HT 2006: Epochenjahr 1806? Das Ende des Alten Reichs in zeitgenössischen Perspektiven und Deutungen

Ort
Konstanz
Veranstalter
Christine Roll, RWTH Aachen; Matthias Schnettger, Universität Mainz; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Thomas Nicklas, Institut für Geschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die zahlreichen Veröffentlichungen und Veranstaltungen, die 2006 dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und seinem Ende vor 200 Jahren gewidmet werden, lassen keinen Zweifel an der Tatsache aufkommen, dass 1806 aus heutiger Sicht ein Epochenjahr darstellt. Von Berlin über Magdeburg bis Wetzlar zieht sich eine Kette von Ausstellungen über das Alte Reich [1], während sich der Süden der Erinnerung an die von Napoleon vor zweihundert Jahren kreierten Königreiche hingibt [2]. Ein unüberhörbares Echo in der Presse und der noch nicht beendete Nachschub an Publikationen über Leben und Ableben des Alten Reiches zeigen an, dass dieses zwei Jahrhunderte nach seinem Untergang eine Publizität und vielleicht sogar Popularität genießt wie lange nicht.[3]

Diesem Thema konnte der Konstanzer Historikertag nicht entkommen. Es wurde in einer Sektion aufgegriffen, die schon in ihrem Titel zwei kritische Distanzierungen andeutete. Das Fragezeichen hinter dem Epochenjahr 1806 und die Beschränkung auf die aus heutiger Sicht eher ernüchternden Sichtweisen der Zeitgenossen ließen erkennen, dass hier kein feierlicher Cantus firmus über ein verschwundenes Reich angestimmt wurde, sondern im besten Sinne wissenschaftlichen Fragens auch Zweifel anklangen. Anders gesagt: Die Chiffre „1806“ wurde problematisiert. Es ging, wie Christine Roll (Aachen) in der Einleitung zu der von ihr gemeinsam mit Matthias Schnettger (Mainz) vorbereiteten Sektion erklärte, um eine kritische Überprüfung der nationalen Epochengrenze 1806, womit wiederum an Fragestellungen angeknüpft wurde, die das Geschäft der Erlanger Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit über den Epochencharakter der Frühneuzeit im September 2005 gewesen waren.

Was ist eine Epoche? Jeder Einschnitt hat bekanntlich seine Vorgeschichte, weshalb auf dem Konstanzer Podium zunächst über Beurteilungen jener Endphase des Reiches gesprochen wurde, deren Beginn nicht leicht zu fixieren ist. Schließlich ging es in Konstanz auch darum, die Diskussion über das Verschwinden des Reiches in ihrer europäischen Dimension zu erfassen. Das Generalthema der „Geschichtsbilder“ gab der Sektion auch die Suche nach bildlichen Darstellungen und Verarbeitungen auf, in denen Erklärungen und Deutungsmuster der Zeitgenossen aufschienen. In diesem Punkt waren die Erwartungen der Zuhörerschaft jedoch nicht hoch gespannt. Das Krankheitsbild eines sterbenden Reiches lässt sich vielleicht darstellen, aber die Visualisierung stößt doch an Grenzen. Wahrscheinlich wollten auch die Menschen des frühen 19. Jahrhunderts anderes sehen als Bilder von „Staatskrankheiten“ (Joseph Görres).

Die Vorträge der Sektion waren komponiert als eine stetige Bewegung vom Zentrum in die Peripherie. Im Mittelpunkt der Diskurse über die Epoche lag eine Reichsstadt wie Frankfurt am Main. Hier bejammerte ein Notar im Spätsommer 1806, dass er nun „vogelfreier Republikaner“ statt wie einst „reichsfreier Bürger“ sei. Goethes Mutter traf es bekanntlich schwer, als in den Fürbitten der Frankfurter Kirche Kaiser und Reich weggelassen wurden. Für sie galt jedenfalls Treitschkes späteres Verdikt nicht, die Nation sei beim Untergang des Reiches „stumm und kalt“ geblieben. Auf dem Weg vom Zentrum an die Peripherie zerfloss der Diskurs jedoch bis zur Unkenntlichkeit, weil es keine klaren Vorstellungen vom Reich mehr gab, die sich in Bilder hätten fassen lassen.

