Cover
Titel
Kultur macht Sinn. Orientierung zwischen Gestern und Morgen


Autor(en)
Rüsen, Jörn
Erschienen
Umfang
269 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger Graf, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Auf dem Titelblatt von Jörn Rüsens neuer Essaysammlung sind die Wörter „KULTUR“, „macht“ und „SINN“ frei um ein Gemälde ohne Titel von Inga Rüsen drapiert, so dass es dem Lesenden selbst überlassen bleibt, sie in einen Sinnzusammenhang zu bringen: „SINN macht KULTUR“ mit oder ohne Kommata wäre genauso möglich wie „macht KULTUR SINN?“ mit einem hinzugefügten Fragenzeichen oder das von Rüsen intendierte „KULTUR macht SINN“. Obwohl seit Bastian Sicks verbesserwisserischen Kolumnen auch die letzten sprachlich ambitionierten Bildungsbürger/innen wissen, dass es „Kultur ergibt Sinn“ heißen müsste, entscheidet sich Rüsen für die genannte Form, um den Begriff der Macht auf den Titel seiner Analysen kultureller Sinngebungsprozesse zu heben, ihn aber zugleich durch die Kleinschreibung auf das rechte Maß zurückzustutzen. Damit verweist das Titelblatt auf das zentrale Thema der in dem Sammelband vereinten Arbeiten: die Imprägnierung von Kultur und Sinn mit Macht, die an der Vorherrschaft des Ethnozentrismus im Allgemeinen und in den Kulturwissenschaften im Besonderen sichtbar wird. Da Rüsen in seinen Essays immer wieder dazu aufruft, diesen Ethnozentrismus zu beseitigen, könnte man den Anglizismus „Kultur macht Sinn“ fast als versteckte ironische Überwindung des eigenen sprachlichen Ethnozentrismus lesen.

Der Band vereint Aufsätze und Gelegenheitsschriften, die Rüsen seit dem Jahr 2000 verfasst und für die Neupublikation noch einmal überarbeitet hat. Allein die Publikationsnachweise belegen die breite Wirkung des international bekanntesten lebenden Geschichtstheoretikers deutscher Sprache. So wurden beispielsweise die hier wieder abgedruckten Überlegungen „Aus Zeit Sinn machen – Versuch einer Typologie temporaler Sinnbildungen“ zuvor schon sechsmal veröffentlicht: zweimal auf Deutsch, zweimal auf Englisch und in zwei verschiedenen chinesischen Fassungen.

Die dreizehn Aufsätze des Bandes ordnet Rüsen in vier Gruppen: Die Rubrik „Aneignungen der Tradition“ fasst drei Aufsätze zusammen, die sich mit Kant, Lessing und Droysen nicht nur in historischer Perspektive beschäftigen, sondern ihr Denken auch für eine Überwindung des Ethnozentrismus in den Kulturwissenschaften nutzbar machen wollen. Unter dem Stichwort „Impulse des historischen Denkens“ gruppiert Rüsen vier Texte zur Geschichtskultur, von denen er den Längsten über die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik Deutschland zusammen mit Friedrich Jaeger verfasst hat. Drei weitere Texte zur „Kultur der Wissenschaft“ setzen sich mit Sinn und Zweck der Kulturwissenschaften im Zeitalter der Globalisierung auseinander. Abschließend entwirft Rüsen in drei Texten zu Zeit und Zeitlichkeit, zum Verhältnis von Zivilgesellschaft und Religion und zur Relevanz der Utopie „Potentiale der Sinnbildung“ in der Gegenwart.

Rüsens Aufsätze sind allesamt hochkomplexe Analysen, die eine Vielzahl von Themen über das allgemeine Konzept der „menschlichen Sinnbildung“ miteinander verknüpfen. Sie eröffnen neue Perspektiven auf altbekannte, aber noch nicht gelöste Probleme, die hier unmöglich erschöpfend behandelt werden können. Daher konzentriere ich mich auf drei Aspekte, die in verschiedenen Texten leitmotivisch auftauchen und ins Zentrum von Rüsens Überlegungen zu Kultur, Macht und Sinn führen: erstens den Zusammenhang von Zeit und historischer Sinnbildung, zweitens die Probleme des Konstruktivismus und der historischen Wahrheit und drittens schließlich die Herausforderung des Ethnozentrismus für die Kulturwissenschaften im Zeitalter der Globalisierung.

