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Titel
Mühlberg 1938-1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland


Autor(en)
Kilian, Achim
Erschienen
Köln u.a. 2001: Böhlau Verlag Wien
Umfang
401 S.
Preis
€ 35,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Lutz Prieß

Der erste Teil des Titels „Mühlberg 1939-1948“ könnte vermuten lassen, ein Stück unbekannter Geschichte einer mitteldeutschen Stadt und ihrer Einwohner aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit vermittelt zu bekommen. Mühlberg - eine Kleinstadt an der Elbe zwischen Riesa und Torgau gelegen - gehörte bis 1944 zur Provinz Sachsen, danach zur Provinz Halle –Merseburg, unter sowjetischer Besatzung zur Provinz (ab Mitte 1947 Land) Sachsen Anhalt, in der DDR ab 1952 zum Bezirk Cottbus und ab 1990 zum Land Brandenburg. Doch hier geht es nicht um Stadtgeschichte, sondern wie der Untertitel treffend aussagt, ist das eigentliche Thema: „Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland“. Der Name der Stadt Mühlberg wurde zum Synonym für zwei verschiedene Gefangenenlager an ein und dem selbem Standort in der Flur von Neuburxdorf: das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (M.-Stalag IV B) der Wehrmacht 1939–1945 sowie das sowjetische Speziallager Nr. 1 des NKVD-MVD 1945-1948.

Kilian weist in seiner Vorbemerkung darauf hin, daß dieser Band die Fortsetzung seiner bisherigen Forschungen und Publikationen seit Anfang der 1990er Jahre ist. Erinnert sei vor allem an die Veröffentlichung „Einzuweisen zur völligen Isolierung. NKWD-Speziallager Mühlberg/Elbe 1945-1948“ (Erstaufl. 1992; 20003). Ihr folgten zu diesem Thema zahlreiche Beiträge in verschiedenen Sammelbänden und Zeitschriften. Mit dem vorliegenden Titel legt Kilian erstmals eine Gesamtdarstellung aller Teile der Geschichte beider Lager bei Mühlberg vor.

Im Kapitel „Teil A Grundlagen“ gibt Kilian einen kurzen Überblick zur Begrifflichkeit „Kriegsgefangener“ und über das Genfer Kriegsgefangenenabkommen von 1929. Die Dienstanweisung für den Kommandanten eines „Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlagers“ aus der Heeres-Dienstvorschrift (H.Dv.) 38/5 vom 16. Februar 1939 und der Dienstvorschrift für den Abwehroffizier in den Kriegsgefangenen- und Interniertenlagern der Wehrmacht (H.Dv. 38/19) vom 15. August 1939 werden ausführlich zitiert und kommentiert. Es folgt eine kurze Entstehungs- bzw. Baugeschichte des M.-Stalag IV B bei Mühlberg zwischen 1939 und 1941.

Der „Teil B M.-Stalag IV B Mühlberg (Elbe)“ behandelt die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers. Ab Oktober 1939 kamen die ersten kriegsgefangenen Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade der polnischen Armee in das Lager bei Mühlberg. Sie wurden, weil „im Lager lediglich zwei Gebäude standen“ (S. 57) in Zelten „eingepfercht“, in denen sie „den schrecklichen Winter 1939/40“ erlebten. Ab Mai 1940 nahm das M.-Stalag IV B französische, ab April 1941 serbische und ab Juli 1941 sowjetische Kriegsgefangene auf. In das Lager wurden ab 1943 auch niederländische, italienische belgische, britische und US-Gefangene eingewiesen. Von September 1944 bis Frühjahr 1945 wurde das Kriegsgefangenenlager Mühlberg ein Vielvölkerlager. Für viele Gefangene war es eine Durchgangsstation in andere Lager bzw. zum Einsatz in Arbeitskommandos außerhalb des Lagers. Die letzte Lagerzählung am 1. Januar 1945 erfaßte 25.052 Insassen aus verschiedenen Nationen. Die größte Gruppe bildeten sowjetische Gefangene.

Kilian wertete zahlreiche Dokumente und Erinnerungsberichte ehemaliger Kriegsgefangener aus, führte mit Überlebenden Briefwechsel und konnte somit ein detailliertes „Lagermosaik“ über die Zustände im M.-Stalag IV B nachzeichnen. Ein Zahlenspiegel gibt Auskunft über die Gefangenenzahlen zu bestimmten Stichtagen zwischen 1942 und 1945. Mehr als 46000 Kriegsgefangene verschiedener Völker waren im Stalag IV B interniert. Kilian bezog auch das Gräberbuch und andere Dokumente über die Beerdigungen verstorbener Gefangener zwischen dem 4. November 1941 und 23. April 1945 in seine Analyse ein. Über 3000 Gefangene starben hier. In der Nacht zum 23. April 1945 endete das Lagerregime im Stalag IV B. Die Wehrmacht flüchtete vor der anrückenden Roten Armee.

