Sammelrezension: Geschichte, Gedächtnis, Politik

Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. München : C.H. Beck Verlag 2007 ISBN 978-3-406-56202-0, 220 S., 11 Abb. € 19,90.

Diner, Dan: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht 2007 ISBN 978-3-525-35096-6, 128 S. € 14,90.

Traverso, Enzo: Gebrauchsanleitungen für die Vergangenheit. Geschichte, Erinnerung, Politik. Übersetzung aus dem Französischen von Elfriede Müller. Münster : Unrast Verlag 2007 ISBN 978-3-89771-470-0, 112 S. € 14,80.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Achim Saupe, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Drei neue Diskussionsbeiträge von Aleida Assmann, Enzo Traverso und Dan Diner zeugen davon, dass auch nach zwei Dekaden der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung die Beziehung von Geschichte, Gedächtnis und Politik spannungsreich bleibt – insbesondere wenn es um die Bedeutung des Holocaust geht. Während Aleida Assmann das Thema ihres gemeinsam mit Ute Frevert geschriebenen Buches „Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit“ und damit die deutsche Erinnerung an den Nationalsozialismus noch einmal aufgreift, setzen sich Traverso und Diner im erweiterten Sinn mit der Erinnerung an den Holocaust im „globalen Zeitalter“ auseinander.[1]

Aleida Assmann hat die Debatte über Geschichte und Gedächtnis in Deutschland maßgeblich angestoßen. In ihrem neuesten Buch verzichtet sie weitgehend auf theoretische und begriffliche Überlegungen. Assmann verfolgt hier die Dynamik der Generationenerfahrungen, die Geschichte im Familiengedächtnis und im öffentlichen, durch Architektur gestalteten Raum sowie schließlich die „inszenierte Geschichte“ in Museen und Medien. Damit umreißt sie einen Prozess „von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung“, wie es im Untertitel des Buches heißt. Ihr Ausgangspunkt sind Autoren wie Martin Walser, Hermann Lübbe und Karl Heinz Bohrer, die ein Zuviel an Nationalsozialismus und ein Zuwenig an facettenreicher deutscher Geschichte in der öffentlichen Erinnerung beklagt haben. So versucht Assmann einen „linken“ Postnationalismus zu überwinden, ohne dabei in „die Falle eines rechten Nationalismus zu tappen“ (S. 188).

Sie wählt zunächst einen generationenspezifischen Zugang. Die historischen Subjekte haben „ihre Geschichte in den Knochen“ und „reagieren lebenslänglich auf sie“ (S. 68), wie es anthropologisierend-strafrechtlich heißt. Generationen teilen Wissen und Meinung, Habitus und Erfahrung, und so begründet Assmann die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht politisch, sondern durch „Neu-Orientierung und Wertewandel“ in der Ablösung verschiedener Generationen. Sowohl im narrativen Nachvollzug der Vergangenheit in Familienromanen als auch in der Architektur als einem wichtigen Erinnerungsträger manifestiert sich Geschichte. Für die Zeit seit dem Fall der Mauer verweist Assmann auf die Möglichkeiten der Entstehung einer neuen, architektonischen und gedächtnisorientierten „Mitte“. Sie sieht die Gefahr, dass sowohl das Erbe der DDR-Architektur als auch die „Ungleichzeitigkeit“ als architektonisches Charakteristikum Berlins mit der städtebaulichen Rekonstruktion begraben werden könnte. Hier hat man indes den Eindruck, dass der integrative, aus dem politischen Diskurs vertraute Begriff der „neuen Mitte“ etwas unreflektiert auf die Geschichtskultur übertragen wird.

Geschichte, so Assmanns Diagnose, wird zunehmend zum Konsumerlebnis. Auf dem von ihr beobachteten „Geschichtsmarkt“ werden Identitäts- und Deutungsangebote wie warme Semmeln feilgeboten, um die bundesdeutsche „Identitätsaskese“ (S. 185) zu beheben. Etwas zu kurz kommt bei dieser Sicht die kritische und (im Sinne Droysens) diskussive Funktion der Historie, also das Bemühen der Historiographie und anderer, auch politischer Akteure, auf der Basis von konkurrierenden Gedächtnissen sowie anhand von Neuinterpretationen der Überlieferung Korrekturen an Geschichtsbildern einzufordern. So bleibt Assmanns Differenzierung, dass die politische Aneignung von Geschichte integrativ wirke, während die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung auf Distanz und Bewusstsein von Differenz ziele, letztlich vereinfachend (vgl. S. 194).

