C. Hartmann u.a. (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht

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Titel
Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte


Hrsg. v.
Hartmann, Christian; Hürter, Johannes; Jureit, Ulrike
Erschienen
München 2005: C.H. Beck Verlag
Umfang
230 S.
Preis
€ 12,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wigbert Benz, Werner-von-Siemens-Schule Karlsruhe

Der vorliegende Band geht auf eine Tagung zurück, die das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), hervorgetreten durch die beiden so genannten Wehrmachtsausstellungen[1], und das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ), das seit 1998 ein Forschungsprojekt zum Themenkomplex „Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur“ durchführt[2], im März 2004 in Hamburg gemeinsam veranstalteten. Dies war möglich geworden, weil sich die Debatte nach den heftigen, teils sehr persönlich geführten Auseinandersetzungen im Zuge der ersten „Wehrmachtsausstellung“ 1995 und deren Schließung 1999 mit der völlig neu konzipierten zweiten „Wehrmachtsausstellung“ ab 2001 zunehmend in Richtung einer sachlicheren wissenschaftlichen Auseinandersetzung bewegte. So konnten beide Institute ihre Forschungsansätze und Perspektiven zusammenführen sowie eine vorläufige Bilanz der Debatte präsentieren.

In getrennten Vorworten skizzieren die Leiter der beiden Institute ihre jeweiligen Sichtweisen zu dem Spannungsfeld von „Wehrmachtsausstellungen“ und wissenschaftlichem Diskurs. Dabei wiederholt Horst Möller (IfZ) seine scharfe Kritik an der ersten Ausstellung und insbesondere an deren Leiter Hannes Heer, während Jan Philipp Reemtsma (HIS) beide Ausstellungen eher als „Laboratorium dessen“ begreift, „was Zeitgeschichte am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein soll, kann, darf, nicht darf und so weiter“ (S. 19). Nach einem gemeinsamen Problemaufriss der drei Herausgeber/in erörtern dann je zwei Autoren/in einen Themenschwerpunkt, zum einen in Form einer komprimierten Überblicksdarstellung zum Forschungsstand, zum anderen perspektivisch ergänzt durch die Analyse eines signifikanten Fallbeispiels. Dieser Ansatz erweist sich als fruchtbar und wechselseitig bereichernd, zumal sich die Autoren – ausnahmslos ausgewiesene Experten zu ihren Themenschwerpunkten – um eine unprätentiöse, gut lesbare und auf das Wesentliche konzentrierte Darstellung bemühen (die Aufsätze sind meist nur rund zehn Seiten lang).

Im ersten Themenbereich „Wehrmachtführung“ fasst Bernd Wegner die relativ gut erforschte Interaktion zwischen Hitler und den Spitzenmilitärs zusammen und plädiert für eine weniger auf Hitler zentrierte, differenziertere Sicht der Entscheidungsprozesse zum „Unternehmen Barbarossa“ ab dem Sommer 1940. Dabei lässt er keinen Zweifel daran, dass Hitler bis zuletzt der „Hauptprotagonist einer Vernichtungsideologie“ war (S. 39). Christian Gerlach analysiert die Rolle der Wehrmachtführung für das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen und vergleicht sie mit den Praktiken bei der Behandlung Kriegsgefangener anderer Nationalitäten. In Bezug auf die Täterschaft der Wehrmacht bei der Vernichtung von über drei Millionen russischen Kriegsgefangenen konstatiert er neben Massenerschießungen und einer planmäßigen Hungerpolitik einen aus angeblichen Sachzwängen hervorgegangenen Radikalisierungsprozess.

In der militärischen Hierarchie ist die Stufe unterhalb der Wehrmachtspitze, die Ebene der „Befehlshaber“, immer noch eine sehr verantwortungsvolle und einflussreiche. Johannes Hürter resümiert hierzu die Forschungsergebnisse seiner im Erscheinen begriffenen Habilitationsschrift.[3] Er zeigt, dass die militärischen Befehlshaber den Wandel der Kriegsführung im Osten aufs Ganze gesehen bedingungslos mitvollzogen, auch wenn die wenigsten hundertprozentige NS-Sympathisanten waren. Am Beispiel der 6. Armee untersucht Timm C. Richter die Handlungsspielräume vor Ort. In seiner wissenschaftliches Neuland betretenden Untersuchung weist er nach, dass Handlungsspielräume vorhanden waren, es aber im Befehlsbereich der von ihm analysierten Armee „viel zu wenig Offiziere wie Helmuth Groscurth gab, die diesen Spielraum zugunsten der Opfer zu nutzen bereit waren“ (S. 68).