1. Rüsens Überlegungen zur Geschichts- und Erinnerungskultur profitieren ungemein von seiner Ausweitung der Perspektive auf generelle Prozesse kultureller Sinnbildung. Er kritisiert die „Zukunftsvergessenheit des memory-Diskurses“ (S. 181, ähnlich 52, 73, 196) in den Kulturwissenschaften und betont stattdessen im Anschluss an Husserls Theorie von Erfahrung und Erwartung, dass kultureller Sinn sich in der Gegenwart erst durch die Vermittlung von Vergangenheit und Zukunft konstituiere. Daher entwickelt er neben der klaren und hilfreichen Ausdifferenzierung der Orientierungsfunktion historischer Erinnerung in Bezug auf Erfahrung, Kommunikation, Handeln, kulturelle Geltungsansprüche und Identitäten (S. 75-83) weiterführende Typologien des historischen Zeitsinns. Sinn, sei er mythisch, historisch, epochal, eschatologisch, apokalyptisch, utopisch oder instrumentell-strategisch (S. 203-210), tritt dabei als quasi vierte Dimension, als eine „übergeordnete umgreifende (Meta-)Zeit“, neben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (S. 193, 199).

2. Rüsens Überlegungen kreisen wiederholt um die Möglichkeiten historischer Wahrheitserkenntnis. Dabei argumentiert er gegen die „mittlerweile üblich gewordene Rede“ vom Konstruktionscharakter historischer Erkenntnis (z.B. S. 73, 124, 212). Den „Meisterdenkern“ eines radikalen Konstruktivismus – wobei unklar bleibt, wen Rüsen damit meint – hält er die „Dialektik von Konstruiertheit und Konstruktion“ entgegen (S. 129): Im Anschluss an seine Lektüre von Droysens Historik zeigt er, dass uns – Historikerinnen und Historiker – die „Geschichte in den objektiven Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart […] immer schon konstruiert“ habe, bevor wir sie interpretieren, deuten und eben „konstruieren“ könnten (S. 50-54, Zitat S. 218). So bedenkenswert Rüsens Kritik eines radikalen Konstruktivismus auch ist, so fragwürdig sind seine Ausführungen zur Möglichkeit und zum Charakter historischer Wahrheit. Souverän ignoriert Rüsen hier die Ergebnisse der analytischen Philosophie der letzten hundert Jahre, in der die Wahrheitsfrage längst nur noch als Frage nach den Eigenschaften des Prädikats „ist wahr“ gestellt wird, und will stattdessen wissen, was „die Wahrheit“ sei und was wissenschaftliche oder historische Wahrheit von andern Wissensformen unterscheide (S. 157-167). Ausgehend von dieser falsch gestellten Frage versteht Rüsen Wahrheit schließlich als einen „diskursive[n] Prozeß, der von Kriterien geleitet wird, die kulturelle Sinnbildungen zustimmungsfähig machen“ (S. 167). Wenn der Wahrheitsbegriff jedoch überhaupt definiert werden kann, dann wohl kaum durch die Gleichsetzung mit einem Prozess.[1] Denn eine solche Definition widerspricht unserer Intuition, dass, ob ein Satz wahr oder falsch ist, nur davon abhängt, was die verwendeten Worte bedeuten und wie die Welt eingerichtet ist.[2]

