Herrschaft und Charisma. Zum Wandel des Politischen im 20. Jahrhundert

Ort
Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung e.V. Potsdam, Institut für Soziologie der Universität Potsdam, Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig
Datum
04.05.2006 - 06.05.2006
Von
Uta Karstein, Universität Leipzig

Bei der Tagung "Herrschaft und Charisma. Zum Wandel des Politischen im 20. Jahrhundert" handelte es sich um eine gemeinsame Veranstaltung zwischen dem Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung e.V., dem Institut für Soziologie der Universität Potsdam und dem Institut für Politikwissenschaften der Universität Leipzig. Im Zentrum des Interesses stand der Charismabegriff in der Herrschaftssoziologie Max Webers. Dort definiert er die charismatische Herrschaftsform bekanntermaßen als eine, die "auf außeralltäglicher Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnung" beruht.[1]

Das Tagungsprogramm spiegelte den insbesondere vom Zentrum für Zeithistorische Forschung vertretenen Ansatz einer kulturgeschichtlichen Erweiterung der klassischen Politikgeschichte wieder. Wie dessen geschäftsführender Direktor Martin Sabrow zu Beginn verdeutlichte, könne man nach dem "cultural turn" "Charisma" nicht mehr essentialistisch als Eigenschaft einer Herrscherpersönlichkeit verstehen.[2] Vielmehr müsse es als ständig aktualisierte soziale Beziehung zwischen dem Charismaprätendenten und seinen Anhängern begriffen werden. Das relationale Moment, also das Wechselspiel von Hingabe und Legitimationsglaube auf Seiten der Anhänger und der Machtakkumulation auf Seiten des Charismaprätendenten müsse dementsprechend im Vordergrund der Analysen stehen. Zwei Fragen gab Sabrow den Diskutanten mit auf den Weg: Wer ist bzw. kann Träger von Charisma sein - sind es nur Personen oder stellen auch Parteien und Ideen geeignete Träger dar? Wie verläuft der Prozess der Veralltäglichung charismatischer Herrschaft?

Rainer Lepsius, der Anfang der 90er Jahre eine erneute Beschäftigung mit dem Weberschen Charismakonzept anstieß [3], verdeutlichte in seinem Eröffnungsvortrag, dass der Begriff des Charismas innerhalb wie außerhalb der Wissenschaften zunehmend an Popularität gewinnt, seine Anwendbarkeit aber selbst unter Fachkollegen noch weitgehend unklar ist. In seinem Vortrag entwickelte er einige Thesen zum Begriff des Charismas und dessen Anwendbarkeit in der Forschung, die zu wichtigen Eckpfeilern für die Diskussion der folgenden Tage wurden. So schlug Lepsius vor, zukünftig eher von "Charismatisierung" zu sprechen, um der Prozesshaftigkeit solcher Aushandlungen gerecht zu werden. Er unterschied "latente" von "manifesten" Charismasituationen, um den voraussetzungsvollen Charakter des erfolgreichen Zusammenspiels zwischen dem Charismaprätendenten (mit seiner Mission und dem Glauben an seine Berufung) und einer sozialen Gruppe (mit ihrer Bereitschaft, den potenziellen Führer anzuerkennen und ihm zu folgen) hervorzuheben. Die Forschungsaufgabe bestünde darin, die historisch variierenden Kriterien zu analysieren, nach denen ein Charismaträger bewertet wird und die den Rahmen seiner "Bewährung" abgeben. Wesentlich am Charismakonzept Webers ist nach Lepsius weiterhin, dass es sich jeglicher Institutionalisierung entzieht: charismatische Herrschaft sei vor allem Personalisierung und befinde sich in einem labilen - von Fall zu Fall unterschiedlich gestalteten - Gleichgewicht zur Organisationsstruktur der jeweiligen Gesellschaft. Betont werden müsse zudem, dass die charismatische Herrschaft trotz dieser Merkmale keine Übergangsform hin zu einer traditionalen oder bürokratischen Herrschaftsform darstelle sondern diesen gegenüber eine originäre und eigenständige Position behaupte.

Die erste Sektion am darauffolgenden Tag fragte unter dem Titel Charismatisierte Handlung und unmittelbare Politik nach der dezisionistischen Qualität charismatischer Ordnungsstiftung und nahm die inneren Stabilität und Instabilität verschiedener Gesellschaften in den Blick.

