Martin Gruneweg (1562 – nach 1615). Ein europäischer Lebensweg

Ort
Krakau
Veranstalter
Almut Bues, Deutsches Historisches Institut Warschau / Niemiecki Instytut Historyczny w Warszawie, und Konwent OO. Dominikanów w Krakowie
Datum
24.04.2008 - 26.04.2008
Von
Christiane Schuchard, Berlin

Anlaß der im Krakauer Trinitatiskloster vom Deutschen Historischen Institut Warschau und dem gastgebenden Dominikanerkonvent gemeinsam veranstalteten Tagung war das Erscheinen der mehrbändigen Edition einer Quelle, die der Gattung der Selbstzeugnisse oder Ego-Dokumente zuzurechnen ist: der Aufzeichnungen des Dominikaners Martin Gruneweg (geboren 1562, gestorben um 1618 ?).[1] Aus demselben Anlaß wurde am 25. April, Grunewegs 446. Geburtstag, in zwei neugestalteten Museumsräumen des Klosters eine Ausstellung eröffnet, zu der ein reich bebilderter Katalog erschien.[2] Der im Titel von Tagung und Ausstellung angesprochene „europäische Lebensweg“ führte den in Danzig geborenen und aufgewachsenen Gruneweg als Kaufmannsgehilfen unter anderem nach Warschau und Lemberg, Edirne und Istanbul, Kiew und Moskau, bevor er 26jährig zum Katholizismus übertrat und ins Kloster eintrat. Als Dominikaner lebte „Bruder Wenzel aus Danzig“ (frater Venceslaus Gedanensis; so sein Ordensname) zunächst in Lemberg (wo er 1593 Priester wurde), später in Krakau, Breslau und Warschau. 1602 unternahm er eine Reise nach Rom.[3] Nach dem Frühjahr 1615 verliert sich seine Spur. Seine – auf unbekanntem Wege und zu unbekanntem Zeitpunkt nach Danzig gelangten – titellosen Aufzeichnungen verfaßte Gruneweg seit 1601; sie brechen 1606 ohne erkennbaren Grund ab. Es handelt sich um eine Mischung aus Familienchronik, Memoiren (auf der Grundlage von Tagebüchern und illustrierten Reisenotizen), Rechtfertigungsschrift und Klosterannalen.
Ebenso europäisch wie Grunewegs Lebensstationen setzte sich der Teilnehmerkreis der ihm gewidmeten Tagung zusammen. Nachdem DAVID GAUNT (Huddinge bei Stockholm) in seinem einführenden Überblicksvortrag Grunewegs Biographie nachzeichnete und sie in einer „multikulturellen Welt“ verortete, die es so nur im 16. Jahrhundert gegeben habe, stellte die Tagungsorganisatorin ALMUT BUES (Warschau) kurz die archivalischen Quellen vor, anhand derer es ihr gelungen war, Grunewegs Biographie von 1606 an zu rekonstruieren. Die folgenden Vorträge gliederten sich in vier Gruppen: „Das Leben in der Nähe“, „Das Leben in der Ferne“, „Konfession und Religiosität“ und „Die Dominikaner und Krakau“.
JÖRG RIECKE (Heidelberg) charakterisierte aus sprachgeschichtlicher Sicht Grunewegs Deutsch als ein an der Mündlichkeit orientiertes, „offenes“ (aufnahmebereites), variantenreiches Ostmittelhochdeutsch ohne Leitformen oder gar Normen. EDMUND KIZIK (Danzig) thematisierte auf breiter Quellengrundlage (Taufbücher, Nachlaßinventare, Schülerlisten etc.) Aspekte von Kindheit und Jugend im frühneuzeitlichen Danzig: Anteil der unehelichen Geburten, Kindersterblichkeit, materielle Versorgung von Waisen, Schulalltag. KNUT SCHULZ (Berlin) verdeutlichte anhand spätmittelalterlicher ostmitteleuropäischer, aber auch italienischer Beispiele wandernder Handwerker, daß beruflich bedingte Migration über weite Distanzen hinweg ein weit verbreitetes Phänomen war, und stellte mit Jakob Griesinger aus Ulm (1407-1491) einen Glasmaler vor, der nach Wanderjahren in Italien Dominikanerkonverse wurde und im Bologneser Ordenskonvent seine Kunst weiter ausübte und lehrte. An den Beitrag von MIRON KAPRAL’ (Lemberg) über das multiethnische Lemberg, das im 16. Jahrhundert seine demographische und wirtschaftliche Blütezeit erlebte, schloß sich eine Diskussion über den Stellenwert der ethnischen und der religiösen Zugehörigkeit an. KRZYSZTOF STOPKA (Krakau) richtete den Blick auf das Königreich Polen und nochmals auf Grunewegs langjährigen Aufenthaltsort Lemberg, wo Katholiken (Polen), Armenier, Ruthenen und Juden zusammenlebten, und hier vor allem auf die Rolle der Armenier, die, durch Fernhandel (Orienthandel) zu Wohlstand gelangt, auch als Diplomaten, Dolmetscher und Spione eine Rolle spielten und einer allmählichen Polonisierung unterlagen, während gleichzeitig die polnische Sprache und