Antisemitismus in der (post)migrantischen Gesellschaft

Antisemitismus in der (post)migrantischen Gesellschaft

Organisatoren
Lennard Schmidt / Salome Richter / Andreas Borsch / Marc Seul / Luca Zarbock / Dorothea Seiler / Luisa Gärtner, Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung, Trier
Ort
Trier
Land
Deutschland
Vom - Bis
24.02.2022 - 24.02.2022
Von
Luca Zarbock, Initiative Interdisziplinäre Antisemitismusforschung, Universität Trier

Das Ziel der Konferenz sei es, die Vielschichtigkeit der (post)migrantischen Gesellschaft und ihrer Akteurskonstellationen zu beleuchten, ohne einer rechten Vereinnahmung der Antisemitismuskritik Vorschub zu leisten oder Antisemitismus unter Muslim:innen zu verharmlosen, so LUCA ZARBOCK (Trier) im Grußwort der Organisator:innen. Im Vorfeld der Konferenz waren die Beiträge der Referent:innen bereits in einem Reader zusammengefasst und den Teilnehmenden zur Verfügung gestellt worden, weshalb nach kurzen Inputreferaten der Austausch und die Diskussionen über die Gegenstände der jeweiligen Panels im Zentrum der Veranstaltung stand.

Das erste Panel widmete sich einer Bestandsaufnahme antisemitischer Akteur:innen. Hier konstatierten PAVEL BRUNSSEN (Michigan) und LASSE MÜLLER (Frankfurt am Main), dass dem Fußballverein RB Leipzig wie keinem anderen das Existenzrecht abgesprochen werde. Der Verein zerstöre aus der Sicht vieler Fans den Sport an sich, daher sei die Zusammenarbeit unterschiedlichster Fanszenen zur Bekämpfung des gemeinsamen Feindes erforderlich.

CHARLOTTE WIEMANN (Berlin) stellte heraus, dass für die Erarbeitung von Präventionsstrategien in Bezug auf Antisemitismus eine gemeinsame Basis und eine Diskussion über Antisemitismusdefinitionen notwendig sei. Gleichzeitig kritisierte sie, dass es oft bloß um die Verteidigung der eigenen Standpunkte statt um die inhaltliche Auseinandersetzung gehe.

Hinsichtlich des Phänomens der völkischen Siedler hielt RUBEN OBENHAUS (Oldenburg) fest, dass darunter ein breites Spektrum zu fassen sei, das durch Antisemitismus und Antimodernismus verbunden sei. Im Gegensatz zur als jüdisch konnotierten Stadt stehe der ländliche Raum und das Naturhafte für das Gute und Reine.

In der Diskussion wurde festgehalten, dass die Kategorie „Raum” in allen Beiträgen eine enorme Bedeutung habe. Darunter falle beispielsweise die Architektur von Stadion und Fußballspiel genauso wie die Frage, wer am öffentlichen Raum partizipiert und wer ausgeschlossen wird. Auch sei der ländliche Raumes für die Auslebung rechtsradikaler Ideologien bedeutsam.

Das zweite Panel zeichnete Kontinuitätslinien des Antisemitismus in der (post)migrantischen Gesellschaft nach. Hier wurde im Rahmen des Vortrags von STEFAN VENNMANN (Essen) eine Parallele zwischen Aleida Assmanns Rede von Deutschland als geläuterter Nation, die einen identitätsstiftenden Grundpfeiler der Neu-Konstituierung eben dieser darstelle, und dem christlichen Büßerstolz gezogen. Ebenfalls zeige sich diese Vorgehensweise in Migrationsdiskursen, wenn angenommen werde, man müsse Migrant:innen die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus beibringen.

THURE ALTING und BENNY MOMPER (Wiesbaden) betonten hingegen die identitätsstiftende Funktion der affirmativen Bezugnahme auf einen kleinen emanzipatorischen Flügel in der vornationalsozialistischen Zeit für die Soziale Arbeit, wobei es nach 1945 weder zu einer verstärkten Beschäftigung mit Antisemitismus noch zu einer Auseinandersetzung mit den ideologischen Anknüpfungspunkten der Sozialen Arbeit zum Nationalsozialismus gekommen sei.