Bettina Braun (Mainz) stellte sich in ihrem der „Reichs-Innen-Sicht“ gewidmeten Referat eine klare Frage: „Seit wann war das Reichsende denkbar?“ Sie erkennt die Wende in den Jahren 1794/95. Während das Reich den meisten Deutschen bis dahin als Schutzverband gegen die von der Französischen Revolution ausgehenden Gefahren unentbehrlich schien, begegnet ab 1794 häufig die Redeweise vom „Untergang“ oder vom „Ruin“ Deutschlands. Selbst wenn die Reichsverfassung überleben sollte, hielten doch viele ihre Form für überholt. Kurfürst Max Franz von Köln dachte 1794 sogar darüber nach, seinen Neffen Kaiser Franz II. nach altrömischem Vorbild angesichts steigender Not zum Diktator ausrufen zu lassen. Einen weiteren Einschnitt brachte 1797 der Frieden vom Campo Formio, in dem Österreich dem Reichsrecht Hohn sprach. Die Zustimmung des Kaisers zum Prinzip der Säkularisation und Mediatisierung sowie die Übergabe der Reichserzkanzlerstadt Mainz an Frankreich Ende 1797 erschien zumal den linksrheinischen Zeitgenossen als Fanal für das drohende Reichsende. Für den Koblenzer Joseph Görres war es zu diesem Zeitpunkt sogar bereits eingetreten. Diese Sicht griff mit dem Frieden von Lunéville 1801 auch auf das rechtsrheinische Deutschland über. Der entschlossene fürstliche Zugriff auf die Restbestände der „Germania Sacra“ ließ auch hier die Hoffnungen auf ein Weiterleben des Imperiums schwinden. Die Sargnägel waren schon geschmiedet.

Von dieser reichischen Sicht weicht die österreichische doch erheblich ab, wie Lothar Höbelt (Wien) in seinem in Abwesenheit des Autors verlesenen Text betonte. In Wien war das Reichsende viel früher denkbar als in Mainz oder Frankfurt. Höbelt sieht den Wendepunkt bereits in den 1740er Jahren. Der Bruch der Allianz Österreichs mit den Seemächten, die dank englischen und holländischen Geldes dem Heiligen Reich immer wieder neues finanzielles Leben eingehaucht hatte, ließ am Wiener Hof die Reichsskepsis zunehmen. Auch ohne die alles überwölbende Kaiserkrone hatten die habsburgischen Erblande die existenzielle Krise der Jahre 1740-45 gemeistert. Das Reich wurde zudem entbehrlich, weil das Haus Österreich die Niederlande (Belgien) nicht mehr halten konnte und wollte. So verloren auch die rheinischen Verbindungswege durch das reichische Deutschland nach Brüssel ihre frühere strategische Bedeutung. Wozu noch Heiliges Römisches Reich? Diese Frage stellte sich in Wien verstärkt nach der manifesten Ostverschiebung der Monarchie in den Teilungen Polens 1772 und 1795. Aber wie sah man dies in Salzburg? Oder in Prag? Höbelt verweist darauf, wie wenig wir beispielsweise über die Sichtweise des böhmischen Adels auf das Epochenjahr 1806 wissen. Hier ist künftige Forschung gefordert.

„Abschied von Germania“ – so lautete der elegische Titel, den Matthias Schnettger (Mainz) gewählt hatte, um die reichsitalienischen und päpstlichen Erfahrungen mit 1806 zu beleuchten. Südlich der Alpen konnte jedoch von einem Epochenjahr nicht die Rede sein. Hier war mit Campo Formio schon 1797 alles entschieden, weil Franz II. auf seine Lehensrechte in Italien verzichtet hatte. Damit war Reichsitalien endgültig untergegangen, mochte es auch im Schutz österreichischer und russischer Invasionsarmeen 1799/1800 eine kurze Renaissance erleben. Bereits 1804 zog die Wiener Administration die unvermeidlichen Konsequenzen, indem sie die Aufhebung der lateinischen Expedition der Reichshofkanzlei vornahm – ein symbolischer Schlussstrich. So hatte Bonaparte freie Bahn, um mit dem „Regno d’Italia“ 1805 ein nunmehr französisches Reichsitalien zu schaffen: Italia wendete sich von Germania ab, um sich Gallia zuzuwenden. Für die Kurie freilich war das Ableben des Reiches 1806 noch ein Datum von einiger Bedeutung. Hier hoffte man, einen Aspekt des einstigen römischen Kaisertums, nämlich die Kirchenadvokatie, in die neue Zeit retten zu können. Franz I. von Österreich sollte jener „avvocato della chiesa“ bleiben, der er als Franz II. gewesen war, rief Papst Pius VII. dem Habsburger zu. Der eigentliche Architekt päpstlicher Außenpolitik war Kardinalstaatssekretär Ercole Consalvi, den der Pontifex 1806 auf Druck Napoleons entlassen musste. Zu einem späteren Zeitpunkt stellte Consalvi fest, dass Pius VII. 1806 zwar die persönliche Abdankung Franz’ II. anerkannt habe, damit sei das „Corpo Germanico“ aus kirchlicher Sicht jedoch nicht erloschen. Ein römisches Kaisertum Napoleons war für die Kurie jedenfalls eine unheimliche Vorstellung.

