Die diesjährige Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben widmete sich einem bisher in der Reihe kaum beachteten Thema – der Rolle von jüdischen Frauen innerhalb der schwäbischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Den Tagungsfokus bildete der weibliche Blick auf und in die Geschichte in Bayerisch-Schwaben. Der Ansatz sollte neue Erkenntnisse erbringen sowie die bis dato männlich dominierte Perspektive auf die jüdische Geschichte weiten.
Im Namen des Bezirks Schwaben und der Bezirksheimatpflege begrüßte Wibke Reimer (Augsburg) die Anwesenden. Bevor Peter Fassl tiefer in das Tagungsthema einstieg und einen Überblick über die bisherige Forschungslage gab, stellte ALEXIS HOFMEISTER (München) das derzeit noch laufende Kooperationsprojekt „Digitalisierung der Überlieferung der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern“1 vor. Dabei handelt es sich um eine Kooperation zwischen der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns und den Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem. Es werden die von der CAHJP verwahrten Archivbestände von 200 jüdischen Gemeinden in Bayern digital für die Forschung zugänglich gemacht und auf der Seite der Generaldirektion für Archivnutzende bereitgestellt. Für Schwaben, so Hofmeister, seien bisher nur wenige Bestände digitalisiert und im Internet abrufbar. Anhand der bereits zur Verfügung stehenden Bestände der Gemeinde Wallerstein demonstrierte der Referent die Nutzung der Onlineressource.
In seiner Einführung dankte PETER FASSL (Augsburg) zunächst der Schwabenakademie sowie deren ehemaligen Direktoren Markwart Herzog und Rainer Jehl für die jahrelange Zusammenarbeit und die Möglichkeit, die Tagung durchführen zu können. Anschließend skizzierte er die Genese des diesjährigen Tagungsthemas. Bisher hatten Frauen als Forschungsgegenstand und deren Perspektive kaum Eingang in die Tagungsreihe gefunden.2 Es sei nun höchste Zeit, diesem Desiderat zu begegnen und die entsprechende Grundlagenforschung zu betreiben. Zwar seien Erkenntnisse zur Rolle und Position von Frauen in jüdischen Gemeinden in Bayerisch-Schwaben im Rahmen anderer Tagungsthemen gesammelt worden, diese wurden jedoch nicht vertieft. Als Leitfrage der Tagung gab Fassl an, ergründen zu wollen, welche Entwicklungsmöglichkeiten sich für Frauen in Stadt und Land boten. Ein Vergleich sollte Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten und zeigen, in welchen Bereichen Jüdinnen als Pionierinnen wirkten. Ein weiterer Baustein sei darüber hinaus der Blick und die Analyse einzelner Frauenbiografien.
Mit den Biografien und Lebensläufen der weiblichen Mitglieder der Familie Schwarz befasste sich LEO HIEMER (Kaufbeuren). Dem Schicksal von Gabriele Schwarz und dessen Aufarbeitung widmet sich der Referent seit Jahren. Er beschrieb die Schicksale der Großmutter Anna, der Tanten Emilie und Johanna sowie von Gabrieles Mutter Charlotte. Alle vier Frauen schlugen unterschiedliche Lebenswege ein, litten ab 1933 unter der Verfolgung der Nationalsozialisten, wobei drei von ihnen nicht überlebten. Lediglich Emilie gelang die Flucht und Emigration. Mittels eines kulturgeschichtlichen Zugriffs analysierte MONIKA MENDAT (Friedberg) den Emanzipationsprozess jüdischer Frauen in den schwäbischen Landjudengemeinden. Anhand dreier Frauendarstellungen als Ehefrau, Mutter und Hausfrau, die aus verschiedenen Zeitabschnitten stammten, arbeitete die Referentin heraus, wie sich jüdische Frauen von der Rolle als Untertanin hin zur selbstbestimmten Person emanzipierten. Zugleich problematisierte sie die sehr rudimentäre Quellensituation zu jüdischen Frauen und deren Position innerhalb der Gemeinden. Frauen blieben, so schlussfolgerte sie, unsichtbar im öffentlichen Leben der Gemeinden.
ESTHER GRAF (Mannheim) führte aus, wie religiöse Vorschriften das Selbstverständnis und die Grenzen weiblicher Aktionsräume seit dem Mittelalter bis in die Neuzeit prägten. Ausgehend von den ersten Nennungen von Frauen in Führungspositionen im Alten Testament zeichnete Graf die großen Linien und Einflüsse auf religiöse Entwicklungsmöglichkeiten nach. Dabei machte sie deutlich, dass weder die Aufklärung noch die Haskala große Veränderungen für Frauen bewirkten, während hingegen die liberale Glaubensauslegung seit den 1840er-Jahren neue Chancen bot. Dies verdeutlichte sie am Beispiel von Regine Jonas, der ersten deutschen Rabbinerin. Bis heute ermöglichen nur liberale Gemeinden Frauen Zugang zu religiösen Ämtern, während diese Möglichkeiten bei den orthodoxen Gläubigen für Frauen weiter verwehrt bleiben.
Den Blick zurück nach Schwaben lenkte REGINA GROPPER (Memmingen) mit ihren Ausführungen zu den Frauen der Memminger Familie Rosenbaum. Während die Biographien der männlichen Familienmitglieder bereits gut erforscht seien, bestehe bei den weiblichen noch ein großer Nachholbedarf. Für ihren Vortrag rekonstruierte Gropper die Lebensläufe von Alice, Hilde und Trudel Rosenbaum sowie von deren Tante Berta Weil. Das Schicksal der Letztgenannten war dabei besonders tragisch, da sie ein Verfolgungsopfer im dreifachen Sinne wurde und als einzige der vier Frauen die NS-Zeit nicht überlebte. Für Ichenhausen näherte sich CLAUDIA MADEL-BÖHRINGER (Ichenhausen) über einen biografischen Ansatz den Frauen und ihrer Geschichte an. Eine wichtige Zeitzeugin für Ichenhausens weibliche Geschichte war Irene Löwenstein-Gardener, anhand deren Lebenslauf die Referentin die NS-Zeit und Nachkriegsgeschichte darstellte. Sie stellte auch mehrere Biogramme weiterer jüdischer Ichenhausenerinnen vor und ging kurz auf die Rolle und Bedeutung des örtlichen israelitischen Frauenvereins ein.
Einen Blick in die Großstadt Augsburg warf ANGELA BACHMAIR (Augsburg). Sie zeigte anhand mehrerer Opferbiografien aus dem Gedenkbuch der Erinnerungswerkstatt Augsburg die Stellung und Rolle jüdischer Augsburgerinnen innerhalb der Stadtgesellschaft auf. In ihren Ausführungen problematisierte sie die Arbeit am Erinnerungsbuch und die damit verbundenen Schwierigkeiten beim Rekonstruieren weiblicher Biografien. Dies sei aufgrund der prekären und lückenhaften Quellenlage mit mehr Schwierigkeiten und Aufwand als bei den Männern verbunden. Ebenfalls einen biografischen Zuschnitt wählte ERIKA SPIELVOGEL (Krumbach) mit den Schilderungen der Lebensläufe von Pessel Landauer sowie Hedwig und Franziska Lachmann. Landauers Lebenslauf ließ sich anhand eines überlieferten anonymen Nachrufs rekonstruieren. An familiären Umbrüchen der Landauers ließen sich die Konflikte spiegeln, die zwischen liberaler und orthodoxer Auslegung des Judentums entbrannten. Spielvogel betonte, dass die Ortsgeschichte generell als Brennglas und Spiegel zugleich wirke und dies insbesondere bei Pessel Landauers Leben deutlich werde. Die Lebenswege der Geschwister Lachmann zeigten hingegen, wie sich jüdische Frauen innerhalb von Kunst und Literatur emanzipierten und einen selbstbestimmten Lebensweg einschlugen.
Weitere Vorträge rückten mehrere Augsburger Frauenschicksale in den Fokus. ELISABETH FRIEDRICHS (Augsburg) stellte mit Berta Erlanger, Sophie Wassermann und Karola Reitlinger drei Augsburgerinnen vor, die ab den 1920er-Jahren in ihrer Heimatstadt als Ärztinnen wirkten. Sie waren Pionierinnen in diesem Berufsfeld. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten litten alle unter Ausgrenzung und Verfolgung. Zwei von ihnen gelang es, zu überleben. Ergänzt wurden die drei Augsburger Ärztinnen um die Biogramme drei weiterer schwäbischer Ärztinnen – Hertha Nathorff, Irma Kraus und Selma Graf. Die beiden Letztgenannten waren im Frauengefängnis in Aichach inhaftiert und verloren ihr Leben. MICHAEL FRIEDRICHS (Augsburg) fasste in seinem Vortrag die Ergebnisse des Forschungsprojekts des Maria-Theresia-Gymnasiums in Augsburg zusammen. Die Schule hatte zwischen 2003 und 2005 in Zusammenarbeit mit Schülern die Lebenswege jüdischer Schülerinnen rekonstruiert, die bis in die NS-Zeit die Schule besucht hatten. Aus den gewonnenen Erkenntnissen stellte Friedrichs Biografien von sechs Schülerinnen vor, die allesamt die NS-Zeit überlebten. Das Schulprojekt, so der Referent, leistete Pionierarbeit und soll erneut aufgenommen werden.
Eine interessante Persönlichkeit stellte CHRISTIAN PORZELT (Augsburg) mit der Biografie von Therese Hirsch aus Kriegshaber vor. Auf Basis einer Analyse der von ihr aufgegebenen Zeitungsannoncen rekonstruierte Porzelt ihre Etablierung als erfolgreiche Geschäftsfrau seit den 1830er-Jahren sowie ihre emanzipierte soziale Stellung innerhalb der jüdischen Gemeinde Kriegshabers. Nach dem Tod ihres Mannes führte sie dessen Handelsgeschäft eigenständig fort und baute dieses sogar aus. Bemerkenswert war die hohe Mobilität von Therese Hirsch, die mehrere Messestandorte in ganz Bayern bereiste, ohne auf Eisenbahn oder andere moderne Verkehrsmittel zurückgreifen zu können. Zum Abschluss des ersten Tages diskutierte NATALIE HUENIG (Augsburg) im Gespräch mit CARMEN REICHERT (Augsburg) mit den Anwesenden die Einflüsse des Überfalls der Hamas vom 7. Oktober 2023 auf ihr alltägliches Leben in Augsburg.
RENATE WEGGELs (Augsburg) Schilderungen bildeten den Abschluss der Augsburger Beispiele. Sie präsentierte Lebensläufe aus der Zeit der Weimarer Republik. Dabei konnte sie aufzeigen, dass vor allem der sozial-caritative Bereich verschiedene Berufs- und Verwirklichungsmöglichkeiten für jüdische Frauen bot. Als biografische Beispiele stellte sie insgesamt sieben Augsburgerinnen vor, darunter die Lebens- und Berufswege der Schwestern Sophie und Gertrud Dann und deren Tante Clementine Heymann. Mit der Biografie von Berta Einstein, deren Nachlass in London überliefert und digital zur Verfügung steht, zeigte VERONIKA HEILMANNSEDER (Wiggensbach), wie sich Frauen über Bildungsangebote neue Möglichkeiten eröffneten und sich über die engen Grenzen eher konservativ geprägter jüdischer Landgemeinden emanzipieren konnten. Durch ihren Beruf gelang es Berta Einstein außerdem, die Verfolgung, welche sie ab 1933 noch in ihrer Heimat Fellheim erlebte, durch eine Flucht ins Ausland zu überleben. Auch MANUELA HOFMANN-SCHERRERS (Nördlingen) widmete sich in ihrem Vortrag den Bildungschancen, die jüdischen Mädchen auf dem Land offenstanden. Ihr Untersuchungsraum deckte das nördliche Schwaben im Bereich des Ries mit den jüdischen Landgemeinden Hainsfarth, Oettingen, Wallerstein und Nördlingen ab. Insbesondere die Stadt Nördlingen bot mit ihren höheren Töchterschulen sowie der Schule der katholischen Schwestern von Maria Stern Mädchen die Möglichkeit, eine höhere Bildung beziehungsweise eine Berufsausbildung als Kindergärtnerin zu absolvieren. Daneben bestand in der Gemeinde Wallerstein ein Institut der Englischen Fräulein, das ebenfalls höhere Bildungschancen für christliche und jüdische Mädchen offerierte. Allerdings, so schränkte die Referentin ein, war der Zugang zu höherer Bildung sehr von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Eltern abhängig, weil der Schulbesuch finanziert werden musste. Die Schulen in Nördlingen und Wallerstein hatten große Einzugsgebiete und waren ab der Mitte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts die beiden einzigen Möglichkeiten für Mädchen im nördlichen Schwaben, einen höheren Bildungsgrad zu erreichen.
Nach allen Vorträgen und der Abschlussdiskussion zog PETER FASSL (Augsburg) ein positives Fazit. Es sei gelungen, einen Blick in das weibliche Universum zu werfen, den männlich dominierten Blickwinkel auf die jüdische Geschichte um eine weibliche Perspektive zu erweitern und einen neuen Akzent innerhalb der Forschung zu setzen. Zudem sei im Verlauf der Tagung bei vielen Biografien deutlich geworden, so Fassl, dass Frauen als Pionierinnen am Ort wirkten und sich von tradierten Rollenbildern zu emanzipieren begannen. Auch öffneten sie Wege für andere Frauen und Mädchen in Berufszweige, die zuvor Männern vorbehalten oder männlich dominiert waren. Dennoch sei die Tagung nur ein erster Schritt hin zu einer geweiteten Forschungsperspektive und es müssen die nun begonnen Forschungen vertieft sowie mit weiteren Erkenntnissen untermauert und ausgebaut werden. Fassl dankte allen Referentinnen und Referenten für ihre Bereitschaft, an der Tagung mitzuwirken und sich dafür tief in neue, unerschlossene Forschungsbereiche einzuarbeiten. Mit der Tagungsreihe habe er immer das Ziel verfolgt, das am Ort verborgene Wissen zur eigenen jüdischen Vergangenheit und Geschichte wieder sichtbar zu machen und dazu zu ermuntern, sich mit der eigenen Ortsgeschichte auseinanderzusetzen und diese zu erforschen.
Konferenzübersicht:
Wibke Reimer (Augsburg): Begrüßung
Alexis Hofmeister (München): Digitalisierungs- und Kooperationsprojekt mit den Central Archives for the History of the Jewish People
Peter Fassl (Augsburg): Einführung und zum Stand der Forschung
Leo Hiemer (Kaufbeuren): Die Frauen der Familie Schwarz
Monika Mendat (Friedberg): Von der „tüchtigen“ Ehefrau zur emanzipierten Lyrikerin, Schauspielerin und Bildungsbürgerin. Das Frauenbild in der schwäbisch-jüdischen Gemeinschaft im Wandel der Zeit
Esther Graf (Mannheim): Religiöse Entwicklungsmöglichkeiten von Jüdinnen vom 19. bis ins 21. Jahrhundert
Regina Gropper (Memmingen): Memminger Jüdinnen aus der Familie Rosenbaum
Claudia Madel-Böhringer (Ichenhausen): Ichenhausenerinnen. Frauenbiografien aus Ichenhausen
Angela Bachmair (Augsburg): Sie waren Augsburgerinnen. Jüdische Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Familienfrauen aus dem 20. Jahrhundert. Zuerst anerkannt, dann ausgegrenzt, schließlich ermordet
Erika Spielvogel (Krumbach): Jüdische Frauen aus Hürben im 19. und 20. Jahrhundert
Elisabeth Friedrichs (Augsburg): Jüdische Ärztinnen aus Schwaben – Beruflich und sozial engagierte Pionierinnen
Michael Friedrichs (Augsburg): Jüdische Schülerinnen in höheren Bildungseinrichtungen in Augsburg
Christian Porzelt (Augsburg): „Gabriel Hirsch seel. Witwe.“ Die Kauffrau Therese Hirsch (1806–1874) aus Kriegshaber
Podiumsgespräch
Carmen Reichert (Augsburg) / Natalie Huenig (Augsburg)
Renate Weggel (Augsburg): Augsburger Jüdinnen in der Weimarer Republik
Veronika Heilmannseder (Wiggensbach): Berta Einstein – Fellheim, Frankfurt, Fellheim, London
Manuela Hofmann-Scherrers (Nördlingen): Bildungschancen für jüdische Mädchen in Nördlingen und im Ries im 19. und 20. Jahrhundert
Peter Fassl (Augsburg): Zusammenfassung
Anmerkungen:
1 Das Projekt ging im Sommer 2023 online und läuft noch bis 2028. Weitere Informationen zum Projekt: „Digitalisierung der Überlieferung der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern“. Onlinestellung der jüdischen Gemeindearchive von Floß, Treuchtlingen und Wallerstein, in: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hrsg.), Aktuelles, 21.08.2023, https://www.gda.bayern.de/aktuelles/digitalisierung-israelitischen-kultusgemeinden (29.11.2024).
2 Eine Übersicht über die bisherigen Vorträge seit 1989 bietet die Bezirksheimatpflege. Vgl.
Jüdische Geschichte und Kultur in Schwaben, in: Bezirk Schwaben (Hrsg.), https://heimatpflege.bezirk-schwaben.de/heimat-geschichte-und-identitaet/juedisches-leben-in-schwaben/ (29.11.2024).