Die anhaltende Popularität der „Protokolle der Weisen von Zion” führte BENJAMIN DAMM (Leipzig) auf die sie umgebende Aura und den dadurch auch ohne die tatsächliche Lektüre entstehenden Lustgewinn für die Rezipient:innen zurück. Für die Entzauberung des Textes sei eine mit Vor- und Nachbereitung verbundene Beschäftigung im Unterricht mit dem konkreten Dokument sinnvoll.

In der Diskussion schlug Sebastian Winter vor, den eine aufgabenbezogene Distanziertheit implizierenden Begriff „Aufarbeitung” durch den Begriff „Durcharbeiten” zu ersetzen. Pavel Brunssen plädierte für das Wort „Erinnerungarbeit”. Allgemein wurde die enorme Bedeutung der kritischen Beschäftigung mit Begriffen betont.

Im Zentrum des dritten Panels stand Antisemitismus im Kontext von Mehrfachdiskriminierung. SEBASTIAN WINTER (Berlin / Frankfurt am Main), MIRIAM YOSEF (Gießen), INA HOLEV (Düsseldorf) und ALEXANDER SCHNEIDMESSER (Jerusalem) diskutierten das Spannungsverhältnis der Intersektionalität zwischen Ideologien und Betroffenheiten, wobei die produktive Verbindung beider Teilaspekte aber möglich und wichtig sei. Der blinde Fleck von Intersektionalitätsdiskursen in Bezug auf Antisemitismus wurde durch den oftmals nicht verstandenen Unterschied zwischen Herrschaft legitimierenden Ideologien wie Rassismus und „Pseudo-Rebellionsideologien” gegen diese wie dem Antisemitismus erklärt. Gleichzeitig wurde Intersektionalität als ein durchaus geeignetes Mittel beschrieben, die konkreten Lebensrealitäten jüdischer Menschen adäquat abzubilden, zumal diese sich stetig weiterentwickeln. Zur Kritik der Legitimierung antisemitischer Inhalte durch Jüdinnen und Juden wurde der Begriff des „Tokenism“ angebracht, allerdings sei eine Definition, wann eine Person zum „Token“ werde, schwierig.

Das letzte Panel widmete sich Präventions- und Bekämpfungsstrategien sowie pädagogischen Interventionen. Hier hielten LINDA GIESEL (Merseburg) und KATINKA MEYER (Berlin) für den Kontext Haft fest, dass Antisemitismus sich sowohl unter Bediensteten als auch unter Inhaftierten zeige, beispielsweise, wenn beim Tauschhandel erfolgreiche Personen als „Juden“ bezeichnet werden. Darüber hinaus stelle die aus der Unsichtbarkeit jüdischer Menschen in Gefängnissen resultierende fehlende Sensibilisierung für jüdische Religionspraxen ein Problem dar.

Im Beitrag von CHRISTOPH WOLF und ELIZAVETA FIRSOVA (Hannover) wurde der Aspekt des Tabus angeführt, um das Unbehagen von Lehrkräften zu erklären, die den Drang verspürten, Israel zu kritisieren. Im subjektiv empfundenen Tabu seien Lust und Genuss aufbewahrt, auch ein Vorgang der Derealisation laufe ab.

ROSA FAVA (Berlin) stellte Interaktionsmodi von Antisemitismus und Rassismus vor und warf außerdem die Frage auf, welchen Sinn Subjekte in der Beschäftigung mit Antisemitismus sehen. Wichtig sei es, das Interesse von Schüler:innen für die eigenständige Auseinandersetzung mit der Thematik zu fördern.

HENNING GUTFLEISCH (Frankfurt am Main) stellte das Problem dar, dass praktische Bildung oftmals hinter ihre theoretischen Grundlagen zurückfalle sowie oft auf bloßes instrumentelles Wissen samt Verdinglichungen reduziert werde; er plädierte für ein Nachdenken über den eigenen Begriff der Bildung.