Der Soziologe Valentin Rauer wies in seinem Vortrag auf die performative Dimension charismatisierter Herrschaft hin. Performativen Akten wohne kein Wahrheitsanspruch inne, sie realisierten vielmehr eine Situation bzw. stellten neue soziale Realitäten her. Somit sei nicht jeder performative Akt charismatisch, aber performative Akte könnten tradierte Zustände transformieren und weisen somit eine Affinität zu charismatischen Situationen auf. Da sich charismatische Ereignisse gerade durch die Delegitimierung des Überkommenen auszeichnen und damit bewährte Rezeptions- und Bewertungsmuster auf Seiten der Rezipienten außer Kraft setzten, ist ihr Erfolg höchst unwahrscheinlich, so Rauer.

Wie eine solche latent charismatische Situation historisch konkret aussehen könnte, illustrierte anschließend Rüdiger Graf anhand der Weimarer Republik. Er betonte, dass das während dieser Zeit allgemein verbreitete Krisenbewusstsein mit einem positiv konnotierten Krisenbegriff einher ging, was die die Bereitschaft erhöhte, sich auf Neues, tiefgreifend Transformierendes, mithin Utopisches einzulassen.

Michael Wildt wandte sich kritisch gegen die mit dem Charismakonzept häufig einhergehende Verengung auf die Herrscherpersönlichkeit und forderte, die Perspektive Webers radikal umzudrehen: weg von den Führungspersonen hin zur Gefolgschaft. Entsprechend konzentrierte er sich in seinem Vortrag vor allem auf die kollektiven Überzeugungen der Gefolgschaften während der NS-Herrschaft. Anhand der Euthanasiepolitik und der Deportation polnischer Staatsangehöriger verdeutlichte Wildt seine These, dass die Voraussetzung für das Erscheinen und den Erfolg einer Führungspersönlichkeit vor allem in der politischen Kultur einer Gesellschaft zu suchen sei. Deren untere Entscheidungsträger realisierten in selbstständiger Weise soziale Ordnungskonzepte und radikalisierten die nationalsozialistische Vernichtungspolitik auf eigene Initiative hin, nicht bloß aufgrund von Anweisungen aus der Zentrale. Aus dieser Perspektive erschienen die offiziellen Verlautbarungen und Richtlinien Hitlers eher als nachträgliche Legitimation verschiedenster schon vorhandener und praktizierter Politiken, die mit dem Charismakonzept jedoch gerade nicht erfasst werden könnten.

Die Frage, ob und inwieweit das Charismakonzept auch zur Erklärung kommunistischer Diktaturen tauge, wurde während der Tagung mehrmals aufgegriffen. Brigitte Studer stand einem solchen Vorhaben in Bezug auf die Stalin-Ära skeptisch gegenüber und betonte den bürokratischen Charakter der Herrschaftsform. Der Kult um die Person Stalins stelle für sie eher einen Versuch der charismatischen Aufladung dar, als dass er als Ausdruck einer charismatischen Herrschaft begriffen werden könne. Wie auch schon von Rüdiger Graf vorab angemerkt, kritisierte Studer, dass bei Weber das Problem der Herstellung und Vermittlung von Charisma nicht gelöst sei. Sie verwies auf den von Pierre Bourdieu geprägten Begriff des symbolischen Kapitals [4], der gegenüber dem Charismabegriff offener sei und expliziter auf die soziale Position der Inhaber und den Zuschreibungsaspekt verweise. Dieser kritischen Einschätzung widersprach in der Diskussion Sigrid Meuschel, indem sie betonte, dass das Konzept transhistorisch verwendbar sei.