Und in Frankreich selbst? Cornel Zwierlein (München) nahm den Blickwinkel des napoleonischen Empire ein, von dem aus der Todesstoß in Richtung des geschwächten Reiches erfolgt ist. Der Referent drang durch die Schichten französischer Diskurse über den Untergang des Reiches bis zu jenem Gutachten La Rochefoucaulds, des französischen Gesandten in Wien, vom 2. August 1806 vor, das eine Todeserklärung des alten Imperiums gewesen ist. Der Text unterlegt der napoleonischen Sicht auf das Reich allerdings eine Tiefe, die sie niemals hatte. Der „Empirizismus“, der das Weltbild des Eroberers prägte, sah im Heiligen Römischen Reich immer nur das Anhängsel Österreichs, eben einen Teil des Wiener Machtpotentials. Dieser immanenten Betrachtung der Welt als „Tableau statistique“ kam das Alte Reich unverständlich vor. Napoleon hat das Reich sicherlich nicht getötet, um dessen Attribute, wie die römische Kaiserwürde, selbst übernehmen zu können. Für diese Reichsidee fehlte dem Imperator in Paris nämlich jedes Verständnis. Dies gilt auch für die napoleonische Charlemagne-Referenz. Karl der Große wurde im Empire als vorfeudaler Herrscher und charismatischer Soldatenkaiser geschichtspolitisch vereinnahmt. So war die Charlemagne-Chiffre ganz gewiss kein Verweis auf emblematische Übernahmen aus dem Traditionsfundus des Heiligen Römischen Reiches, sondern ein weiterer Beweis für völlige Fremdheit. Dem „kolonial-imperialistischen Blick“ des napoleonischen Frankreich auf das Reich blieben die indigenen Strukturen unergründlich. Ein Ergründen lohnte sich freilich auch nicht, denn beim „Zusammentreffen zweier kognitiver Welten“ blieb die eine der beiden ganz auf der Stecke.

Zu einem ähnlichen Resultat kam Torsten Riotte (London) für Großbritannien. Mochte sich König Georg III. von England auch als Reichsfürst empfunden und für Reichsangelegenheiten interessiert haben oder auch Angehörige der insularen Elite den Basler Frieden 1795 als „predatory alliance“ verdammt haben, so zeigten die britischen Zeitgenossen doch weithin Unverständnis für die Probleme des Heiligen Römischen Reiches und Desinteresse an seiner Komplexität. Die von Riotte in reicher Auswahl präsentierten Karikaturen englischer Zeichner wiesen denn auch keine ikonografisch schlüssigen Lösungen zur Verbildlichung des bei Gillray als blutiger, verstümmelter Leichnam abgebildeten „deutschen Verfassungskörpers“ auf. Wenn sie Doppeladler aufs Papier brachten, dann eben österreichische oder russische. Am liebsten zeichneten sie aber das hannoversche Welfenross, das im heimischen Gebrauch längst als Sinnbild für das eigene welfische Königshaus eingeführt worden war. Noch größere Fremdheit konstatierte Jan Kusber (Mainz), der jenes „Rußland auf Westreise“ des frühen 19. Jahrhunderts auf seine Reichssicht hin befragte. Die „schmale Publizistik- und Zeitschriftenlandschaft“ des Zarenreiches ließ von Anfang an wenig Ertrag erwarten. In der Politik des Petersburger Hofes um 1806 fanden sich zwischen dem harten Realismus des Außenministers Adam Czartoryski und den phantastischen Staatenordnungsmodellen des träumerischen Zaren Alexander I. wenige Bezugnahmen auf das Reich und erst recht keine klaren Konzepte für die Neuordnung Deutschlands. Allenfalls über das Fortkommen der deutschen Verwandtschaft, wie der zu Großherzögen aufgestiegenen Markgrafen von Baden, machte sich Alexander Gedanken. In einem Punkt sah er freilich klar: Europa war zu klein für drei Kaiser. Napoleons Streben nach einem „universellen Kaisertum“ musste früher oder später zu einer tödlichen Bedrohung auch für Russland werden.