Was treibt nationale Gemeinschaften überhaupt an, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen? Neben dem Streben nach Identitätsvergewisserung ist dies für Assmann eine marktgerecht angepasste Neugier und die „ethische Pflicht“, sich zu erinnern – die freilich immer der Dynamik des Vergessens ausgesetzt bleibt. Die Herausforderung bestehe darin, „Züge einer Außenperspektive in das eigene Selbstbild“ zu übernehmen, um so zu einer wenn nicht universalistischen, aber doch „vergemeinschafteten“ Erinnerung zu kommen, die dazu angetan sei, getrennte Erinnerungen zusammenzuführen (vgl. S. 26f.). Im Gegensatz zu diesem wiederholt anzutreffenden Bemühen um Harmonisierung betont Assmann jedoch auch, dass bei der „Wiedererfindung der Nation“ (S. 180ff.) das Fragmentarische und Mehrgleisige anstelle von Einheitsvisionen im Vordergrund stehen müsse. So hinterlässt das souverän geschriebene Buch einen ambivalenten Eindruck.

Enzo Traversos Aufsatzsammlung „Gebrauchsanleitungen für die Vergangenheit“ trägt einiges zur Begriffsschärfung im Feld von Geschichte, Gedächtnis und Politik bei. So favorisiert Traverso etwa den Begriff der Erinnerung gegenüber dem Begriff des kollektiven Gedächtnisses, da sich die Erinnerung des zusammenfassenden Blicks der Wissenschaft erwehre und das kollektive Gedächtnis keineswegs gegeben, sondern konstruiert sei. Mit ihrem marxistischen Impetus und einer explizit an Traditionen der Kritischen Theorie anschließenden Denkhaltung sind Traversos Essays anregende „unzeitgemäße Betrachtungen“. Er versteht Geschichte als ein „Dispositiv von Herrschaft“, auch wenn sich die Geschichtsschreibung zunehmend demokratisiert habe (S. 20). Während die Geschichte einen äußeren Blick auf die vergangenen Ereignisse voraussetze und die Vergangenheit in einer geschlossenen zeitlichen Ordnung nach rationalen Verfahren fixiere, gebe die Erinnerung die Vergangenheit an die Gegenwart weiter und impliziere eine innere Beziehung zu den berichteten Fakten. Zur Auflösung der Differenz von Geschichte und Erinnerung fordert Traverso nun eine „kritische Empathie“ (S. 34), welche die Subjektivität der Erinnerung mit der kritischen Distanzierung der Geschichte verbinden solle.

Pointiert widmet sich Traverso den gesellschaftlichen Hauptrollen des Historikers als Richter und als Erzähler der Vergangenheit, ohne dabei die eigenständige Bedeutung der justiziellen Aufarbeitung zu vernachlässigen. Die „Verkettung von Geschichte, Erinnerung und Justiz“ sei „das Zentrum des öffentlichen Lebens“ (S. 69). Ziel seiner Argumentation ist es, die narrativen und literarischen Elemente der Geschichte anzuerkennen und gleichzeitig die historische Urteilskraft zurückzugewinnen. Noch einmal geraten dabei Hayden Whites Thesen über die „Fiktion des Faktischen“ und die Debatte über die Grenzen der Darstellbarkeit des Holocaust ins Blickfeld, wie sie zu Beginn der 1990er-Jahre geführt wurde.[2] Leider erkennt Traverso hier nicht, dass die damalige Debatte eine außerordentliche theoretische Schieflage hatte, denn White bestritt trotz seines problematischen Fiktionsbegriffes nicht, dass der historische Diskurs auf der Faktizität überlieferter Realitätspartikel aufbaut. Traversos Argumentation hätte es gut getan, stärker zwischen „Wahrheit“ und „Richtigkeit“, zwischen „Erzählung“ und „Interpretation“ zu differenzieren. Denn so ließe sich etwa mit James Young klarstellen, dass die Negationisten keine historisch-interpretierenden Narrative liefern und damit auch keine „Revisionisten“ im wissenschaftlichen Sinne sind, da sie die Faktizität des Holocaust gegen alle Evidenz schlichtweg bestreiten.[3]

