Chr. Herkommer: Frauen im Nationalsozialismus

Cover
Titel
Frauen im Nationalsozialismus - Opfer oder Täterinnen?. Eine Kontroverse der Frauenforschung im Spiegel feministischer Theoriebildung und der allgemeinen historischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit


Autor(en)
Herkommer, Christina
Erschienen
München 2005: Martin Meidenbauer
Umfang
89 S.
Preis
€ 14,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nicole Kramer, Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin

Vor etwa 20 Jahren war die historische Frauenforschung durch die leidenschaftliche, letztlich aber wenig weiterführende Debatte um die Kategorien Opfer/Täterinnen bestimmt. Seither ist viel Zeit vergangen, und eine ganze Reihe empirischer Studien haben sich einzelnen bzw. Gruppen von Frauen und ihrem Handeln im „Dritten Reich“ gewidmet. Die Zeit wäre reif für eine neuerliche grundsätzliche Diskussion über Methoden und Begrifflichkeiten. Dabei darf ein Blick zurück nicht fehlen – Christina Herkommer hat sich dieser verdienstvollen Aufgabe in ihrer Studie angenommen.

Herkommer gibt auf knapp 90 Seiten einen Überblick über die historische Forschung zu Frauen im Nationalsozialismus. Sie unterscheidet dabei drei Phasen, nach denen sie ihr Buch gliedert: In den 1970er-Jahren habe die These von den Frauen als Opfer patriarchaler Strukturen im „Dritten Reich“ die beginnende feministische Geschichtsschreibung dominiert, die in hohem Maße einer politisch motivierten Suche nach einer gemeinsamen weiblichen Identität verpflichtet gewesen sei. Diese Deutung wurde, so Herkommer, ein Jahrzehnt später herausgefordert, als von Frauen als Täterinnen und vor allem von einer spezifisch weiblichen Täterschaft die Rede war. Claudia Koonz erregte mit ihrer These von der Täterschaft der Ehefrauen und Mütter, die durch ihre Haus- und Familienarbeit das Unrechtsregime unterstützt hätten, heftigen Widerspruch. Insbesondere Gisela Bock bezog gegen die Behauptung einer spezifisch weiblichen Schuld kritisch Stellung. Die scheinbaren Fronten des so genannten Historikerinnenstreites lösten sich schnell wieder auf, wobei die theoretisch-methodische Überlegung zu biologischem (sex) und sozialem Geschlecht (gender) eine große Rolle spielte. Damit war die dritte Phase eingeläutet, in der Frauen nicht mehr länger als homogene Gruppe betrachtet wurden, sondern als heterogenes Ensemble von Individuen, deren Handlungsspielräume nicht nur durch die Kategorie Geschlecht bestimmt waren. Mit der These der Rollenvielfalt von Frauen im Nationalsozialismus deutete sich die Richtung künftiger Forschungen an.

Herkommer zeichnet die Grundzüge der Geschichtsschreibung zur Rolle von Frauen im Nationalsozialismus klar strukturiert nach und liefert einen Überblick, den es in dieser kompakten Form bislang noch nicht gab. Für eine erste Beschäftigung mit der Thematik mag dies hilfreich sein. Dennoch wird der informierte Leser kaum neue Erkenntnisse aus dem Buch ziehen können. Vielmehr fallen drei Schwachpunkte ins Auge: Erstens macht Herkommer die Debatte um die Täter-Opfer-Dichotomie zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Darstellung und tappt dabei in die Falle, deren Vereinfachungen und Zuspitzungen unhinterfragt zu übernehmen.[1] Die Chance einer Bewertung der durchaus differenzierten Forschungsliteratur zur Rolle der Frauen im „Dritten Reich“ wird damit vertan. Insofern tendiert Herkommer dazu, ihren Fokus auf Studien zu verengen, die ins Täterinnen-Opfer-Schema passen. Jill Stephensons Standardwerke, die zwar zeitlich, nicht aber argumentativ in die Phase der „Opferthese“ passen, tauchen zwar im Literaturverzeichnis auf, werden aber nicht weiter diskutiert.[2]

Zweitens bleibt Herkommers Versuch, die Frauengeschichte mit der allgemeinen Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus in Beziehung zu setzen, auf halbem Wege stecken. Die Darstellung der NS-Forschung ist unterkomplex, und es kommt zu stark vereinfachenden Aussagen wie dem unhaltbaren Vorwurf, die NS-Forschung sei bis in die 1990er-Jahre tendenziell revisionistisch gewesen, bis Daniel J. Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ einen Perspektivwechsel ausgelöst habe. Dieser Sichtweise entspringt eine ihrer Hauptthesen: Die Frauenforschung habe der Beteiligung von Frauen an NS-Verbrechen bereits Anfang der 1990er-Jahre große Aufmerksamkeit geschenkt und sei der allgemeinen Geschichtsschreibung, die weiterhin versucht habe „unter dem Deckmantel der ‚Historisierung‘ dem NS-Herrschaftssystem auch seine guten Seiten abzugewinnen“ (S. 77), einen Schritt voraus gewesen. Eine derartige Sichtweise lässt sich mit einem Blick auf die in den letzten Jahren entstandenen historiographischen Betrachtungen der Täter- und Holocaustforschung schwer halten. Zudem baut die Autorin damit Frontlinien auf, die längst als überwunden gelten können. Die Frauen- und Geschlechtergeschichte ist in der NS-Forschung angekommen. Immer mehr wird sie im Schnittpunkt politik-, kultur- und sozialgeschichtlicher Ansätze betrachtet, wobei zuletzt Elizabeth Harvey überzeugend gezeigt hat, wie das funktionieren kann.[3] Zahlreiche neuere Studien verwenden die Kategorie „Geschlecht“, auch wenn dies nicht immer explizit auf dem Buchdeckel steht. Hier liegt der dritte und letzte Schwachpunkt von Herkommers Untersuchung, die keinerlei Zukunftsperspektive für die frauengeschichtliche Forschung aufzuzeigen vermag. Eine erneute Reflexion über die Methodik der Geschichtsschreibung zu Frauen im Nationalsozialismus ist dringend vonnöten. Sie muss sich an den Fragestellungen der aktuellen NS-Forschung orientieren. Anstatt der nicht nur starren, sondern auch statischen Kategorisierung in Täterinnen und Opfer werden dabei Bedingungen, Prozesse und Folgen der In- und Exklusion von Frauen in die „Volksgemeinschaft“ in den Vordergrund gerückt werden müssen. Christina Herkommers Studie wird bei dieser längst überfälligen Debatte wahrscheinlich kaum eine Rolle spielen.

Anmerkungen:
[1] Das haben bereits betont: Heinsohn, Kirsten; Vogel, Barbara; Weckel, Ulrike, Einleitung, in: Dies. (Hrsg.), Zwischen Karriere und Verfolgung. Handlungsräume von Frauen im nationalsozialistischen Deutschland, Frankfurt am Main 1997, S. 7-23.
[2] Stephenson, Jill, Women in Nazi Society, London 1975; dies.: The Nazi Organisation of Women, London 1981.
[3] Harvey, Elizabeth, Women and the Nazi East. Agents and Witnesses of Germanization, New Haven 2003.

Zitation
Nicole Kramer: Rezension zu: Herkommer, Christina: Frauen im Nationalsozialismus - Opfer oder Täterinnen?. Eine Kontroverse der Frauenforschung im Spiegel feministischer Theoriebildung und der allgemeinen historischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. München 2005 , in: H-Soz-Kult, 12.07.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7968>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.07.2007
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation