HT 2021: Deutungskämpfe über Reichtum im 20. Jahrhundert: Die feinen Unterschiede der feinen Leute

HT 2021: Deutungskämpfe über Reichtum im 20. Jahrhundert: Die feinen Unterschiede der feinen Leute

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Ort
hybrid (München)
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.10.2021 - 08.10.2021
Von
Lisa Eiling, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Wie bereits im Titel der von Eva Maria Gajek (Gießen) und Alexandra Przyrembel (Hagen) geleiteten Sektion angedeutet, bildeten Thorstein Veblens Theorie der feinen Leute und Pierre Bourdieus Theorie der feinen Unterschiede die theoretische Klammer, um unterschiedlichen Deutungskämpfen über Reichtum im 20. Jahrhundert exemplarisch nachzuspüren.[1] Mit Gewinn stellte die Relektüre beider Werke die drei Vorträge zur New Yorker High Society und ihrem Verhältnis zu den aufkommenden Massenmedien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Juliane Hornung), zur Repräsentation von Reichtum in der DDR (Jens Gieseke) und zur Frage nach moralischen Aufladungen von Reichtum in der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika (Hubertus Büschel) in einen analytischen Zusammenhang. Wie zwischen den Themen der Sektionsbeiträge lagen, so die Organisatorinnen, auch zwischen Veblens und Bourdieus Werken Kontinente und Jahrzehnte. Während Veblens Argumentation sich auf die US-amerikanische Oberschicht der 1890er-Jahre bezog, beanspruchte Pierre Bourdieus Theorie achtzig Jahre später Gültigkeit für alle Klassen der französischen Gesellschaft der 1970er-Jahre. Indem die Beiträge sich auf die Gemeinsamkeit beider Studien konzentrierten, dass sie einen engen Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und Lebensstil beobachteten, erwiesen sie sich als eine geeignete Folie für die Untersuchung von Deutungskämpfen über Reichtum in ganz unterschiedlichen Phasen, Gesellschaften und politischen Systemen des 20. Jahrhunderts.

In der Einführung der Sektionsleiterinnen stellte ALEXANDRA PRZYREMBEL Thorstein Veblen als einen „anthropologischen Flaneur“ vor, dessen Beschreibungen auf Beobachtungen des Alltäglichen und auf direkter Anteilnahme basierte. Trotz seines anthropologischen Determinismus und seiner Zeitgebundenheit im Kolonialismus, die eine Dekolonisierung einfordere, sei der Text durch seine Beschreibung der Entstehung einer „vornehmen Klasse“ für die Untersuchung von Reichtum anregend, nicht zuletzt, weil Veblen den „demonstrativen Konsum“ als eines ihrer charakteristischen Merkmale festhielt.

EVA MARIA GAJEK verwies in ihrer Einführung zum weitaus bekannteren „Klassiker der Soziologie“, dass Bourdieus „feinen Unterschiede“ ebenfalls fest in der Zeit seiner Beobachtung verankert waren, in der soziale Ungleichheit intensiv diskutiert wurde, Bourdieu aber im Vergleich zu Veblen nicht selbst der Oberschicht entstammte und dadurch einen distanzierteren Standpunkt der Beobachtung einnahm, den er in seiner soziologischen Selbstbeschreibung reflektierte. Für Bourdieu hätten im Gegensatz zu Veblen die Distinktionsmechanismen unterbewusst im Habitus und nicht unbedingt über intentional demonstrativen Konsum stattgefunden, der eine zentrale Kategorie in der Analyse von Deutungskämpfen um Reichtum sei.