Der politische Gebrauch der Vergangenheit führt Traverso dazu, sich mit der „Shoah als Alltagsreligion“ zu beschäftigen. Im Anschluss an die Kritische Theorie und Zygmunt Baumans Thesen zur Ambivalenz der Moderne sieht Traverso eine weiterhin bestehende negative Dialektik von Zivilisationsprozess, Moderne und Barbarei. Die Geschichte der Lager als rechtloser Räume (Giorgio Agamben) schreibe sich noch heute fort, wobei Traverso die Differenz von Konzentrations- und Vernichtungslagern und damit die Singularität der nationalsozialistischen Verbrechen hervorhebt. Die Gefahr bestehe heute weniger im Vergessen der Shoah, sondern in der Tendenz, dass sie „einbalsamiert und in Museen eingesperrt“ werde, womit ihr „kritisches Potential“ neutralisiert werde. Gleichzeitig werde sie als „negative Legitimation des liberalen Westens“ zur Stütze der „aktuellen Weltordnung“ eingesetzt. Denn die westliche Geschichtspolitik neige dazu, im Rückgriff auf den Holocaust „eine Art säkularer Theodizee zu bilden, die dem absolut Bösen gedenkt, um uns zu überzeugen, dass unser System das absolut Gute darstellt“ (S. 71). Das klingt zunächst postmarxistisch-verschwörerisch, wird jedoch bedenkenswert, wenn Traverso die politische Instrumentalisierung der Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erläutert (vgl. S. 71f.).

In zwei weiteren Aufsätzen erfolgt ein melancholischer Nachruf auf den aus der Erinnerung verschwundenen revolutionären und antifaschistischen Kommunismus und auf das romantische Bild des Guerilleros. Da Traverso von den Verbrechen des Kommunismus auffallend wenig spricht, tendiert er letztlich dazu, den Verlust einer kommunistischen Utopie als „Horizont der Hoffnung“ (S. 78) nicht nur zu konstatieren, sondern implizit auch zu beklagen. Sein Bemühen, gegen den antitotalitären Konsens und die Instrumentalisierung des Holocaust als „negative Legitimation“ der politischen Praxis anzuschreiben, mündet in den Versuch, den seit den 1980er-Jahren in die Krise geratenen Faschismusbegriff zu rehabilitieren. Doch gelingt es Traverso nur bedingt, das analytische Potential der Faschismustheorie gegenüber den Totalitarismustheoremen aufzuzeigen.

In seinem Essay „Gegenläufige Gedächtnisse“ widmet sich Dan Diner den Erinnerungen an den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg als transnationalen Gedächtnisorten, um sie schließlich vor dem Hintergrund der Dekolonisation zu beleuchten. Denn das blutige Vorgehen gegen ganze Bevölkerungsgruppen im Zuge der Dekolonisation scheine sich in der Erinnerung dem anzugleichen, „was die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in Europa vorgeführt hatten“ (S. 11). Während der Kalte Krieg als „Weltbürgerkrieg der Werte“ (S. 10) die Erinnerung an den Holocaust lange Zeit verdeckt habe, sei der Holocaust mit der Auflösung des Ostblocks zur Gedächtnisikone aufgestiegen, womit jedoch gleichzeitig die Umstände des Krieges nicht mehr ausreichend berücksichtigt worden seien. Dieses „Auseinandertreten von Krieg und Holocaust“ in der Erinnerung zeigt für Diner nun „die Tendenz eines ohnehin diagnostizierbaren Verfalls des geschichtlichen Denkens“ an (S. 9).

Allerdings hat die Zusammenführung der erinnernden Erzählungen über den Zweiten Weltkrieg und die Vernichtung der Juden eine längere, auch problematische Tradition. So unternahm Andreas Hillgruber in der Mitte der 1980er-Jahre den Versuch, die „Niederlage“ der Wehrmacht mit der Judenvernichtung als „Zweierlei Untergang“ zu parallelisieren, und vor einigen Jahren sorgte Jörg Friedrichs „Der Brand“ durch die sprachliche Angleichung von britischem Bombenkrieg und Holocaust für Aufregung.[4] Andererseits bemühten sich die „Wehrmachtsausstellungen“ um eine öffentlichkeitswirksame Neueinschätzung des Vernichtungskriegs und regten neue Forschungen über die Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust an. So kann von einer aktuellen „Aufspaltung des Erzählmodus von Krieg und Vernichtung“ (S. 9) nicht überzeugend gesprochen werden – weder ist die Beschreibung zutreffend noch die darin enthaltene Kritik zwingend.

