Redaktionsnotiz: Review Symposium zu Adam Tooze, "Sintflut: Die Neuordnung der Welt 1916-1931"

Von
Redaktion H-Soz-Kult

Liebe Leserinnen und Leser von H-Soz-Kult,

im vergangenen Jahr beschäftigte uns Historiker wie auch die historisch interessierte Öffentlichkeit vor allem der Beginn des Ersten Weltkriegs, der sich zum hundertsten Mal jährte. H-Soz-Kult hat sich der beachtlichen Zahl von Neuerscheinungen zur Geschichte des Ersten Weltkriegs mit einer Reihe von Sammelrezensionen angenommen.[1] Nun veranstalten wir ein Review Symposium zu einem vieldiskutierten Buch, das sich primär mit den Konsequenzen dieses Krieges beschäftigt: In Adam Toozes „Sintflut“ geht es um die „Neuordnung der Welt 1916-1931“, so der Untertitel des Werks. In fünf Rezensionen werden Jörg Baberowski (Humboldt-Universität zu Berlin), Rüdiger Graf (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Peter Hoeres (Universität Würzburg), Adelheid von Saldern (Universität Hannover) und Michael Wala (Universität Bochum) unterschiedliche Perspektiven auf das Buch werfen – wobei sie durchaus zu unterschiedlichen Einschätzungen und Urteilen gelangen.

Erklärungsbedürftig erscheint es uns schon, warum aus einer Sintflut eine neu geordnete Welt hervorgehen soll. Der Siedler-Verlag, der zur Verlagsgruppe Random House GmbH gehört, bewirbt den Inhalt des Bandes deshalb folgendermaßen: „Wie eine Sintflut riss der Erste Weltkrieg die alte Ordnung hinweg, wirbelte gesellschaftliche, politische und ökonomische Vormachtstellungen durcheinander, ließ ganze Reiche zerbrechen und neu entstehen. In einem weltumspannenden Panorama beschreibt Adam Tooze die fundamentalen Verschiebungen der Zwischenkriegszeit und legt dar, wie fatal sich vor allem die Rolle der USA auswirkte: Die neue Weltmacht scheiterte letztlich daran, dauerhaft für Frieden zu sorgen.“[2] 1916, so Tooze, begann das „amerikanische Jahrhundert“, in dem wir immer noch leben. Die amerikazentrische liberale Weltordnung mit einer auf wirtschaftlicher Macht gegründeten Hegemonie der USA sieht Tooze bereits ab diesem Jahr im Entstehen begriffen. Und diese neue Weltordnung als Resultat des Ersten Weltkriegs sei vor allem durch ein Element gekennzeichnet: die „offizielle Abwesenheit“, aber „effektive Anwesenheit“ der Vereinigten Staaten von Amerika. Die sozialen und ökonomischen Schockwellen, die der Erste Weltkrieg und seine Folgen rund um den Globus auslösten, bilden das Kernstück der Studie. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis und Zusammenwirken politischer und ökonomischer Entwicklungen. Aber ob Tooze die Geschehnisse in Großbritannien, Frankreich, China, Japan, Russland, Italien oder Deutschland referiert – der Bezugspunkt bleiben stets die Vereinigten Staaten, deren (primär) ökonomische Macht als entscheidender Faktor für die entstehende Weltordnung angenommen werden müsse. Die USA interpretiert Tooze als „Überstaat“, an dem sich zwar alle abarbeiten mussten, deren Hegemonie aber nicht mehr anzugreifen war.

Tooze liefert damit eine Neuinterpretation der „Zwischenkriegszeit”, deren Einheit er ebenso infrage stellt wie ihre Abgeschlossenheit. Nicht alles hieran ist neu – Tooze kann an Detlev Peukerts Weimar-Deutung, man dürfe Weimar nicht vom Ende her denken, ebenso anknüpfen wie an mindestens zwei Jahrzehnte neuerer kulturgeschichtlicher Forschungen zur Nachkriegsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Von etablierten Deutungen setzt Tooze sich vor allem ab, indem er konsequent transnational denkt und politische wie ökonomische Entwicklungen in ungewohnter Weise miteinander verschränkt. Damit lädt das Buch ein, über die Entstehungsbedingungen sowie die Neben- und Nachwirkungen der Formierung eines globalen Systems zunehmender politischer und ökonomischer Interdependenzen nachzudenken, ja mithin über die liberale Demokratie selbst. Dass dies nicht ohne Kontroversen, zumindest aber Widerspruch bleibt, zeigen sowohl die bisherigen Besprechungen der Original-Ausgabe als auch die Beiträge unseres Review-Symposiums.

Auch im Hinblick auf die Frage, wie sich Weltgeschichte und die Herausbildung einer neuen interdependenten Weltordnung erzählen lässt, regt Toozes Buch zur Diskussion an. In „Sintflut“ schreibt der Autor eine Geschichte „großer weißer Männer“, während Akteure aus dem globalen Süden und zeitgenössische Wahrnehmungen breiter Bevölkerungsteile weitgehend ausgeblendet werden. Diesen Punkt griffen unsere Beiträger/innen ebenso auf wie zahlreiche Rezensent/innen der englischen Originalausgabe „The Deluge“.