Am Ende der mit sicherer Hand konzipierten und insgesamt überzeugenden Sektion standen somit Fragen und Erkenntnisse. Es mochten wohl auch ältere Erkenntnisse sein, die bisher noch nicht umfassend rezipiert wurden, wie die Feststellung Kurt von Raumers aus dem Jahre 1960, dass die von borussischer Historiografie behauptete „Unbeweintheit“ des Alten Reiches eine Mystifikation sei. Wichtiger sind aber die aufgeworfenen Fragen. So wird die Forschung die Wirkungen und Wahrnehmungen des frühneuzeitlichen römisch-deutschen Kaisertums stärker als bisher in den Blick nehmen müssen. Die Zeitgenossen sahen wohl den Kaiser, aber kaum je das Reich. Dessen Fremdheit schreckte ab, während die Kaiserwürde die Vorstellungskraft anregte und Interesse weckte. Wenn wir die damalige Sichtweise beachten, so heißt das: weniger Reich, mehr Kaiser.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum verwies Horst Carl (Gießen) auf das Willkürliche heutiger Jubiläumskultur. Muss 1806 ein Epochenjahr gewesen sein? Er beklagte die einseitige Perspektivierung der Sektion auf Eliten und politische Führung. Das bekannte Visualisierungsdefizit des Reiches ließ schließlich klar erwarten, dass sein Ende als Medienereignis nicht stattfinden konnte. Hans-Jürgen Bömelburg (Warschau) verwies auf die Notwendigkeit, die Verschwörungsdiskurse der Zeitgenossen um die Reichsenden, die verbreitete Redeweise von Verrat und Verrätern, stärker zu berücksichtigen. Er bezog sich dabei auf Polen-Litauen, dessen Reichsende als Vergleichsmuster dienen könne, jedoch von der Konstanzer Sektion nicht aufgegriffen worden sei. Barbara Stollberg-Rilinger (Münster) fragte nach, was „Ende des Reiches“ letztlich heiße. Sie mahnte eine institutionentheoretische Vertiefung des Themas an. Es gelte, das Reich als Institution genauer zu erfassen, das heißt als Stabilisierung von Erwartungsstrukturen und als symbolische Verkörperungsleistung. Unbeantwortet blieb zuletzt die eher launige Frage aus dem Publikum: „Was tun die Historiker 1806?“ Diejenigen von 2006 haben jedenfalls ihre Hausaufgaben gut erledigt.

Anmerkungen:
[1] Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806, 29. Ausstellung des Europarates in Berlin und Magdeburg, 28. August bis 10. Dezember 2006; Altes Reich und Neues Recht. Von den Anfängen der bürgerlichen Freiheit, Reichskammergerichtsmuseum und Stadtmuseum Wetzlar, 15. September bis 10. Dezember 2006.
[2] Bayerns Krone 1806 – 200 Jahre Königreich Bayern, Residenz München, 30. März bis 13. August 2006; 200 Jahre Königreich Württemberg, Altes Schloss Stuttgart, 22. September 2006 bis 04. Februar 2007.
[3] Lediglich als Beispiele seien hier genannt: Herbers, Klaus; Neuhaus, Helmut, Das Heilige Römische Reich. Schauplätze einer tausendjährigen Geschichte (843-1806), Köln 2006; Wendehorst, Stephan; Westphal, Siegrid (Hgg.), Lesebuch Altes Reich, München 2006; Burgendorf, Wolfgang, Ein Weltbild verliert seine Welt. Der Untergang des Alten Reiches und die Generation 1806, München 2006; Hartmann, Peter C.; Schuller, Florian (Hgg.), Das Heilige Römische Reich und sein Ende 1806. Zäsur in der deutschen und europäischen Geschichte, Regensburg 2006; Mazohl-Wallnig, Brigitte, Zeitenwende 1806. Das Heilige Römische Reich und die Geburt des modernen Europa, Wien 2006; Kraus, Hans-Christof, Das Ende des alten Deutschland. Krise und Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Berlin 2006.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Epochenjahr 1806? Das Ende des Alten Reichs in zeitgenössischen Perspektiven und Deutungen, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 18.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1171>.
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Veröffentlicht am
18.10.2006
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