Kultur sich orientalisierten. Die – auch von Gruneweg benutzten – Routen(varianten) von Polen zum Schwarzen Meer und weiter nach Istanbul zeichnete DARIUSZ KOŁODZIEJCZYK (Warschau) nach, während ALBRECHT BERGER (München) einige der nicht wenigen deutschsprachigen Reiseberichte aus der Zeit Grunewegs und kurz davor vergleichend vorstellte, wobei es sich um gedruckte Werke mit gestochenen Illustrationen handelte, während Grunewegs Manuskript seinerzeit unveröffentlicht blieb. Je nach Lebenssituation, alter und erfahrung ihrer Autoren differierte die Wahrnehmung des Osmanischen Reiches, der Lage und der Lebensweise seiner Bewohner.
IRENE DINGEL (Mainz) ging vor dem Hintergrund der „einzigartigen Bekenntnisvielfalt“ und der Konfessionsbildung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf Martin Grunewegs Wahrnehmung der Konfessionen ein und stellte die Frage, ob die Danziger konfessionelle Durchmischungssituation zu religiöser Unsicherheit geführt und einen günstigen „Nährboden“ für Konversionen dargestellt habe. MICHAIL DMITRIEV (Moskau) thematisierte zunächst das Verhältnis von Laien und Klerus in der orthodoxen Kirche und deren Verhältnis zu den Juden, bevor er sich mit Grunewegs Äußerungen über die Orthodoxen auseinandersetzte; dieser lachte über die Liturgie, die er nicht verstand, und blieb auch sonst mit seinen Beschreibungen an der Oberfläche (ebenso wie andere westliche Beobachter). MARIA CRǍCIUN (Klausenburg) fragte nach den Motiven für Grunewegs Konfessionswechsel und allgemein nach Faktoren religiöser Akkulturation. Sie wies auf die hohe visuelle Sensibilität Grunewegs hin, sein Interesse beispielsweise für die Dekoration von Kirchenräumen, und hob die Rolle der von ihm geschilderten Visionen (Jüngstes Gericht, Hölle, Fegefeuer, etc.) als Auslöser für seine Konversionsentscheidung hervor. Vor dem Hintergrund der Kirchenväter-Rezeption (bei Schriftauslegungsproblemen als „Ersatz-Autoritäten“ auch durch protestantische Autoren) des 16. Jahrhunderts stelle CHRISTOPH BURGER (Amsterdam) fest, daß Grunewegs Kirchenväter-Kenntnis sich wohl auf Zitate beschränkte und nicht auf eigene, zusammenhängende Textlektüre zurückging; seine – ausgesprochen „katholische“ – Rezeption machte ihm die Kirchenväter zu „Garanten der Rechtgläubigkeit“. ALMUT BUES (Warschau) behandelte die in den Jahren 1596 bis 1612 schrittweise erfolgte Abspaltung der ruthenischen von der polnischen Provinz des Dominikanerordens. An den damit verbundenen Auseinandersetzungen war Martin Gruneweg beteiligt, und seine Aufzeichnungen – auch wenn sie vordergründig an seine Danziger Herkunftsfamilie adressiert waren – besaßen auch den Charakter einer Apologie gegenüber seinen dominikanischen Ordensbrüdern. Die beiden noch folgenden Vorträge befaßten sich exemplarisch mit der Aussagekraft von Grunewegs Schrift für Nachbardisziplinen der Geschichtswissenschaft: Der Theologe BOGUSŁAW KOCHANIEWICZ OP (Rom) konstatierte, daß Gruneweg hinsichtlich der Entwicklung der Marienverehrung im 16. Jahrhundert teils Bekanntes bestätigt, teils Neues zu unserer Kenntnis beitragen kann; der Kunsthistoriker KRZYSZTOF CZYŻEWSKI (Krakau) konnte für die Kathedrale von Krakau dasselbe sagen, nachdem er Grunewegs Beschreibung mit anderen Schriftquellen (Visitationsakten, Inventare) abgeglichen hatte, und bezeichnete sie als wichtige Quelle angesichts späterer Umgestaltungen des Kirchengebäudes (zum Beispiel der Beseitigung des Lettners oder der Entfernung von anderen Kunstwerken, die Gruneweg noch gesehen und deren Erwähnung er zum Teil auch mit Grundrißskizzen illustriert hat).
LUDWIG SCHMUGGE (Rom) wies in seiner Zusammenfassung auf offene Fragen und Desiderate hin. Er forderte vor allem die Vertiefung quellenkritischer Untersuchungen und die Berücksichtigung psychologischer Ansätze. (Beispielsweise wurde nach Grunewegs Verhältnis zum weiblichen Geschlecht und nach seiner sexuellen Orientierung noch nicht gefragt.) Die Krakauer Tagung konnte und sollte aber auch nur einige der Forschungsfelder und themen anschneiden, für die durch das nun bequem zugängliche Quellenmaterial neue Aufschlüsse zu erwarten sind. Eine Veröffentlichung der Vorträge ist geplant.