Gajek und Przyrembel machten in ihrer Einführung vier Themenfelder aus, die die drei Vorträge im Sinne ihrer kombinierten Lektüre Bourdieus und Veblens miteinander in Beziehung setzten. Zunächst warfen sie Fragen erstens nach der Medialisierung und zweitens nach der Vermessung von Reichtum auf. Drittens betonten sie die transnationale Perspektive und schließlich die Bedeutung der politischen Ordnung. Sie fragten dabei nach der Bedeutung von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Reichtum und interessierten sich für Fragen nach der Messbarkeit und Legitimität von Konsum: „Welche Rolle spielt das Verhältnis von Arbeit und Leistung in der Bewertung von Statusgewinnen? Welcher Referenzrahmen wird gesellschaftlich festgelegt? Wer legt diesen, aber auch die Grenzen der Messkategorien fest? Wie umkämpft sind sie? Und vor allem wer kämpft um sie?“ Brachten die transnationalen Strategien der Sichtbarmachung von Reichtum und Distinktion ein neues Kollektiv jenseits des Nationalstaats hervor und inwieweit waren diese Sichtbarmachungen verkoppelt mit der jeweiligen politischen Ordnung? Diesen umfangreichen Fragekomplexen gingen die Vorträge anhand ihrer ganz unterschiedlichen Untersuchungsgegenstände nach.

JULIANE HORNUNG stellte im ersten Vortrag anschließend die These auf, dass in der Zeit um 1900 eine neue soziale Gruppe entstanden sei, deren Macht „nicht mehr nur auf Vermögen basierte, sondern vor allem auf massenmedialer Sichtbarkeit: die High Society.“ Die wesentlichen Unterschiede im Verhältnis von Status, Vermögen und medialer Sichtbarkeit machte sie in einer weitaus größeren Prekarität der Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe als in der älteren Upper Class aus, womit aber zugleich ein inklusiveres Aufstiegsversprechen einhergegangen sei. Dabei spielte in Hornungs Argumentation die Gesellschaftsberichterstattung in der Presse eine entscheidende Rolle. Die Bezeichnung „High Society“ gebrauchte sie nicht nur als Quellen-, sondern auch als einen analytischen Begriff, der eine „relationale Beziehung“ beschreibe, die sich nicht in einem statischen „oben“ und „unten“ erschöpfe, sondern ein „dynamischeres Spannungsverhältnis“ von „in“ und „out“ miteinschließe. Einen besonderen Fokus legte Hornung in ihrem Vortrag auf die Bedeutung der Frauen für die High Society, auf deren Aussehen und Konsumverhalten sich die massenmediale Berichterstattung konzentrierte. Mit der Entstehung dieser neuen sozialen Gruppe hätten sich somit die gesellschaftlichen Deutungskämpfe um die gesellschaftliche Verteilung von Vermögen auf vermeintlich individuelle Eigenschaften von Einzelpersonen wie Alter, Körper und Geschmack verschoben, Vermögen sei in der High Society vor allem in den und für die Medien zur Schau gestellt worden.

