Südostforschung im Schatten des Dritten Reiches (1920-1960). Institutionen, Inhalte, Personen

Ort
München
Veranstalter
Südostdeutsche Historische Kommission, Tübingen
Datum
24.10.2002 - 26.10.2002
Von
Dietmar Müller, Berlin

Internationale Tagung der Südostdeutschen Historischen Kommission in Verbindung mit dem Bundesinstitut für Geschichte und Kultur der Deutschen im östlichen Europa (Oldenburg), dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde (Tübingen), dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (München) und dem Südost-Institut (München)

An der Tagung zur Geschichte der Südostforschung beteiligten sich neben der Südostdeutschen Historischen Kommission auch noch weitere mitveranstaltende Institutionen aus der südostdeutschen und, mit dem Südost-Institut München, auch aus der Südosteuropaforschung. Darin kann ein Indiz für das wachsende Interesse an der Geschichte der deutschen Südosteuropaforschung gesehen werden. Außerdem spiegelt sich in der Zusammensetzung der veranstaltenden Institutionen auch die enge Verknüpfung der südostdeutschen mit der Südosteuropaforschung wieder, wie sie gerade für den gewählten Betrachtungszeitraum (1920-1960) charakteristisch war.

Im Eröffnungsbeitrag - "Zur Historisierung der Südostforschung" - erläuterte Mathias Beer (Tübingen), der die Tagung konzipiert und gemeinsam mit Gerhard Seewann (München) organisiert hatte, die Hintergründe, Leitlinien und Ziele der Tagung. Er verwies auf das weitestgehend fehlende Wissen um die Geschichte der Südostforschung und der sie tragenden Forschungseinrichtungen, sowie deren Beeinflussung unter jeweils spezifischen gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Bedingungen. Ebenso wenig bekannt seien die inhaltlichen und methodischen Grundlagen der in diesem Rahmen betriebenen Forschung, ihre Ergebnisse und die sie tragenden Wissenschaftler. Die Anfänge und Grundlagen der Südostforschung, ihre Anlehnung an die Politik bis hin zur Selbstinstrumentalisierung sei dadurch ebenso undiskutiert geblieben wie die Nachkriegskarrieren von so wichtigen Wissenschaftlern wie Fritz Valjavec, Georg Stadtmüller, Hermann Groß und Franz Ronneberger - alles Gründe für den Eindruck einer scheinbar bruchlosen Fortführung wichtiger Vorkriegsinstitutionen und Publikationsprojekte.[1] Das bestehende wissenschaftsgeschichtliche Defizit in der Südostforschung wird unterstrichen durch die unterbliebene Veröffentlichung einer in den siebziger Jahren entstandenen einschlägigen Arbeit[2] sowie durch die Publikation der ebenso materialreichen wie provokanten Studie von Michael Fahlbusch über die "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften", die auch die Südostforschung berührt.[3] Gerade vor dem Hintergrund eines in hohem Maße auf die NS-Zeit beschränkten, historiographischen Fragens[4], plädierte Beer ebenso wie Edgar Hösch (München) für eine Kontextualisierung der Forschung, durch eine Einbeziehung der gesamten Forschungsgeschichte in die "Vergangenheitsbewältigung", zu der die Tagung sicher auch beigetragen hat. Das Anliegen, die "ganze Geschichte" der Südostforschung in den Blick zu nehmen, wurde durch die in drei Sektionen (Institutionen, Inhalte und Methoden, Personen) gegliederte Tagung und die in den einzelnen Sektionen jeweils angestrebte Längsschnittbetrachtung über die Epochenbrüche 1918, 1933 und 1945 hinweg unterstrichen. Die damit gegebene Möglichkeit, zumindest im Ansatz nach Kontinuitäten und Brüchen in der Südostforschung zu fragen, hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen.