In Auseinandersetzung mit Horkheimer, Adorno, Arendt und Agamben sieht Diner in der „Annullierung einer utilitaristisch verfassten Rationalität“ (S. 35) jenen Grund, der ihn veranlasst, vom Holocaust als „Zivilisationsbruch der Moderne“ zu sprechen: Der Holocaust bedeute das „Zerbrechen ontologischer Sicherheit“ und die Durchbrechung aller bisher „als gewiss erachteten ethischen und instrumentellen Schranken von Handeln“ (S. 13f.). In knappen Anmerkungen versucht Diner, qualitative Unterscheidungsmerkmale zwischen nationalsozialistischen und stalinistischen Verbrechen herauszuschälen. So sieht er einen wesentlichen Unterschied in der nationalsozialistischen Stigmatisierung der „nicht Zugehörigen“ im Gegensatz zu den „willkürlich“ ausgewählten „Klassenfeinden“ des Stalinismus, wobei er es jedoch versäumt, näher auf die zentralen ideologischen Hintergründe einzugehen (S. 59). Die unterschiedlichen Feindbilder würden sich in der Erinnerung an die Verbrechen spiegeln: Während in Deutschland der Holocaust „kollektiviert“ werde und als „Verbrechen der Nation“ erscheine, bestehe die Schwierigkeit der Auseinandersetzung mit den stalinistischen Verbrechen im postsowjetischen Russland darin, dass Opfer- und Täterschicksale dort oft genug in ein und derselben Familie vorhanden seien, und eine „solche Konfiguration macht das Erinnern schwer, ebenso schwer wie das Konstruieren eines kollektiv verpflichtenden Gedächtnisses“ (S. 60).

Diese Problemlagen innerhalb der kontinentalen Erinnerungen konfrontiert Diner in einem weiteren Schritt mit einer außereuropäischen Dimension. Der 8. Mai 1945 markiert nicht nur das Kriegsende in Europa, sondern ist auch das Datum des von französischen Kolonialtruppen begangenen Massakers an arabischen Muslimen im algerischen Sétif. Diners mäandrierende Argumentationen, die den Zerfall des französischen Résistance-Mythos im Algerienkrieg, den weltweiten Prozess der Dekolonisation sowie die Situation der jüdischen Bevölkerung in Nordafrika, im Nahen Osten und Mesopotamien seit 1940 umfassen, wollen die Singularität des Holocaust begreifbar machen. So sieht Diner den Unterschied zwischen Holocaust und „genozidalem“ Kolonialismus darin, dass trotz „aller Absolutheit der kolonialen Gewalt“ der Holocaust als „bloße Vernichtung jenseits von Krieg, Konflikt und Gegnerschaft“ zu deuten sei. Während der „Vernichtungstod [...] im Kern grundloser Tod“ sei, wolle die Kolonialmacht „‚pazifizieren’, nicht vernichten“ (S. 81).

Diner nennt damit ein mögliches, aber durchaus umstrittenes Unterscheidungsmerkmal zwischen Holocaust und kolonialen Genoziden. Zudem scheint er die eigens entworfene „Epistemik des Holocaust“ (S. 13ff.), die verschiedene Perspektiven der Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord unterscheidet, selbst nicht voll zu nutzen – sinnvoll wäre eine striktere Differenzierung von Opfer- und Täterperspektiven. Denn (unterschiedlich ausgeprägte) Verfolgungs- und Vernichtungsabsichten verweisen auf das ideologiegeleitete Handeln der Täter. Die Opferperspektiven hingegen verweigern sich einer solchen klaren Differenzierung: Sowohl auf der Ebene individueller Schicksale als auch in den Erinnerungsgemeinschaften der Opfer ist es äußerst problematisch, zwischen „begründeter“ und „unbegründeter“ Ermordung zu unterscheiden. So tendiert die „Grundlosigkeit“ der Ermordung der Juden bei Diner zu einem sinngebenden, durchaus sakralen Topos des Erinnerns, der Opfern von „genozidaler Gewalt“, aber auch anderen rassistisch Verfolgten augenscheinlich vorenthalten bleibt.

Vor dem Hintergrund des neuen muslimisch-arabischen Antisemitismus und Negationismus fragt Diner schließlich, ob die westliche Aufklärung andere Kulturen wie etwa die islamische dazu verpflichte, den Holocaust als Zivilisationsbruch anzuerkennen. Diner trifft diesbezüglich eine recht plakativ wirkende Unterscheidung zwischen der anthropozentrischen, aufgeklärten Kultur des Westens und einem theozentrischen, sakralen Weltverständnis der islamischen Welt. So weist er letzterer eine „verstellte Wahrnehmung“ zu – aufgrund einer verzögerten Säkularisierung und einer unzureichenden Profanierung der Lebenswelten, die es der islamischen Kultur nicht erlaube, die Bedeutung des Holocaust anzuerkennen (S. 104f.).

