsch und seine Frau Gertrude Ende 1938 nach Palästina. Zehn Jahre später kehrten sie vorübergehend nach Deutschland zurück, wurden für ihre Rettungstat 1961 vom Berliner Senat geehrt, verließen bald danach für immer Deutschland, wo man nicht genug tue, „um den Spuk von gestern verschwinden zu lassen“ (S. 165).

Während sich die ersten beiden Teile des Buches Rettungsbemühungen widmen, die in erster Linie uneigennützig, durch menschliches Mitgefühl und Solidarität motiviert waren, stellt der dritte Abschnitt unter der Überschrift „Unterschiedliche Motive. Bezahlte Hilfe, Risiko und Eigennutz“ sehr verschiedenartige Schicksale zusammen. Unter den Rettern dieses Abschnittes findet sich eine Zimmervermieterin, die sich die illegale Unterkunft gut bezahlen ließ, ein Fall von Schweigegeldzahlung an einen SS-Sturmbannführer, oder ein Netz bezahlter Fluchthelfer, die Flüchtlinge über die Grenze in die Schweiz brachten. Benz verarbeitet in diesem Komplex die sehr kritische Sicht einer geretteten Jüdin auf die verschiedenen Pfarrhäuser, welche ihr Unterschlupf gewährten, und zu ihrer Rettung beitrugen. Christine Zahn schildert die Flucht einer Berliner Jüdin, die sich in den zweieinhalb Jahren bis Kriegsende in der kaum zu glaubenden Zahl von insgesamt 70 verschiedenen Unterkünften verstecken musste. Die Leidenszeit der Flüchtlinge wird hier besonders anschaulich und ergreifend beschrieben.

Ein düsteres Kapitel der Judenverfolgung im Dritten Reich beschreibt Doris Tausendfreund unter der Überschrift „Jüdische Fahnder“. Tatsächlich bediente sich die Gestapo jüdischer Opfer, um versteckt lebende Juden aufzuspüren. Seit 1943 wurden in Berlin einige hundert flüchtige Juden von ihren Schicksalsgenossen verraten, die – von der Gestapo erpresst – Spitzeldienste leisteten, in der Hoffnung, so vor der Deportation verschont zu bleiben. Die Namen der Mitglieder dieses „Jüdischen Fahndungsdienstes“ sind häufig bekannt, allerdings erfährt der Leser in der Regel nichts über ihr späteres Schicksal. Nur in einem Fall (S. 329, Anm.) wird mitgeteilt, dass eine jüdische Fahnderin der Gestapo bei Kriegsende von den Russen aufgegriffen und erschossen wurde.

Ein letzter Komplex „Zivilcourage und Heldenmut. Vom Risiko der Helfer“ erinnert an drei weitere Schicksale in Berlin, München und Frankfurt am Main, darunter an einen antifaschistischen Druckereibesitzer in Berlin, der schon bald nach der Machtergreifung der Nazis politisch Verfolgte unterstützte und im Laufe der Zeit – unbeirrt durch Gestapohaft – zahlreiche jüdische Flüchtlinge rettete. Abschließend schildert Juliane Wetzel im Epilog das Überleben der heutigen Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, Charlotte Knobloch, die als Kind bei einer Bauernfamilie in Mittelfranken versteckt und so gerettet wurde.

„Überleben im Dritten Reich“ zeichnet mit den klug ausgewählten Einzelschicksalen ein differenziertes, überzeugendes Bild seines Gegenstands. Ich habe es mit Anteilnahme und Gewinn gelesen. Lediglich einige Aspekte des Themas, so die Subjektivität der Quellen des Buches oder die Gründe für die nur zögerliche Erinnerung an die Retter bzw. ihre recht späte Ehrung durch den Berliner Senat hätten eine noch genauere Erörterung verdient. Insgesamt aber bildet das Buch einen gewichtigen Baustein gegenwärtiger wie künftiger Forschungen.

Anmerkungen:
[1] Bericht über das Forschungsprojekt „Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1945“: http://130.149.134.79/retter.htm
[2] Kunstamt Schöneberg u.a. (Hgg.), Orte des Erinnerns. Bd. 1: Das Denkmal im Bayerischen Viertel; Bd. 2: Jüdisches Alltagsleben im Bayerischen Viertel. Berlin 1994/1995.
[3] Benz, Wolfgang, Pehle, Walter H. (Hgg.), Lexikon des deutschen Widerstandes, Frankfurt am Main, 2. Aufl. 1994, S. 225ff.

Zitation
Peter Schaefer: Rezension zu: Benz, Wolfgang (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer. München 2003 , in: H-Soz-Kult, 30.03.2004, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3995>.
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30.03.2004
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