Immer wieder kamen die Teilnehmer der Tagung, ob aus institutionengeschichtlicher, methodischer oder biographischer Perspektive, auf Fritz Valjavec zu sprechen. Er war die zentrale Figur der frühen deutschen Südosteuropahistoriographie, die sich seit Mitte der 1930er Jahre zu der tonangebenden Person im Münchner Südost-Institut entwickelte und die Zeitschrift des Insituts, die "Südostdeutschen Forschungen" herausgab. An der Biographie von Valjavec, an seiner Institutionen- und Publikationspolitik sowie an seinen Schriften wurde auf der Tagung insgesamt gezeigt, wofür Beer bereits eindringlich plädiert hatte, nämlich über eine sorgfältige Kontextualisierung der Begriffe und Handlungen zu einer Historisierung der deutschen Südosteuropahistoriographie zu gelangen. Der biographische Zugang zur Geschichte der Südostforschung bietet unter diesem Aspekt eine Reihe von methodischen Vorzügen[5], welcher sich auch dieser Bericht bedient, indem er pars pro toto eine zentrale Figur der Südostforschung in den Mittelpunkt stellt.

Material zu Fritz Valjavec lieferten insbesondere die Beiträge von Michael Fahlbusch (Basel), Gerhard Seewann (München), Wolfgang Kessler (Herne), Krista Zach (München), Norbert Spannenberger (Leipzig) und Gerhard Grimm (München). An seiner Person entzündeten sich auch die heftigsten Diskussionen der Tagung. Man fühlte sich an die Sektion "Deutsche Historiker im Nationalsozialismus" auf dem Frankfurter Historikertag 1998 erinnert, mit dem einen Unterschied, dass in München nicht die wissenschaftlichen Söhne und Enkel ihre Väter verteidigten, sondern in diesem Fall der leibliche Sohn von Fritz Valjavec seinen Vater als dem Widerstand nahestehend charakterisierte und die versammelten Wissenschaftler pauschal der Geschichtsklitterung bezichtigte. Belege für diese Behauptungen blieb der Sohn schuldig, im Unterschied zu einer Reihe von Teilnehmerbeiträgen, welche den Nimbus der zentralen Figur der Südostforschung in Frage stellten.

Im Lichte neu gefundener Akten unterschiedlicher Provenienz, des teilweise vom Südostinstitut veröffentlichten Briefwechsels Valjavecs[6] mit Wissenschaftlern aus Südosteuropa, der unveröffentlichten "tagebuchartigen Aufzeichnungen" und seiner Publikationen erscheint Valjavec als eine schillernde Persönlichkeit. Bereits 1933 war er der NSDAP und dem Reichsstudentenbund beigetreten und hatte hier eine "Außenstelle Süd-Ost" gegründet. In seiner Budapester Gymnasialzeit war er stark vom ungarndeutschen Politiker Jakob Bleyer beeinflusst und protegiert worden. Seine handlungsleitenden wissenschaftlichen Erkenntnisinteressen sind darüber hinaus von Raimund Friedrich Kaindl und seinem Doktorvater, Karl Alexander von Müller, geprägt worden. Nach Abschluss der Promotion 1934 wurde er ein Jahr später am von Karl Alexander von Müller geleiteten Südost-Institut (SOI) eingestellt, das gerade eine Neuausrichtung seiner Arbeit hin zu einer "Betreuung der südostdeutschen Volksgruppen" erfuhr, wie Gerhard Seewann in seinem Beitrag betonte. Als "Institut zur Erforschung des deutschen Volkstums im Süden und Südosten" 1930 gegründet, war das SOI eine Institution, deren Arbeitsziel darin bestand, den wissenschaftlichen Beweis deutscher Kulturüberlegenheit in Südosteuropa zu führen. Dadurch sollte nicht zuletzt in politischer Hinsicht das Gemeinschaftsgefühl der Deutschen in Südosteuropa gestärkt und in einen offensiven Volkstumskampf überführt werden. Valjavec wurde offenbar aufgrund seiner guten Kontakte zu den deutschen Volksgruppen in Südosteuropa eingestellt. Er machte, wie seine Übernahme der Geschäftsführung des SOI 1937 erkennen lässt, schnell Karriere, weil er, ganz im Sinne der nationalsozialistischen Außenpolitik, die "Betreuung der südostdeutschen Volksgruppen" als deren Gleichschaltung betrieb und durchzuführen half, wie Norbert Spannenberger ausführte. Die Dominanz des Paradigmas der Volks- und Kulturbodenforschung sowie die unterstützende und propagierende Funktion des SOI für die Ziele der deutschen Außenpolitik stellte Wolfgang Kessler anhand einer inhaltlichen Analyse der "Südostdeutschen Forschungen" dar. Valjavecs Publikationspolitik war dabei von beträchtlichem Zynismus charakterisiert. So scheute er nicht vor einer Instrumentalisierung der südosteuropäischen Mitarbeiter an der Zeitschrift wie Gyula Szefkü, Elemér Mályusz oder Nicolae Iorga zurück, um "die auf den Donauraum bezogene Volkstumsforschung zu zentralisieren, zu kontrollieren und sie unter dem Topoi der Lebensraumideologie gleichzuschalten", wie Gerhard Seewann betonte.