Im „Teil C Spezialkommandantur“ berichtet Kilian über den weitgehend unbekannten Zeitraum zwischen der Auflösung des Stalag und der Inbetriebnahme des ehemaligen Lagergeländes als sowjetisches Speziallager. Nachdem die letzten Kriegsgefangenen das Stalag IV B verlassen hatten, wurde das unbewachte Lager zunächst von Bewohnern aus umliegenden Ortschaften geplündert. Ab Anfang Juni nutzte die „Arbeits-Einsatzstelle Mühlberg des Kommandanten der Roten Armee Mühlberg/Elbe“ das Lager für die Registrierung, Überprüfung und „Filtrierung“ von Sowjetbürgern. Über die Repatriierungstätigkeit der „Speziallkommandantur“ liegen jedoch keine aussagekräftigen Fakten und Zahlen vor.

Der inhaltlich zweite Schwerpunkt der Publikation ist „Teil D Speziallager Nº1 des NKWD/MWD der UdSSR“. Hier knüpft Kilian direkt an die oben genannte Veröffentlichung an. Er war u. a. auch Mitautor der Reihe „Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950. Band 1 Studien und Berichte“ (Akademie Verlag, Berlin 1998, S. 279-290.). Die Geschichte des sowjetischen Speziallagers Mühlberg wird jedoch gegenüber früheren Publikationen durch Archivalien, Berichte und Dokumente vertieft und ergänzt, die vorher noch nicht zur Verfügung standen.
Zur Einführung in das Kapitel schildert Kilian wesentliche Grundlagen der sowjetischen Sicherheitspolitik, insbesondere die Strukturen und Mechanismen zur „Sicherung des Hinterlandes“ bei und unmittelbar nach Kriegsende.

Im System der seit Mai 1945 errichteten Speziallager des NKWD in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands wurde das verlassene und zwischenzeitlich verwahrloste Lagergelände des ehemaligen Stalag bei Mühlberg im September 1945 der neue Standort für das bis dahin in Rembertów (bei Warschau) dislozierte Speziallager Nr. 1. Die sowjetischen Organe „SMERSCH“ und Operativgruppen des NKWD aus Sachsen und Sachsen-Anhalt wiesen nun verhaftete Deutsche in das Lager bei Mühlberg ein, bis 1948 ca. 21.800. Kilian setzt sich mit der Verhaftungspraxis der sowjetischen Organe, den Beschuldigungsgründen und den Statistiken der Lagerorgane über Verhaftete, Verstorbenen und Entlassene argumentativ auseinander.

Sein Hautaugenmerk gilt dem Nachweis, daß Mühlberg „weder ein Nazilager noch ein Internierungslager im Sinne der Anti-Hitler-Koalition“ war (S. 259). Ausführlich beschreibt er die Innenansichten des Lageralltags von Mühlberg: die vollständige Isolierung der Gefangenen von der Außenwelt, keinerlei Benachrichtigungen über das Schicksal der Verhafteten an Angehörige, ungenügende medizinische Versorgung, unzureichende Ernährung, überdurchschnittliche Krankheitsraten und eine hohe Sterberate (6765 in den Lagerakten erfaßte Todesfälle zwischen 1945 und 1948), die anonyme und unwürdige Beerdigung der Toten, die Unkenntlichmachung der Gräberfelder und andere Faktoren. Die Schilderung des „Lagermosaiks 1946/47“ (S. 286-307) ist äußerst faktenreich. Im Jahr 1946 wurden 2110 männliche Gefangene als Arbeitskräfte in die Sowjetunion verschickt und 415 Männer als Kriegsgefangene aus dem Lager entlassen. Bei Auflösung des Lagers im Jahr 1948 wurden bis zum 25. August über 7000 Personen entlassen. Für 3467 Männer und Frauen schlug nicht die Stunde der ersehnten Freiheit, sie wurden in das Speziallager Nr. 2 Buchenwald überstellt.

Die Entstehungsgeschichte des Buches ist enger mit dem Leben das Autors Achim Kilian verbunden, als es aus der Lektüre unmittelbar hervorgeht. Kilian, Geburtsjahrgang 1926, war nach Kriegsende Gefangener Nr. 80932 des sowjetischen Geheimdienstes NKVD-MVD im Speziallager Nr. 1 Mühlberg. Günter Heydemann hebt in seinem Nachwort zu dem Buch von Achim Kilian zu Recht hervor: „Die Leistung, als ehemaliger Gefangener über die Stätte der eigenen Leiden, vor allem aber auch so vieler Anderer ein Buch, noch dazu eine Gesamtdarstellung verfaßt zu haben, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden.“ (S. 376).

Das Buch verfügt über einen Anhang (Teil E: Dank, Abkürzungen, Literatur, Personenregister, Nachwort) und ist mit zum Teil unbekannten Fotos und anderen Abbildungen illustriert.

Zitation
Lutz Prieß: Rezension zu: Kilian, Achim: Mühlberg 1938-1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland. Köln u.a. 2001 , in: H-Soz-Kult, 27.02.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-901>.
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Veröffentlicht am
27.02.2002
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