Kurzübersicht:

Zbigniew Krysiewicz OP (Konwent OO. Dominikanów w Krakowie), Begrüßung
David Gaunt (Södertörn University College Huddinge), Gruneweg’s Multicultural World
Almut Bues (Deutsches Historisches Institut Warschau / Niemiecki Instytut Historyczny w Warszawie), Einführung
„Das Leben in der Nähe“:
Jörg Riecke (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg), Grunewegs Deutsch und das Deutsch seiner Zeit
Edmund Kizik (Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften / Universität Gdańsk), Kindheit und Jugend in Danzig in der zweiten Hälfte des 16. und im 17. Jahrhundert
Miron Kapral’ (National Academy of Sciences of Ukraine (Lviv Branch) / Lviv University), Ethnicity in Lviv at the End of the 16th Century
„Das Leben in der Ferne“:
Knut Schulz (bis 2003: Freie Universität Berlin), Wanderungen von Handwerkern, Künstlern und Spezialisten im spätmittelalterlichen Europa (14.-16. Jahrhundert). Die Vita des Ulmer Glasmalers und Bologneser Dominikanerkonversen Jakob Griesinger (1407-1491)
Krzysztof Stopka (Jagiellonenuniversität Krakau), Armenier im Königreich Polen zur Zeit von Martin Gruneweg
Dariusz Kołodziejczyk (Warsaw University), Polish-Ottoman Trade Routes in the Times of Gruneweg
Albrecht Berger (Ludwig-Maximilians-Universität München), Das Osmanische Reich in der Sicht westeuropäischer Reisender
Zbigniew Krysiewicz OP (Konwent OO. Dominikanów w Krakowie), Eröffnung der Ausstellung
„Konfession und Religiosität“:
Irene Dingel (Johannes Gutenberg-Universität Mainz / Institut für Europäische Geschichte Mainz), Zwischen römischem Katholizismus, Luthertum und Calvinismus. Aspekte und Strukturen von Konfessionsbildung im späten 16. Jahrhundert
Michail Dmitriev (Lomonossov-University Moscow), The Orthodox Culture of Eastern Europe in Martin Gruneweg’s Account. Insights and Misconceptions
Maria Crǎciun (Babeş-Bolyai University Cluj), Conversion in the Confessional Age
Christoph Burger (Vrije Universiteit Amsterdam), Die Berufung auf Kirchenväter in der Literatur des 16. Jahrhunderts
„Die Dominikaner und Krakau“:
Almut Bues (Deutsches Historisches Institut Warschau / Niemiecki Instytut Historyczny w Warszawie), Ein Bruderzwist im Hause des Dominikus
Bogusław Kochaniewicz (Pontificia Università S. Tommaso, Roma), Il culto della Madonna dopo il Concilio di Trento
Krzysztof Czyżewski (Königliches Schloss, Krakau), Die Kathedrale auf dem Wawel um 1600 in zeitgenössischen Beschreibungen
Ludwig Schmugge (bis 2004: Universität Zürich), Zusammenfassung

Anmerkungen
[1] Almut Bues (Hrsg.), Die Aufzeichnungen des Dominikaners Martin Gruneweg (1562 – ca. 1618) über seine Familie in Danzig, seine Handelsreisen in Osteuropa und sein Klosterleben in Polen, 4 Bde. Wiesbaden (Harrassowitz Verlag) 2008 (= Deutsches Historisches Institut Warschau. Quellen und Studien, Bd. 19,1-4), ISSN 0947-4226, ISBN 978-3-447-05269-6. Die Bde. 1-3 enthalten die Edition des Manuskripts, Bd. 4 Einleitung, Beilagen und Register.
[2] Martin Grüneweg [!]. Ein europäischer Lebensweg. Katalog zur Ausstellung im Dominikanerkloster in Krakau, 24.IV-24.V.2008. Redaktion: Almut Bues und Zbigniew Krysiewicz OP, Krakau (Klasztor OO. Dominikanów w Krakowie und Deutsches Historisches Institut Warschau) 2008, ISBN 978-83-923323-1-2.
[3] Vgl. dazu: Almut Bues, Die Italienreise des Dominikaners Martin Gruneweg im Jahre 1602, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 86 (2006), S. 321-347. Hier sind – anders als in den Editionsbänden (Anm. 1) – auch Zeichnungen Grunewegs reproduziert: eine Stadtplanskizze, Gebäudegrundrisse und ansichten, Baudetails und Sehenswürdigkeiten.

Zitation
Tagungsbericht: Martin Gruneweg (1562 – nach 1615). Ein europäischer Lebensweg, 24.04.2008 – 26.04.2008 Krakau, in: H-Soz-Kult, 20.05.2008, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2111>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.05.2008