Etwas unverbunden und ohne inneren Zusammenhang stehen die kontroversen Deutungen der Beiträge von Christian Hartmann und Christoph Rass zum thematischen Stichwort „Soldaten“ nebeneinander. Hartmann versucht die Beteiligung von Wehrmachtsangehörigen an Kriegs- und NS-Verbrechen zu quantifizieren; Rass nimmt eine einzelne Infanteriedivision und ihre Soldaten unter die Lupe. Während Rass am Fallbeispiel der 253. Infanteriedivision zu dem Schluss kommt, „dass die Frontverbände der Wehrmacht und ihre Soldaten in spezifischen Formen an allen Tatkomplexen des Vernichtungskrieges beteiligt waren“, und von einer zunehmend „dichte[n] Abfolge und Schichtung verbrecherischer Handlungsmuster“ spricht (S. 88f.), vertritt Hartmann die These vom „umgekehrt reziproken Verhältnis von Aufmarsch- und Verbrechensdichte“ (S. 79) – eine These, der Hannes Heer an anderer Stelle mit dem Argument widerspricht, dass der auf den verbrecherischen Befehlen auch gegen Zivilisten basierende „Vernichtungskrieg im Osten EIN Krieg“ war, während Hartmann suggeriere, „es habe deren zwei gegeben – einen im Hinterland und einen an der Front“.[4] Für Hartmann blieben die Täter in der Minderheit, für Rass prägten die Verbrechen und die Verbrecher den Kriegsalltag der deutschen Landser. Zu Recht betonen die Herausgeber/in, also auch Hartmann selbst, in ihrer Einleitung, dass „gerade bei diesem Thema noch erheblicher Forschungsbedarf“ besteht (S. 25).

Den Themenkomplex „Verbündete“ beim Krieg gegen die Sowjetunion 1941 und bei der Ermordung der Juden fasst Jürgen Förster zusammen; Krisztián Ungváry konkretisiert dies am Beispiel der ungarischen Armee. Dieter Pohl zeichnet den Forschungsstand zur Kooperation zwischen Wehrmacht, SS und Polizei in den besetzten sowjetischen Gebieten nach; Andrej Angrick rückt den Massenmord in der Stadt Charkow unter deutscher Besatzung in den Fokus. Ebenfalls um das Fallbeispiel Charkow geht es im Aufsatz von Norbert Kunz zur Bevölkerung dieser Stadt als Opfer der deutschen Hungerstrategie 1941/42, während Dietrich Eichholtz zuvor den Charakter der Russlandfeldzuges als eines ökonomisch motivierten Raubkriegs erhellt. Einen weiteren thematischen Schwerpunkt des Sammelbandes bildet die Frage der „Kollaboration“, die Bernhard Chiari vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) als komplexes Phänomen vielschichtiger Abhängigkeiten zwischen Besatzern und Besetzten problematisiert, während Christoph Dieckmann am Beispiel der litauischen „Schutzmannschaften“ nachweist, dass die deutsche Herrschaft ohne die Einbeziehung der einheimischen Mithilfe nicht wirklich verstanden werden kann.

Abschließend wenden sich Ulrike Jureit und Klaus Latzel den durch die Kontroversen um die beiden „Wehrmachtsausstellungen“ verstärkt in den Mittelpunkt gerückten methodischen und theoretischen Fragen zu. Während Latzel die Möglichkeiten und Grenzen der in der Militärgeschichtsschreibung besonders häufig verwendeten Feldpostbriefe zur Erforschung der Motivationen für Gewalthandlungen im Krieg diskutiert, reflektiert Jureit in einem theoretischen Aufsatz die Rolle der Motive, Mentalitäten und Handlungsspielräume der einzelnen Soldaten. Sie insistiert darauf, dass „Motive insofern immer verursachend sind, als es keine Handlung ohne Willensentschluss gibt“ und „sein Motiv ihn [das heißt den Täter] zum Urheber der Tat [macht], für die er dadurch erst verantwortlich wird“ (S. 164).

Herausgebern/in und Autoren/in ist eine (Zwischen-)Bilanz gelungen, die die Resultate der neueren Forschung überschaubar zusammenführt, sie mit Fallbeispielen erläutert und gleichzeitig bestehende Kontroversen nicht zukleistert, sondern diese gleichermaßen sachlich wie problemorientiert vor Augen führt.

Anmerkungen:
[1] Als Begleitband zur Ausstellung von 1995 vgl.: Heer, Hannes; Naumann, Klaus (Hgg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1945, Hamburg 1995. Zur Ausstellung 2001 vgl.: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944, Ausstellungskatalog, Hamburg 2001.
[2] Zu den Schwerpunkten des Forschungsprojekts und in dessen Rahmen bereits erschienenen bzw. geplanten Publikationen siehe: <http://www.ifz-muenchen.de/forschung/projekte/wehrmacht/index.html.>
[3] Hürter, Johannes, Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2006.
[4] Heer, Hannes, „Hitler war’s“. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit, Berlin 2005, S. 247 („ein“ dort kursiv).

Zitation
Wigbert Benz: Rezension zu: Hartmann, Christian; Hürter, Johannes; Jureit, Ulrike (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte. München 2005 , in: H-Soz-Kult, 20.07.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6451>.
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20.07.2006
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