Nach 1935 markierte das Jahr 1940 eine weitere Zäsur in Valjvecs Laufbahn. Er wurde an das Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut (DAWI) nach Berlin berufen, das unter der Leitung des hohen SS-Funktionärs Franz Alfred Six zunehmend Einfluss auf die deutsche Außen- und Kriegspolitik nahm. Das SOI wurde dem DAWI angegliedert und die "Südostdeutschen Forschungen" in "Südost-Forschungen" umbenannt. Die bis in die Gegenwart vertretene These, dies sei ein Hinweis auf Valjavecs Bemühungen um eine Zurückdrängung der Volks- und Kulturbodenforschung und eine Öffnung hin zu einem gleichberechtigten Umgang mit südosteuropäischen Kollegen, ist, das wurde in mehreren Beiträgen deutlich, nicht mehr haltbar. Vielmehr diente die Umbenennung der Zeitschrift dazu, ihren Hegemonialanspruch auf die Behandlung des gesamten Donau-Balkanraumes zu dokumentieren, um somit Georg Stadtmüllers Leipziger Südosteuropa-Institut und seine "Leipziger Vierteljahrsschrift für Südosteuropa", die leider weniger im Blickfeld der Tagung lagen, zu verdrängen. Auf der inhaltlichen Ebene sind die Gründe für die Umbenennung in dem von SS-Kreisen beförderten Versuch zu suchen, den Krieg als anti-bolschewistischen Abwehrkampf des Abendlandes zu deuten. Bei der Suche nach Bündnispartnern in diesem Kampf störte das altmodisch-völkische, mit dem Begriff "Südostdeutsch" verbundene Denken und damit zusammenhängende eventuelle Rücksichtnahmen auf die Deutschen im Osten und Südosten Europas, wie Willi Oberkrome (Freiburg) überzeugend darstellen konnte. Valjavec etablierte sich nicht nur als politischer Berater der SS in südosteuropäischen Fragen, er nahm seit dem Sommer 1941 in dieser Funktion und als Dolmetscher auch an einem Einsatz des Sonderkommandos 10b in der Bukowina teil. Michael Fahlbusch legte gerade auf diesen Aspekt das Hauptaugenmerk seines Vortrags.

Die angestrebte Erschließung der privaten Aufzeichnungen von Valjavec durch Krista Zach und der, vorsichtig formuliert, nachsichtige parallelbiographische Zugang Gerhard Grimms zu Valjavec und Georg Stadtmüller beförderten den Eindruck von karrierebewussten, nicht allein um wissenschaftlichen Einfluss ringenden Persönlichkeiten. Die "tagebuchartigen Aufzeichnungen" von Valjavec lassen jedoch, so der Eindruck, mehr Fragen offen als sie beantworten können. Sie können wohl kaum als erstrangige und unmittelbare Quelle gelten, sondern eher als Versuch einer Exkulpation, zumal entscheidende Jahre (1934-1937, 1942-1945) fehlen.