JENS GIESEKE griff in seinem Vortrag auf eine „gewissermaßen ‚transponierende‘“ Re-Lektüre Veblens und Bourdieus zurück, um die Theorie der feinen Leute und die feinen Unterschiede auf die Anwendbarkeit auf die DDR zu befragen. Beide Werke stellten nach Gieseke ein Instrumentarium bereit, die Fragen nach einem „Oben“ und „Unten“, das entlang von Einkommen und Vermögen voneinander abgegrenzt ist, um eine Dimension „damit verknüpfter, aber ggf. darüber hinausgehender Distinktion und Differenz“ zu ergänzen. Insbesondere für nicht-kapitalistische Gesellschaften mit einer geringeren materiellen Differenz würden sich daraus erweiterte Perspektiven eröffnen, in die er anhand von Lebensstil und Werteorientierung der DDR-Funktionärsschicht einen Einblick gab. Dabei stellte er fest, dass Bourdieus Argument von der Konvertibilität von ökonomischem, kulturellem und sozialen Kapital fraglos einen wesentlichen Schlüssel geliefert habe, um die Reproduktionsmechanismen der oberen Schichten des Staatssozialismus zu analysieren, erscheine eine Anwendung von Veblens „Theorie der feinen Leute“ auf den Staatssozialismus zunächst kontraintuitiv. Veblens Unterscheidung einer „müßigen“ Oberklasse zu einer auf körperliche Arbeit festgelegten Unterklasse laufe mit Blick auf den positiven Arbeitsethos der DDR-Gesellschaft, der zur „habituellen Grundausstattung“ auch der Funktionärsschicht gehörte, zunächst ins Leere. Die bei Veblen ebenfalls bedeutsame charakteristische Unterscheidung von „Plackerei und Heldentum“ für die Entwicklung von Klassenunterschieden lasse sich dagegen durchaus auf die privilegierte Schicht der Militärs, Polizisten und Geheimdienstler anwenden, die als ehrenhafte „Kämpfer“ zur Verteidigung des Staatssozialismus eine zentrale Stellung im Wertgefüge der kommunistischen Partei einnahmen. Gieseke machte anschließend einige erhellende Bemerkungen zu dem „eigentümlichen Regime von Sichtbarkeit und Verstecken“, das die besondere Konstellation der Distinktionsmechanismen in der vermeintlich auf Gleichheit basierenden staatssozialistischen Gesellschaft hervorbrachte. Beispielhaft sei hier die Leidenschaft höherer SED-Funktionäre für die Jagd genannt, die nach Gieseke eine ganze Reihe von Assoziationen zuließen, die sich mit Veblens Gedanken zur Bedeutung des „Heldentums“ deckten: Verbrüderung, eine generelle Networking-Funktion, standesgemäße Begegnungen mit westdeutschen Industriellen und die Sublimierung der SED-Gewaltkultur in die bewaffnete Freizeitbeschäftigung. Im Licht der Theorien Veblens und Bourdieus charakterisierte Gieseke zusammenfassend einen „hybriden Lebensstil“ der staatssozialistischen Oberschicht, der sich durch eine dezidierte Arbeiterlichkeit, militärisch aufgeladene Distinguiertheit speiste, und sich an den Wohlstandsmaßstäben der oberen Mittelklasse des Westens orientierte.

Am Beispiel eines der „Musterdörfer“ der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, Agou-Nyongbo in Togo, lenkte HUBERTUS BÜSCHEL den Blick schließlich nach Afrika und auf die Deutungskämpfe um den (nicht) erlaubten Reichtum in den afrikanischen Entwicklungsvorhaben der 1960er-Jahre. Der Vortrag stellte die entgegengesetzten Deutungen des raschen Verfalls des einstigen Vorzeigeprojekts gegenüber, dessen tragendes Konzept gewesen sei, dass die Dorfbewohner:innen zukünftig nachhaltig pflegen und bewahren würden, was sie zuvor mit ihren eigenen Händen geschaffen hätten. Während der Ideengeber für das Musterdorf Otto Schnellbach das Scheitern seiner Idee von der Hilfe zur Selbsthilfe mit rassistischen Zuschreibungen wie Geldgier und Begriffsstutzigkeit erklärte, warf der Dorfvorsteher den Entwicklunghelfer:innen vor, die verlangte unbezahlte Arbeit gliche „kolonialer Zwangsarbeit“, und „selbst in Kolonialzeiten“ hätten die Deutschen mehr investiert. Büschel charakterisierte die Unvereinbarkeit zwischen den Forderungen der Empfänger:innen von Entwicklungshilfe nach westlichem Wohlstand und der Empörung der Entwicklungshelfer:innen als zentralen Grundkonflikt der postkolonialen Entwicklungszusammenarbeit, die, so Büschel, alles als unmoralisch ansah, das über existentielle Lebenssicherung, Naturschutz, Hebung des Bildungsstandes und der Senkung der Kindersterblichkeit hinausging. Den Ursprung dieser Vorstellungen sah der Referent in dem Dogma einer „protestantischen Ethik“, der gemäß Wohlstand lediglich durch eigenen Fleiß erworben und niemals verschwenderisch sein dürfe. Zentrale Moralisierungen sah Büschel darüber hinaus im westlichen Anprangern von Korruption und Ausbeutung innerhalb der afrikanischen Gesellschaften, sowie in der Kritik der „Verwestlichung“ lokaler Eliten. Dabei machte er überzeugend deutlich, dass ostentativer Reichtum als strukturell besonders hinderlich für eine erfolgreiche Entwicklungshilfe angesehen wurde. Abschließend bemerkte Büschel, dass in den Deutungskonflikten über Reichtum in der postkolonialen Entwicklungszusammenarbeit die Forschung zur differenzierteren sozialen Bedeutung von Wohlstand und Reichtum in den betreffenden Regionen keine Berücksichtigung fänden und regte an, eurozentristische, moralisierende Konzepte von Vermögen und Reichtum zu „dezentrieren“ und stattdessen nach ausgeblendetem und unterdrücktem Wissen zu fragen.