Diners Essay ist ein Plädoyer gegen die „anthropologisierende Wahrnehmung menschlichen Leids“ und gegen jene „menschenrechtliche Rhetorik“, die zur Universalisierung des Holocaust und seiner politischen Instrumentalisierung führe (S. 107f.). Im Gegensatz zu Traverso begreift Diner „Auschwitz“ nicht als Ausdruck einer der Aufklärung inhärenten Dialektik, sondern als einen radikalen Zivilisationsbruch. Die enge Anbindung der Erklärung des Holocaust an einen Bruch mit „Aufklärung“ und „Vernunft“ führt Diner dazu, den Holocaust als einen „vom Westen zu verantwortenden Genozid“ zu deuten, der nun als „von der westlichen Vernunft verursachte Moderne erinnert wird“ (S. 104). Wesentlich konsequenter wäre es in diesem Zusammenhang – und diese Kritik trifft auch auf Traverso zu –, die insbesondere aus der Kritischen Theorie entspringenden Metanarrative selbst in Frage zu stellen. Denn einerseits fragt es sich, ob der Holocaust überhaupt als westlicher Genozid „erinnert“ wird, da es sich hierbei schon um ein abstraktes Sinngebungsmuster der historischen Urteilskraft handelt, welches dem konkreten Erinnern an Schauplätze und Handlungen nachgeordnet ist. Zudem offenbaren solche Narrative ihre stark eurozentristische Sichtweise, wenn sie auf die Wahrnehmung des Holocaust in der muslimisch-arabischen Welt treffen. So muss gerade im Sinne der von Diner beschworenen „historischen Urteilskraft“ hervorgehoben werden, dass man keinesfalls gezwungen ist, den Holocaust in eine Rahmenerzählung des „Westens“, der „Aufklärung“ oder aber der „Moderne“ einzufügen.

In den streitbaren Essays von Assmann, Traverso und Diner bleibt der Holocaust das zentrale negative und singuläre Ereignis des 20. Jahrhunderts. Bei aller Verschiedenheit der Perspektiven bietet sich abschließend ein Vergleich der Erzählmodi an. So sind Diner und Traverso bemüht, mit dem Blick auf divergierende Gedächtnisorte und konkurrierende Erinnerungsgemeinschaften die Linearität historischer Meisternarrative und nationaler Erinnerungskulturen aufzubrechen. In der Form ihrer Essays spiegelt sich die verschlungene und verknüpfende Topik eines sich erinnernden und gleichzeitig reflektierenden Gedächtnisses, welches sich um die Herausbildung eines kritischen Geschichtsbewusstseins bemüht. Hingegen resultiert aus dem bei Assmann anzutreffenden Harmonisierungsbestreben deutscher Erinnerungslandschaften eine eher konventionelle Geschichtsschreibung, die das Fragmentarische zwar anerkennt, gegenläufige Erinnerungen durch einen souveränen Erzählgestus aber unfreiwillig glättet. Doch gerade solche inneren Widersprüche können zur weiteren Diskussion anregen.

Anmerkungen:
[1] Assmann, Aleida; Frevert, Ute, Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999; Levy, Daniel; Sznaider, Natan, Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001.
[2] Vgl. dazu die Beiträge von Hayden White und Carlo Ginzburg in: Friedländer, Saul (Hrsg.), Probing the Limits of Representation. Nazism and the „Final Solution“, Cambridge 1992.
[3] Young, James E., Hayden White, postmoderne Geschichte und der Holocaust, in: Stückrath, Jörn; Zbinden, Jürg (Hrsg.), Metageschichte. Hayden White und Paul Ricœur. Dargestellte Wirklichkeit in der europäischen Kultur im Kontext von Husserl, Weber, Auerbach und Gombrich, Baden-Baden 1997, S. 139-167.
[4] Hillgruber, Andreas, Zweierlei Untergang. Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums, Berlin 1986; Friedrich, Jörg, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945, Berlin 2002.

Zitation
Achim Saupe: Rezension zu: Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. München 2007 / Diner, Dan: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust. Göttingen 2007 / Traverso, Enzo: Gebrauchsanleitungen für die Vergangenheit. Geschichte, Erinnerung, Politik. Übersetzung aus dem Französischen von Elfriede Müller. Münster 2007 , in: H-Soz-Kult, 11.04.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9950>.
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11.04.2008
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