Nach 1945 konnte Fritz Valjavec seine wissenschaftliche Tätigkeit offenbar nahtlos, seine Hochschullaufbahn jedoch erst mit einer deutlichen zeitlichen Unterbrechung fortführen. Erst 1958 wurde er auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Wissenschaft und Kultur Südosteuropas in München berufen. Gleichwohl blieb er die einflussreichste Persönlichkeit in der Südostforschung, da er es verstand, die politische Konjunktur des Kalten Krieges zur Verdrängung der unmittelbaren Vergangenheit zu nutzen. Beispielsweise sprach er im 1952 erschienenen, ersten Nachkriegsband der "Südost-Forschungen" lediglich von Schwierigkeiten der letzten Jahre, gegen die sich die Südosteuropaforschung behauptet habe. In dieselbe Kategorie eines scheinbar unbefangenen Neuanfangs gehört die maßgeblich von ihm betriebene Gründung der Südosteuropa-Gesellschaft (1952), die anstelle der Wiener Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft trat - Institutionen, von denen man auf der Tagung gerne mehr gehört hätte. Aus dem SOI wurde die "Volkstumsarbeit" ausgegliedert und vom Südostdeutschen Kulturwerk (1951) in landsmannschaftlicher und von der Südostdeutschen Historischen Kommission (1958) in wissenschaftlicher Hinsicht übernommen. Das SOI, dessen Leitung Valjavec von 1955 bis zu seinem Tod 1960 inne hatte, sollte sich, wie Gerhard Seewann unterstrich, ganz auf die Gegnerforschung der kommunistischen Regime konzentrieren.

Mit dem Südostdeutschen Institut in Graz, das Christian Promitzer (Graz) vorstellte, dem Karpatendeutschen Institut für Heimatforschung in Käsmark, über das Christof Morrissey (Berlin) referierte, und dem Forschungsinstitut der Deutschen Volksgruppe in Rumänien, deren Genese und Entwicklung Harald Roth (Gundelsheim) nachging, wurden weitere Institutionen der deutschen Südostforschung thematisiert. Die Vorgeschichten der Institutsgründungen, die Umstände der Gründungen selbst und schließlich die Arbeit der Institute sowie ihre Arbeitsergebnisse wurden im Spannungsfeld zwischen lokaler Volkstumsforschung und -arbeit auf der einen Seite und deren Radikalisierung hin zu rassistischen Lebensraumvorstellungen unter dem Einfluss reichsdeutscher Stellen auf der anderen Seite dargestellt.

Im Falle des Käsmarker Institutes - 1941 unter der gemeinsamen Trägerschaft des Hauptkulturamtes der nationalsozialistischen "Deutschen Partei in der Slowakei" und des "Deutschen Auslandsinstitutes" gegründet - erhielt sich der ausgeprägte regionale Partikularismus der Zipser Mitarbeiter. Den aus Deutschland gesandten Wissenschaftlern gelang es nicht, das Institut vollständig auf die gewünschte " alldeutsche" und anti-magyarische Linie auszurichten.

Das Hermannstädter Institut, dessen Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, begann seine Tätigkeit ebenfalls 1941 nach der Installierung der gleichgeschalteten "Deutschen Volksgruppe in Rumänien". Deren "Führer", Andreas Schmidt, ordnete die Institutsgründung an. Da kein Archivgut mehr vorhanden zu sein scheint, bleiben heute allein die Institutspublikationen als Quellen übrig, deren Analyse, so Harald Roth, nur auf eine recht spärliche Verbreitung der NS-Ideologie schließen lasse. Die Mitarbeiter und ihre Beiträge können als völkisch und deutschnational eingestuft werden und stehen damit in einer längeren siebenbürgisch-sächsischen Tradition. Sie fand im "Forschungsinstitut der Rumänischen Akademie" eine bemerkenswerte Fortsetzung über 1945 hinaus, ohne dass Roth die Frage vertieft hätte, was für Auswirkungen diese bemerkenswerte Kontinuität unter ganz unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen auf die Forschungen des Instituts hatte.