3. Einen etwas ambivalenten Eindruck hinterlässt schließlich auch Rüsens vehemente, in nahezu jedem Aufsatz geäußerte Ablehnung des Ethnozentrismus, dessen Überwindung er als wichtigste Aufgabe der Kulturwissenschaften im Zeitalter der Globalisierung bestimmt. „Ethnozentrismus“ definiert Rüsen an anderer Stelle als „kulturelle Strategie, kollektive Identität durch Unterscheidung der eigenen Gruppe von anderen so zu gewinnen, dass der soziale Raum des eigenen Lebens als gemeinsamer und vertrauter vom Raum des Lebens der Anderen substantiell unterschieden wird“, wobei die meist binären Differenzen mit radikal verschiedenen Wertungen aufgeladen würden.[3] Der Weg zur Überwindung des Ethnozentrismus führt bei Rüsen über eine Relektüre und kritische Aneignung der aufklärerischen Tradition: Unter Rekurs auf Lessing fordert er eine „Kultur der Anerkennung“ von Differenz, die über das Gebot religiöser Toleranz hinausgehe (z.B. S. 37, 236-240). Mit Kant und Droysen will Rüsen zudem die allgemeinen Kategorien der praktischen Vernunft und der Menschheit nutzbar machen, um den berüchtigten „clash of civilizations“ zu vermeiden (S. 20, 61). Auf diese Weise entwickelt Rüsen nicht nur interessante Lesarten deutscher Klassiker, sondern darüber hinaus auch sympathische Argumente, denen man, sofern man in aufklärerischer Tradition steht, aus ganzem Herzen zustimmen möchte. Unklar bleibt jedoch, ob die Probleme des Ethnozentrismus damit gelöst werden. Denn zustimmen müssten schließlich gerade diejenigen, die sich auf das Spiel von Rationalität und Differenz nicht einlassen wollen und daher von Rüsens – im guten Sinne ethnozentrischen – Vorschlägen zur Überwindung des Ethnozentrismus nicht zu überzeugen sein dürften.[4]

Alles in allem spricht Rüsens Essaysammlung „Kultur macht Sinn“ mit ihrer Fokussierung auf Zeit, Wahrheit und Ethnozentrismus bzw. Globalisierung elementare Fragen an, denen sich die Kulturwissenschaften in der Gegenwart zu stellen haben. Zudem offeriert der Band eine gute Einführung in das komplexe Gedankengebäude eines bedeutenden Geschichtsdenkers unserer Zeit. Denjenigen, die sich darin schon auskennen, wird die Sammlung allerdings nicht viel Neues bieten.

Anmerkungen:
[1] Siehe zum Problem der Definition des Wahrheitsbegriffs: Davidson, Donald, The Folly of Trying to Define Truth, in: The Journal of Philosophy 93 (1996), S. 263-278; als allgemeine Einführungen zur philosophischen Diskussion um den Begriff der Wahrheit eignet sich z.B.: Künne, Wolfgang, Wahrheit, in: Martens, Ekkehard; Schnädelbach, Herbert (Hgg.), Philosophie. Ein Grundkurs, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 116-171.
[2] Auch Vertreter der Konsenstheorie der Wahrheit, die einer Deutung von Wahrheit als Prozess am nächsten käme, erkennen diese Korrespondenzintuition mittlerweile an. Siehe: Habermas, Jürgen, Richtigkeit vs. Wahrheit, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 46 (1998), S. 179-208.
[3] Rüsen, Jörn, Interkulturell kommunizieren – die Herausforderung des Ethnozentrismus und die Antwort der Kulturwissenschaften, in: ders., Geschichte im Kulturprozeß, Köln 2002, S. 207-230, hier S. 210f.
[4] Zur positiven Deutung des „Ethnozentrismus“ siehe Rorty, Richard, Introduction, in: ders., Objectivity, Relativism, and Truth. Philosophical Papers I, Cambridge 1991, S. 1-17, S. 12-16; ders., Solidarity or Objectivity, in: ebd., S. 21-34.

Zitation
Rüdiger Graf: Rezension zu: Rüsen, Jörn: Kultur macht Sinn. Orientierung zwischen Gestern und Morgen. Köln 2006 , in: H-Soz-Kult, 14.07.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7541>.
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14.07.2006
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