JÜRGEN KOCKA (Berlin) hob in seinem Kommentar als gemeinsame Stärke der Beiträge hervor, dass sie in ihren Verbindungen von sozial- und kulturgeschichtlichen Ansätzen nicht nur ein „herausgehobenes Oberschichtverhalten“ in den Fokus rückten, sondern durch eine differenziertere Betrachtung des Darstellens und Versteckens von Reichtum das Verhältnis von Oberschicht und Gesamtgesellschaft in den Blick bekämen. In seinen Rückfragen an die Referent:innen regte er in Bezug auf das übergeordnete Thema des Historikertages und der Sektion an, noch einmal im Sinne der Sektion etwas stärker auf umkämpfte Aspekte der Deutungen von Vermögen und Reichtum einzugehen. Gab es Momente des Prostests, der öffentlichen oder subversiven Kritik und des Widerstands gegen das jeweilige Darstellen und Verbergen von Reichtum? Ließen sich im Diskurs über die High Society im Amerika der Jahrhundertwende, anhand des „guten Lebens“ der Elite im Staatssozialismus und auch innerhalb der lokalen Bevölkerung in Togo während der 1960er-Jahre „innergesellschaftlichen Frontlinien“ ausmachen, entlang derer Deutungskämpfe um Reichtum geführt wurden? Und wie ließen sich schließlich gesellschaftliche Verteilungs- oder Interessenskonflikte und Deutungskämpfe um die Repräsentation von Reichtum voneinander abgrenzen?

Teilweise aus technischen, teilweise aus zeitlichen Gründen konnte das Panel diesen Fragen nicht mehr in einer ausführlicheren Diskussion nachgehen, die einvernehmlich als sicherlich gewinnbringend erachtet wurde. Während Juliane Hornung in ihrem Schlussbeitrag grundsätzlich keine Unterscheidung zwischen materiellen Verteilungs- und diskursiven Deutungskonflikten vornehmen wollte, weil Vermögensunterschiede ihrer Ansicht nach immer erst gedeutet werden müssten, um wahrgenommen und als Problem betrachtet zu werden, ließ Hubertus Büschel jene Frage als interessante Anregung offen. Aktuelle Beispiel wie die Debatte um die Restitution afrikanischer Kunst- und Kulturgüter, und auch das Panel selbst machten deutlich, dass es offenbar kaum möglich ist, in einer nicht von Vornherein deutenden Weise auf Reichtum zu schauen. Solange der bildungsbürgerliche Blick auf reiche Personen eng mit der kritisch-verdächtigenden Frage nach dem Ursprung und der Legitimität ihres Vermögens besetzt, und an bestimmte Vorstellungen gebunden sei, bleibe Reichtum zwangsläufig untrennbar mit Deutungskämpfen verknüpft.

Sektionsübersicht:

Eva Maria Gajek (Gießen)/ Alexandra Przyrembel (Hagen)

Eva Maria Gajek (Gießen) Alexandra Przyrembel (Hagen): Die feinen Unterschiede der feinen Gesellschaft(en) – eine Einführung

Juliane Hornung (Köln): Gesellschaftsformierung im Zeichen der Massenmedien. Die New Yorker High Society in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Jens Gieseke (Potsdam): Reich sein im Staatssozialismus. Lebensstile zwischen Arbeiterlichkeit und Distinktion

Hubertus Büschel (Kassel): Der (nicht) erlaubte Reichtum: Deutungskämpfe, Moral und Schuld in der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika

Jürgen Kocka (Berlin): Kommentar

Anmerkung:
[1] Pierre Bourdieu, La distinction. Critique sociale du jugement, Paris 1979; Thorstein Veblen, The theory of the leisure class. An economic study in the evolution of institutions, New York/London 1899.