Das Grazer Institut wurde, wie Christian Promitzer zeigte, 1938, eine Woche nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, gegründet. Seine Tätigkeit bewegte sich im Rahmen der Volks- und Kulturbodenthese, wonach große Teile Südosteuropas mindestens unter dem Einfluss der deutschen Kultur gestaltet worden seien, wenn nicht gar von deutschen Siedlern selbst. Von allen drei behandelten Instituten ist im Falle des Südostdeutschen Instituts in Graz die Zusammenarbeit zwischen NS-Stellen und den Wissenschaftlern im Sinne einer zweckorientierten, praktischen Tätigkeit - z.B. durch bevölkerungsstatistische und kartographische Arbeiten, die zur Durchführung von Deportationen nützlich waren - am besten nachzuweisen.

Schmerzlich vermisst wurden die Beiträge von Götz Aly (Berlin) und Isabel Heinemann (Freiburg), die angekündigt hatten, den bevölkerungspolitischen Optionen der Südostforschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und in diesem Zusammenhang der Rolle von SS-Rasseexperten im Protektorat und in Slowenien nachzugehen. So wurde dieser brisante Aspekt allein im Beitrag von Christian Töchterle (Graz) zur Rassenkunde in der nationalsozialistischen Südostforschung angesprochen. Michael Fahlbuschs Versuch, durch einen biographischen Zugang sich der Bestimmung eines individuellen "Schuldgrades" von Wissenschaftlern und Bürokraten hinsichtlich der Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzunähern, unterstützte diesen Ansatz.

Willi Oberkrome (Freiburg) griff das von Mathias Beer zu Beginn der Tagung angemahnte Kontextualisierungsgebot auf und entwickelte einen Rahmen zur Erforschung der Volkstumshistoriographie als langfristigem Phänomen, dessen Analyse sowohl eine Untersuchung der zeitgenössischen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften als auch deren bildungsbürgerliche Rezipienten miteinschließt. Die Plausibilität des von Oberkrome vorgestellten Ansatzes liegt darin begründet, dass er, jenseits von investigativer Wissenschaft, geistesgeschichtliche, biographische und institutionelle Ansätze erkenntnisfördernd zu kombinieren vermag. Die Volksgeschichte sei, so Oberkrome, im späten Kaiserreich aus einer Frontstellung gegen die empfundene Materialisierung, Kommerzialisierung, Individualisierung und Kollektivierung traditioneller Lebenswelten entstanden. Sie habe ihren Höhepunkt zwischen ca. 1920 und 1935 gehabt, bevor sie in eine zunehmend defensive Konkurrenz zu ethnoradikalen Ideologien und Lehrmeinungen geraten sei. Nach 1945 habe sie eine unverhoffte Renaissance erlebt. Dabei seien die Grenzen zwischen dem kulturräumlichen und "regionalistisch-tribalistischen" Zugriff auf den vermeintlichen Gesamtorganismus "Deutsches Volk" und der ab 1935 an Einfluss gewinnenden Richtung einer unitarischen, bevölkerungs-technokratischen Verwirklichung der Rassenideologie in der wissenschaftlichen Praxis als fließend zu erachten. Die Nachkriegsrenaissance der Volksgeschichte sei, so Oberkrome, einer politischen Konjunktur und auch der Behauptung ihrer Unschuld am, ja Opposition zum Nationalsozialismus zu verdanken. Wenn die vier Phasen seines vorgestellten Modells auch nicht auf alle Personen, Institutionen, binnen- und auslandsdeutschen Regionalhistoriographien genau zutreffen mögen, so stellt es doch ein vielversprechendes Arbeitskonzept für die Historisierung der deutschen Südosteuropahistoriographie dar. Nicht nur die nach wie vor mit vielen Fragen versehene Biographie und Karriere von Fritz Valjavec könnte auf diese Weise sehr gut beschrieben werden. Auch der Gefahr einer unproduktiven Konfrontation zwischen Wissenschaftlergenerationen, Schulen, Zeitzeugen und Wissenschaftlern kann damit entgegengewirkt werden. Diese droht immer, wenn das Augenmerk lediglich auf einzelne Phasen der Wissenschaftsgeschichte, wie z.B. den Nationalsozialismus, gerichtet wird.