Die in dieser Diskussion markierten konträren Standpunkte zur Reichweite des Weberschen Begriffs wurden auch in der zweiten Sektion fortgeschrieben. In den Vorträgen zum Verhältnis von Charisma und Medialität vertrat Erhard Stölting die These, dass das Charismakonzept nur für einen spezifischen historischen Zeitraum Erklärungskraft beanspruchen könne und verdeutlichte dies an dem veränderten Stellenwert von Medien als zentraler Vermittlungsinstanz zwischen Charismaträgern und Jüngern. Während die Wirkung von Charismaträgern im öffentlichen Raum historisch gesehen sehr begrenzt war, seien die Wirkungsmöglichkeiten durch entsprechende Entwicklungen im Bereich der Medien (Radio, Megafon, Lautsprecher) aber auch des Städtebaus (große Arenen, Stadien etc.) ab dem I. Weltkrieg schlagartig vergrößert worden und hätten so den Grundstein für moderne charismatische Herrschaftsformen im 20. Jahrhundert gelegt. Allerdings würde heute unter den Bedingungen moderner Massenmedien vom Charisma nur noch Charme, Sympathie und Vertrauenswürdigkeit übrig bleiben. Wer an Maischberger, Christiansen & Co denkt, der wisse, dass die Möglichkeiten der Selbstinszenierung in westlichen Mediendemokratien heute sehr begrenzt seien. Die mediale Allpräsenz scheint zu einer strukturellen Barriere für charismatische Herrschaft geworden zu sein. Auch Kohlrauschs Empfehlung lautete nach der Analyse Kaiser Wilhelm II. als "erstem Medienkaiser", das Charismakonzept als begrenzt brauchbares heuristisches Konzept zu benutzen, nicht jedoch als Herrschaftsmodell mit universellem Erklärungsanspruch.

Im Gegensatz dazu machte sich Frank Bösch auf die Suche nach charismatischen Elementen in der modernen Kanzlerdemokratie und griff dabei auf den von Lepsius vorgeschlagenen Begriff der Charismatisierung zurück. Ausschlaggebend war für ihn das Verhältnis von Charismaträger und bürokratischem Apparat. Medien würden nach Bösch einer Personalisierung von ansonsten als anonym empfundenen Herrschaftsstrukturen Vorschub leisten und zerstören keineswegs die Aura von Persönlichkeiten, sondern schaffen sie erst. Nach Bösch bauen sie zudem mit an einer Spannung zwischen Alltäglichkeit und Außeralltäglichkeit und schaffen das Bewertungsszenario für die Handlungen des Kanzlers im Sinne einer größtmöglichen Authentizität.

Die dritte Sektion mit dem Schwerpunkt Charisma und Persönlichkeit war Arbeiten zum Spannungsverhältnis von ‚äußerer' Zuschreibung und den ‚inneren' Eigenschaften der charismatischen Persönlichkeit vorbehalten und damit zugleich der Frage, welche Werte und Erwartungen denn Zeitgenossen überhaupt auf die entsprechenden Charismaträger projizierten. Den Referenten und Tagungsteilnehmern diente dieser Fokus jedoch einmal mehr der grundsätzlichen Frage der Anwendbarkeit des Weberschen Idealtypus' für historisch konkrete Konstellationen.

Während Hans-Ulrich Wehler, der jüngst [5] auf das Charismakonzept für die Erklärung der NS-Herrschaft unter Hitler zurück gegriffen hatte, eine eng an Weber orientierte Handhabe des Konzeptes einforderte und dabei dessen Anwendbarkeit nicht infrage stellte, forderte Jan Plamper die Verabschiedung vom Modell und favorisierte stattdessen das Sakralitätskonzept von Edward Shils.[6] Vor allem für den von ihm ins Visier genommenen Stalinismus tauge es viel besser als das vom Essentialismusverdacht nie ganz frei zu sprechende Charismakonzept Max Webers. Zudem sei der Stalinismus weder wirtschaftsfremd gewesen, noch gründet der Stalinkult in einer spezifischen Bewährungsfrage (beides wichtige Charakteristika charismatischer Herrschaft). Einen kurzweiligen Abschluss des Tages bildete der Vortrag von Alexander C. T. Geppert, der einen seltenen Einblick in den Inhalt und die Beschaffenheit von Liebesbriefen an Hitler und andere europäische Diktatoren gewährte.

Im Zentrum der vierten Sektion stand unter dem Titel Charisma und Sakralisierung von Politik das Verhältnis der beiden Konzepte zueinander im Zentrum. Sigrid Meuschel verknüpfte drei theoretische Ansätze miteinander: "Totalitarismus", "politische Religion" und "Sakralisierung der Politik". Während sich mit dem Totalitarismus-Konzept Aussagen zur Form der Diktaturen machen ließen, thematisiere die Rede von politischer Religion den "Geist" von Diktaturen. Der sakralisierungs- resp. charismatheoretische Ansatz erlaube es - so Meuschel - den Zusammenhang zwischen Form und Geist herzustellen. In ihrem Vortrag kam es Meuschel insbesondere die Spannung zwischen Personalisierung und Institutionalisierung von Herrschaft in den verschiedenen Diktaturen des 20. Jahrhunderts an. Je personalisierter eine Herrschaftsstruktur sei, umso stärker würden formale Rationalität erodieren und einer kumulativen Radikalität Platz machen, lautete ihre These. Meuschel verwendete die Konzepte des Charismas und der Sakralisierung synonym und wies eine all zu starke Personenfixierung in der Auslegung des Weberschen Begriffs ab. Sakralisiert bzw. charismatisiert werden könnten ihrer Ansicht nach auch Ideen (Vernunft) oder Organisationen (Partei).