Vor seinem Wechsel an die Yale University, wo er seit 2009 u.a. moderne deutsche Geschichte lehrte, und an die Columbia University in New York im Sommer 2015 hat sich Adam Tooze als Wirtschaftshistoriker vor allem mit Fragen der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Einschlägig bekannt wurde Tooze mit seinen beiden Monographien „Statistics and the German State, 1900–1945. The Making of Modern Economic Knowledge” (Cambridge u.a. 2001) und „The Wages of Destruction: The Making and Breaking of the Nazi Economy” (London u.a. 2006), letzterer Band ist 2008 auch in deutscher Übersetzung erschienen.[3]

In den englischsprachigen Feuilletons wurde „The Deluge“ nach seinem Erscheinen 2014 breit und vorwiegend lobend diskutiert.[4] Dass unser H-Soz-Kult Symposium ausschließlich mit deutschsprachigen Kollegen bestückt ist, liegt aber nicht daran, dass die angloamerikanische Debatte bereits erschöpft wäre; diese Tatsache ist eher den Unwägbarkeiten geschuldet, unter denen ein solches Symposium entsteht. Ihnen allen wünschen wir eine anregende Lektüre. Auf Ihre Reaktionen sind wir gespannt. Die Redaktion ist offen für weitere Beiträge und Anregungen von Seiten interessierter Leserinnen und Leser von H-Soz-Kult. Scheuen Sie sich deshalb nicht, Diskussionsbeiträge einzusenden.

Für die Redaktion von H-Soz-Kult
Jürgen Dinkel, Rüdiger Hohls, Jörg Neuheiser, Kai Nowak und Claudia Prinz

22.10.2015:
Jörg Baberowski: Rezension zu: Tooze, Adam: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931. München 2015

23.10.2015:
Adelheid von Saldern: Rezension zu: Tooze, Adam: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931. München 2015

27.10.2015:
Michael Wala: Rezension zu: Tooze, Adam: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931. München 2015

30.10.2015:
Peter Hoeres: Rezension zu: Tooze, Adam: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931. München 2015

02.11.2015:
Rüdiger Graf: Rezension zu: Tooze, Adam: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931. München 2015

Anmerkungen:
[1] Neben vielen Einzelbesprechungen sei hier auf folgende Sammelrezensionen hingewiesen: Anita Prettenthaler-Ziegerhofer: Sammelrezension: Geschlechtergeschichte des Ersten Weltkrieges, in: H-Soz-Kult, 06.05.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22216>; Andreas Rose: Sammelrezension: Ein neuer Streit um die Deutungshoheit?, in: H-Soz-Kult, 30.07.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21344>; Wolfgang Elz: Sammelrezension: Gewalt im Ersten Weltkrieg, in: H-Soz-Kult, 31.07.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22448>; Hans Rudolf Wahl: Sammelrezension: Neuere Gesamtdarstellungen des Ersten Weltkriegs, in: H-Soz-Kult, 05.09.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22260>; Thomas Birkner: Sammelrezension: 1913, in: H-Soz-Kult, 30.10.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21820>; Daniel Gerster: Sammelrezension: Christliche Religion und Erster Weltkrieg, in: H-Soz-Kult, 05.02.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23433>; Bert Freyberger: Sammelrezension: A. Roerkohl (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg, in: H-Soz-Kult, 24.03.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23288>; Thorsten Logge: Sammelrezension: Eine Stadt im Krieg. Bremen 1914–1918, in: H-Soz-Kult, 21.04.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23023>; Ulrich Schnakenberg: Sammelrezension: Der Erste Weltkrieg in der Karikatur, in: H-Soz-Kult, 23.07.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24671>.
[2] Siehe unter <http://www.randomhouse.de/Buch/Sintflut-Die-Neuordnung-der-Welt-1916-1931/Adam-Tooze/e240744.rhd?mid=1&serviceAvailable=false#tabboxbbox>.
[3] Siehe dazu André Steiner: Rezension zu: Tooze, Adam: The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy. London 2006, in: H-Soz-Kult, 01.11.2006, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8114>.
[4] Siehe beispielsweise die Rezensionen: Ben Shephard: The Deluge review – Adam Tooze's bold analysis of the Great War, in: The Guardian, <http://www.theguardian.com/books/2014/jun/01/the-deluge-the-great-war-remaking-global-order-review-bold-analysis-adam-tooze>; Gary J. Bass: “The Deluge,” by Adam Tooze, in: The New York Times, <http://www.nytimes.com/2014/11/16/books/review/the-deluge-by-adam-tooze.html?_r=1>; Kathleen Burk: Adam Tooze. The Deluge: The Great War, America and the Remaking of the Global Order, 1916–1931, in: The American Historical Review, <http://ahr.oxfordjournals.org/content/120/3/958.extract>; Stephen A. Schuker: the Price of Freedom. The U.S. secured global pre-eminence in the wake of Workd War I in part through its grip on finance, <http://www.wsj.com/articles/book-review-the-deluge-by-adam-tooze-1416000347>; Steve Donoghue: Book review: “The Deluge, the post-World War I global order, by Adam Tooze, <https://www.washingtonpost.com/entertainment/books/book-review-the-deluge-the-post-world-war-i-global-order-by-adam-tooze/2014/12/19/181b9cfe-70ee-11e4-ad12-3734c461eab6_story.html>; John Ikenberry: The Deluge: The Great War, America and the Remaking of the Global Order, 1916–1931 by Adam Tooze, in: Foreign Affairs, <https://www.foreignaffairs.com/reviews/capsule-review/deluge-great-war-america-and-remaking-global-order-1916-1931>.

Zitation
Redaktionsnotiz: Review Symposium zu Adam Tooze, "Sintflut: Die Neuordnung der Welt 1916-1931", in: H-Soz-Kult, 22.10.2015, <www.hsozkult.de/text/id/texte-2859>.
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Veröffentlicht am
22.10.2015
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