Wie Mathias Beer in der Abschlussdiskussion unterstrich, bedeutet die kritische Reflexion von Traditionen, das Hinterfragen der Geschichte des eigenen Tuns, nicht einen Traditionsbruch, sondern zeigt die Kompetenz zu einer historisch offenen und produktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte des eigenen Fachs sowie die Fähigkeit zur reflexiven Annahme oder auch Verwerfung von Werten und Traditionselementen. Der angekündigte Tagungsband wird mit den Ergebnissen der Tagung sicherlich weitere, vertiefende Forschungen zur Geschichte der deutschen Südostforschung anregen und damit, so ist zu hoffen, diesen vielversprechenden Anfang zur Historisierung der Südostforschung produktiv fortsetzen.

[1] Als Beispiel sei, in Ermangelung einer Monographie lediglich ein Beitrag angeführt. Friedrich Gottas: Vierzig Jahre südostdeutsche Historische Kommission. Rückblick und Ausblick. In: Südostdeutsches Archiv 40/41 (1997/1998), S. 1-11-
[2] Dorothea Willkomm: Untersuchungen zur Anfangsphase der deutschen Südosteuropahistoriographie. Magisterarbeit. Hannover 1979.
[3] Michael Fahlbusch: Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" 1931-1945, Baden-Baden 1999
[4] Vgl. Karen Schönwälder: Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main, New York 1992; Willi Oberkrome: Volksgeschichte. Methodische Innovationen und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945. Göttingen 1993; Peter Schöttler: (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945. Frankfurt am Main 1997; Winfried Schulze, Otto Gerhard Oexle (Hg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1999; Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus. Deutsche Geschichtswissenschaft und der "Volkstumskampf" im Osten, Göttingen 2000; Rüdiger Hohls, Konrad H. Jarausch (Hg.): Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus, Stuttgart, München 2000, vgl. auch: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?type=forumarchiv&pn=forumorum
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/type=revsymp ;Martin Burkert: Die Ostwissenschaften im Dritten Reich. Teil I: Zwischen Verbot und Duldung. Die schwierige Gratwanderung der Ostwissenschaften zwischen 1933 und 1939. Wiesbaden 2000; Hans Derks: Deutsche Westforschung: Ideologie und Praxis im 20. Jahrhundert. Leipzig 2001.
[5] Rudolf Jaworski, Hans-Christian Petersen: Biographische Aspekte der "Ostforschung". Überlegungen zu Forschungsstand und Methodik. In: BIOS 15 (2002), Heft 1, S. 47-62.
[6] Karl Nehring: Zu den Anfängen der Südostforschungen. Der Briefwechsel von Fritz Valjavec mit Gyula Szekf? 1934-1936. In: Südostforschungen 50 (1991), S. 1- 30. Ders.: Der Briefwechsel von Fritz Valjavec 1934-1950. Personen und Institutionen. In Südostforschungen 53 (1994), S. 323-354.

Zitation
Tagungsbericht: Südostforschung im Schatten des Dritten Reiches (1920-1960). Institutionen, Inhalte, Personen, 24.10.2002 – 26.10.2002 München, in: H-Soz-Kult, 19.12.2002, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-148>.
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Veröffentlicht am
19.12.2002
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