Diesem Befund stimmte auch Martin Sabrow zu, der sich am Schluss noch einmal stärker der DDR zuwandte. Diese wäre gerade nicht durch starke Führungspersönlichkeiten gekennzeichnet gewesen, denen man um ihrer Mission willen folgte. Charakteristischer scheine eher, dass die jeweiligen Führungseliten nur als Ausführende und Geschichtsagenten einer schon vorherbestimmten Entwicklung (kommunistische Gesellschaftsordnung) und eines höher stehenden Prinzips (Vernunft) betrachtet wurden und sich auch so verstanden.

Bruno Mantelli konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die mediale Darstellung von Mussolini und illustrierte anhand seines reichhaltigen Bildmaterials die These, dass die Demonstration von umfassender Kompetenz des faschistischen Regimes vor allem über die facettenreiche körperbetonte Darstellung Mussolinis (als Sportler, als Bauer, als Staatsmann und Kriegsherr) erreicht werden sollte.

Während des abschließenden Kommentars von Konrad Jarausch wurde deutlich, dass sich das Unterfangen der Tagung, das Webersche Charismakonzept einer erneuten kritischen Befragung auszusetzen, gelohnt hat. Sowohl die vor dem Hintergrund konstruktivistischer Ansätze unternommene Reformulierung und Anwendung als auch die kritische Auseinandersetzung führten im Ergebnis zu fruchtbaren Debatten und Einsichten.

So stieß beispielsweise der Vorschlag von Lepsius, künftig besser von "Charismatisierung" zu sprechen, auf vielfachen Zuspruch. Einig war man sich auch darin, dass das Webersche Charismakonzept nicht als erklärendes Moment tauge, sondern vielmehr auf einen zu erklärenden Tatbestand verweist. Instruktiv für die weitere Forschung erschien zudem die Frage, ob es sich bei charismatischen Herrschaften nicht grundsätzlich um Sonderfälle eines übergreifenden historischen Phänomens handelt. Offen blieb jedoch, ob Sakralisierung das gleiche meint wie Charismatisierung und die Begrifflichkeiten somit synonym verwendet werden können. Leider blieb die von Martin Sabrow eingangs gestellte Frage nach dem Prozess der Veralltäglichung charismatischer Herrschaft in den Beiträgen weitgehend unberücksichtigt. Auch ließ die Einbeziehung außereuropäischer Fallbeispiele und Forschungsperspektiven noch zu wünschen übrig. Angesichts der konstruktiven und anregenden Atmosphäre am Zentrum für Zeithistorische Forschung empfiehlt die Rezensentin daher eine Fortsetzung dieser Debatte.

Anmerkungen:
[1] Weber, Max, Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der verstehenden Soziologie. Tübingen 1980, S. 124.
[2] Weber legt die Engführung des Charismabegriffes als Eigenschaften einer Person mit seinen Ausführungen in gewisser Weise nahe wenn er schreibt, "'Charisma' soll eine als außeralltäglich [...] geltende Qualität einer Persönlichkeit" gelten, vgl. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (wie Anm. 1), S. 140.
[3] Lepsius, Rainer, Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen, Göttingen 1993, S. 95-119.
[4] Zu Bourdieus Begriff des symbolischen Kapitals und seiner Auseinandersetzung mit dem Weberschen Charismakonzept vgl.: Bourdieu, Pierre, Das religiöse Feld. Texte zur Ökonomie des Heilsgeschehens, Konstanz 2000.
[5] Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 4, München 2003.
[6] Shils, Edward, Center and periphery: essays in macrosociology., Chicago 1975.

Zitation
Tagungsbericht: Herrschaft und Charisma. Zum Wandel des Politischen im 20. Jahrhundert, 04.05.2006 – 06.05.2006 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 26.06.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1207>.
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Veröffentlicht am
26.06.2006
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