In der Abschlussdiskussion warfen Anastasia Tikhomirova (Berlin) und Kai E. Schubert (Gießen) die Frage auf, was eine „(post)migrantische Gesellschaft“ ausmache und ob dieser Begriff sinnvoll sei. Aufgrund fortdauernder und nicht abgeschlossener Migration präferierte ein Großteil der Diskutierenden den Begriff „Migrationsgesellschaft“; diese sei durch das Spannungsverhältnis von Menschen mit Migrationshintergrund und der Mehrheitsgesellschaft samt ihrer Versuche der Externalisierung von Antisemitismus geprägt. Auch die Bedeutung der Tradierung von Gefühlserbschaften sowie der affektiven Komponente unter Forscher:innen und Multiplikator:innen wurde betont.

Die Konferenz konnte trotz oder gerade wegen der Heterogenität der Beiträge einige Schlaglichter auf verschiedene Aspekte der durch Migration stark geprägten deutschen Gesellschaft werfen. Die Teilnehmenden lobten besonders den weiten Raum für Diskussionen und den starken Fokus auf Pädagogik in Panelstruktur und Beiträgen. Die interdisziplinäre Ausrichtung der Konferenz brachte darüber hinaus eine Vielzahl an Perspektiven in die Debatten ein und machte diese sehr produktiv.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Bestandsaufnahme antisemitischer Akteur:innen in der (post)migrantischen Gesellschaft

Moderation: Kai E. Schubert (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Pavel Brunssen (University of Michigan, Ann Arbor, MI) / Lasse Müller (Institut für Sportwissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt): Ziemlich unsportlich: Antisemitismus, Intersektionalität und Mehrfachdiskriminierungen im Sport

Charlotte Wiemann (Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin): Politisierte Antisemitismusdiskurse in der postmigrantischen Gesellschaft

Ruben Obenhaus (Mobile Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie / Universität Oldenburg): „Und dann habe ich es verstanden: Das Siedeln der Völkischen ist wie bei den Israelis“ – Antisemitismus in Zivilgesellschaft und „Völkischen Siedlern“

Panel 2: Kontinuitätslinien des Antisemitismus in der (post)migrantischen Gesellschaft

Moderation: Anastasia Tikhomirova (Berlin)

Stefan Vennmann (Universität Duisburg-Essen): Die völkische und liberale Doktrin der „Vergangenheitsbewältigung“ – Antisemitische Implikationen einer Theorie der Erinnerung bei Carl Schmitt und Aleida Assmann

Thure Alting / Benny Momper (Spiegelbild Wiesbaden): Verschleierte Brüche und offenbare Kontinuitäten. Zur Sozialen Arbeit im Nationalsozialismus

Benjamin Damm (Leipzig): Aktuelle Bedeutung und Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“

Panel 3: Antisemitismus im Kontext von Mehrfachdiskriminierung

Moderation: Anastasia Tikhomirova

Sebastian Winter (International Psychoanalytic University, Berlin, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main): Antirassistischer Antisemitismus & anti-antisemitischer Rassismus? Eine intersektionale Betrachtung jenseits der Soziologie

Miriam Yosef (Justus-Liebig-Universität Gießen) / Ina Holev (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf): Intersektionale Antisemitismuskritik und Jüdinnen:Juden in Kreisen der sozialen Gerechtigkeit – Erfahrungen aus der Bildungsarbeit

Alexander Schneidmesser (Internationales Institut für Holocauststudien, Yad Vashem): Gegenseitige Wahrnehmungen und Vorurteile bei Russlanddeutschen und russischsprachigen Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik Deutschland

Panel 4: Präventions- und Bekämpfungsstrategien / Pädagogische Interventionen

Moderation: Kai E. Schubert

Linda Giesel (Hochschule Merseburg) / Katinka Meyer (Anne Frank Zentrum Berlin): „Antisemitismus ist bei uns [k]ein Problem“?! Forschung und Prävention im Jugendstrafvollzug

Christoph Wolf / Elizaveta Firsova (Institut für Didaktik der Demokratie, Leibniz-Universität Hannover): Emotionen bei der Wahrnehmung Israels und des Nahostkonflikts – Herausforderung und Chance für den Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus in der Bildungspraxis

Rosa Fava (Amadeu Antonio Stiftung Berlin): Interaktionen von Antisemitismus und Rassismus

Henning Gutfleisch (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt): Judenhass nach der „Flüchtlingskrise“ – Eine bildungstheoretische Analyse pädagogischer Interventionen

Abschlussdiskussion

Moderation: Kai E. Schubert und Anastasia Tikhomirova